Forum: Zeiterfahrung: L. Lenel: Geschichte ohne Libretto

Von
Laetitia Lenel, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

„Future historians will be asked which quarter of 2020 they specialize in,” lautet ein Scherz, der im Juni 2020 auf Twitter zirkulierte.[1] Der Spruch verlieh dem Gefühl Ausdruck, in historischen Zeiten zu leben. Covid-19 hat das Leben, den Alltag und das Zusammenleben der meisten Menschen fundamental und zum Teil dauerhaft verändert. Dass Geschichte immer auch von der Gegenwart handelt, ist bekannt. Wie aber verändert sich der Blick auf die Geschichte in einer Gegenwart, die selbst historisch erscheint?

1993 hielt der britische Historiker Eric Hobsbawm eine Rede, in der er sich genau dieser Frage annahm. Vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs der Sowjetunion schilderte Hobsbawm, wie aktuelle Ereignisse und Entwicklungen historische Narrative erschüttern und verändern können. „1989-91 inserted its punctuation mark into its [the twentieth century’s] flow“, so Hobsbawm damals. Für Hobsbawm und seine Zeitgenossen war das zwanzigste Jahrhundert plötzlich zum „kurzen zwanzigsten Jahrhundert“ geschrumpft.[2] Obwohl Hobsbawm in seiner Rede darauf hinwies, dass Irrtum und Überraschung zu den zentralen Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts gehörten, scheute er sich nicht, die aktuellen Geschehnisse bereits in ein neues historisches Narrativ einzuordnen. So beschrieb er das kurze zwanzigste Jahrhundert (1914-1991) vor dem Hintergrund des Zerfalls der Sowjetunion und einer von Krisen und Kriegen geprägten Gegenwart als „Triptychon“ oder „Sandwich“, in dem zwei Phasen fundamentaler Krisen ein vergleichsweise kurzes goldenes Zeitalter der Stabilität einrahmen.[3]

Angesichts von Covid-19 stellt sich die Frage, der Hobsbawm in seiner Rede nachging, erneut. Wie verändert sich der Blick auf die Vergangenheit in einer historisch anmutenden Gegenwart? Zeithistoriker haben bereits vermutet, dass die Coronapandemie den Epochenbruch von 1989-91 relativieren könnte:[4] Hier würden die Erfahrungen von 1989-91 nicht länger nur als Ende des Kalten Krieges, sondern zugleich als Beginn einer langen Phase der Krise erscheinen. Dieser Perspektive zufolge würden die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986, die Krisen und Kriege der 1990er-Jahre, der Anschlag auf das World Trade Center im September 2001, die Kriege im Nahen Osten, Afrika und Osteuropa, die Finanzkrise von 2008, die durch den Klimawandel ausgelösten Naturkatastrophen und schließlich die Coronapandemie 2020 nicht mehr als individuelle Ausnahmezustände, sondern als Faktoren einer nun schon über dreißig Jahre währenden Zeit der Krise gelten.

In beinahe prognostischer Weitsicht hat der Soziologe Ulrich Beck diese Sichtweise bereits 1986 vorgeschlagen. In seinem Buch Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne beschrieb Beck einen Epochenbruch, der die Industriegesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts von der sogenannten Risikogesellschaft trenne, die sich an der Wende ins 21. Jahrhundert herausgeschält habe.[5] Die neue Epoche sei durch ein verändertes Verhältnis von Reichtumsproduktion und Risikoproduktion geprägt. Während „in der Industriegesellschaft die ‚Logik‘ der Reichtumsproduktion die ‚Logik‘ der Risikoproduktion dominiert“ habe, würden technisch-ökonomische Entwicklungen in der heutigen Risikogesellschaft immer stärker durch die Produktion von Risiken überschattet.[6] Diese seien nicht mehr lokal und gruppenspezifisch, sondern würden „Globalgefährdungen mit neuartiger sozialer und politischer Dynamik“ mit sich bringen.[7] Unter anderem würden die dadurch ausgelösten Erschütterungen auch den Glauben an Wissenschaft und Fortschritt ins Wanken bringen – ein Befund, der angesichts von Klimawandelleugnern und Großaufmärschen gegen die Corona-Beschränkungen von überraschender Aktualität scheint.[8] Konfrontiert mit Risiken und Gefahren, die den menschlichen Sinnen nicht unmittelbar zugänglich sind, bevor sie uns direkt betreffen, würden Betroffene einen Verlust der Wissenssouveränität erleben. Das Gefühl der Fremdwissensabhängigkeit aber begünstige, so könnte man auch im Rückgriff auf aktuelle Forschung zur Motivation der „Querdenker“-Demonstrationen sagen, einen Vertrauensverlust in die Wissenschaft und das Phänomen des selbstreferentiellen „knowledge empowerment“.[9]

