Forum: Digitales Lehren: K. Roepstorff: „Same same but different“: Reflexion zur Online-Lehre vor und während Corona

Von
Kristina Roepstorff, Politikwissenschaft, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Wird, bzw. sollte die Covid-19-Pandemie eine nachhaltige Umstellung auf Online-Lehre nach sich ziehen?[1] Die Geister scheiden sich bei dieser Frage. Während die einen diese Entwicklung hin zu neuen Lehrformaten, Digitalisierung und ortsunabhängigem Lernen lange herbeigesehnt haben, stehen die anderen der Online-Lehre mit großer Skepsis gegenüber.

In der Tat hat die pandemiebedingte physische Distanzierung einen enormen Schub der Digitalisierung nicht nur an Hochschulen herbeigeführt. Doch die Erfahrungen sind dabei sowohl auf Seiten der Lehrenden, als auch der Studierenden eher durchwachsen und teils frustrierend. Nun muss das nicht wirklich überraschen – denn die Online-Lehre in diesem außergewöhnlichen Sommersemester startete mit ungünstigen Bedingungen: erstens, und vielleicht am wichtigsten, erfolgte sie nicht freiwillig. Holterdiepolter wurde innerhalb kürzester Zeit das bereits geplante Sommersemester auf digital umgestellt. Dies hatte dann auch zur Folge, dass, zweitens, keine ausreichende Vorbereitungszeit für die Konzeptualisierung von Online-Kursen blieb. Schnell musste umgedacht werden und bewährte Seminarpläne für die Präsenzlehre in digitale Formate übersetzt werden. Dass dies, und damit kommen wir zum entscheidenden dritten Punkt, ohne vorangegange Weiterbildung in der Online-Lehre und der Aneignung entsprechender Software geschah, führte zu Stress und Überforderung bei vielen Lehrenden. Hinzu kam, dass die Universitäten zum Großteil nicht über die notwendige Infrastruktur und Ausstattung verfügten, diese also schnell noch bei gleichzeitigem Beginn des Lehrbetriebs Lizenzen teuer erwerben mussten. All dies machte den Einstieg in die virtuelle Welt der Lehre nicht einfacher.

Nun würde ich mich selber durchaus als Befürworterin digitaler Lehrformate sehen. Denn seit einigen Jahren biete ich neben meiner Präsenzlehre auch komplette Online-Kurse an. Angeregt durch den Austausch mit anderen Lehrenden und Gespräche über die Lehrerfahrung in den vergangenen Wochen reflektierte ich über mein eigenes Erleben des Pandemiesemesters 2020 und über die besonderen Bedingungen, unter denen die Online-Lehre abgehalten (bzw. eingeführt) wurde. Denn die Herausforderungen dieses Semesters sind nicht zu unterschätzen und auch wenn einige Online-Formate sich sicherlich für alle Beteiligten für die Zukunft bewährt haben, sollten und können die Erfahrungen der letzten Monate nicht als Maßstab für Online-Lehre dienen. Dazu später mehr, zunächst möchte ich kurz meine eigene Erfahrung in der Online-Lehre vor Corona, also in Nicht-Pandemie-Zeiten skizzieren.

Online-Lehre in Nicht-Pandemie-Zeiten
Im Jahr 2015 befand ich mich zwischen zwei Anstellungen als wissenschaftliche Mitarbeiterin an deutschen Universitäten. Nichts Unübliches für Nachwuchswissenschaftler/innen in Deutschland. In dieser Zeit beschloss ich, mich in der Selbstständigkeit auszuprobieren. Da kam eine Ausschreibung der Royal Roads University in Kanada sehr gelegen. Gesucht wurden Lehrende, die auf freiberuflicher Basis (als „Associate Faculty“) Online-Kurse entwickeln und unterrichten. Das Themengebiet war auch ein Volltreffer – der Transparenz halber: ich bin in der Friedens- und Konfliktforschung zu verorten und gesucht wurden Lehrende für Kurse zur humanitären Hilfe, mein eigener Forschungsschwerpunkt. Dies war eine sehr gute Gelegenheit nicht nur die Zeit zwischen Verträgen zu überbrücken, sondern auch um sich in diesem Feld weiterzubilden und auszuprobieren.

