Forum: Zeiterfahrung: A. Wiegeshoff: Pandemie, Nation und die Geschichte des Nationalismus im 20. und 21. Jahrhundert

Von
Andrea Wiegeshoff, Fachbereich Geschichte und Kulturwiss., Fachgebiet Neuere Geschichte, Philipps-Universität Marburg

Als 1995 Dieter Langewiesche einen großen Forschungsüberblick über den damaligen Stand der historischen Nationalismusforschung veröffentlichte, geschah dies im Zeichen des Zerfalls der Sowjetunion und des Endes des Ost-West-Konflikts. 2006 folgte ebenfalls in Neue Politische Literatur eine ausführliche Diskussion der neuesten Entwicklungen in diesem Feld von Siegfried Weichlein, diesmal unter dem Eindruck des anhaltenden Paradoxes fortgesetzter Relativierung bei gleichzeitiger Beständigkeit der Nationalstaaten.[1] Beide Beiträge zeigten den Einfluss aktueller Problemlagen auf die Forschung zu Nation und Nationalismus auf. Heute ist absehbar, dass auch die gegenwärtige Pandemie in der historischen Forschung ihre Spuren hinterlassen wird, dass sie Anlass bietet, die Rolle historischen Wissens und die Bedeutung gegenwärtiger Erfahrungen für historische Analysen zu diskutieren.[2] Das gilt auch und gerade für die Nationalismusforschung. Sonja Levsen hat kürzlich in einem Beitrag für Geschichte der Gegenwart ein starkes Plädoyer dafür gehalten, die seit Monaten zu beobachtende „Wucht des Nationalen“ zum Ausgangspunkt zu nehmen, um in der Zeitgeschichte „das Verhältnis von Nation, Region und globaler Vernetzung neu zu denken“[3] und insbesondere die scheinbare Widersprüchlichkeit zwischen einem globalen Phänomen und nationalen Reaktionen in ihrer Komplexität zu untersuchen. Die jüngsten Entwicklungen erscheinen so als nachdrückliche Aufforderung, die längst angemahnte Vernachlässigung der Nation und des Nationalen in der deutschen Geschichte des 20. (und des beginnenden 21.) Jahrhunderts kritisch zu überdenken.[4] Für die Zeit nach 1945 wird zwar häufig auf Entnationalisierungsprozesse verwiesen und damit die spezifische deutsche Situation nach dem Zweiten Weltkrieg und im Kontext der (west)europäischen Einigung reflektiert. Aber zum einen blendet diese Sichtweise oftmals die ungebrochene Geltungskraft von Nationalisierungstendenzen außerhalb von Europa, ja außerhalb Deutschlands aus. Und zum anderen fragt sie zu selten noch nach den Rück- und Wechselwirkungen derartiger Prozesse auf die Kategorien Nation und Nationalismus.

Diese Überlegungen möchte ich hier aus der Perspektive der Medizingeschichte fortspinnen. Lassen sich im Horizont der gegenwärtigen Corona-Krise Impulse medizinhistorischer Studien mit Erkenntnissen aus der reichhaltigen Forschung zur Geschichte der Nation und des Nationalismus im 19. Jahrhundert verknüpfen? Und welche Schlussfolgerungen für künftige Forschung erlaubt dies? Hierzu möchte ich einige Anregungen geben und in drei Schritten Schlaglichter werfen auf (1) die momentan im politischen Kommentar häufig konstatierte Spannung zwischen einer globalen Pandemie und ihrer nationalstaatlichen Bekämpfung, (2) den Zusammenhang zwischen Globalisierungs- und Nationalisierungsprozessen im späten 19. Jahrhundert sowie (3) Thesen der Medizin- bzw. – konkreter – der „Seuchengeschichte“ zum Verhältnis von public health und Nationalismus.

