Historikertag 2004: Geschlechtergeschichte

Von
Wiebke Kolbe, Universität Bielefeld

Besprochene Sektionen:

"Umkämpfte Räume. Delinquente Jugendkulturen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Bundesrepublik, DDR, USA)"
"Geschichte der Kriegsberichterstattung"
"Freiräume – Freizeitgestaltung in Europa in der Frühen Neuzeit"
"Eine „zweite Gründung“? 1968 und die langen 60er Jahre in der Geschichte der Bundesrepublik"

Das Geschlecht der Geschichte: Suchbewegungen auf dem 45. Deutschen Historikertag 2004 in Kiel

Gender History is here to stay“.[1] Diese programmatische Botschaft der renommierten amerikanischen Historikerin Lynn Hunt von 1998 war sechs Jahre später noch nicht bis zum Deutschen Historikertag durchgedrungen. Als die H-Soz-u-Kult Redaktion mich für einen Querschnittsbericht zur Geschlechtergeschichte über den Historikertag 2004 anfragte, vermutete ich zunächst einen Scherz – oder einen Test, ob ich das Tagungsprogramm denn auch aufmerksam studiert hätte. Das hatte ich – und keinerlei Spuren geschlechtergeschichtlicher Fragestellungen, Themen oder Perspektiven ausmachen können, weder in einzelnen Vorträgen noch in gesamten Sektionen. Daher verwunderte mich das – wie mir auf Nachfrage versichert wurde, durchaus ernst gemeinte – Ansinnen der Redaktion nicht wenig. Doch teilt sie offenbar die Meinung Lynn Hunts, denn sie behandelt Geschlechtergeschichte als eines ihrer fest etablierten redaktionellen Teilgebiete, zu denen regelmäßig Beiträge veröffentlicht werden und zu dem folglich auch ein zu den Epochen und Sektionen quer liegender Bericht über die größte deutsche historische Tagung erscheinen sollte.

Wie erklärt sich die offensichtliche Diskrepanz zwischen den Beurteilungen des Stellenwerts von Geschlechtergeschichte innerhalb der Disziplin durch die Redaktion des größten Online-Geschichtsforums und durch den nationalen Historikerverband, die auf dessen alle zwei Jahre statt findenden Konferenz nicht zum ersten Mal, doch dieses Jahr besonders deutlich zu Tage trat? Liegt es daran, dass sich bei H-Soz-u-Kult eher die so genannten Nachwuchswissenschaftlerinnen und –wissenschaftler tummeln, also HistorikerInnen unterhalb der Professur, während die Historikertage vor allem von etablierten professoralen Vertretern der Zunft besucht werden, deren Vorstellungen davon, was im Zentrum und was am Rande der Disziplin steht, deutlich von denen des Nachwuchses abweichen? Das allein kann es nicht sein, wurde doch gerade für dieses Jahr das „hippe“ kulturalistische Thema „Kommunikation und Raum“ als Motto des Historikertages gewählt, das eine Vielzahl jüngerer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anlockte, und zählen umgekehrt zu den SubskribentInnen von H-Soz-u-Kult durchaus HistorikerInnen aller Qualifikations- und Altersstufen.

Auch am Fehlen historischer Geschlechterforschung oder einschlägiger Sektionsvorschläge kann es nicht gelegen haben. Diese gab es durchaus, und sie nahmen auch Bezug auf das Rahmenthema. Denn obwohl es derzeit (noch) keine ausdrückliche Geschlechtergeschichte des Raums oder der Kommunikation gibt, fließen diese beiden Kategorien in viele geschlechtergeschichtliche Fragestellungen ein. Die Geschlechtergeschichte ihrerseits zählt zu den expandierenden Feldern historischer Forschung, zudem zu denjenigen, die methodische und theoretische Innovationen und Diskussionen nicht nur aufnehmen, sondern auch anstoßen. Nicht zufällig ist der historischen Geschlechterforschung mehrfach eine auffällige Affinität zum Poststrukturalismus bescheinigt worden [2] – somit auch eine besondere Offenheit gegenüber kulturalistischen Fragestellungen. Das macht die offensichtliche Abwesenheit von Geschlechtergeschichte auf einem Historikertag mit dem Thema "Kommunikation und Raum" noch weniger erklärbar.