Die Aktualität von Becks Analyse beeindruckt. Und doch bleibt sie als historische Perspektive unbefriedigend – eine Tatsache, die Ulrich Beck selbst zum Ausdruck brachte. Als der Soziologe wenige Wochen nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sein Vorwort schrieb, bedauerte er, dass sich sein Buch plötzlich „wie ein platte Beschreibung der Gegenwart“ lese. Als solche hatte der Soziologe sein Buch nie verstehen wollen. Seine Analyse hatte vielmehr der „Beschwörung einer Zukunft“ gedient, „die es zu verhindern gilt“, wie Beck damals erklärte.[10] Tatsächlich stößt die Perspektive dort an die Grenzen, wo wir sie als historisches Narrativ fruchtbar machen wollen. Denn Narrative dienen der Organisation und Ordnung von Ereignissen und Erfahrungen im Zeitverlauf. Dieser Ordnung aber entzieht sich die Deutung von Gegenwart und unmittelbarer Vergangenheit als einem nun schon über fünfunddreißig Jahre andauernden Krisenzustand. Denn die Krise ist hier nicht mehr ein Zwischenzustand oder, wie bei Hobsbawm, der dritte Teil eines Triptychons oder die obere Hälfte eines Sandwichs (bevor, wie Hobsbawm in seinem Zeitalter der Extreme schrieb, die Zukunft eine andere wird).[11] Nein, die Krise scheint hier zum Dauerzustand geworden zu sein. Reaktorkatastrophen, brennende Wälder und grassierende Pandemien: alles nur Variationen des immer Gleichen?

Die ständige Ausrufung des Krisenzustands kann diesen Eindruck entstehen lassen. Doch diese Perspektive birgt Gefahren. Zum einen verstellt die Omnipräsenz des Krisenbegriffs den Blick auf individuelle Problemlagen. Zum anderen kann sie dazu führen, dass der Begriff der Krise sein handlungsmotivierendes und mobilisierendes Moment einbüßt. Für den amerikanischen Anthropologen Joseph Masco ist der Begriff der Krise angesichts seiner Omnipräsenz im 21. Jahrhundert deshalb bereits „zu einer konterrevolutionären Kraft geworden“.[12] Statt wie früher die Kritik und grundlegende Veränderung gegenwärtiger Ordnungen zu evozieren, diene der Begriff heute in erster Linie dem Erhalt und der Stabilisierung des Status Quo. So provoziere die narrative Übersättigung und begriffliche Überdosis eine Gegenwarts- und Zukunftsangst, die eine kollektive Erregung bei gleichzeitiger politischer Erstarrung zur Folge habe.[13] Statt eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit ökologischen, wirtschaftlichen und militärischen Problemlagen herbeizuführen, würde die ständige Ausrufung der Krise immer öfter zu oberflächlichen Notfallmaßnahmen führen, die letztlich nur der Bewahrung des Ist-Zustands dienen würden. „The crisis in crisis from this point of view“, so Masco, „is the radical presentism of crisis talk, the focus on stabilizing a present condition rather than engaging the multiple temporalities at stake in a world of interlocking technological, financial, military, and ecological systems.”[14]

