Historikertag 2021: Frühe Neuzeit

Von
Maximilian Görmar, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

Besprochene Sektionen:

Deutungskämpfe um die Rus’: Erinnerungsorte der Frühen Neuzeit

Das Alte Reich und die Schweiz in globaler Perspektive

Deutungskämpfe um die Gegenwart: Zeitgenossenschaft und Zeitdiagnostik um 1800 in der Kontroverse

„…dieser unmenschliche Handel unter britischer Flagge … war durch ganz Deutschland verabscheut“. Die angebliche Abwesenheit deutscher Akteure im transatlantischen Sklavenhandel

Mobilität und Konnektivität: Quellen, Methoden und hermeneutische Deutungskämpfe im Spannungsfeld von analoger Quellenkritik und digitaler Forschung

Zukunftswissen und Religion. Konkurrierende Praktiken und Diskurse von Zeit und Zeitlichkeit (1700–1900)

„Deutungskämpfe“ war das Motto des diesjährigen Historikertages, und Deutungskämpfe unterschiedlicher Art präsentierten auch die Sektionen mit Frühneuzeit-Bezug mal eher implizit, mal explizit. Dabei ging es nicht nur um Deutungskämpfe in der Frühen Neuzeit selbst, sondern mehr noch um Deutungskämpfe innerhalb der Geschichtswissenschaft und auch in einer breiteren Öffentlichkeit über die Frühe Neuzeit. Als größter Schwerpunkt lassen sich dabei die Deutungen nationaler oder besser protonationaler Akteure, Kollektive und Einzelpersönlichkeiten, und ihrer Rolle in globalen oder zumindest transnationalen „entangled histories“ festhalten.[1] Dieser inhaltliche Schwerpunkt überlagerte sich in mehreren Sektionen mit aktuellen methodisch-theoretischen Deutungskämpfen zwischen digitalen und analogen Frühneuzeitforschern, die, so erweckte es den Eindruck, immer noch eher nebeneinander her als miteinander agierten. Schließlich lassen sich als dritter Schwerpunkt die Debatten um Zeit, Zeitlichkeit, Zeitgenossenschaft und Zeitdiagnostik, also der sogenannte „temporal turn“[2] identifizieren, der in zwei epochenübergreifenden Sektionen, deren chronologische Mitte in der Zeit um 1800 lag, einerseits vor stärker säkularem andererseits vor religiösem Hintergrund und unter starker Beteiligung von Frühneuzeithistoriker:innen, thematisiert wurde.[3]

Als emblematisch für die Deutungskämpfe in Bezug auf die ersten beiden genannten Schwerpunkte kann vielleicht der Vortrag von TOBIAS WINNERLING (Düsseldorf) in der die Frühe Neuzeit sonst nur am Rande streifenden Sektion „Geschichte spielen, wie es eigentlich gewesen ist – Das Digitale Spiel im Spiegel seiner Authentizitätsdebatten“ gelten. Unter dem Obertitel „Es war einmal im Jahre Quersumme Neun - oder nicht?“ widmete sich Winnerling den historisierenden Spielen der bekannten „Anno“-Reihe, in denen der europäische Kolonialismus und Imperialismus zwischen etwa 1400 und 1900 dargestellt wird. Dabei würden aber gerade die aus heutiger Sicht kritischen und politisch besonders aufgeladenen Aspekte, wie die Unterdrückung und Ausbeutung indigener Kulturen oder der transatlantische Sklavenhandel, ausgeklammert. Den Spieler:innen werde so ein geschöntes Bild der europäischen Expansionsgeschichte präsentiert. Allerdings führte dies weder unter den Spieler:innen noch in der Fachpresse oder in der Geschichtswissenschaft zu größeren Diskussionen.