1 Covid-19 und das Verhältnis von Globalisierung und Nationalisierung
Die Pandemie ist überraschend national formatiert. Zwar konnten wir seit Jahresbeginn quasi in Echtzeit die rasend schnelle Ausbreitung des SARS-CoV-2-Erregers verfolgen und uns (je nach betroffener Region mehr oder weniger transparent) über die Pandemiesituation in unterschiedlichen Teilen der Welt informieren. Zwar haben seit dem Frühjahr in beispielloser Gleichzeitigkeit Menschen weltweit Infektionsschutzmaßnahmen ergriffen und sich insbesondere in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Zwar illustrieren Lieferengpässe und Versorgungsängste ähnlich deutlich wie die Verbreitung des Erregers selbst, wie selbstverständlich wirtschaftliche grenzüberschreitende Vernetzungen geworden sind. Dennoch führt in dieser weltweiten Gesundheitskrise kein Weg an der Entscheidungs- und Handlungsebene des Nationalstaats vorbei. Am 11. März 2020 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den seit Dezember 2019 andauernden Ausbruch als eine Pandemie eingestuft und damit den Grenzen und Kontinente überschreitenden Charakter von Covid-19 unterstrichen. Die Erklärung des WHO-Generalsekretärs Tedros Adhanom Ghebreyesus liest sich nicht nur als dringlicher Appell an die Staatengemeinschaft, sich der Ausbreitung der Krankheit entgegenzustemmen, sondern sie vereint auch die globale Dimension der Pandemie mit ihrer nationalen Kehrseite. „We’re in this together, to do the right things with calm and protect the citizens of the world.“[5] Alle Menschen – Referenzrahmen ist der gesamte Globus – sind potentiell bedroht und dementsprechend vor der Krankheit und ihren Folgen zu schützen. Aktiv werden müssen aber, dies macht die Erklärung sehr deutlich, die Einzelstaaten. „We cannot say this loudly enough, or clearly enough, or often enough: all countries can still change the course of this pandemic.“[6]

Nun ist es an sich nicht sonderlich überraschend, dass Staaten zum Handeln aufgerufen wurden. Die Zuständigkeit für die Gesetzgebung und Maßnahmen im Bereich der Gesundheitspolitik liegt grundsätzlich bei den Einzelstaaten. Das gilt auch in der Europäischen Union (EU), in der die Relativierung staatlicher Souveränität vergleichsweise weit reicht. Für Gesundheitspolitik ist die EU nicht zuständig, sie wird mit Blick auf die Mitgliedsstaaten in diesem Bereich nur unterstützend tätig – eine Kompetenzverteilung, die die Ereignisse der letzten Monate deutlich in Erinnerung gerufen haben. Diese Feststellung formaler Zuständigkeit ist aber kaum eine hinreichende Erklärung für gegenwärtige Dynamiken der „Nationalisierung der Seuchenbekämpfung“, die einen allgemeineren Trend zur „Renationalisierung beziehungsweise Reterritorialisierung von Staatlichkeit und politischer Souveränität“[7] zu verstärken scheinen. Unterschiede in nationalen Pandemiestrategien, Grenzschließungen und Grenzkontrollen, Exportverbote für medizinischen Bedarf, Sicherung von Impfstoffkapazitäten bis hin zu Versuchen, nationale Exklusivrechte daran zu erwerben, Debatten über die Priorisierung schutzwürdiger Interessen oder Hinweise auf eigene Erfolge im (lobenden oder kritischen) Vergleich zu anderen Ländern sind Beispiele, die eindrücklich auf die Ebene des Nationalen und dessen Bedeutung in der aktuellen Krise verweisen. In der öffentlichen Debatte wird dieser Umstand entsprechend kommentiert. Beispielsweise ist Nationalismus als Nebenwirkung von Covid-19 bezeichnet worden: „Nationalism is a side effect of coronavirus“.[8] Und erst im August warnte die WHO mit Blick auf die Impfstofffrage vor „vaccine nationalism“, bezeichnenderweise mit dem Hinweis auf die daraus resultierende Gefährdung nationaler Interessen. In einer globalisierten Welt stelle, so die WHO, anhaltendes Infektionsgeschehen in ärmeren Ländern eine Gefahr für alle dar.[9]

