Historikertag 2004: Jüdische Geschichte

Von
Miriam Rürup, Simon-Dubnow-Institut, Leipzig

Besprochene Sektionen:

"Räumliche Ubiquität und kommunikative Lebensformen: Europäische Judenheiten zwischen Imperien, Nationalstaaten und Diaspora"
"Juden und Räume. Selbstgestaltung und Fremdbestimmung in Europa während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit"
"Kommunikative Konstruktionen eines Raumes - Juden in Polen und das Ghetto"

Ein erster Blick in das Programm des 45. Deutschen Historikertages in Kiel lässt einen erstaunt die starke Präsenz von jüdischer Geschichte feststellen: Drei Sektionen beschäftigten sich in Kiel mit Fragen zur jüdischen Geschichte - als epochenübergreifend galten dabei die Sektionen von Dan Diner (Leipzig/Jerusalem) "Räumliche Ubiquität und kommunikative Lebensformen: Europäische Judenheiten zwischen Imperien, Nationalstaaten und Diaspora" und von Alfred Haverkamp (Trier) "Juden und Räume. Selbstgestaltung und Fremdbestimmung in Europa während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit"; der Zeitgeschichte zugeordnet wurde die Sektion von Katrin Steffen (Warschau) zum Thema "Kommunikative Konstruktionen eines Raumes - Juden in Polen und das Ghetto". Was aber ist jüdische Geschichte? Was entsprechend dem Programm des 45. Deutschen Historikertages in Kiel unter jüdischer Geschichte zu verstehen ist und wie bzw. ob sich die mottogebenden Kategorien Raum und Kommunikation zum Verständnis von jüdischer Geschichte eignen, ist hier die Frage.

Ubiquitäre Geschichte
Kann die Kategorie "Raum", die sich hier in allen Titeln wieder finden lässt, ebenso wie die Kategorie "Kommunikation" als besonderes Kennzeichen jüdischer Geschichte gesehen werden? Sicherlich sollte die Bezugnahme in Sektions- und Vortragstiteln auf ein Tagungsmotto nicht überbewertet werden. Dennoch - für die jüdische Geschichte scheinen die gewählten Kategorien durchaus zutreffend zu sein; oder anders formuliert: im Gegensatz zu den Motti der bisherigen Historikertage "Intentionen - Wirklichkeiten" (Frankfurt/M. 1998), "Eine Welt - Eine Geschichte?" (Aachen 2000), "Traditionen - Visionen" (Halle 2002) drängte das diesjährige Thema eine Beschäftigung mit jüdischer Geschichte geradezu auf. Schließlich ist diese gekennzeichnet von stetiger Bewegung - sowohl im räumlichen Sinne von Migration als auch von der alltäglichen - kommunikativen - Bewegung zwischen den "Kulturen"; zwischen der eigenen, jüdischen Kultur und der jeweils hegemonialen, christlich oder muslimisch geprägten Kultur. Jüdische Geschichte ist transnational und, um es mit einem Begriff, der der ersten Sektion zur jüdischen Geschichte entlehnt ist, zu sagen: ubiquitär.

Insofern könnte man einwenden, dass jüdische Geschichte ohnehin nicht im beschränkten Kontext der deutschen Geschichte betrachtet werden sollte. Ebendies zu umgehen versuchten alle Sektionen zur jüdischen Geschichte. Den Anfang - im chronologischen Ablauf des Historikertages gesehen, aber auch bezüglich dieses Ansatzes - machte die Sektion des in Leipzig angesiedelten Simon-Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur, die vom Direktor des Instituts, Dan Diner, geleitet wurde. Diner wies darauf hin, dass die jüdischen "Lebenswelten" in jeweils unterschiedlichen Kontexten eingebettet sind - sowohl räumlich als auch zeitlich. Diese Kontexte sind einerseits von der nichtjüdischen Umgebung (mit)bestimmt, zugleich verlaufen sie jedoch auch entgegen den hegemonialen Zeit- und Raumvorstellungen. Gerade diese Ubiquität ist es, die deutlich macht, dass jüdische Geschichte nicht isoliert betrachtet werden kann. Weder im innerjüdischen Kontext - die Geschichte der osteuropäischen Juden im Budapest der 1920er Jahre kann beispielsweise nicht betrachtet werden ohne die Migration Budapester Juden nach Berlin wahrzunehmen - noch im "außerjüdischen" Zusammenhang - so bliebe die Gründung der ersten studentischen zionistischen Vereinigungen an deutschen Universitäten im Kaiserreich unvollständig ohne eine Betrachtung der antisemitischen russischen Gesetzgebung: Denn ohne die Studenten, die aufgrund der Repressalien an den russischen Universitäten zum Studium nach Deutschland kamen, wären zwar studentische Vereinigungen und Verbindungen gegründet worden, eine zionistische Prägung hätte sich jedoch möglicherweise erst wesentlich später entwickelt.[1]