Machen wir einen weiteren Versuch: Schließlich ist Geschlechtergeschichte nicht nur dort drin, wo auch Geschlechtergeschichte draufsteht. Im Gegenteil: Ein Ziel der Disziplin ist es gerade, keine zu sein bzw. zu bleiben. Neben Forschungen, die Geschlecht ins Zentrum ihres Erkenntnisinteresses stellen (ähnlich wie Forschungen, die vornehmlich nach der Bedeutung von Klasse oder Ethnizität fragen), soll Geschlecht letztlich als eine weitere analytische Kategorie neben Stand/Klasse/Schicht, Rasse/Ethnizität, Konfession oder Alter in eine Vielzahl von Themenbereichen und Fragestellungen der Geschichtswissenschaft integriert und damit etabliert werden. Die ausdrückliche Benennung und Betonung von Geschlecht dient in dieser Sichtweise vor allem dazu, das Bewusstsein für die Relevanz dieser Kategorie zu wecken, wird also als Übergangsphase auf dem Weg zu einer „allgemeinen“ Geschichte verstanden, die ebenso selbstverständlich nach Geschlecht fragt wie nach anderen Kategorien sozialer Ungleichheit.[3] Man könnte nun vermuten, dass das Programm des Kieler Historikertages so „progressiv“ war, dass viele der Sektionen und Vorträge diese Art „allgemeine“ Geschichte einlösten. Das wäre eine mögliche Erklärung für das offensichtliche Fehlen einer als solchen deklarierten Geschlechtergeschichte. Eine mögliche, doch – die geneigten Leserinnen und Leser ahnen es – keine zutreffende.

Infolge des für einschlägig Interessierte unattraktiven Programms fehlte in Kiel auch die Mehrzahl derjenigen, die Geschlechtergeschichte hierzulande betreiben. Daher durchstreifte ich den Historikertag weitgehend auf mich selbst gestellt auf der Suche nach dem Geschlecht der Geschichte, von Epoche zu Epoche, von Thema zu Thema, von Sektion zu Sektion, um letztlich doch kaum fündig zu werden. Begleiten Sie mich im Folgenden auf meinen Suchbewegungen, die mich mangels geschlechtergeschichtlicher Perspektiven vor Ort zu einigen mehr oder weniger assoziativen Überlegungen verleiteten, wie und wo man durchaus hätte fündig werden können und wie sich manche Sektionen oder Themen verändert hätten, wenn sie geschlechtergeschichtliche Forschungen wahr genommen oder geschlechtergeschichtliche Perspektiven einbezogen hätten.

Mittwochnachmittag ging es in die Sektion über „Umkämpfte Räume. Delinquente Jugendkulturen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Bundesrepublik, DDR, USA)“. Die Person des Sektionsleiters Jürgen Reulecke (Siegen) ließ hoffen, dass auch Geschlecht als Analysekategorie vorkommen würde, hat er doch selbst ausführlich zur bündischen Jugend und Männerbünden im 20. Jahrhundert geforscht und geschlechtergeschichtliche Fragestellungen in seine Arbeiten einbezogen.[4] Doch wurde eine entsprechende Perspektive weder in Reuleckes Sektionseinführung noch in den einzelnen Vorträgen sichtbar. Gemäß dem Sektionstitel ging es in allen Beiträgen um delinquente Jugendkulturen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Räumen, wobei den Vorträgen sehr unterschiedliche Raumbegriffe zugrunde lagen. Während Detlef Briesen (Siegen) und Klaus Weinhauer (Hamburg) in ihren Ausführungen über die jugendliche Drogenszene im New York der 1940er und 50er Jahre und über Jugenddelinquenz in bundesdeutschen Großstädten der 1960er und 70er Jahre vornehmlich einen geografischen und sozialen Raumbegriff verwendeten, ging es bei den zeitgenössischen Deutungen der 68er-Bewegung (Franz-Werner Kersting, Münster) und den Bildern von Jugenddelinquenz in der DDR der 1950er und 60er Jahre (Thomas Lindenberger, Potsdam) eher um mentale Räume, besser gesagt um Vorstellungswelten oder gesellschaftliche Diskurse. Mit diesen unterschiedlichen Schwerpunkten griff die Sektion die beiden für die Geschichte der Jugend(-Delinquenz) zentralen Aspekte auf, die möglichst aufeinander bezogen betrachtet werden sollten: die sozialen Praktiken von Jugendlichen einerseits und die gesellschaftlichen Definitionen und Wahrnehmungen von Jugend bzw. Jugenddelinquenz andererseits. Denn bei der historischen Erforschung von „Jugend“ zeigt sich ganz besonders, in welch hohem Maße es sich dabei um eine sozial konstruierte Kategorie handelt – und zwar sowohl in Bezug auf die zeitgenössischen Vorstellungen von Jugend als auch auf Jugend als Kategorie historischer Analyse.