Gradlinig oder eindimensional verläuft diese Entwicklung beileibe nicht. Dies illustrieren etwa momentan unternommene Anstrengungen, einen Mechanismus zu entwickeln, der die Versorgung von Ländern des globalen Südens bei der Impfstoffvergabe sicherstellen soll.[10] Intensive internationale Kooperation im Bereich der medizinischen Forschung, aber auch privatwirtschaftliche Gedankenspiele bzw. konkrete Versuche, mit digitalen Lösungen die Arbeitskraft in bestimmten Berufen ortsunabhängig und damit international verfügbar zu machen, zeigen auf unterschiedliche Weise die fortgesetzte Überwindung nationaler Grenzen bei der Krisenbekämpfung. Das Verhältnis zwischen Globalisierung und Nationalisierung ist – einmal mehr – in Bewegung, es gestaltet sich vielschichtig und widersprüchlich. Es historisch einzufangen und zu perspektivieren sowie Gründe und Antriebskräfte für Konjunkturen der (Ent-)Nationalisierung zu erforschen, sind Aufgaben wie Gelegenheit für die Geschichtswissenschaft im Allgemeinen und die historische Nationalismusforschung im Besonderen.

2 Globalisierungs- und Nationalisierungsprozesse im späten 19. Jahrhundert
Neu ist eine derartige Gleichzeitigkeit nationaler und globaler Dynamiken selbstverständlich nicht. Vor allem seit dem 19. Jahrhundert kennzeichneten weltweite Verflechtungsprozesse die Geschichte ebenso wie das Konzept der Nation, Nationalismen und Nationalbewegungen. Jürgen Osterhammel hat vor diesem Hintergrund daran erinnert, dass die Spannung zwischen dem Nationalen und dem Globalen aus historischer Perspektive nicht mit einer grundsätzlichen Unvereinbarkeit gleichzusetzen ist.[11] Die Wechselseitigkeit, Widersprüchlichkeit und gegenseitige Bedingtheit von globalisierenden und nationalisierenden Entwicklungen sind nicht zuletzt für das späte 19. Jahrhundert untersucht worden. Aus Sicht der Nationalismusforschung präsentiert sich der europäische Nationalstaat – in den Worten Weichleins – als „Globalisierungsgewinner des 19. Jahrhunderts“.[12] Nationalstaaten erwiesen sich im besonderen Maße fähig, die grenzüberschreitende Mobilität von Menschen, Kapital, Waren und Informationen produktiv zu wenden, d.h. Rahmenbedingungen dafür bereitzustellen und zugleich (ökonomisch) davon zu profitieren. Wesentliche Voraussetzungen für zunehmend globale Verflechtungen hatten zwar Imperien geschaffen, deren Stabilität stark vom funktionierenden Austausch der Kolonien untereinander und mit den europäischen Metropolen abhing. Der Strahlkraft nationalstaatlicher Einrichtungen konnten sich die Großreiche im Laufe des 19. Jahrhunderts allerdings nicht entziehen. Vielmehr adaptierten sie bestimmte Institutionen wie beispielsweise die Wehrpflicht. Ursprünglich in konsolidierender Absicht übernommen entwickelten derartige nationalisierende Impulse in imperialen Netzwerken oft ein destabilisierendes Potential, gerade auch durch die Aneignung seitens antikolonialer Nationalbewegungen. Für „nationalisierende Empires“ bedeuteten der Erste Weltkrieg bzw. später im 20. Jahrhundert die Dekolonisierung das Ende ihrer Existenz, so etwa für die Habsburgermonarchie oder später das britische Weltreich. Demgegenüber konnten „imperialisierende Nationalstaaten“ wie das Deutsche Reich 1919 den Verlust ihrer Kolonialreiche überdauern.[13]