Ich muss zugeben, davor hatte ich keinerlei Erfahrung in der Online-Lehre. Und hier kommt ein äußerst wichtiger Punkt zum Tragen. Nachdem mir die Stelle angeboten wurde, musste ich zunächst selber zwei Online-Kurse absolvieren, bevor ich überhaupt unterrichten durfte. Der erste Kurs führte in die Online-Lehre ein und behandelte neben verschiedenen Formaten vor allem auch pädagogische Fragen der reinen Online-Lehre.[2] Dieser Kurs zu “Instructoral Skills Online” hat mich nachhaltig geprägt, denn als Teilnehmerin in diesem Online-Kurs erfuhr ich am eigenen Leib, wie sich Online-Lehre anfühlt, sich Gruppenarbeitsprozesse online gestalten und welche Gruppendynamiken sich auch virtuell entwickeln können. Wir kennen das alle aus unseren Seminaren und Kursen – manche Studierende melden sich nie zu Wort, andere dominieren die Diskussionen. Es gilt stets zum Anfang eines jeden Seminars, eine konstruktive Atmosphäre herzustellen, die auch die Schüchternen dazu einlädt, sich aktiv in die Diskussionen einzubringen. Literatur zu der Frage, wie man online eine Community herstellen kann, Diskussionsforen entsprechend anleitet und die Beteiligung von Studierenden auch virtuell fördert fand ich dabei besonders lehrreich und inspirierend.[3] Der zweite Kurs wurde parallel dazu abgehalten und diente der Aneignung der von der Universität genutzten Lernplattform – in diesem Fall Moodle. Hier lernte ich, selber Kurse zu bauen und digitale Formate zu entwickeln und anzuwenden. Dabei fungierten die anderen Kurs-Teilnehmer/innen als Versuchskaninchen und gaben Feedback zu den entwickelten Bausteinen.

Inzwischen unterrichte ich jährlich zwei Kurse und lerne jedes Mal dazu. Es war eine steile Lernkurve.[4] Den ersten Kurs, den ich über mehrere Monate (bezahlt) entwickeln durfte und bei dem mir zu jeder Zeit geschultes Personal der Universität für technische sowie didaktische Fragen zur Seite stand, war noch ganz von meiner anfänglichen Euphorie geprägt. Ich konnte gar nicht glauben, was online alles möglich war – eine neue schillernde und aufregende Welt der Online-Lehre hatte sich mir eröffnet. Der erste Kurs beinhaltete dann auch viele verschiedene Aktivitäten, ein Potpourri an Online-Tools. Das Feedback der Studierenden viel dann entsprechend eindeutig aus: der Kurs war überfrachtet. Mit der Folge, dass sich die Studierenden viel mehr mit der neuen Software beschäftigen und sich diese aneignen mussten, als sich auf die Kursinhalte zu konzentrieren. Das war meine erste große Lehre, die ich bis heute in meinen Online-Kursen versuche zu beherzigen: weniger ist mehr.

Erkenntnisse zu Grenzen und Chancen von Online-Lehre in Pandemie-Zeiten: zehn Thesen
Nun ist die Umstellung auf die Online-Lehre im Rahmen einer Pandemie ein anderes Kaliber. Als die ersten Anfragen kamen, ob ich nicht meine Seminare (ich habe Lehraufträge an verschiedenen Universitäten) online anbieten kann, war dies für mich aufgrund der erworbenen Kompetenzen und Erfahrungen in der Online-Lehre kein Problem. Dies mag auch ein Grund dafür sein, dass ich im Gegensatz zu vielen Kolleg/innen keine Bauchschmerzen verspürte. Zunächst – denn schnell stellte sich auch bei mir eine gewisse Frustrationserfahrung ein. Dazu trugen ein paar wesentliche Punkte bei, die für mich zu einer Reihe von Erkenntnissen führten. Diese betreffen vor allem auch ein angemessenes Erwartungsmanagement an die Online-Lehre in Zeiten einer Pandemie, aber auch darüber hinaus.[5] Im Folgenden möchte ich meine Erkenntnisse in zehn Punkten festhalten und erörtern:

1. Online-Lehre funktioniert auf Basis von Freiwilligkeit: Es ist ein großer Unterschied ob man sich wissentlich und freiwillig in eine Online-Lehrumgebung begibt, oder ob dies ad hoc, ohne Vorbereitungszeit und unfreiwillig erfolgt. Dies gilt sowohl für die Lehrenden als auch für die Studierenden. Für die Lehrenden hieß Corona, dass lange nicht klar war, wann und wie das Sommersemester 2020 losgeht. Von einem Tag auf den anderen sollten sie ihre Lehre online abhalten, ohne entsprechende Weiterbildung, technische Begleitung und notwendige Infrastruktur. Für Studierende, die sich nicht freiwillig für ein Fernstudium mit Online-Lehre entschieden hatten, ist die aufgezwungene Online-Lehre sicherlich auch weniger als befriedigend. Ich kann nicht für Studierende sprechen, aber ich kann mir vorstellen, wie schwierig es ist, anstatt wie geplant nach den Semesterferien in den universitären Alltag zurückzukehren, mit Kommiliton/innen und Lehrenden in einem direkten Austausch zu stehen und an Veranstaltungen teilzunehmen auf einmal alleine zu Hause Videos von Lehrenden anzusehen und sich zu einem Autodidakten entwickeln zu müssen.[6]

2. Universitäten und Seminare sind nicht nur Orte der Wissensvermittlung, sondern auch der sozialen Interaktion: Die universitäre Ausbildung besteht aus mehr als dem bloßen Besuchen von Lehrveranstaltungen. Viele wichtige Interaktionen finden jenseits des Seminarraums statt. Studierende treffen sich in der Bibliothek, in der Mensa, auf dem Campus. Sie engagieren sich politisch, schließen Freundschaften fürs Leben. Sie interagieren mit den Lehrenden und Forschenden auf den Fluren, während Abendveranstaltungen und sozialen Events. Das alles geht in Zeiten von Corona verloren – das ist folgenschwer, denn das Studium ist eine formative Zeit, die Diskussionen und die Auseinandersetzungen im Seminar bilden nicht nur inhaltlich weiter, sondern formen auch den Charakter. Und so sehr ich selber die Online-Lehre (auch) mag – an die face-to-face Situation im Seminarraum vermag sie nie heranzukommen. Zoom-Sessions gestalten sich als zäh, nicht alle Studierenden (oder Lehrenden) fühlen sich wohl, in die Kamera zu sprechen und sich selber auch noch dabei zu sehen. Diskussionen finden statt, sind aber meist weniger interaktiv. Auch ist eine Zoom Session anstrengend für alle Beteiligten, die Konzentration ist nicht lange aufrecht zu erhalten.[7] Es fehlt das Gegenüber, das mir auch als Lehrende direktes Feedback gibt: rede ich zu schnell, zu langsam, folgen mir die Studierenden noch, brauchen sie eine Pause, sehe ich gerunzelte Stirnen und sollte das Konzept oder die Theorie doch nochmals mit anderen Worten erläutern? Es fehlt die direkte Kommunikation, vor allem auch die non-verbale.

3. Analoge Formate können nicht eins-zu-eins digital abgebildet werden: Ein weiteres Problem besteht darin, dass Lehrende an ihren bewährten Lehrkonzepten und Seminarplänen festhalten und versuchen, diese online eins zu eins umzusetzen. Das funktioniert in den wenigsten Fällen. Die Online-Lehre muss als solche konzeptualisiert werden. Es muss anders gedacht und geplant werden. So habe ich beobachtet, wie an dem Format von Blockseminaren festgehalten wurde – in Form von stunden-, gar tagelangen Zoom-Live Sessions. Ob dies pädagogisch sinnvoll ist, möchte ich wagen zu hinterfragen.