Tatsächlich scheint der Begriff der Krise heute einen Großteil seiner revolutionären Kraft eingebüßt zu haben – eine Tendenz, die durch die weitgehende Abwesenheit positiver Zukunftsentwürfe verstärkt wird. „Die Ungewißheit der Krise ist identisch mit der Gewißheit der utopischen Geschichtsplanung,“ konnte Reinhart Koselleck 1959 noch behaupten. „Das eine fordert das andere heraus und umgekehrt, und beide zusammen perpetuieren seitdem den Prozeß, den die bürgerliche Intelligenz ahnungslos gegen den absolutistischen Staat eröffnet hatte.“[15] Dieser Zusammenhang hat sich aufgelöst. Die geschichtsphilosophischen Implikationen, die dem Begriff der Krise anhafteten, haben sich zersetzt. Zwar mündet die Verwendung des Krisenbegriffs regelmäßig in kollektive Erregungswellen, diese führen jedoch in erster Linie zu Ermüdung und Lähmung. Dieses Muster zeichnet sich auch aktuell ab. Nachdem in den Frühjahrswochen allerorts der historische Ausnahmezustand, ja Wendepunkt ausgerufen wurde, mehren sich inzwischen die Beteuerungen, dass all dies bald Vergangenheit sein werde. Die Zukunft aber wird nicht etwa als neu und anders ausgemalt, sondern als altbekannt: Schon bald, so das Versprechen, werde alles wieder wie vorher sein. In diesem Sinn erklärte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich: „Ich bin sicher: Das Leben, wie wir es kannten, wird zurückkehren.“[16] Der Begriff der Krise evoziert hier nicht mehr die Hoffnung auf eine andere, bessere Zukunft, sondern das Versprechen auf eine Rückkehr zu einer wie auch immer gearteten „Normalität“, wobei Vergangenheit und Zukunft einander in diesem Bild gleichen wie die beiden Flügel eines Schmetterlings.

Diese Fantasielosigkeit ist gerade angesichts der Erfahrungen der letzten Monate erstaunlich. Schließlich verdeutlichen die im Zuge der Coronakrise beschlossenen Maßnahmen vor allem eines: die Handlungsspielräume der Politik. Während politisches Handeln und Nicht-Handeln in der Vergangenheit meist durch vermeintliche Handlungszwänge begründet wurde – davon zeugt nicht zuletzt die Konjunktur der Begriffe der Systemrelevanz und der Alternativlosigkeit – erleben wir plötzlich, was machbar ist. Fabriken, Flughäfen und Schulen werden geschlossen, Freiheitsrechte eingeschränkt und das Primat der Wirtschaft hinterfragt. „Wie erklärt man das?“, fragte der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze vor einigen Wochen und verlieh damit einer Überraschung Ausdruck, die viele derzeit empfinden: „Kaum hatten die Aktivisten von Extinction Rebellion den Flughafen Heathrow schließen wollen, und man hielt sie für spinnert, da machte Heathrow wirklich dicht, und alle fanden es nur vernünftig?“[17]

Dieses Überraschungsmoment sollten wir als Historikerinnen und Historiker fruchtbar machen. Statt panisch nach historischen Vorläufern der gegenwärtigen Krise zu suchen oder die aktuellen Erfahrungen vorschnell in ein historisches Narrativ einzureihen, könnten wir beginnen, der Offenheit vergangener Gegenwarten in unseren Erzählungen mehr Aufmerksamkeit zu schenken.[18] Denn Hobsbawms Beobachtung, dass Irrtum und Überraschung zu den zentralen Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts gehörten, besitzt mitnichten nur für dieses Jahrhundert Gültigkeit. Statt frühere Gegenwarten lediglich als ineinander mündende Vergangenheiten zu schildern, die gemeinsam und scheinbar zwangsläufig einen einzelnen Entwicklungsstrang bilden, sollten wir deshalb versuchen, die Kontingenz und die Möglichkeitsräume in vergangenen Gegenwarten sichtbarer zu machen. „Sideshadowing“, nannten die Literaturwissenschaftler Gary Saul Morson und Michael André Bernstein diese Technik und den damit verbundenen offenen Zeithorizont, wobei sie beides in den Romanen Lew Tolstojs und Fjodor Dostojewskis exemplarisch verwirklicht fanden.[19]