Aus imperialhistorischer Perspektive gestalteten sich die Berührungspunkte zwischen den Ebenen des Nationalen und des Imperialen auch jenseits dieser Auseinandersetzung mit dem Modell des Nationalstaats vielfältig. Insbesondere mit Blick auf die Geschichte des British Empire hat die Forschung herausgearbeitet, in welch‘ engem Wechselverhältnis Nation und Expansion sich entwickelten. Nicht zuletzt die Herausbildung nationaler Identitäten wurde wesentlich von kolonialer Expansion und kolonialen Begegnungen beeinflusst.[14] Für die deutsche Geschichte hat Sebastian Conrad in seiner 2006 veröffentlichten Studie zum Deutschen Kaiserreich das Verhältnis von Nationalisierungsprozessen und Globalisierung um die Wende von 19. zum 20. Jahrhundert beleuchtet.[15] Damit ergänzt er die Analyse des deutschen Nationsverständnisses um die Frage nach dem Einfluss transnationaler Faktoren. In dieser Lesart sind globale Entwicklungen kein Widerspruch zu Nationalisierungsdynamiken, sondern spielen vielmehr eine konstitutive Rolle als deren Referenzrahmen, Bezugsgröße und Impulsgeber. Gerade zeitgenössische Debatten über massenhafte Mobilität und Migration sind hierfür instruktiv. Conrad demonstriert, wie grenzüberschreitende Zirkulation zum Motor nationaler Selbstverständigungsprozesse, aber auch der Konsolidierung nationaler Grenzen wurde. Die quantitative Zunahme derartiger Mobilitäten ging mit der Befestigung von Grenzen einher – im juristischen Sinne durch Einwanderungsgesetze und in materieller Hinsicht durch verschärfte Kontrollen von Grenzübertritten.[16] In diesem Kontext wurden auch medizinische Überlegungen einflussreich, wie die zeitgenössische Diskussion über polnische Saisonarbeiter zeigt.[17] Bakteriologisches Wissen um die Existenz und Bedeutung von Erregern, das sich seit den 1870er-Jahren allmählich durchsetzte, lieferte (nicht nur im Deutschen Reich) neue Argumente für die Verknüpfung von menschlicher Migration mit der Verbreitung von Krankheiten. (Bestimmte) Menschen konnten nun sehr viel direkter als in der prä-bakteriologischen Zeit zu Trägern von Krankheiten erklärt werden. Vor ihnen galt es die Nation durch Grenzschließungen und -kontrollen zu schützen. Eine derartige Rhetorik der Ausgrenzung stützte sich zunehmend auf nationalistische Vorstellungen von Gesundheit und Hygiene, die gerade im ausgehenden 19. Jahrhundert rassistisch aufgeladen wurden.

3 _Public Health und Nationalismus_
Die Rolle medizinischer Diskurse und Praktiken in der Herausbildung moderner Staatlichkeit ist ebenso wie die Bedeutung von Grenzquarantänen als Maßnahmen der In- und Exklusion ein Thema, mit dem sich die Medizingeschichte intensiv beschäftigt.[18] Die Gleichzeitigkeit von Entwicklungen im Bereich von public health und der Konsolidierung von Nationalstaaten im 19. Jahrhundert ist kein Zufall, sondern ein wechselseitig verflochtener Prozess. Die Forschung hat, nicht zuletzt im Anschluss an Michel Foucaults Konzept der Biopolitik, detailliert herausgearbeitet, wie public health, beginnend in Europa und hier vor allem in Großbritannien, im Verlaufe des 19. Jahrhunderts als staatlicher Aufgabenbereich formuliert und zugleich ein Mittel staatlicher Herrschaftsausübung wurde. Wie gut oder schlecht es um die Gesundheit von Bevölkerungen bestellt war, entwickelte sich zudem zu einem Gradmesser nationalstaatlicher Leistungsfähigkeit und damit zu einem Parameter internationalen Vergleichs. Im Rahmen der internationalen Gesundheitskonferenzen des 19. Jahrhunderts, während des Kalten Kriegs im 20. Jahrhundert oder auch mit Blick auf die gegenwärtige Pandemie lässt sich beobachten, wie in der politischen Debatte die staatliche Fähigkeit, Infektionskrankheiten wirksam zu bekämpfen zu einer Frage nationalen Prestiges und internationaler Konkurrenz stilisiert wurde und wird.[19]