Ein ähnlich geschöntes Bild bot die Forschung lange in Bezug auf deutsche und schweizerische Verstrickungen in die sogenannte erste Globalisierung und vor allem den transatlantischen Sklavenhandel, wie gleich zwei Sektionen unter der Leitung von REBEKKA VON MALLINCKRODT (Bremen) zeigten. Im Anschluss an eine Sektion auf dem Frühneuzeittag 2017 problematisierten die Referent:innen das ältere Narrativ, dass Deutsche sich an dem Sklavenhandel und der kolonialen Ausbeutung nicht beteiligt hätten.[4] Dieses sei, wie KLAUS WEBER (Frankfurt an der Oder) in seinem Kommentar zu der zweiten Sektion mit dem Titel „‚…dieser unmenschliche Handel unter britischer Flagge … war durch ganz Deutschland verabscheut‘. Die angebliche Abwesenheit deutscher Akteure im transatlantischen Sklavenhandel“ ausführte, durch den im späten 18. und 19. Jahrhundert in Deutschland größtenteils befürworteten Abolutionismus geprägt gewesen. Jedoch hätten deutsche und schweizerische Akteure – letztere gerieten vor allem in der Sektion „Das Alte Reich und die Schweiz in globaler Perspektive“ ins Blickfeld – ebenso an dem kolonialen „Kriegskapitalismus“[5] der Seemächte partizipiert und profitiert wie am transatlantischen Sklavenhandel. Dieser „participatory colonialism“, von dem wiederum Weber sprach, bzw. „colonialism without colonies“, wie RENATE DÜRR (Tübingen) in ihrem Vortrag über Joseph Stöcklein und dessen „Neue Welt-Bott“ (40 Tle., 1726-1761) formulierte, entfaltete sich in mehreren Teilaspekten.

Den ökonomischen Aspekt behandelten schwerpunktmäßig ANKA STEFFEN (Frankfurt an der Oder) mit einem Vortrag über die schlesische Leinwandproduktion und deren Bedeutung als Exportgut nach Westafrika und die Karibik zwischen dem 17. Jahrhundert und dem 1. Weltkrieg, SUSANNA BURGHARTZ (Basel) mit einem Vortrag über die Basler Eliten und ihre Verstrickung in koloniale Handelsnetzwerke sowie MAGNUS RESSEL (Frankfurt am Main) in seinem Vortrag über den Großunternehmer Friedrich Romberg. In allen diesen Vorträgen wurde deutlich, wie eng Sklavenhandel, europäische Exportwirtschaft und koloniale Plantagenwirtschaft miteinander verknüpft waren, sodass die Beteiligung der deutschen Akteure am transatlantischen Handel automatisch eine Verstrickung in die Sklaverei mit sich brachte, die bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts keineswegs problematisch erschien.

Dies galt auch für die deutschen „Surinamgänger“, die SARAH LENTZ (Bremen) in einem Vortrag, der migrations- und ökonomiegeschichtliche Beobachtungen verband, untersuchte. Selbst die Missionare der Herrnhuter Brüdergemeinde in den dänischen Karibikkolonien, oder ihre Brüder und Schwestern in der mitteleuropäischen Heimat hatten kein Problem mit der Sklaverei, wie JOSEF KÖSTLBAUER (Bremen) ausführte. Sie legitimierten sie vielmehr unter Rückgriff auf die Bibel und mit dem Argument ökonomischer Notwendigkeiten. Dass sie auch nach erfolgter Bekehrung die versklavten Menschen in ihrem Besitz nicht immer freiließen, zeigen unter anderem Beispiele von Nicht-Europäern, die von den Herrnhutern mit nach Europa gebracht wurden, um als sichtbares Zeichen ihrer Missionserfolge zu dienen.[6]

Das Alte Reich erscheint vor diesem Hintergrund als ein „slavery hinterland“, was sich auch in den juristischen Diskursen zur Sklaverei zeigte, die REBEKKA VON MALLINCKRODT (Bremen) nachzeichnete. Hier wurden im 18. Jahrhundert „Negersklaven“, so der Quellenbegriff, als neue rassistisch konnotierte Kategorie in die bestehenden Rechtslehren eingeführt, die auf dem römischen und dem germanischen Recht gründeten. Auch die Anwendung des kolonialen Rechts auf Sklaven aus den Kolonien wurde diskutiert.