Damit sind wir wieder bei der Geschlechtergeschichte angekommen. Denn allzu häufig hat die historische Jugendforschung den zeitgenössischen Jugendbegriff einfach weitgehend übernommen – und dieser war in der Regel, quasi per Definition, der eines männlichen Jugendlichen. Die seit Ende des 19. Jahrhunderts virulente „Jugendfrage“ war „in vieler Hinsicht eine `Jungenfrage´“, die in den Fragestellungen der historischen Forschung vielfach mitsamt ihres Geschlechterbias´ reproduziert wurde. Denn die Jugendfrage wurde zu einer „Frage“ nicht zuletzt durch als delinquent oder zumindest problematisch wahrgenommenes Verhalten junger Menschen, und hier eben vor allem solcher männlichen Geschlechts, weil ihr Verhalten bei den Zeitgenossen meist mehr öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr oder bedrohlicher erschien als das junger Mädchen. Darüber hinaus sind auch die der historischen Jugendforschung häufig zugrunde liegenden „Vorstellungen von der individualpsychologischen Bedeutung der Jugendphase einerseits, von der gesellschaftlichen Funktion und Entwicklung der Jugend als Gruppe andererseits [...] im Blick auf männliche Lebensläufe und männliche Verhaltensweisen entwickelt worden und lassen sich nur bedingt auf weibliche Jugendliche übertragen.“[5] Auf diese Problematik hat die historische Geschlechterforschung in den letzten Jahren mehrfach hingewiesen, und mittlerweile gibt es Bestrebungen, dieses grundlegende konzeptionelle Problem der historischen Jugendforschung durch das Einziehen einer Gender-Perspektive in inhaltlicher und methodisch-theoretischer Hinsicht zu beheben.[6] Von einer Sektion, die sich mit Jugenddelinquenz beschäftigt, hätte ich erwartet, dass der Geschlechterbias, den dieses Thema in noch höherem Maße beinhaltet als „Jugend“ allein, zumindest benannt, besser noch berücksichtigt wird, indem es in die Fragestellungen mit einfließt. Zum Beispiel: Gab es in der Wahrnehmung der Zeitgenossen und in der sozialen Praxis weibliche „Rocker“, „Rowdies“ oder „Unruhestifter“; stimmten gesellschaftlicher Diskurs und soziale Praxis dabei überein? Wie wären eventuelle Diskrepanzen erklärbar, und welche Bedeutung hatten sie für jugendliche Männer und Frauen, ihre Selbstentwürfe und ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit? Welche Funktion hatte die ge-genderte Konstruktion jugendlicher Delinquenz für die jeweilige Gesellschaft? Solche Fragen hätten aufgegriffen und integriert werden können, ohne dass deswegen die Themenwahl der einzelnen Beiträge oder der Gesamtsektion hätte verändert werden müssen. Bedauerlich, dass die Kategorie Geschlecht dennoch, trotz der mittlerweile vorhandenen (auch) geschlechtergeschichtlichen Arbeiten über Jugend, auf deren konzeptionelle Überlegungen wie auch inhaltliche Ergebnisse man hätte zurückgreifen können[7], hier ignoriert wurde, wie dies leider noch allzu häufig auch in anderen Forschungsfeldern geschieht. Abgesehen davon, dass dabei ein Teil der aktuellen Forschung einfach ausgeblendet wird, werden dadurch auch Forschungskonzepte fortgeschrieben, deren Problematik offensichtlich ist.

Hätten beim Thema Jugenddelinquenz durchaus Geschlechterperspektiven erwartet werden können, galt dies für die donnerstagvormittag stattfindende, Epochen übergreifende Sektion über die „Geschichte der Kriegsberichterstattung“ sehr viel weniger. Wie die Sektionsleiterin Ute Daniel (Braunschweig) einleitend ausführte, steckt die Geschichte der Kriegsberichterstattung noch weitgehend in den Anfängen; daher überrascht kaum, dass es auch noch keine geschlechtergeschichtlichen Forschungen dazu gibt. Auch und gerade in einem neuen Forschungsfeld jedoch kann man geschlechtergeschichtliche Dimensionen von Beginn an mitdenken. Wiederum ließ die Person der Sektionsleiterin, die ausgewiesen in historischer Geschlechterforschung ist, vermuten, dass Geschlecht als Analysekategorie vorkommen würde; doch erneut wurde diese Erwartung enttäuscht.