4. Eine funktionierende Infrastruktur ist notwendig: Online-Lehre kann nur gelingen und allen Beteiligten auch Spaß machen, wenn die entsprechenden Strukturen vorhanden sind. Wenn Software-Lizenzen nicht zur Verfügung stehen, der Server überlastet ist und man sich an keine geschulten Ansprechpartner/innen in der technischen Abteilung wenden kann, die einem auch Tipps für die Gestaltung der Online-Lehre geben können, ist die Frustrationsgrenze schnell erreicht. Auch didaktische Fragen, die sich im besonderen Rahmen der digitalen Lehre stellen, müssen gestellt werden können. Ein Beispiel aus meiner eigenen Corona-Erfahrung: ich halte in diesem besonderen Semester zum wiederholten Male ein Mediations-Seminar in der Friedens- und Konfliktforschung ab. Nur wie gestaltet man ein derartiges Seminar, das wesentlich auf Interaktion, Rollenspiele, Übungen von Kommunikationstechniken und Selbstreflexion von Studierenden zum Beispiel zum eigenen Konfliktverhalten basiert online? Lösungen musste ich mir selber suchen, allein der Austausch mit Kolleg/innen unterstützte mich in der weiteren Ausgestaltung des Seminars.

5. Nicht alle Lehrinhalte eignen sich gleichermaßen für die Online-Lehre: Ich entschied mich für mein Mediationsseminar mit Workshop-Charakter dazu, verschiedene Techniken für asynchrone Aktivitäten einzubauen, die dann in einer synchronen Zoom-Session gemeinsam reflektiert wurden. Material wurde online zur Verfügung gestellt und umfasste Texte, Videos, Beispiele und Anleitungen zur Selbstreflexion und Aufgaben für Paare und Gruppen, die in einem bestimmten Zeitraum zu absolvieren waren. Auch die für Mediationstrainings üblichen Rollenspiele führten wir online durch: die Konfliktszenarien standen den Studierenden vorab zur Verfügung. In einer mehrstündigen synchronen Sitzung wurden Gruppen gebildet und die Rollen des Mediators und der Konfliktparteien jeweils festgelegt. Für die Gruppen wurden dann Breakout-Räume geschaffen, in denen das Rollenspiel stattfand. Als Leiterin konnte ich den verschiedenen Räumen beitreten und die Mediation beobachten. Das De-Briefing fand dann wieder im gemeinsamen Raum statt. Auch wenn dies erstaunlich gut funktionierte und ich Lernerfolge beobachten konnte, zeigte das Seminar auch die Grenzen der Online-Lehre auf. Keine überraschende Erkenntnis: manche Lehrinhalte eignen sich besser für die Online-Lehre als andere. So gehen beispielsweise bei den Rollenspielen die wichtigen non-verbalen Aspekte der Mediation zum Großteil verloren.

6. Online-Lehre erfordert eigene didaktische Methoden und ein neues Selbstverständnis von Lehrenden: Unabhängig von diesen elementaren Fragen bleibt festzuhalten, dass die Online-Lehre ein neues Rollenverständnis von Lehrenden und Studierenden erfordert. Ich persönlich sehe mich auch in der Präsenzlehre in der Rolle eines facilitator und entwickle meine Seminare entsprechend. In der Online-Lehre wird diese Rolle jedoch noch verstärkt. Der Fokus verlagert sich noch mehr weg von der Wissensvermittlerin hin zum facilitator für den Lernerfolg. Das verlangt aber auch von Studierenden, dass sie sich selber in einer ermächtigten Rolle sehen, Wissen nicht passiv aufgenommen, sondern aktiv angeeignet wird.