Solche wissensgeschichtlich relevanten Rückwirkungen der europäischen Expansion auf den mitteleuropäischen Raum legten auch ULINKA RUBLACK (Cambridge) und RENATE DÜRR (Tübingen) am Beispiel des Kunst- und Naturalienhändlers Philipp Hainhofer und Joseph Stöckleins „Neuem Welt-Bott“ dar. Reise- und Missionsberichte, von denen eine große Zahl im „Welt-Bott“ abgedruckt wurden, bildeten nach Rublack einen „agentiven Nexus“ mit Raritäten und Waren aus Übersee, bei dem erstere einen Bedarf nach letzteren generierten, indem sie unter den potentiellen Käufern kollektive Identitäten und Geschmäcker förderten. Dagegen betonte Dürr die Wissenvermittlung durch die Berichte, die ebenfalls dazu führte, dass die Leser:innen eine (proto-)koloniale Identität entwickeln konnten und dazu ermächtigt wurden, am Kolonialismus teilzuhaben.

Um kollektive Identitäten in transnationaler Perspektive ging es auch in der von SANDRA DAHLKE (Moskau) geleiteten Sektion zu den Deutungskämpfen um die Rus‘. Dabei ging es um die Frage, inwieweit sich in den ostslawischen Gebieten zwischen 1500 und 1750 Gruppenmythologien im Sinne von Nationsbildungsprozessen mit Bezug auf die Kiewer Rus herausgebildet haben. Als heuristischer Zugriff diente das von Pierre Nora etablierte Konzept der Erinnerungsorte[7], mit dessen Hilfe die in den Vorträgen behandelten historischen Narrative, die vor dem Hintergrund gegenwärtiger identitäts-, geschichts- sowie realpolitischer Konflikte zwischen der Ukraine, Belarus und Russland an Aktualität gewinnen, gefasst werden sollten.

Die Fallstudien setzten sich dann mit so unterschiedlichen Erinnerungsorten wie der Taufe bzw. Christianisierung der Rus (NATALIJA A. SINKEVICH, München), die vor dem Hintergrund konfessioneller Deutungskämpfe zwischen katholischen und russisch-orthodoxen Autoren erörtert wurde, Moskau (PETR S. STEFANOVICH, Moskau), das sowohl ideell als auch materiell einen wichtigen Erinnerungsort und Topos für die Zarendynastien und den orthodoxen Glauben darstellte, dem in Kiew erschienenen Geschichtsbuch Sinopsis (LUDWIG STEINDORFF, Kiel), dessen Publikationsgeschichte und unterschiedliche Fassungen (1. Aufl. 1674, 2. Aufl. 1681) in relativer kurzer Abfolge deutliche identitätspolitische Akzentverschiebungen zwischen dem polnisch-litauischen Reich, dem ukrainischen Kosakenhetmanat und dem Moskauer Zarenreich erkennen lassen, und der Suche der Rus‘ nach ihren „Urvätern“ (ANDREJ V. DORONIN, Moskau), die sich nur bedingt der gängigen Ursprungsmythologien aus der biblischen oder griechisch-römischen Überlieferung bedienen konnte. Mit Hinblick auf das in dieser Sektion zugrundegelegte theoretische Konzept Erinnerungsort, wäre im Vergleich zu den globalgeschichtlichen Sektionen und vor dem Hintergrund aktueller Debatten um koloniale Raubkunst in deutschen Museen die Frage bedenkenswert, inwieweit die deutsche Verstrickung in den Sklavenhandel und den Kolonialismus auch ein Erinnerungsort, oder nicht vielmehr ein Ort gezielten Vergessens oder der Nicht-Erinnerung ist.