Die Sektion wollte Anregungen geben, in welche Richtung eine künftige Geschichte der Kriegsberichterstattung gehen sollte, und demonstrierte dies exemplarisch anhand von fünf Beiträgen vom 17. bis zum 21. Jahrhundert, die sich an gemeinsamen Fragestellungen orientierten: Erstens ging es um die Quellen, aus denen sich die Nachrichten über Kriege speisten, und um die Rolle der recherchierenden Berichterstatter vor Ort. Zweitens wurde nach dem Einfluss der sich zunehmend beschleunigenden Kommunikations- und Übermittlungstechniken auf den Inhalt und die Ausgestaltung von Kriegsberichten, drittens nach den jeweiligen Medieneffekten gefragt. Ein vierter Aspekt waren Kontrollmechanismen und Zensur, der fünfte die Frage nach der Bedeutung des Raumes, wobei Daniel drei Raumkomponenten unterschied: Zum einen hatten Kriegsnachrichten räumliche Entfernungen zu überbrücken; zum anderen waren Kriegsschauplätze unstrukturierte Räume, die von den Berichterstattern erfasst werden mussten; und schließlich bestand eine strukturelle Ähnlichkeit zwischen Kriegs- und Reiseberichterstattung. Am Beispiel des Siebenjährigen Krieges (Andreas Gestrich, Trier), des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 (Frank Becker, Münster), des Burenkrieges (Andreas Steinsiek, Braunschweig), der fotografischen Kriegsberichterstattung im 20. Jahrhundert (Gerhard Paul, Flensburg) und der Rolle des Fernsehens in den neuen Kriegen nach 1989 (Karl Prümm, Marburg) griffen die Referenten diese Fragen und Aspekte auf, so dass die Sektion als Ganzes sehr anschaulich insbesondere die Auswirkungen sich wandelnder Medien (Zeitungsbericht, Zeichnung, Fotografie, Film) und Kommunikationswege (z.B. reitende Boten, Feldpost, Telegrafie, Internet), aber auch der Art der Kriegführung auf Inhalte und Gestaltung der Kriegsberichterstattung vom 17. Jahrhundert bis heute vorführte.

Wie die lebhafte und interessierte Diskussion zeigte, erreichte die Sektion ihr Ziel, Überlegungen für weitere Forschungen auf diesem Gebiet anzuregen. Das gilt auch für geschlechtergeschichtliche Aspekte, die sich in dieses noch wenig erforschte Gebiet integrieren ließen und interessante Fragestellungen eröffnen würden. Generell ist zu fragen, ob die durch den Wandel von Kriegführung und Medien veränderten Zugangs-, Vermittlungs- und Rezeptionsweisen zu und von Kriegsgeschehen auch Geschlechterdimensionen besaßen und welche Bedeutung diese dann hatten. Eine mögliche Fragestellung wäre etwa, wie die Berichterstatter die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ verwendeten. Um ein mittlerweile bekanntes Beispiel zu nennen: Die feindliche Seite wurde häufig mittels Attributen oder Konnotationen von Weiblichkeit abgewertet, so etwa die angeblich verweiblichten/verweichlichten Franzosen aus Sicht der Deutschen im Ersten Weltkrieg. Weitere denkbare Fragen: Wie nahmen Kriegsberichterstatter männliche und weibliche „Täter“ und „Opfer“ in Kriegen wahr und präsentierten sie dem heimischen Publikum (z.B. US-Soldaten im Vietnamkrieg, US-Soldatinnen im Golfkrieg oder lange Flüchtlingsströme, die vorwiegend aus Müttern mit Kindern bestanden); wie wurden dadurch Kriege und Gewalt vergeschlechtlicht, und was sagten solche Prozesse des Gendering über die Vorstellungen von Geschlecht, von Krieg und nicht zuletzt von nationalem Selbstverständnis in der Medienberichterstattung aus? Wie veränderte sich das Verhältnis von Krieg und Männlichkeit, wie wandelten sich etwa die Vorstellungen von männlichen Kriegern in der Kriegsberichterstattung in bestimmten Zeiträumen? Und was bedeutet es etwa für kollektive Vorstellungen vom Krieg oder für das Geschlechterverhältnis, dass seit der umfassenden Kriegsberichterstattung im Fernsehen Kriege aus der Perspektive von Soldaten fast in Echtzeit im heimischen Wohnzimmer „miterlebt“ werden können – nun auch von Frauen, die bislang bei solchem Kampfgeschehen nicht dabei waren? Das sind nur einige von vielen möglichen Geschlechterperspektiven in der Geschichte der Kriegsberichterstattung. Hier gäbe es noch viel und Interessantes zu erforschen. Bedauerlich, dass die Sektion diese Dimension vollkommen außer Acht ließ und damit viele wichtige Fragen gar nicht erst aufwarf.

