D. Menning: Internationalisierung des Geschichtsstudiums in der (Post-)Corona-Welt

Von
Daniel Menning, Historisches Seminar, Universität Tübingen

Anfang Januar 2021 reiste ein von mir als internationalem Koordinator betreuter Tübinger Student zu seinem Auslandsaufenthalt nach Ogden, Utah, in den USA ab. Er landete dort nicht nur ungeimpft inmitten einer heftigen Corona-Welle, sondern auch in einem Land im innenpolitischen Aufruhr. Ich habe ihn damals für seinen Mut bewundert und die Begeisterung mit der er zurückkam spricht dafür, dass sich diese Unerschrockenheit für ihn ausgezahlt hat. Insgesamt scheint er eher typisch für das Gesamtbild studentischer internationaler Mobilität in Corona-Zeiten und die Suche nach dem non-virtuellen Austausch zu sein, wie Zahlen zu Erasmus+ an der Universität Tübingen belegen. Bei den Outgoings, also jenen Studierenden, die aus dem deutschen Südwesten für ein oder zwei Semester an eine europäische Partnerhochschule gingen, sprangen die Werte nach einem signifikanten Einbruch (2019/20 =598, 2020/21 = 398) im Wintersemester 2021 in die Höhe (2021/22 = 725). Viele Studierende hatten somit trotz der weiterhin grassierenden Pandemie den Mut, einen Studienaufenthalt im Ausland zu wagen. Neben einem Nachholeffekt, den der starke Anstieg widerspiegelt, dürfte sich im letzten Wert gleichzeitig auch der generelle Wachstumstrend der Studierendenmobilität in den letzten Jahren erneut fortsetzen (zwischen 2014/15 und 2019/20 ist die Zahl der Auslandsaufenthalte um etwa 33 Prozent angestiegen). Noch beeindruckender ist aber vielleicht die Entwicklung der Incomings – also jener Studierenden, die von überall aus Europa nach Tübingen kamen. Corona ist hier allenfalls in Form eines verlangsamten Wachstums zu erkennen (2019/20 = 434, 2020/21 = 440, 2021/22 = 507). Es spricht somit manches dafür, dass die Pandemie keine langfristig negativen Auswirkungen auf traditionelle Formen der Studierendenmobilität haben wird. Virtuelle Angebot dürften sie eher ergänzen als ersetzen.

Ich könnte daher mit dieser Feststellung hier mit guten Gründen abbrechen. Doch wie in so vielen Bereichen, gibt es in der Internationalisierung in den letzten Jahren größere Verschiebungen, die sich über kurz oder lang auch in geschichtswissenschaftlichen Fachbereichen bemerkbar machen werden und in welche die Virtualisierung unserer Kommunikation durch Corona eingebettet ist. Die langfristigen Entwicklungen werfen neue Fragen auf, gleichzeitig eröffnen die Erfahrungen der letzten zwei Jahre zusätzliche Spielräume – wobei ich vielleicht vor den weiteren Ausführungen betonen sollte, dass ich aus eigener Erfahrung zutiefst von den Chancen überzeugt bin, die Auslandsaufenthalte für die eigene Entwicklung bedeuten. Ich möchte diesen Aspekten aufbauend in drei Schritten nachgehen, die sich an der Länge des internationalen Kontakts orientieren: virtuelle Mobilitäten, halb- bis einjährige Auslandsaufenthalte und international orientierte Studiengänge. Im Blick habe ich dabei die mir besonders gut bekannte Entwicklung an der Universität Tübingen sowie deren 2021 veröffentlichte internationale Strategie.[1] Grundsätzlich scheinen mir die Befunde aber auch auf andere Universitäten übertragbar.

Virtuelle Mobilitäten
Im Jahr 2019 hätte man noch kaum damit gerechnet, dass ein so widersprüchliches Konzept wie „virtuelle Mobilität“ zu einem Kernelement der Internationalisierung der Lehre aufsteigen könnte. Die internationale Strategie der Universität Tübingen sieht hierin jedoch ein wesentliches Mittel um den Austausch auf Studierendenebene in den kommenden Jahren erheblich zu befördern – zumal vor dem Hintergrund der Klimaerwärmung, die eine Abnahme physischer Reiseaktivitäten nahelegt. Aus einer solchen virtuellen Mobilität erwachsen eine ganze Reihe Chancen, denen es m.E. nachzugehen lohnt, die damit verbundenen Schwierigkeiten und Probleme sind aber nach meiner Erfahrung nicht zu unterschätzen – und damit meine ich nicht die grundsätzlichen Vor- und Nachteile der Lehre mittels Videokonferenzen, mit denen wir alle in den vergangenen zwei Jahren intensive Erfahrungen gemacht haben.