Nicht thematisiert wurde die Verstrickung in den Sklavenhandel jedenfalls in den Vorträgen der Sektion „Mobilität und Konnektivität: Quellen, Methoden und hermeneutische Deutungskämpfe im Spannungsfeld von analoger Quellenkritik und digitaler Forschung“, obwohl sich hier unter der Leitung von SIMONE LÄSSIG (Washington, D.C.) und URSULA LEHMKUHL (Trier) zwei Vorträge mit einer Akteursgruppe beschäftigten, die in den vorangegangenen Sektionen bereits als Sklavenhalter untersucht worden war. Die Rede ist von den Herrnhutern, deren globale Netzwerke teils in Verbindung mit anderen verwandten religiösen Gruppen – den Quäkern, Wiedertäufern und Pietisten – von ROSALIND J. BEILER (Orlando, FL) und KATHERINE FAULL (Lewisburg, PA) mit Hilfe digitaler Methoden untersucht werden.[8] Dabei hoben sie insbesondere den hermeneutischen Wert von Visualisierungen hervor, den sie anhand von Netzwerkgraphen und Kartendarstellungen veranschaulichten, mit deren Hilfe sie Korrespondenznetzwerke und Migrationsbewegungen untersuchten. Außerdem machen solche Visualisierungen, die sich in Verbindung mit einer entsprechenden digitalen Methodik bereits seit Längerem einer wachsenden Beliebtheit in der Geschichtswissenschaft erfreuen[9], Lücken in der Überlieferung deutlich. Eine solche digitale Hermeneutik hatte in seinem Eingangsreferat zur Sektion bereits ANDREAS FICKERS (Luxemburg) als eine „Hermeneutik des Dazwischenseins“ oder der Hybridität zwischen maschineller Objektivität und kritischer Subjektivität definiert, wie er ebenfalls anhand der historischen Netzwerkanalyse exemplifizierte.

Dem digitalen Zeitgeist folgend schlichen sich dann auch Visualisierungen in einzelne Vorträge der beiden zuletzt besprochenen Sektionen ein, die ansonsten im besten Sinne klassisch-hermeneutisch ausgerichtet waren und den geschichtswissenschaftlichen „temporal turn“ exemplarisch am Übergang von der Frühen Neuzeit zur Moderne nachvollzogen. So illustrierte THEO JUNG (Freiburg im Breisgau) in der ersten der beiden Sektionen mit dem Titel „Deutungskämpfe um die Gegenwart: Zeitgenossenschaft und Zeitdiagnostik um 1800 in der Kontroverse“ seine Analyse zum Aufkommen des Zeitgeist-Begriffs seit dem Ende des 18. Jahrhunderts mit einer Google-Ngram-Darstellung und brachte ihn in Wechselbeziehung mit dem Begriff der Zeitgenossenschaft. Auf theoretischer Ebene bezog sich Jung auf Achim Landwehrs Konzept von der „Pluralität der Zeiten“[10] und Reinhart Kosellecks These von der Verzeitlichung des Bewusstseins im Übergang zu Moderne.[11] Die Thesen Kosellecks zur Veränderung des Zeitbewusstseins während der Sattelzeit von 1750 bis 1850 wurde dann von HELGE JORDHEIM (Oslo) problematisiert ebenso wie von mehreren Vortragenden der Sektion „Zukunftswissen und Religion. Konkurrierende Praktiken und Diskurse von Zeit und Zeitlichkeit (1700–1900)“.

So kritisierte ANNE-CHARLOTT TREPP (Kassel) in ihrem Referat über das Fortschritts- und Entwicklungsdenken in bürgerlichen Selbstzeugnissen an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert die Quellenauswahl, selektive Argumentation und sentenzartige, isolierte Belegweise Kosellecks, mit der er seine These von der Beschleunigung der Zeiterfahrung in der Sattelzeit vor allem durch die Französische Revolution untermauert. Die Verzeitlichung ist dabei nach Trepp für Koselleck gleichzeitig eine Verweltlichung. Demgegenüber stellte sie die Religiosität in den von ihr untersuchten Selbstzeugnissen heraus, die sich unter anderem in einer millenaristischen Deutung der Revolution in den Niederlanden niederschlug. Nichtsdestotrotz stellte auch sie eine Ersetzung der Bibel durch die Natur als Erkenntnismittel fest, bei der die „scala naturae“ zum Spiegelbild menschlicher Entwicklung wurde.