Das könnte eine Veränderung unserer historischen Narrative bedeuten, die einer als historisch empfundenen Gegenwart gerecht wird. Denn Narrative folgen nicht nur spezifischen Temporalitäten – sie können diese auch prägen. Angesichts der Herausforderungen der Gegenwart, allen voran der Klimaerwärmung, könnte das Sichtbarmachen vergangener Handlungsspielräume von großer Wirkung sein. Denn erst, wenn wir uns der Offenheit der Gegenwart bewusstwerden, können wir Verantwortung für die Zukunft übernehmen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. https://twitter.com/DBGerrard/status/1270134800519700481?s=20 (22.10.2020).
[2] Eric Hobsbawm, The present as history: writing the history of one’s own time, in: David Bates / Jennifer Wallis / Jane Winters (Hrsg.): The Creighton Century, 1907-2007, London 2020, S. 269–285, hier S. 280.
[3] Ebd., S. 281.
[4] Siehe "Die Seuche unserer Zeit." Martin Sabrow im Gespräch mit Anja Reinhardt (2020), https://www.deutschlandfunk.de/historisches-ereignis-coronavirus-die-seuche-unserer-zeit.691.de.html?dram:article_id=474528 (22.10.2020).
[5] Ulrich Beck, Risikogesellschaft: auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986; vgl. dazu auch Adam Tooze, The Sociologist Who Could Save Us From Coronavirus, 01.08.2020, https://foreignpolicy.com/2020/08/01/the-sociologist-who-could-save-us-from-coronavirus/ (22.10.2020).
[6] Beck, Risikogesellschaft, S. 17.
[7] Ebd., S. 18.
[8] Siehe dazu Naomi Oreskes / Erik M. Conway, Merchants of doubt: how a handful of scientists obscured the truth on issues from tobacco smoke to global warming, New York 2010.
[9] Siehe "Vertrauensverlust und Wissensermächtigung." Interview mit Sven Reichardt, in: campus-kn. Das Online-Magazin der Universität Konstanz, 28.09.2020, https://www.campus.uni-konstanz.de/wissenschaft/vertrauensverlust-und-wissensermaechtigung (22.10.2020); Rüdiger Soldt, Bunte Misstrauensgemeinschaft, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2020, S. 8.
[10] Beck, Risikogesellschaft, S. 11.
[11] Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1998, S. 719–720.
[12] Joseph Masco, The Crisis in Crisis, in: Current Anthropology 58,S15 (2017), S. S65–S76, hier S. S67.
[13] Ebd., S. S65–S66.
[14] Ebd., S. S73.
[15] Reinhart Koselleck, Kritik und Krise: Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, Frankfurt am Main 1976, S. 154.
[16] Siehe Jens Thurau, Merkel: "Das Leben, wie wir es kannten, wird wieder zurückkehren", in: Deutsche Welle, 30.09.2020, https://p.dw.com/p/3jCoX (22.10.2020).
[17] "Worüber denken Sie gerade nach, Adam Tooze?" Interview mit Adam Tooze, in: DIE ZEIT, 09.09.2020, S. 47.
[18] Zur gegenwärtigen Konjunktur des historischen Vergleichs, siehe Laetitia Lenel, Alles neu macht das Coronavirus?, in: SciLogs, 12.04.2020, https://scilogs.spektrum.de/fischblog/alles-neu-macht-das-coronavirus/ (22.10.2020).
[19] Gary Saul Morson, Narrative and freedom: the shadows of time, New Haven 1994; Michael André Bernstein, Foregone conclusions: against apocalyptic history, Berkeley 1994.

Zitation
Forum: Zeiterfahrung: L. Lenel: Geschichte ohne Libretto, in: H-Soz-Kult, 05.12.2020, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-5090>.