Mit einem deutlichen historischen Zeitsprung landete ich am Freitagvormittag in der Sektion „Freiräume – Freizeitgestaltung in der Frühen Neuzeit“. Dort schlug die Sektionsleitung, Ute Lotz-Heumann (Berlin) und Ulrich Rosseaux (Dresden), vor, den Begriff der Freizeit für die Frühe Neuzeit durch denjenigen des Freiraums zu ersetzen, da eine strikte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit in der Vormoderne nicht auszumachen sei und zudem das Gegensatzpaar Arbeitszeit – Freizeit die Vorstellung einer nur auf die Moderne zutreffenden individuell verfügbaren Zeit beinhalte. Das Konzept des Freiraums erlaube es dagegen, sowohl die räumliche als auch die zeitliche Dimension von Freizeitgestaltung in den Blick zu nehmen und nach den sozialen und kulturellen Praktiken in diesen Freiräumen zu fragen. Diese konzeptionellen Überlegungen lösten eine lebhafte Diskussion und vielfachen Widerspruch aus. Von Freiräumen könne in frühneuzeitlichen Gesellschaften mit ihrem hohen Maß an sozialer Kontrolle kaum die Rede sein, war ein wiederkehrender Einwand, wenngleich die Skepsis gegenüber dem modernen Freizeitbegriff als adäquatem Konzept für die Frühe Neuzeit allgemein geteilt wurde. Nicht diskutiert wurde, dass das Konzept der Freizeit auch für die Moderne irreführend ist. Zwar kann man es als Quellenbegriff benutzen, der sich seit dem 19. Jahrhundert als Gegenbegriff zu „Arbeit“ im wahrsten Sinne des Wortes eingebürgert hat. Doch war er an der Lebenswelt und Norm bürgerlicher und proletarischer Männer als erwerbstätigen Familienernährern orientiert, während er die Arbeits- und Lebenswelt von Frauen ausblendete.[8] Nichtsdestotrotz hat sich die Dichotomie Arbeit – Freizeit im 20. Jahrhundert auch als analytisches Konzept zur Beschreibung und Erforschung moderner Gesellschaften durchgesetzt.

Aus Genderforschungsperspektive jedoch ist „Freizeit“ – bei der „Arbeit“ als Gegenbegriff unweigerlich mit gedacht wird – als analytische Kategorie für die Moderne ebenso ungeeignet wie für die Frühe Neuzeit, da die Zweiteilung des Lebens in Arbeit und Freizeit auf das Gros von Frauen aller Schichten nicht zutraf. Wie schon häufig wird damit ein selbstverständliches Konzept historischen Denkens aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive grundsätzlich in Frage gestellt. Das resultierende Problem ist dasselbe, mit dem sich die Frühneuzeit-Historikerinnen und -Historiker der Freizeit/Freiraum-Sektion herum schlugen: Welchen Begriff soll man statt dessen nehmen? „Freiraum“ scheint für die Frühe Neuzeit nicht der adäquate Ersatz; zumindest konnte das Angebot der Sektionsleitung nicht wirklich überzeugen. Hätte sie Geschlechterperspektiven in ihre Überlegungen einbezogen, hätte zum einen die Abgrenzung zur Neueren Geschichte deutlich weniger pointiert ausfallen müssen; zum anderen wäre das Freiraum-Konzept unschwer als ebenfalls problematisch erkennbar gewesen, denn selbst wenn man von gewissen definierten Freiräumen in der Frühen Neuzeit ausgeht, waren diese für Männer und Frauen höchst unterschiedlicher Art und zudem verschieden weit abgesteckt. Auch den Freiraum könnte man somit nicht als gegeben voraus setzen, sondern müsste das Konzept selbst zum Gegenstand der Fragestellung machen, indem zu untersuchen wäre, ob, inwiefern und durch welche sozialen und kulturellen Praktiken konstituiert jeweils von Freiräumen für Männer und Frauen gesprochen werden kann. Das wäre zwar eine interessante Fragestellung; konzeptionell wäre damit aber gegenüber dem Begriff der Freizeit wenig gewonnen. Zumindest regte die Sektion mit ihren lebhaften Diskussionen, für die genügend Zeit (oder Raum?) blieb, zum Nachdenken über grundlegende konzeptionelle Probleme (nicht nur) der Freizeitgeschichte an, sei es nun aus geschlechter- oder aus „allgemein“-historischer Sicht.