7. Online-Lehre erfordert Disziplin und Eigeninitiative von Studierenden: Nun wird aber vor allem von den Lehrenden und ihrer guten bzw. nicht so gelungenen Online-Lehre gesprochen. Was mir in diesem Diskurs fehlt, ist der Blick auf die Studierenden. Denn die Online-Lehre kann nur gelingen, wenn die Studierenden mitmachen – ansonsten ist auch der beste Kurs und Dozierende am Ende seiner Wirkfähigkeit. Online-Lehre, wie auch die Präsenzlehre, erfordert eine Eigenverantwortlichkeit der Studierenden. Während sich die Studierenden in normalen Seminaren oftmals in der hintersten Reihe verstecken können, es nicht immer auffällt, wenn sie nicht alle Texte gelesen haben, hängt eine asynchrone Online-Lehre umso mehr von der Beteiligung aller ab. In all meinen Seminaren in diesem Semester zeigte sich: auch die Studierenden sind nicht vorbereitet auf die Online-Lehre. Die Teilnahme an Online-Diskussionsforen und das eigeninitiative Erarbeiten von Aufgaben und Absolvieren von Online-Aktivitäten als asynchrone Lerneinheiten wurde nicht immer gemacht. Da kommt der eingangs erwähnte Punkt der Freiwilligkeit (bzw. Unfreiwilligkeit) sicherlich auch ins Spiel. Hinzu kommt, dass auch für Studierende, die zu den digital natives zählen, eine Online-Lehrumgebung neu ist, in die sie aufgrund der schnellen Umstellung regelrecht hineingeschmissen wurden.

8. Online-Lehre erfordert neue Bewertungssysteme und –kriterien: Übrigens, und das möchte ich hier zur weiteren Diskussion einschieben, scheinen sich viele Studierende und Lehrende nicht darüber bewusst zu sein, dass je nach Einstellung in den Lernplattformen die Beteiligung der Studierenden sehr gut nachvollzogen werden kann und automatische Statistiken über deren Online-Aktivität generiert werden können. Während dies in Kanada den Studierenden bewusst ist und dies auch in der Benotung mit einfließt, stellt sich im deutschen Kontext eine dringliche Frage, die aus meiner Sicht zu wenig Beachtung findet: nämlich, wie angesichts der vielerorts nicht geltenden Anwesenheitspflicht das Absolvieren asynchroner Lerninhalte überhaupt eingefordert werden und in die Gesamtwertung miteinfließen kann.

9. Fragen des Datenschutzes müssen vorab geklärt werden: Es stellt sich aber auch die datenschutzrechtliche Frage, wie mit Online-Inhalten umzugehen ist. Kann man darauf bestehen, dass Studierende auch Videos von sich posten? Was passiert mit aufgenommenen Seminarinhalten wie Webinars, Podcasts und Präsentationen? Diese und damit einhergehende Fragen müssen vor dem Beginn der Lehre klar beantwortet werden, Datenschutzbelehrungen erfolgen und den Lehrenden entsprechende Leitfäden zur Verfügung gestellt werden.

10. Online-Lehre erschwert die Fürsorge für Studierende und Mitarbeiter/innen: Nun wird aber das Ganze noch weiter dadurch erschwert, dass die Online-Lehre in Pandemie-Zeiten stattfindet. Viele Studierende – und sicher auch Lehrende – haben Schwierigkeiten und Sorgen. Finanzielle Nöte, Einsamkeit und Zukunftsängste fördern nicht die Leistung. Bereits unter normalen Bedingungen befinden sich viele Studierende unter enormen Druck. Depressionen, Burn-out, all dies ist keine Seltenheit an deutschen Universitäten. Studierende, die man noch gut in den Seminaren oder in der Sprechstunde auffangen kann, entgleiten einem. Oft mit dem Resultat, dass sie gänzlich von der Bildfläche verschwinden. Für viele meiner Kolleg/innen und auch für mich war das eine der problematischsten Erfahrungen in diesem Online-Semester. Denn auch wenn dies nicht immer so wahrgenommen wird: die Universität ist ein sozialer Ort und die Lehre im Hochschulkontext geht über die reine Wissensvermittlung hinaus. Oft kommen Studierende mit familiären oder gesundheitlichen Problemen zu den Lehrenden und suchen Hilfe. Dazu bedarf es einer Vertrauensbasis, die in der Online-Lehre schwierig ist, aufzubauen. Und so gestaltete sich auch das Semester in Kanada grundsätzlich anders. Im Gegensatz zu den vorherigen Jahren wurde deutlich, wie die Pandemie sich auch hier auf die gewohnte Online-Lehre auswirkt. Die Studierenden hatten auf verschiedene Weise mit der Pandemie zu kämpfen. Jobverlust, die Pflege von Angehörigen, die einer Risikogruppe zuzuordnen sind und die Arbeit zum Beispiel beim Roten Kreuz oder als Krankenschwester im Dauereinsatz haben sich stark auf die Kurse ausgewirkt. Trotz allem hat sich der geschulte Umgang mit Online-Formaten ausgezahlt und die Studierenden haben die Kurse erfolgreich und in gewohnter Weise erfolgreich absolviert.