Im Vergleich etwas weniger breit erforscht, aber ebenfalls eng verknüpft ist das Verhältnis von public health und Nationalismus. Insbesondere die australische Historikerin Alison Bashford hat in diesem Bereich grundlegende Arbeiten vorgelegt. Am Beispiel Australiens im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert untersucht sie, wie Vorstellungen und Praktiken von Hygiene Herrschaft und Gemeinschaft erzeugten und eine Verbindung zwischen individueller, gesellschaftlicher und nationaler Ebene herstellten. Der sich seit den 1880er-Jahren in Australien formierende Nationalismus nahm explizit auf medizinische Diskurse Bezug. Das rassistische Projekt eines „white Australia“, einer Nation, die in Abgrenzung zu nicht-weißer, vor allem chinesischer Immigration entstehen sollte, wurde auch durch „health, hygiene and cleanliness“ imaginiert.[20] Die behauptete Reinheit der angestrebten „weißen“ Nation erschien von außen durch Verunreinigung, Krankheit und Ansteckung gefährdet. Krankheit wurde dabei – im Einklang mit zeitgenössischen medizinischen Überzeugungen – rassistisch konnotiert. Bestimmte ethnische Gruppen galten gleichsam als natürliche (Über)Träger von Erregern, vor denen es die entstehende Nation zu schützen galt. Abgesichert wurde die berüchtigte „white Australia policy“ durch Einwanderungsgesetze. Trotz schrittweiser Lockerungen, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde diese Politik rechtlich erst in den 1970er-Jahren beendet; ihre Nachwirkungen reichen bis in die Gegenwart. Im internationalen Vergleich war eine rassistisch aufgeladene Verbindung von Immigrationsregulierung und Gesundheitsschutz keine Besonderheit, sondern schlug sich in diversen nationalen Gesetzen nieder. Bezeichnenderweise beriefen sich Akteure in Debatten über chinesische Arbeitsmigration in Deutschland um die Jahrhundertwende explizit auf das australische Beispiel, das die nachteiligen Folgen chinesischer Einwanderung und die Vorteile einer Exklusionspolitik veranschaulichen sollte.[21] Das unterstreicht, dass auch das Deutsche Reich an den transnationalen Prozessen teilhatte, in denen sich Anfang des 20. Jahrhunderts rassistische Vorstellungen von „whiteness“ und Einwanderungspolitiken formten.[22]

Wie ernst der medizinische Diskurs in diesem Kontext genommen werden sollte, belegt Bashfords Studie eindrücklich. Sie verweist darüber hinaus aber auch auf die materielle Ebene medizinischer Praktiken. Das 1901 in Australien, im neuen Zusammenschluss der ehemaligen britischen Kolonien als eines der ersten nationalen Gesetze beschlossene Einwanderungsgesetz legte unter anderem fest, dass Personen, die als geisteskrank galten oder an einer ansteckenden Krankheit litten, die Immigration verwehrt wurde.[23] Seuchenschutz und Immigrationskontrollen gingen mithin Hand in Hand und fanden am gleichen Ort, den nationalen Außengrenzen statt. Medizinische Inspektionen und Quarantäneregularien dienten dabei nicht nur dem Gesundheitsschutz. In der medizinischen Kontrollpraxis materialisierten sich die neuen Außengrenzen der australischen Nation erstmals konkret. Abstrakte Grenzziehungen wurden fassbar, sichtbar und auf diese Weise verfestigt. Sie erlaubten es, auch geographisch und geopolitisch die Nation als abgegrenzte Einheit zu imaginieren und ihr in der Praxis Geltung zu verschaffen.[24]