Freitagnachmittag wurde es wieder gegenwartsnäher. In der von Christina von Hodenberg (Berkeley) und Detlef Siegfried (Hamburg) geleiteten Sektion „`Eine zweite Gründung´? `1968´ und die langen 60er Jahre in der Geschichte der Bundesrepublik“ ging es darum, das häufig mystifizierte Jahr 1968 einmal mehr als den entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Bundesrepublik in Zweifel zu ziehen, zugunsten einer Betrachtungsweise, die die langen 1960er Jahre an dessen Stelle setzt. Dies gelang überzeugend mit vier Vorträgen, die die in der Zeitgeschichte lange vorherrschende politikgeschichtliche Perspektive um sozial-, kultur-, medien- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte erweiterten. Anhand der bislang nicht oder nur einseitig erforschten Themen Sexualität (Dagmar Herzog, Ann Arbor), Journalismus (Christina von Hodenberg), Umgang der 68er mit der NS-Vergangenheit (Wilfried Mausbach, Berlin) und Verhältnis jugendlicher Gegenkulturen zur Massenkultur (Detlef Siegfried) konnten die Referentinnen und Referenten zeigen, dass ein tief greifender Wandel in sozialen Praktiken und Mentalitäten in vielen Bereichen der bundesdeutschen Gesellschaft bereits seit Ende der 1950er Jahre und nicht erst mit den Protestbewegungen 1968 einsetzte. Damit unterstrichen sie die jüngsten Deutungen der Zeitgeschichte und erweiterten sie um zentrale inhaltliche Aspekte.

Der Geschlechterhistorikerin kamen in diesem Kontext unweigerlich die neueren einschlägigen Forschungen in den Sinn, die auch bezogen auf die Geschlechterverhältnisse den tief greifenden Wandel – nicht nur für die Geschichte der Bundesrepublik, sondern vermutlich für das gesamte 20. Jahrhundert sowie für alle westlichen Industrienationen – in den langen 1960er Jahren, beginnend mit 1957/58 (und nicht erst mit dem Einsetzen der „neuen“ Frauenbewegung), ausmachen.[9] Dieser Aspekt hätte sich als thematisches Komplement der Sektion durchaus angeboten: Zum einen ist er für ein umfassendes historisches Verständnis der 1960er Jahre und der Entwicklungen in der Folgezeit unverzichtbar; zum anderen gibt es wohl kaum eine gesellschaftliche Entwicklung, die unsere Lebensführung und Mentalität in den letzten Jahrzehnten so nachhaltig verändert und geprägt hat. Nun kann man einwenden, dass die Geschichte der Geschlechterverhältnisse zumindest teilweise beim Thema Sexualität berücksichtigt wurde und zudem keinen Bezug zum symbolischen Jahr 1968 hat – sofern man nicht dieses wiederum als Katalysator für die Frauenbewegung auffasst. Zugestanden – und doch bleibt aus meiner Perspektive eine Irritation über die vollkommene Abwesenheit der Kategorie Geschlecht auch und gerade in dieser Sektion bestehen.

Nur an zwei Orten war Geschlechtergeschichte auf dem Kieler Historikertag tatsächlich präsent: im Doktorandenforum, wo Dissertationsprojekte in Posterform präsentiert wurden, und bei der zweistündigen Vorstellung des Arbeitskreises Historische Frauen- und Geschlechterforschung am Donnerstagmittag. Letztere war recht gut von Interessierten besucht, während etliche der Aktiven offenbar den Weg nach Kiel gescheut hatten (siehe oben). Die Anwesenden stellten aktuelle Forschungsprojekte, Publikationen und Aktivitäten des Arbeitskreises vor, der seit 1990 besteht und derzeit rund 400 Mitglieder umfasst: ein weiteres Zeichen, dass Geschlechtergeschichte im Sinne Lynn Hunts durchaus „hier“ ist und offenbar auch „hier bleibt“ – solange man mit „hier“ nicht den Deutschen Historikertag meint, sondern die historische Forschung an deutschen Hochschulen und sonstigen Institutionen.[10]