Fazit
Welche Erkenntnisse können aus dem Ganzen gezogen werden? Zum einen möchte ich betonen, dass die Online-Lehre auch viele Vorzüge bietet. Sie ermöglicht die Teilnahme an Kursen über (National)Grenzen und Zeitzonen hinweg – was auch gerade in Zeiten von Lockdowns, Grenzschließungen, Einreisebeschränkungen und Quarantänemaßnahmen es vielen Studierenden ermöglichte, auch in Zeiten einer Pandemie ihr Studium fortzuführen. Damit trägt die Online-Lehre auch zur Internationalisierung bei: Dank digitaler Innovation können auch gemeinsame Seminare mit Partneruniversitäten durchgeführt und der Austausch von Studierenden verschiedener Standorte ermöglicht werden. Sie bietet damit auch eine Inklusionsmöglichkeit, wenn auf allen Seiten die entsprechenden technologischen Voraussetzungen erfüllt sind – ist dem nicht so, kann Online-Lehre auch das Risiko der Exklusion bergen. Online-Lehre, wie sie vielerorts ja auch schon eingesetzt wird, erleichtert auch die Weiterbildung bei voller Erwerbstätigkeit.

Es lässt sich also vor allem festhalten, dass dieses Ausnahmesemester nicht als Maßstab für die Online-Lehre gelten kann. Sollten Universitäten und Dozierende sich dennoch auch künftig dem Thema Digitalisierung, Blended-Learning und Online-Lehre verschreiben, sollten aus meiner Sicht Hochschul(leitung)en zunächst folgende Voraussetzungen schaffen:
a) Freiwilligkeit auf Seiten der Studierenden und Lehrenden. Eine erzwungene Online-Lehre steht von vornherein unter keinem guten Stern, da die Motivation aller Beteiligten zur Online-Lehre eher gering ist.
b) Eine gelungene Online-Lehre bedarf angemessener Aus- und Weiterbildungsangebote für Lehrende. Hierzu müssen schnell entsprechende Weiterbildungsangebote geschaffen und Personal eingestellt werden.
c) Nicht alle Lerninhalte eignen sich geleichermaßen für die Online-Lehre. Hier sollten Blended-Learning-Formate überlegt, oder eben die Präsenzlehre beibehalten werden.
d) Für die Konzeptualisierung von Online-Kursen muss eine entsprechende Vorbereitungszeit eingeplant werden. Die Konzeptualisierung von Online-Formaten bedarf viel Zeit und eines gut durchdachten Lehrkonzepts.
e) Aber auch ein Austausch unter Lehrenden über didaktische Fragen sollte ermöglicht und gefördert werden.[8]
f) Nicht zuletzt steht und fällt alles mit einer entsprechenden Infrastruktur an den Universitäten. Dies bedarf nicht nur die Verfügbarkeit der entsprechenden Software, sondern auch der Begleitung von Lehrenden durch geschulte Ansprechpartner/innen für alle technischen und didaktischen Fragen.