Zunächst zu den Möglichkeiten. Im Wintersemester 2020/21 habe ich zusammen mit Christina Brauner ein Hauptseminar angeboten, das im Rahmen der neuen durch die EU geförderten „CIVIS – A European Civic University Alliance“ stattfand. An diesem Verbund waren seinerzeit acht Universitäten beteiligt. Neben Studierenden aus Tübingen nahmen am Seminar solche aus Athen und Rom sowie in Tübingen eingeschriebene Erasmus+-Studierende teil. Diese Heterogenität hat sich auf die Seminaratmosphäre ausgesprochen positiv und im optimalen Sinne belebend ausgewirkt. Die gesteigerte Heterogenität des Lernarrangements ermöglichte Einsichten, Diskussionen und Perspektivwechsel, zu denen es in einem klassischen Hauptseminar kaum gekommen wäre. Dass die Veranstaltung virtuell stattfand, erhöhte die Chance zur Teilnahme für jene, die aus vielfältigen Gründen nicht reisen konnten oder wollten. In diesem Sinne verspricht die neuerdings mögliche und zukünftig zumindest in Tübingen verstärkte Eröffnung virtueller Mobilität eine wachsende Zahl niedrigschwelliger international ausgerichteter Seminare, die einen wesentlichen Zugewinn für Studierende bieten – zumal wenn man an die Erweiterung um Studierende von anderen Kontinenten denkt.

Es gab in unserem Seminar jedoch auch einige Schwierigkeiten. Manche dürften damit zusammengehangen haben, dass es sich bei der Veranstaltung um ein Pilotprojekt handelte. Mein Schnitt von monatlich einhundert administrativen Emails über ein halbes Jahr macht das Engagement sicher nicht attraktiv. Auch wenn sich viele Startschwierigkeiten legen werden – mit einem erhöhten Verwaltungsaufwand für Lehrende bleibt zu rechnen. Aus Sicht der Studierenden sind dagegen Fragen der Anrechenbarkeit der erbrachten Studienleistung entscheidend. Im Gegensatz zu den Standardverfahren bei längeren Auslandsaufenthalten, müssen sich solche für virtuelle Mobilitäten auch in Universitätsallianzen erst entwickeln. Einfacher scheint daher zunächst die Kooperation von Lehrenden verschiedener Universitäten, die dann jeweils für ihre Institution die Leistungen bescheinigen können. Doch solche gemeinsamen Lehrveranstaltungen sind in der aller Regel in der Konzeption und Durchführung erheblich aufwändiger und werden es auf absehbare Zeit bleiben. Wenn sie an strategische Partneruniversitäten (wie die CIVIS-Allianz) gebunden sind, besteht zudem die Schwierigkeit, dass persönliche Kontakte zu den ausländischen Fachbereichen häufig nicht von vornherein bestehen, sondern erst eine gemeinsame Basis entwickelt werden muss.

Weil zusätzlicher Zeitaufwand in der Lehre immer auf Kosten anderer Aktivitäten geht, sollte für entsprechende Anreizstrukturen gesorgt werden, wenn Universitätsleitungen diesen Weg weiter beschritten sehen möchten. Sodann bleibt eine virtuelle Mobilität, selbst wenn man sie mit kurzen ein- oder zweiwöchigen Präsenzveranstaltungen kombiniert, etwas anderes als ein Auslandsaufenthalt für ein oder zwei Semester. Aspekte des nicht-akademischen Eintauchens in eine fremde Kultur sind begrenzt und das parallele Erlernen oder Festigen der Kenntnisse in einer Fremdsprache bleiben aus, weil man sich auf eine Lingua Franca, zumeist Englisch, einigen muss. Schließlich ist der bei internationalen Austauschen noch wichtigere informelle Austausch vor und nach dem Seminar gehemmt.

Dennoch: die Tübinger Strategie macht deutlich, dass Universitätsleitungen im Bereich der virtuellen Mobilität erhebliches Potenzial und bedeutende Dynamik in den kommenden Jahren erwarten. Hierzu werden sich die Fachbereiche Geschichtswissenschaften verhalten müssen. Und auch wenn ich insgesamt ebenfalls davon überzeugt bin, dass in diesem Bereich erhebliches Potenzial für die Weiterentwicklung der Studierendenmobilität und eine auch für Dozent:innen anregende Lehre liegt, so sollte man die Schwierigkeiten doch nicht unterschätzen und der zeitliche Mehraufwand muss im Gesamtaufgabenportfolio Berücksichtigung erfahren.