In seinen einleitenden Worten ging Dan Diner auch auf das spezifisch jüdische Zeit- und Raumverständnis ein. Anhand der Damaskusaffäre von 1840 verdeutlichte er sowohl einen Wandel im innerjüdischen Selbstverständnis in der Moderne als auch die ersten Schritte auf dem Weg zur Etablierung eines europäischen Forums des Völkerrechts, in dem bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts verschiedene Fürsprecher der disparaten Judenheiten auf internationalem Parkett agierten. Eine Entwicklung, die - aus der Perspektive des 20. Jahrhunderts betrachtet - als Vorstufe im Kampf um Minderheitenrechte und Minderheitenschutz angesehen werden kann. Dieser Minderheitenschutz sollte im Übrigen über die jüdischen Bevölkerungsgruppen hinausgehen und auch beispielsweise die "imperische Bevölkerung" (Diner) der Deutsch-Balten umfassen.

Der hier gleichsam durch die Hintertür eingeführte pluralisierte Begriff der "Judenheiten" scheint - sieht man über seinen altmodischen Klang hinweg - gut geeignet zur Bezeichnung der verschiedenen Ausprägungen jüdischer Vergesellschaftungsformen in den disparaten europäischen Räumen. Besonders geeignet vor allem deswegen, weil er der Vorstellung einer homogenen Einheit "der Juden" entgegenwirkt; eine Einheitlichkeit, die auch in der Gestaltung der Programme der Historikertage, die jüdische Geschichte fast immer als Separatgeschichte vermitteln, zu finden ist.

Weitere Vorträge dieser Sektion waren vorwiegend Auszüge aus aktuellen Forschungsprojekten von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Simon-Dubnow-Instituts; sie beschäftigten sich mit so unterschiedlichen Themen wie dem "jüdischen Ansiedlungsrayon" im 19. Jahrhundert (Yvonne Kleinman) oder einer "Neuen Diplomatiegeschichte der Juden in transnationaler Perspektive" (Markus Kirchhoff). Das breite Themenspektrum der Sektion spiegelte zwar einerseits die anregende Vielfalt von Forschungsgebieten in einem Institut zur jüdischen Geschichte wider. Andererseits zeigte sie aber auch ein Problem auf, das durch die Konstruktion und Zusammensetzung der Sektionen auf diesem Historikertag bzw. den Historikertagen allgemein zu bemerken ist: viele Institute nutzen die Gelegenheit einer Sektion vor allem dazu, ihr Profil darzustellen, und weniger zur Abhandlung eines gemeinsamen Themas. Dem entsprechend fehlte den Vorträgen in der Sektion des Leipziger Instituts auch ein gemeinsames Erkenntnisinteresse, mithin auch der rote Faden, der möglicherweise eine anschließende Diskussion lebhafter gemacht hätte. Wenn der gemeinsame inhaltliche Nenner einer Veranstaltung lediglich die "jüdische Geschichte" ist, so ist dies schon wieder fast zu beliebig, und es stellt sich der Zuhörerin die Frage, ob die einzelnen Vorträge nicht in anderen Sektionen thematisch besser untergebracht gewesen wären.[2] Denn so gingen die einzelnen, zum Teil sehr ehrgeizigen Projekte eher unter, einzelne Vorträge hätten eventuell in anderen Sektionen besser kontextualisiert werden können.