Anmerkungen:
[1] Siehe hierzu ein Interview mit Ingo Isphording, Leiter des Forschungsteams “Kompetenzentwicklung” am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn: https://www.audimax.de/ingenieur/digitalisierung-industrie-40/die-corona-digitalisierung/ (20.07.2020). Ein ZEIT-Artikel vom 18.06.2020 stellt die Frage, ob das digitale Semester nun geglückt sei oder nicht, und liefert eine ambivalente Antwort: Fernstudium für alle: https://www.zeit.de/2020/26/corona-krise-digitalisierung-hochschulen-fernstudium-universitaet-lehre (20.07.2020).
[2] Dazu muss gesagt werden, dass es sich hierbei um komplette asynchrone Master-Kurse handelt, da die Studierenden über verschiedene Zeitzonen verteilt sind. Der Master basiert allerdings auf Blended Learning, wobei Wahlpflichtkurse dann online abgehalten werden.
[3] Es mag inzwischen neuere Literatur geben, aber hier eine Auswahl von Texten aus dem Kurs, die für mich sehr hilfreich waren: Richard A. Schwier, Shaping the Mataphor of Community in Online Learning Environments, in G. Calverley / M. Childs / L. Schneiders (Hrsg.), Video for education, London 2007, S. 68–76; Jim Henry / Jeff Meadows, An absolutely riveting online course: Nine principles for excellence in web-based teaching, in: Canadian Journal of Learning and Technology / Larevue canadienne de l’apprentissage et de la technologie 34,1 (2008), S. 1–10; Karyn Lai, Assessing participation skills: online discussions with peers, in: Assessment & Evaluation in Higher Education, 37,8 (2012), S. 933–947; JD Guilar / A. Loring, Dialogue and Community in Online Learning: Lessons from Royal Roads University, in: Journal of Distance Education/Revue de L’Éducation À Distance 22,3 (2008), S. 19–40; Richard Dool, Mitigating conflict in online student teams (February 2007), siehe https://elearnmag.acm.org/featured.cfm?aid=1229760 (20.07.2020); Mastering Online Discussion Board Facilitation. Resource Guide (2009), siehe https://www.maryville.edu/academicaffairs/wp-content/uploads/sites/21/2018/05/edutopia-onlinelearning-mastering-online-discussion-board-facilitation.pdf (20.07.2020); Facilitating Online Teaching (2014), siehe https://ctet.royalroads.ca/sites/default/files/pages/online_facilitation-t4t_2014.pdf (20.07.2020).
[4] Neben den bereits genannten Pflichtkursen für Online-Lehre-Novizen bietet die Universität in Kanada dann auch ein breites Angebot für kostenfreie Weiterbildungskurse (alle online) an, das einen in der Weiterentwicklung der Kompetenzen und der Erprobung neuer Software und Lehrformate unterstützt.
[5] Hierzu auch ein guter Beitrag auf dem Lehrgut-Blog der Friedens- und Konfliktforschung: https://lehrgut.hypotheses.org/1325#more-1325 (20.07.2020), sowie https://anygoodthing.com/2020/03/12/please-do-a-bad-job-of-putting-your-courses-online/ (20.07.2020).
[6] Siehe auch den Artikel in der ZEIT vom 17.6.2020, in dem Studierende ihre Erfahrungen teilen: „Die Kombination aus Unsicherheit und hohem Druck ist Gift“, https://www.zeit.de/campus/2020-06/studium-und-corona-krise-pandemie-universitaet-online-studium (20.07.2020).
[7] Siehe https://www.events-magazin.de/eventbranche/trotz-vieler-vorteile-videokonferenzen-koennen-sehr-belastend-sein/ (20.07.2020).
[8] Als eine der ehemaligen Sprecher/innen des AKs Curriculum & Didaktik der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK) befasste ich mich ausgiebig mit diesem Thema, welches auch Gegenstand unserer Diskussion der letzten Jahrestagung war. Im Rahmen des AKs haben wir eine Intervisions-Einheit bei unseren Treffen eingebaut, um den Austausch zu befördern. Der Bericht über die Tagung ist hier einzusehen: https://bundesstiftung-friedensforschung.de/wp-content/uploads/2020/06/Tagungsbericht_mit_Cover_AK_CuD.pdf (20.07.2020); siehe auch https://lehrgut.hypotheses.org/1167 (20.07.2020).

Zitation
Forum: Digitales Lehren: K. Roepstorff: „Same same but different“: Reflexion zur Online-Lehre vor und während Corona, in: H-Soz-Kult, 24.07.2020, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-5034>.
Redaktion
Veröffentlicht am
24.07.2020