Halb- und ganzjährige Auslandsaufenthalte
Nach den eingangs genannten Zahlen, scheint vieles für eine breite Rückkehr der physischen Auslandsaufenthalte von ein oder zwei Semestern und für deren weitere Zunahme zu sprechen. Somit könnte man versucht sein, dies für einen Bereich zu halten, der wenig Aufmerksamkeit erfordert. Die Aufwärtsentwicklung ist durch die Pandemie teils beeinträchtigt worden, es ist aber nie zu einem Abbruch gekommen. Dennoch gibt es auch hier Verschiebungen, die sich nach den Planungen der Tübinger Strategie in den nächsten Jahren noch einmal verstärken werden.

Früher galt ein Auslandsaufenthalt als Chance, Fremdsprachen zu erlernen bzw. vorhandenes Wissen zu festigen – und in vielen Fällen ist dies auch heute noch der Fall. Nur verändert sich, um welche Fremdsprache es dabei geht. Aus meiner Erfahrung erfreuen sich bei Tübinger Studierenden englischsprachige Ziele der größten Beliebtheit, was zweifelsohne mit den insgesamt guten Englischkenntnissen zu tun hat. Daneben sind aber zunehmend solche Ziele attraktiv, die ein breites englischsprachiges Lehrangebot garantieren. Eine häufig gestellte Frage lautet: Gibt es an der Uni X in Italien oder Y in Spanien auch englischsprachige Kurse? Zweit- und Drittsprachen bleiben durch das Belegen solcher Veranstaltungen an Universitäten überall in Europa zunehmend auf der Strecke. Das lässt sich auch umkehren. Studierende, die aus dem Ausland nach Tübingen kommen belegen überproportional stark englischsprachige Lehrveranstaltungen und der Fachbereich Geschichtswissenschaften in Tübingen scheint für Austauschabkommen attraktiver geworden zu sein, seitdem wir mindestens 18 ECTS englischsprachiger Lehre pro Semester garantieren – wobei der Schnitt zumeist darüber lag. Der Fokus auf Englisch als zusätzliche regelmäßige Lehrsprache ist einerseits (zumal vor dem Hintergrund des Brexit und des Auslaufens der standardisierten Erasmus+-Verträge) wichtig. Wenn wir die für unsere Studierenden attraktiven Austauschabkommen in die englischsprachige Welt erhalten wollen, müssen wir als Partner auch für die dortigen Universitäten, deren Studierende in der Regel über noch deutlich schlechtere Fremdsprachkompetenzen verfügen, ein interessantes Ziel sein. Die internationale Strategie der Universität Tübingen drängt zusätzlich in diese Richtung: Englisch soll sich als zweite Standardsprache in der Lehre, aber auch in der Verwaltung, fest etablieren.

Wiederum hat diese Entwicklung Kosten bzw. schafft veränderte Anforderungen. Auslandsaufenthalte an deutschen Universitäten werden zunehmend möglich, ohne dass man innerhalb von zwölf Monaten ein Wort Deutsch lernt – und die Zahl der Studierenden, die diese Strategie aktiv verfolgt, steigt in den letzten Jahren. Die Frage ist dann, wie hoch man den Wert der Sprache als Kriterium für das Eintauchen in eine fremde Kultur veranschlagen will und welchen Wert man in der Gewichtung der Zunahme interkultureller Lernarrangements zu Lasten von Sprachkompetenzen zuweisen möchte. Darüber hinaus könnte sich die in Professur-Ausschreibungen häufig geforderte Fähigkeit zur englischsprachigen Lehre in den kommenden Jahren von einem, wie es mir scheint, Lippenbekenntnis zu einem tatsächlich durch die Universitätsleitungen höher veranschlagten Erfordernis entwickeln.

Auch wenn physische Auslandsaufenthalte von weiter wachsender Bedeutung sein werden, verändert sich somit ihr Charakter und es bleibt eine zu diskutierende Frage, wie man diesen Wandel letztendlich bewerten sollte/muss.