Gegen die Kritik von Trepp und anderen verteidigte dann ARNDT BRENDECKE (München) Koselleck ein Stück weit, indem er sagte, man solle ihn „nicht mit dem Bade ausschütten“. Im selben Atemzug hob er die Bedeutung der historischen Semantik bei der Untersuchung des Zeitbewusstseins hervor, während er der Untersuchung von Zeitpraktiken, die Trepp in ihren einleitenden Bemerkungen zur Sektion als präferierten methodischen Zugriff angekündigt hatte, nur ein begrenztes Erkenntnispotential zuerkannte. Zu unscharf sei bei diesem Thema die Abgrenzung von Praxeologie und Semantik, zu unscharf seien auch zentrale Begriffe wie Zukunft, Wissen, Religion, zu uneindeutig zwischen Säkularität und Religion sei schließlich die Zukunft selbst im Spannungsfeld von Kontingenz und Mortalität bzw. Determiniertheit, wie ACHIM LANDWEHR (Düsseldorf) in seinem Kommentar hinzufügte. Nicht zuletzt, so wieder Brendecke, sei Handeln immer zukunftsbezogen, sodass die Definition spezieller Zukunftspraktiken schwierig sei. Und in der Tat argumentierten die Vortragenden der Sektion eher auf der semantischen oder diskursiven Ebene als auf der praxeologischen Ebene, etwa mit dem Aufkommen des Jenseits-Begriffs.

Dieses sah LUCIAN HÖLSCHER (Bochum) als ein Symptom dafür, dass seit der Aufklärung Zukunft zunehmend innerweltlich verstanden wurde, während MANUEL KOHLERT (Kassel) anhand einer Untersuchung der Diskurse um den „future state“, das Äquivalent zum Jenseits, zu dem Schluss kam, dass sich die Vorstellungen davon im Spannungsfeld von Säkularisation, natürlicher und geoffenbarter Religion sowie des im 18. Jahrhundert aufkommenden Spiritismus bis in das frühe 19. Jahrhundert immer weiter diversifizierten und differenzierten.

Auf der semantischen Ebene lassen sich einige interessante Querverbindungen feststellen, die zeigen, dass nicht nur in den Debatten um die Zukunft religiöses Wissen und religiöse Terminologien eine wichtige Rolle spielten, sondern auch in den Deutungskämpfen um Zeitzeugenschaft und Zeitdiagnostik um 1800. So zitierte UWE JUSTUS WENZEL (Zürich) in seinem Beitrag über die philosophische Zeitgenossenschaft bei Hegel Friedrich Schlegel mit den Worten, der Historiker sei ein „rückwärtsgewandter Prophet“, womit er die Notwendigkeit des Abstandes vom Geschehen für eine angemessene Zeitdiagnose durch den Historiker unterstrich. Hegel, der den Historiographen als eine Synthese aus Philosoph und Dichter gesehen hatte, hat dies mit dem Satz „Die Eule der Minerva beginnt erst in der Dämmerung ihren Flug“ zum Ausdruck gebracht, wobei die Eule der Minerva als Versinnbildlichung der Philosophie wiederum der religiösen Sphäre entlehnt war.