Welche Impulse können diese hier nur kursorisch diskutierten Befunde für eine Untersuchung der Geschichte von Nation und Nationalismus nach 1945 geben? Bashford und andere Wissenschaftler/innen zeigen, dass public health ebenso wie und eng verbunden mit Nationalismus und Rassismus als ein inklusiver und gleichzeitig exkludierender Diskurs wirkte sowie als konkrete Praxis raumbildende Effekte zeitigte – nach außen, aber selbstverständlich auch nach innen durch die Ausgrenzungen kranker Menschen. Der Umgang mit Leprakranken ist hierfür ein Beispiel. Die nach außen grenzziehende bzw. grenzverstärkende Wirkung medizinischer Inspektionen hat sich in der aktuellen Krise erneut gezeigt. Sie ist allerdings weder eine Neuerung noch ein Wiederaufleben älterer Traditionen. Vielmehr lässt sich gerade im Bereich der Infektionskontrolle an nationalstaatlichen Grenzen eine globale Entwicklung beobachten, die vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht.[25] Verpflichtende HIV-Tests für langfristig Aufenthaltswillige in einigen Ländern, automatisierte Fiebermessungen an Flughäfen im Rahmen der SARS-Pandemie 2002/2003 oder die Vorlage eines negativen Covid-19-Tests, um in bestimmte Länder einreisen zu dürfen, sind nur einige Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit für technisch immer aufwendigere und engmaschigere Grenzkontrollen, als sie das sogenannte Zeitalter des Nationalismus kannte. Diese zunehmende Regulierung von Grenzübertritten hat mit neuen medizinischen Möglichkeiten und technologischen Mitteln zu tun. Vor allem aber hängt sie direkt mit dem Konzept der Emerging Infectious Diseases zusammen, das in den 1990er-Jahren unter dem Eindruck von HIV/Aids maßgeblich in der US-amerikanischen medizinischen Forschung entwickelte wurde, um grenzüberschreitende Gesundheitsbedrohungen zu kategorisieren, die unter anderem aus intensiviertem weltweiten Verkehr resultieren. Das globale Bedrohungspotential von Epidemien in der jüngeren Zeitgeschichte geht insofern mit einem Regime medizinischer Grenzkontrollen einher, das – um noch einmal Bashford zu zitieren – „both haunts and challenges the trend towards transnational globalization“.[26]