International orientierte Studiengänge
Schon seit einer ganzen Reihe von Jahren verdienen amerikanische und britische Universitäten erheblich an Gebühren, die sie von Studierenden (insbesondere aus dem Nahen Osten und China) erheben und die nicht nur ein oder zwei Semester im Ausland studieren, sondern dort auch einen Abschluss erwerben wollen – die sogenannten degree-seeking students. Ganze Studiengänge werden zuweilen auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet. Der Drang zur Entwicklung von Studiengängen, die Interessent:innen auch von außerhalb nach Deutschland holen, ist in der internationalen Strategie der Uni Tübingen präsent, auch wenn das finanzielle Motiv zur Zeit keine wesentliche Rolle spielt. Dies könnte sich mit einer Verschärfung der Haushaltslagen der öffentlichen Kassen durch Corona jedoch in den kommenden Jahren ändern – wobei freilich bislang nur Baden-Württemberg Studiengebühren erhebt, diese allerdings schon jetzt den administrativen Aufwand decken.

Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage, wie Fachbereiche für Geschichtswissenschaften damit umgehen sollen. Um tatsächlich attraktiv zu sein, müssen international orientierte Studiengänge, in aller Regel Masterprogramme, auf Englisch angeboten werden. Das mag in den Naturwissenschaften unproblematisch sein. In den Geschichtswissenschaften, wo Sprachkenntnisse ganz wesentlich über den Zugang zu Quellen und Forschungsdiskussion mitentscheiden, entstehen jedoch erheblich Probleme. Master zur deutschen Geschichte auf Englisch scheinen daher in der Praxis problematisch. Eine Alternative wäre eine Schwerpunktsetzung des Studiengangs im Bereich der Globalgeschichte oder anderer methodisch/theoretischer Zugänge. Die Stärke der deutschen Historiker:innen in der Erforschung der mitteleuropäischen Geschichte ließe sich so aber nur bedingt als Werbeargument nutzen. Vielmehr würden solche Studiengänge in Konkurrenz treten zu ähnlichen Programmen insbesondere an anglo-amerikanischen Universitäten.

Nicht zu vernachlässigen ist zudem, dass durch englischsprachige Studiengänge eine erhebliche Verschiebung im Lehrportfolio eintreten könnte. Pro- und Hauptseminare zur deutschen Geschichte in einer fremden Unterrichtssprache geraten nach meiner Erfahrung spätestens dann an Grenzen, wenn Studierende ohne Deutschkenntnisse Hausarbeiten auf Quellenbasis schreiben sollen. Ein Mittel das Problem zu umgehen, ist entweder eine Bevorzugung nicht-deutscher Themen, was in sich aber schon wieder problematisch ist, oder eine Verschiebung/Anpassung von Standards, z.B. bei Hausarbeiten, die nicht wünschenswert erscheint. Darüber hinaus ist es etwas anderes, 18 oder 20 ECTS für internationale Studierende in Englisch anzubieten als einen ganzen Studiengang, der Veranstaltungen im Umfang von wenigstens 30 ECTS pro Semester, wenn man Wahlmöglichkeiten eröffnen möchte aber eher 50 bis 60 ECTS erfordert, regelmäßig zu garantieren.

Neben allen Schwierigkeiten, welche die Schaffung englischsprachiger Studiengänge aufwirft, sollte freilich nicht vergessen werden, dass sich diese gegenüber den klassischen und insgesamt nicht sonderlich stark gefragten deutschsprachigen Masterprogrammen unter Umständen abheben könnten. Sie haben das Potenzial hochmotivierte und kluge Studierende von außerhalb Deutschlands anzulocken, bergen gleichfalls jedoch das Risiko, von einer zahlungskräftigen Kundschaft als Dienstleistungsangebote wahrgenommen zu werden. Insgesamt also viel, das es zu diskutieren gibt.

Fazit
Die kommenden Jahre dürften durch eine weiter fortschreitende Internationalisierung des Geschichtsstudiums geprägt sein – zumal unter dem Druck von Universitätsleitungen. Die sich daraus ergebenden vielfältigen Fragen und Probleme gilt es im Hinblick auf die verschiedenen Formate sorgsam abzuwägen. Hierbei sollte aber vielleicht nicht der Mut des Tübinger Studenten in Vergessenheit geraten, der Anfang Januar 2021 in die USA abreiste. Mut bei verstärkten Bemühungen im Bereich der Internationalisierung könnten sich auch für Fachbereiche Geschichtswissenschaften in Deutschland mittel- und langfristig durch neue Lernarrangements und internationale Impulse auszahlen.

Anmerkung:
[1]https://uni-tuebingen.de/international/universitaet/profil/ (Stand: September 2021).

Zitation
D. Menning: Internationalisierung des Geschichtsstudiums in der (Post-)Corona-Welt, in: H-Soz-Kult, 21.11.2022, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-5405>.
Redaktion
Veröffentlicht am
21.11.2022
Beiträger
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
rda_languageOfExpression_fddebate