Die Eule der Minerva begegnete bereits vorher in dem Vortrag von SUSAN RICHTER (Kiel), in dem sie am Beispiel von Rétif de la Bretonnes „Les Nuits de Paris“ die Figur des beobachtenden Zeitgenossen oder „spectateur“ Bretonne folgend als eine Verbindung von Schriftsteller bzw. Dichter, Historiograph und Philosoph charakterisierte. In der Verbindung dieser Rollen kann er, ähnlich wie Hegels Historiograph, dem Augenblick in der unmittelbaren Diagnose Signifikanz verleihen. Als „janusköpfige Schwellenfigur zwischen den Zeiten“, so Richter, ist er damit dem Propheten verwandt und kann als Seismograph für Stimmungen dienen, so wie Bretonne 1788 am Vorabend der Revolution bereits den Unmut des Volkes registrierte.

Diesen Unmut nahm auch Louis-Sébastien Mercier im „Gemurmel der Sansculotten“ wahr, was SEBASTIAN SCHÜTTE (Heidelberg) als Beispiel für die akustische Zeitgenossenschaft Merciers anführte. Auch Mercier erscheint dabei als ein Zeitgenosse, der, so Schütte, einer materialistischen Geschichtsdeutung folgte und die Kunst Tacitus‘ mit der Shakespeares, also Historiographie und Dichtung, kombinierte. Poetische, historische und philosophische Wahrheit, so könnte man diese Sektion zusammenfassen, fielen im Medium der Zeitgenossenschaft also zusammen.

Wie lassen sich nun die präsentierten Deutungskämpfe um die Frühe Neuzeit und in der Frühen Neuzeit bilanzieren? Klargeworden ist, dass das Motto des Historikertages durchaus produktiv war und auf mehreren Ebenen Kontroversen offenlegte und provozierte, etwa um den Sklavenhandel und den Kolonialismus oder um das Verhältnis zu Zeit und Zeitlichkeit in der Frühen Neuzeit, die vor dem Hintergrund aktueller gesamtgesellschaftlicher Debatten und Krisen ein erhebliches Maß an Aktualität haben. Klar wurde auch, dass Deutungskämpfe nur im Diskurs, in der Diskussion ausgetragen werden können, und eine fehlende Diskussion, wie der eingangs besprochene Vortrag Tobias Winnerings zeigte, auch zu einem Fehlen von Deutungskämpfen führt. Dass diese fehlende Auseinandersetzung vonseiten der Geschichtswissenschaft sich gerade an einem digitalen Medium beobachten lässt, deutet auf den nach wie vor nur punktuellen Dialog zwischen digitalen und analogen Frühneuzeithistoriker:innen hin. Diesen Dialog mit allen dazugehörigen, durchaus wünschenswerten Deutungskämpfen auszuweiten, ist, zumindest aus Sicht des Berichterstatters, ein dringendes Desiderat. Dies gilt gerade für die global und transnational fokussierte Frühneuzeitforschung, die sich, wie in einigen Vorträgen bereits gezeigt, für den heuristischen Einsatz von Netzwerken, Karten und anderen Visualisierungstechniken geradezu anbietet und vermutlich auf absehbare Zeit ein wichtiger Schwerpunkt in der Geschichtswissenschaft bleiben wird.