Gerade weil im Gesundheitsbereich die Bedeutung nationaler Grenzen nicht nachgelassen, sondern sich im Gegenteil im unmittelbaren Zusammenhang mit Globalisierungsprozessen intensiviert hat, bietet sich dieses Feld an, um die historische Bedeutung des Nationalen sowie Kontinuitäten und Brüche im Nationsverständnis in Auseinandersetzung mit dem Transnationalen respektive Globalen zu untersuchen. Der für das 19. Jahrhundert konstatierte Einfluss transnationaler, ja globaler Entwicklungen auf Prozesse der Nationalisierung ist dem Infektionsschutz immanent. Diese Spannung kann zum Ausgangspunkt genommen werden, um die historische Verfasstheit nationaler Grenzen, der vor Ansteckung zu schützenden nationalen Gemeinschaft und der Zugehörigkeit zu ihr zu analysieren sowie um die raumbildenden Effekte medizinischer Praktiken in den Blick zu nehmen. Darüber ließe sich die Geschichte (deutscher) Entnationalisierungsdynamiken nach 1945 ausdifferenzieren, verkomplizieren und in einen Zusammenhang mit der Forschung zu der Zeit vor der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stellen. So dürfte es sich gerade in international vergleichender Perspektive als lohnend erweisen, Debatten über das Zustandekommen und die praktische Umsetzung von Einwanderungsbestimmungen und Infektionsschutzgesetzen in einem längeren Untersuchungszeitraum auf die Kategorie des Nationalen in ihrem Verhältnis zum Internationalen, Transnationalen und Globalen hin zu befragen. Die Abwehr von Krankheiten, so sie denn durch medizinische Grenzkontrollen überhaupt gelang, war historisch gesehen eben nicht das einzige Ergebnis (und auch nicht unbedingt die einzige Intention) eines derartigen Seuchenschutzes. Vielmehr markierte er die Grenzen nationaler Gemeinschaften immer wieder aufs Neue, organisierte ihre Durchlässigkeit und bestimmte die Gruppe derjenigen, die auf Teilhabe an und Schutz der Gemeinschaft Anspruch hatten. Die Auseinandersetzungen um sogenannte "circuit breakers" in Großbritannien und die Kritik der britischen Regierung an der Verschärfung der Coronabestimmungen in Wales, die als das Einziehen einer Grenze zwischen England und Wales angeprangert wurden, sind nur ein Beispiel dafür, wie auch anhand der gegenwärtigen Pandemie Nationsverständnisse und Unabhängigkeitsbestrebungen verhandelt werden.[27]