Konstruktion von Raum - Dekonstruktion von Begriffen
Von seinem methodischen Ansatz her verwies der o.g. Vortrag von Yvonne Kleinmann über den "jüdischen Ansiedlungsrayon" bereits auf das Thema der Sektion zu den "Kommunikativen Konstruktionen eines Raumes - Juden in Polen und das Ghetto". Hier sollte es nicht in erster Linie darum gehen, die historischen Fakten über das Leben der jüdischen Bevölkerung in den verschiedenen Staaten, Zeiten und Territorien am Beispiel der existenten oder eben gerade nicht existenten Ghettos nachzuzeichnen. Vielmehr wurde ein in der Historiografie wie auch in der historischen Bildung (nicht zuletzt in Schulbüchern) zumeist unhinterfragter Begriff vom "Ghetto" dekonstruiert. Was Yvonne Kleinmann für den Begriff des "Ansiedlungsrayons" vorgeführt hatte, unternahmen auch die Vorträge von Jürgen Heyde (Halle), Alina Cala (Warschau), Anne Lipphardt (Potsdam/Leipzig) und Katrin Steffen (Warschau) für den Begriff des "Ghettos".

"Ghetto" als "emotionsgeladene Metapher für die Trennung von Juden und Christen" (Heyde) zu klassifizieren, war Bestandteil aller Vorträge. Jürgen Heyde zeichnete darüber hinaus die gesamteuropäische Rezeption des Ghetto-Begriffes nach, die ihren Anfang in dem Emanzipationsdiskurs der deutschen Juden im ausgehenden 18. und gesamten 19. Jahrhundert nahm. Zunächst bezeichnete "Ghetto" eine Ortsbeschreibung, wie bei der Einrichtung des namensgebenden und damit ersten Ghettos in Venedig im Jahr 1516, die sich erst in einem langwierigen Bedeutungswandel veränderte. Wie Alina Cala darstellte, war der Begriff "Ghetto" in Polen zunächst völlig unüblich und wurde auch dann - jedenfalls bis zur Einrichtung nationalsozialistischer Ghettos - mehr als Chiffre verwendet als für einen tatsächlich vorhandenen Raum. Welcher Akteur was unter dieser Chiffre verstand, und welchen Zweck auch immer er mit deren Verwendung für einen bestimmten Zustand verfolgte - stets ging es eher darum, eigene Zugehörigkeiten zu beschreiben. So diente der Begriff beispielsweise (wie im Falle der Zionisten) dazu, in tiefer Ambivalenz sich entweder vom Ghetto als Hort der Orthodoxie abzugrenzen, das Ghetto mithin als Inbegriff der Rückständigkeit zu begreifen, oder aber es als Quelle jüdischer Authentizität im Gegensatz zu den Entfremdungen der Moderne wahrzunehmen.[3] Was nun die Historiografie betrifft, so droht bei der Übernahme des chiffrenartigen Begriffes "Ghetto" ähnlich wie beim Begriff des "Ansiedlungsrayons" eine Tendenz, Unterschiede zwischen den Akteuren und den Ländern zu annullieren. Die "eine" Form von Ghetto hat es nie gegeben, ebenso wenig wie im Osten Europas eine "in sich geschlossene Judenheit in abgeschlossenen Räumen gelebt" hat, worauf auch Katrin Steffen in ihrem Vortrag über den "Ghetto"-Begriff in jüdischen und nichtjüdischen Diskussionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts hinwies.

Ein historiografischer Perspektivwechsel wurde dann im Vortrag von Anne Lipphardt deutlich, die das jüdische Stadtviertel in Wilna im Spiegel jiddischer Quellen aus der Zwischenkriegszeit betrachtete. Ihr Ansatz wie auch die Sektion in ihrer Gesamtheit trugen dazu bei, eines der großen Masternarrative der Geschichtsschreibung über die Juden zu dekonstruieren. So ist die deutsch-jüdische, und auch die zionistische Geschichtsschreibung viele Jahre und etliche Werke hindurch davon geprägt gewesen, jüdische Geschichte als eine Geschichte von Ausgrenzung und Verfolgung zu schreiben.[4] Der detaillierte Blick auf Interaktion zwischen den "Ausgegrenzten" und "Verfolgern", die Lipphart am Beispiel des Wilnaer jüdischen Viertels aufzeigte, öffnet ein Bild auf die Geschichte der Juden in west-, mittel- und ostmitteleuropäischen Metropolen, das mitnichten von beständigem Zwang und permanenter Diskriminierung geprägt war. So sollten offiziell seit 1633 im Wilnaer jüdischen Viertel nur Juden wohnen, dieses Ansinnen wurde von den Behörden jedoch nie umgesetzt.