Unter den 54 Dissertationsprojekten des Doktorandenforums, das durch die Vielfalt seiner Projekte und die teilweise überaus gelungenen und ideenreichen Präsentationen beeindruckte und eine unbedingt zu wiederholende Bereicherung des Historikertags darstellte, fand sich dennoch nur ein einziges, das ausdrücklich auch geschlechtergeschichtlich war und dies bereits im Titel erkennen ließ: das Projekt Levke Harders von der Berliner Humboldt-Universität über „Geschlecht – Disziplin – Geschichte: Akademikerinnen in der Germanistik und den American Studies von den zwanziger bis zu den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts.“ In ihrem anspruchsvollen Vorhaben verbindet Harders aktuelle Fragen der Wissenschaftsgeschichte mit solchen der Geschlechtergeschichte, indem sie die Zusammenhänge von Integration und Exklusion von Frauen im Wissenschaftssystem, in der Wissensproduktion und in der nationalen Identitätskonstruktion in einem transdisziplinären, transnationalen und transepochalen Vergleich untersucht. Wissenschaftsgeschichte, besonders die Geschichte der Sozial- und Geisteswissenschaften, ist bislang selten in einer Geschlechterperspektive geschrieben worden. Von der Dissertation Levke Harders´ sind daher, nicht zuletzt durch die genannten Vergleichsperspektiven, innovative Ergebnisse zu erwarten.[11]

Die Präsentation des Dissertationsprojekts von Cornelia Baddack von der Universität Köln über die rechte Politikerin Katharina von Kardorff-Oheimb (1879-1962) enthielt ebenfalls eine geschlechtergeschichtliche Dimension. Diese drängt sich bei einer Biografie einer der ersten deutschen Parlamentarierinnen fast unweigerlich auf; das Projekt knüpft damit an neuere Forschungen über Frauen der deutschen Rechten, ihre Motivationen, Aktivitäten und Akzeptanz an. Doch blieb leider unklar, welchen genauen Stellen- und Erkenntniswert die Kategorie Geschlecht in dem Projekt hat und wie sie mit dessen zentraler Fragestellung nach dem politischen Stil von Kardorff-Oheimbs verknüpft ist.

Lediglich ein weiteres Dissertationsprojekt ließ geschlechtergeschichtliche Bezüge eher erahnen, als dass es sie explizit machte: Christian Kehrt von der Technischen Universität Darmstadt fragt in seinem Promotionsvorhaben „Moderne Krieger. Die Technisierung des Kriegsalltags deutscher Militärpiloten, 1910-1970“ unter anderem nach dem „identitätsbildenden Einfluss militärischer Traditionen, Männlichkeitsvorstellungen und Hierarchien auf das Technikverständnis der Militärpiloten“ – ein Zitat, das sich allerdings nur auf seiner Homepage findet[12], während das auf dem Historikertag präsentierte Plakat keinerlei Hinweise darauf enthielt, dass das Thema auch in männergeschichtlicher Perspektive bearbeitet wird. Dabei bietet sich diese hier geradezu an: Den Zusammenhang zwischen Technik, Militär und soldatischer Identität zu erforschen, ohne nach der Bedeutung von Männlichkeit zu fragen, hieße angesichts der Tatsache, dass gerade Militär und Technik wichtige Faktoren in der Konstruktion historischer Männlichkeiten waren, den vielleicht wichtigsten Aspekt soldatischer Identitätskonstruktion auszublenden. Das Projekt könnte mittlerweile auf Etliches an einschlägiger Forschung zurückgreifen. Denn obgleich die Geschichte der Männlichkeiten in Deutschland noch weitgehend am Anfang steht, ist der vergleichsweise am besten erforschte Zusammenhang derjenige zwischen Militär, Krieg und Männlichkeit, doch gibt es auch hier noch ganz erhebliche Forschungslücken. Auch diese Dissertation verspräche daher innovative Ergebnisse für die Geschlechtergeschichte. Bleibt zu hoffen, dass sie dieses Potential nicht verschenkt.

Was ist nun das Fazit meiner Suchbewegungen und Überlegungen? Ganz offensichtlich ist die deutschsprachige Geschichtswissenschaft (anders als etwa die US-amerikanische) noch weit davon entfernt, Geschlecht als eine selbstverständliche Kategorie historischer Forschung zu berücksichtigen. Die weitgehende Ignoranz gegenüber den Beiträgen der Geschlechtergeschichte findet sich – die Beispiele haben es gezeigt – nicht nur in den Kernbereichen des Faches, sondern auch in Forschungsfeldern, die selbst eher am Rand der Disziplin stehen oder noch relativ jung sind. Über die Gründe der ein-, manchmal auch gegenseitigen Nicht-Wahrnehmung ist schon häufig räsoniert worden, und auch ich werde hier die umfassende Erklärung schuldig bleiben. Der Historikertag spiegelt lediglich den Status quo der Geschichtswissenschaft an deutschen Hochschulen wider. Dort jedoch ist Geschlechtergeschichte durchaus präsent, mancherorts mehr, andernorts weniger. Bleibt zu hoffen, dass sich das im Programm künftiger Historikertage wieder stärker und dauerhaft niederschlagen wird – wenn schon nicht in Form integrierter geschlechtergeschichtlicher Perspektiven, dann doch zumindest in explizit geschlechtergeschichtlichen Sektionen und Vorträgen.