Anmerkungen:
[1] Zusätzlich zu den besprochenen Sektionen sei hierzu die Podiumsdiskussion erwähnt, die unter dem Titel „Maritime Gewalt, Märkte und Staatlichkeit. Deutungskämpfe an der Wende zur Neuzeit“ unter der Leitung von Philipp Höhn (Halle a. d. Saale), die Grenze von Mittelalter und Früher Neuzeit überschritt. Ebenfalls globalgeschichtlich angelegt war die Sektion „Japan, Korea und Mitteleuropa. Sozialer Wandel in mittelalterlich-frühneuzeitlichen Gesellschaften im Vergleich“, die Franz Josef Arlinghaus (Bielefeld) moderierte. Thematisch schlossen sich die globalgeschichtlichen Sektionen eng an den Frühneuzeittag 2017 wie auch den Historikertag 2018 an. Vgl. Peter Burschel / Sünne Juterczenka (Hrsg.), Das Meer. Maritime Welten in der Frühen Neuzeit. The Sea. Maritime Worlds in the Early Modern Period, Wien 2021; Jutta Wimmler: Historikertag 2018: Frühe Neuzeit, in: H-Soz-Kult, 04.12.2018, https://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-4642 (30.11.2021).
[2] Vgl. Caroline Rothauge, Es ist (an der) Zeit. Zum „temporal turn“ in der Geschichtswissenschaft, in: Historische Zeitschrift 305 (2017), S. 729-746.
[3] Mit religiösen Deutungskämpfen befasste sich auch die hier nicht besprochene Sektion „Interpretations of Paul and the Dynamic of Christian-Jewish Interaction in the Later Middle Ages and the Early Modern Period“ (Leitung: Katrin Kogman-Appel und Wolfram Drews, beide Münster).
[4] Vgl. Burschel / Juterczenka, Das Meer, S. 575-624; außerdem Rebekka von Mallinckrodt / Josef Köstlbauer / Sarah Lentz (Hrsg.), Beyond Exceptionalism. Traces of Slavery and the Slave Trade in Early Modern Germany, 1650–1850, Berlin 2021.
[5] Diesen von Sven Beckert eingeführten Begriff verwendete Susanne Burghartz (Basel) in ihrem Vortrag „Ökonomie, Krieg und Kommunikation. Globale und lokale Verflechtungen der Basler Elite im 18. Jahrhundert“. Vgl. Sven Beckert, King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus, München 2014, S. 51.
[6] Vgl. auch Josef Köstlbauer: Claiming a Runaway Slave in the Holy Roman Empire: The Case of Samuel Johannes (1754), in: WORCK. Worlds of Related Coercions in Work, 21.09.2021, https://ubib-sfb1288-appsrv03.ub.uni-bielefeld.de/node/99 (30.11.2021).
[7] Pierre Nora (Hrsg.), Les lieux des mémoire, 7 Bde., Paris 1984-1992.
[8] Vgl. People, Religion, Information Networks, and Travel – Migration in the Early Modern World (PRINT), https://chdr.cah.ucf.edu/print/index.html (30.11.2012); Moravian Lives. Tracing the Movements and History of Members of the Moravian Church (1750-2012, http://moravianlives.org/ (30.11.2021).
[9] Vgl. Robert Gramsch-Stehfest, Von der Metapher zur Methode. Netzwerkanalyse als Instrument zur Erforschung vormoderner Gesellschaften, in: Zeitschrift für Historische Forschung 47 (2020), S. 1-40; außerdem die von Dorothea Weltecke (Frankfurt am Main) geleitete Sektion „Visualisierung historischer Daten – Chancen und Risiken“ und den Vortrag „Historische Zugehörigkeiten im Wandel der Zeit – die besonderen Herausforderungen für GIS-Projekte zur Frühen Neuzeit“ von Monika Barget (Mainz). Auch im „NFDI4Memory Café“ wurde im Rahmen des Themenfeldes 2 „Digitale Methoden der Quellenanalyse“ der heuristische und hermeneutische Mehrwert von Visualisierungen diskutiert.
[10] Vgl. Achim Landwehr, Von der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“, in: Historische Zeitschrift 295 (2012), S. 1-34, bes. S. 28f.
[11] Vgl.Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a. M. 1979. Eine kritische Auseinandersetzung mit Kosellecks Historik bot auch der Vortrag „Der Krieg als Vater aller Begriffe? Reinhart Kosellecks Historik im Kontext seiner Erfahrung (1980er– 90er Jahre/18.–19. Jh.)“ von Bodo Mrozek (Berlin) in der Sektion „Theorien, Konzepte, Grundbegriffe: Historiographische Kategorien als Streitgeschichte bei Mannheim, Cantimori, Foucault und Koselleck“.

Zitation
Historikertag 2021: Frühe Neuzeit, in: H-Soz-Kult, 04.12.2021, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-5332>.