Das Bemühen um die Überwindung der Perspektive auf "Verfolgte und Verfolger" wurde auch im Titel der von Alfred Haverkamp (Trier) geleiteten Sektion zu "Juden und Räume. Selbstgestaltung und Fremdbestimmung in Europa während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit" deutlich. Hier schilderte Zofia Kowalska am Beispiel des mittelalterlichen Krakau, die "Gestaltungsräume" der jüdischen Gemeinde, eine Vielfalt von Wechselbeziehungen zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung.[5] Damit wurde auch in dieser Sektion einer adäquaten Betrachtung innerjüdischer Diversität und unterschiedlicher Zugehörigkeiten Rechnung getragen. Insgesamt folgten die anderen Vorträge in Haverkamps Sektion, die der Vormoderne gewidmet war, eher einer klassischen deutsch-jüdischen Geschichtsschreibung, die die jüdische Bevölkerung im Verhältnis zu ihrer Umwelt vor allem sozialgeschichtlich betrachtet und damit teilweise auch dem Narrativ der Ausgrenzungsgeschichte erliegt.

Ein Vortrag aus der Sektion eröffnete jedoch auch ein weiteres wichtiges Thema. Zentral für die Bedeutung der jüdischen Geschichte für die gegenwärtige Gesellschaft ist ihre Vermittlung in der Schule. Martin Liepach (Frankfurt/M.) fragte nach der "Rezeption der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte der Juden im Geschichtsunterricht". Die Brisanz einiger seiner Feststellungen wird deutlich, wenn festgestellt werden muss, dass mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte der Juden im Unterricht nahezu ausschließlich am Beispiel von Kreuzzügen und den Pogromen während der Pestzeit dargestellt wird - und sich damit ein weiteres Mal auf die reine Verfolgungsgeschichte reduziert. Wenn man bedenkt, wie sehr "Identität" durch geschichtliches Bewusstsein formiert und damit in der Schule präformiert wird, so wird die immense Wichtigkeit differenzierter Vermittlung von einzelnen Aspekten jüdischer Geschichte bereits in der Schule besonders deutlich.[6]

Wichtige Beiträge zur "Jüdischen Geschichte" auf dem Historikertag fanden sich neben den Sektionen im erstmals eingeführten Doktorandenforum, auf dem Promovierende auf Postern in kurzen Sätzen oder grafischen Darstellungen die wesentlichen Thesen oder Quellen ihrer Dissertationsprojekte vorstellen konnten.[7]

Ausblick
Im Rückblick auf jüdische Geschichte auf dem Historikertag bleibt gleichsam als Ausblick festzustellen, dass die Frage, zu deren Beantwortung ein solcher Querschnittsbericht oder die Beschäftigung mit jüdischer Geschichte allgemein beitragen kann, nicht so sehr lautet: "Was ist jüdische Geschichte", sondern vielmehr: "wo ist der Ort der jüdischen Geschichte in der Geschichtsschreibung?" Das Ergebnis einer solchen Reflexion könnte auf absehbare Zeit sein, dass beim Durchblättern zukünftiger Historikertags-Programme keine Sektionen zur jüdischen Geschichte zu finden sein werden, sondern dass jüdische Geschichte als möglicherweise gar paradigmatische Kategorie in die allgemeine Geschichtswissenschaft eingegangen sein wird.[8] Damit würde man wieder an die Anfänge der "Wissenschaft des Judentums" zurückkehren, als die Berliner Universität 1848 dem seinerzeit wichtigsten Protagonisten dieser Wissenschaft, Leopold Zunz, einen Lehrstuhl für jüdische Geschichte verweigerte mit der Begründung, es sei "nicht zweckmäßig […], daß die jüdische Geschichte aus dem wissenschaftlichen Verbande mit der allgemeinen herausgerissen werde."[9] Dass die Motivation hinter dieser Ablehnung damals eine antisemitische war und damit der heutigen Forderung, jüdische Geschichte als Teil der allgemeinen Geschichte zu begreifen, nicht gleichzusetzen ist, versteht sich von selbst. Dennoch besteht in der Tendenz, jüdische Geschichte separat von anderer Geschichte und anderen Geschichten abzuhandeln, die Gefahr, "Juden durch die Geschichtsschreibung zu ghettoisieren", wie es Monika Richarz anmerkte.[10]