Dr. Wiebke Kolbe ist Wissenschaftliche Assistentin am Arbeitsbereich Geschlechtergeschichte der Universität Bielefeld und z.Zt. Habilitationsstipendiatin im Lise-Meitner-Programm des Landes NRW. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Geschlechtergeschichte, vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung und Tourismusgeschichte. Homepage: http://wwwhomes.uni-bielefeld.de/wkolbe/

Anmerkungen:
[1] Hunt, Lynn, The Challenge of Gender. Deconstruction of Categories and Reconstruction of Narratives in Gender History, in: Medick, Hans; Trepp, Anne-Charlott (Hgg.), Geschlechtergeschichte und Allgemeine Geschichte. Herausforderungen und Perspektiven, Göttingen 1998, S. 57-97, hier S. 57.
[2] Hunt (wie Anm. 1), S. 68; Rosenhaft, Eve, Zwei Geschlechter – eine Geschichte? Frauengeschichte, Männergeschichte, Geschlechtergeschichte und ihre Folgen für unsere Geschichtswahrnehmung, in: Eifert, Christiane u.a. (Hgg.), Was sind Frauen? Was sind Männer? Geschlechterkonstruktionen im historischen Wandel, Frankfurt am Main 1996, S. 257-274, hier S. 258f., 268f.
[3] Vgl. Nagl-Docekal, Herta, Feministische Geschichtswissenschaft – ein unverzichtbares Projekt, in: L´Homme. Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft 1/1 (1990), S. 7-18, hier S. 17; Blimlinger, Eva; Hornung, Ela, Feministische Methodendiskussion in der Geschichtswissenschaft, in: Gehmacher, Johanna; Mesner, Maria (Hgg.), Frauen- und Geschlechtergeschichte. Positionen/Perspektiven, Innsbruck 2003, S. 127-142, hier S. 133.
[4] Z.B. Reulecke, Jürgen, „Ich möchte einer werden so wie die ...“ Männerbünde im 20. Jahrhundert, Frankfurt/Main, New York 2001.
[5] Benninghaus, Christina, Verschlungene Pfade – Auf dem Weg zu einer Geschlechtergeschichte der Jugend, in: Dies.; Kohtz, Kerstin (Hgg.), „Sag mir, wo die Mädchen sind ...“ Beiträge zur Geschlechtergeschichte der Jugend, Köln u.a. 1999, S. 9-32, hier S. 11, 15.
[6] Ausführlich dazu: Benninghaus (wie Anm.5).
[7] Z.B. Benninghaus; Kohtz (wie Anm. 5); Maase, Kaspar, BRAVO Amerika. Erkundungen zur Jugendkultur der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren, Hamburg 1992; Benninghaus, Christina, Die anderen Jugendlichen. Arbeitermädchen in der Weimarer Republik, Frankfurt am Main 1999; Poiger, Uta G., Jazz, Rock and Rebels: Cold War politics and American culture in a divided Germany, Berkeley 2000.
[8] Vgl. dazu Langhamer, Claire, Women´s Leisure in England 1920-1960, Manchester 2000; zum analogen Problem bei „Ferien“: Schumacher, Beatrice, Ferien. Interpretationen und Popularisierung eines Bedürfnisses. Schweiz 1890-1950, Wien 2002, bes. S. 61ff., 105f.
[9] Um nur eine Arbeit zu nennen: Oertzen, Christine von, Teilzeitarbeit und die Lust am Zuverdienen. Geschlechterpolitik und gesellschaftlicher Wandel in Westdeutschland 1948-1969, Göttingen 1999.
[10] Weitere Informationen zum Arbeitskreis unter:
http://www.uni-flensburg.de/akhfg/.
[11] Weitere Informationen zu dem Projekt unter: http://www.geschichte.hu-berlin.de/bereiche/wige/mitarbeiter/harders.htm.
[12]http://www.ifs.tu-darmstadt.de/gradkoll/Personen/KehrtC.html.

Zitation
Historikertag 2004: Geschlechtergeschichte, in: H-Soz-Kult, 02.11.2004, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-540>.
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Veröffentlicht am
02.11.2004
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