Anmerkungen:
[1] Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat: Forschungsstand und Forschungsperspektiven, in: Neue Politische Literatur 40 (1995), S. 190–236; Siegfried Weichlein, Nationalismus und Nationalstaat in Deutschland und Europa. Ein Forschungsüberblick, in: Neue Politische Literatur 51 (2006), S. 265–351.
[2] Für die Globalgeschichte vgl. Stefanie Gänger / Jürgen Osterhammel, Denkpause für Globalgeschichte, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Nr. 855 (August 2020), S. 79–86.
[3] Sonja Levsen, Die Nation in Zeiten von Corona. Zeitgeschichtsforschung auf dem Prüfstand, in: Geschichte der Gegenwart, https://geschichtedergegenwart.ch/die-nation-in-zeiten-von-corona-zeitgeschichtsforschung-auf-dem-pruefstand/ (23.09.2020).
[4] Weichlein, Nationalismus und Nationalstaat, S. 268, 349–351.
[5] WHO Director-General’s opening remarks at the media briefing on COVID-19, 11 March 2020, https://www.who.int/dg/speeches/detail/who-director-general-s-opening-remarks-at-the-media-briefing-on-covid-19---11-march-2020 (23.09.2020).
[6] Ebenda.
[7] Eckart Conze, Ohne Sicherheit keine Souveränität?, in: Soziopolis, https://soziopolis.de/beobachten/gesellschaft/artikel/ohne-sicherheit-keine-souveraenitaet/ (23.09.2020).
[8] Gideon Rachman, Nationalism is a side effect of coronavirus, in: Financial Times, 23.03.2020, https://www.ft.com/content/644fd920-6cea-11ea-9bca-bf503995cd6f (23.09.2020).
[9] Martin Farrer, Global report: WHO warns against dangers of “vaccine nationalism”, in: The Guardian, 07.08.2020, https://www.theguardian.com/world/2020/aug/07/global-report-who-warns-against-dangers-of-vaccine-nationalism (23.09.2020).
[10] Das Afrika-Rätsel, in: Coronavirus-Update, Podcast, NDR, 16.09.2020, https://www.ndr.de/nachrichten/info/56-Coronavirus-Update-Das-Afrika-Raetsel,podcastcoronavirus242.html (23.09.2020); vgl. die Impfstoffinitiative COVAX, https://www.gavi.org (04.11.2020).
[11] Jürgen Osterhammel, Nationalism and Globalization, in: John Breuilly (Hrsg.), The Oxford Handbook of the History of Nationalism, 2. Aufl., Oxford 2016, S. 694–709, hier S. 699.
[12] Weichlein, Nationalismus und Nationalstaat, S. 267.
[13] Jörn Leonhard / Ulrike von Hirschhausen, Empires und Nationalstaaten im 19. Jahrhundert, 2. Aufl., Göttingen 2009, Zitate S. 107.
[14] Benedikt Stuchtey, Zeitgeschichte und vergleichende Imperiengeschichte. Voraussetzungen und Wendepunkte ihrer Beziehung, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 65 (2017), S. 301–337; Kathleen Wilson, The Island Race. Englishness, Empire and Gender in the Eighteenth Century, London 2003.
[15] Sebastian Conrad, Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich, München 2006.
[16] Ebenda, S. 65–73.
[17] Ebenda, S. 153–157.
[18] Einen guten historischen Überblick und Einstieg in das dynamische Forschungsfeld der history of health, medicine and disease bieten Virginia Berrigde, Public Health. A Very Short Introduction, Oxford 2016; Wolfgang U. Eckart / Robert Jütte, Medizingeschichte. Eine Einführung, 2. Aufl., Köln 2014; Mark Harrison, Disease and the Modern World. 1500 to the Present Day, Cambridge 2004; Frank Huisman / John Harley Warner (Hrsg.), Locating Medical History. The Stories and their Meanings, Baltimore 2004.
[19] Malte Thießen / Andrea Wiegeshoff, Sicherheit vor Seuchen. Zum Spannungsverhältnis von Zukunftsentwürfen, Sicherheit und Staatlichkeit im Deutschen Kaiserreich, in: Christoph Kampmann / Angela Marciniak / Wencke Meteling (Hrsg.), „Security turns its eye exclusively to the future“. Zum Verhältnis von Sicherheit und Zukunft in der Geschichte, Baden-Baden 2018, S. 259–283, hier S. 268f.; Malte Thießen, Immunisierte Gesellschaft. Impfen in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 2017, bes. S. 250–254, 312–317; Ulrike Linder, Der Umgang mit neuen Epidemien nach 1945. Nationale und regionale Unterschiede in Europa, in: Malte Thießen (Hrsg.), Infiziertes Europa. Seuchen im langen 20. Jahrhundert, München 2014, S. 115–136.
[20] Alison Bashford, Imperial Hygiene. A Critical History of Colonialism, Nationalism and Public Health, 2. Aufl., Houndmills, Basingstoke 2014, S. 3.
[21] Conrad, Globalisierung und Nation, S. 198f.
[22] Marilyn Lake / Henry Reynolds, Drawing the Global Colour Line. White Men’s Countries and the International Challenge of Racial Equality, Cambridge 2008.
[23] Bashford, Imperial Hygiene, S. 150.
[24] Ebenda, S. 115–136.
[25] Vgl. die Beiträge in Alison Bashford (Hrsg.), Medicine at the Border. Disease, Globalization and Security, 1850 to the Present, 2. Aufl., Houndmills, Basingstoke 2014.
[26] Alison Bashford, “The Age of Universal Contagion”. History, Disease and Globalization, in: Medicine at the Border, S. 1–17, hier: S. 14.
[27] Steven Morris, Welsh ban on travel from Covid hotspots 'risks division and confusion', in: The Guardian, 15.10.2020, https://www.theguardian.com/uk-news/2020/oct/15/welsh-government-insists-police-can-enforce-covid-travel-ban (05.11.2020); Rhiannon Lucy Cosslett, Wales's Covid competence is inspiring many of us to thoughts of independence, in: The Guardian, 27.10.2020,https://www.theguardian.com/commentisfree/2020/oct/27/wales-covid-competence-inspiring-independence-trust (05.11.2020).

Zitation
Forum: Zeiterfahrung: A. Wiegeshoff: Pandemie, Nation und die Geschichte des Nationalismus im 20. und 21. Jahrhundert, in: H-Soz-Kult, 08.12.2020, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-5078>.