Diese Tendenz birgt jedoch nicht nur lediglich eine Gefahr, sondern auch eine Chance in sich. Diese Chance bestünde darin, dass jüdische Geschichte als eine Art "Gegengeschichte" [11] geschrieben werden könnte, eine Gegengeschichte, durch die Strömungen und Entwicklungen der "allgemeinen" Geschichte in einem Mikrokosmos gewissermaßen gespiegelt, exemplarisch nachvollzogen und damit verständlicher werden können. Wenn man jüdische Geschichte in diesem Sinne als paradigmatisch versteht, so könnte eine andere, ebenfalls in ihren Anfängen marginalisierte "Geschichte" möglicherweise sinnvolle Anregungen geben. Die Geschlechtergeschichte ist zunächst als "Frauengeschichte" ebenfalls aus der Erfahrung der Randständigkeit entstanden - sowohl wissenschaftspolitisch als auch, was die "Forschungsobjekte" betraf. Insofern könnten die methodischen Herangehensweisen der Geschlechtergeschichte auch für die Erforschung von jüdischer Geschichte ertragreich sein - so beispielsweise der von Judith Butler eingeführte Begriff der "Performativität", wonach jüdische Identität analog zur weiblichen oder männlichen Identität als konstruiert und durch "Performanz" entstanden analysiert werden kann. Damit könnte der umstrittene Begriff der "Assimilation" wenn nicht abgelöst so doch erweitert werden. Weitere methodische Anregungen bietet die historische Anthropologie, die die Akteure in den Mittelpunkt stellt und nicht an erster Stelle nach ihrer Relevanz und Stellung im politischen und historischen Gesellschaftsgefüge fragt, sondern Beziehungsgeflechte zwischen Männern und Frauen, Männern und Männern, Juden und Nichtjuden in den Blick nimmt. Wie es Ute Frevert für die Geschlechtergeschichte formulierte, lädt diese dazu ein, "die Kontaktstellen und Beziehungsgeflechte zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Frauen beziehungsweise Männern in den Blick zu nehmen und die Frage nach Machtverhältnissen nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch innerhalb der Geschlechtergruppen zu stellen" - und, könnte man hinzufügen, nicht nur die Machtverhältnisse zwischen Juden und Nichtjuden, sondern auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft.[12]

Jüdische Geschichte ist immer auch, aber bei weitem nicht ausschließlich eine Geschichte der Marginalisierungen. Es ist ebenso eine Geschichte der Überwindung der diversen Marginalisierungen, des Versuchs, Teil der Hegemonialgesellschaft zu werden oder in verschiedenen (Sub-)Kulturen selbst hegemonial sein. In keinem Fall ist jüdische Geschichte auf die Geschichte von Verfolgung und Ausgrenzung begrenzt, wie die überwiegende Mehrheit der Vorträge zu diesem Thema auf dem Historikertag in Kiel gezeigt hat. Diese Loslösung von großen Narrativen kann durch Anregungen aus anderen geschichtswissenschaftlichen Gebieten - wofür die Geschlechtergeschichte nur ein Beispiel war - vorangetrieben werden und damit zu einer Überwindung der Abgrenzung auch der jüdischen Geschichte beitragen.

Miriam Rürup promoviert z.Zt. als Stipendiatin der Zeit-Stiftung am Simon-Dubnow-Institut in Leipzig zu jüdischen Studentenverbindungen an deutschen Universitäten in Kaiserreich und Weimarer Republik.

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu Zimmermann, Moshe, Jewish Nationalism and Zionism in German-Jewish Students' Organisations, in: Leo Baeck Institute Yearbook 27 (1982), S. 129-153; Rürup, Miriam, Jüdische Studentenverbindungen im Kaiserreich. Organisationen zur Abwehr des Antisemitismus auf "studentische Art", in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 10 (2000), S. 113-137.
[2] Diese Sorge beschrieb Ute Frevert bezüglich der jüdischen Geschichte als "Gefahr der Isolation und Selbstbegrenzung", vgl. Frevert, Ute, Geschlechtergeschichte: Rück- und Ausblicke, in: Brenner, Michael; Myers, David N. (Hgg.), Jüdische Geschichtsschreibung heute. Themen, Positionen, Kontroversen, München 2002, S. 172-180, hier S. 178.
[3] Vgl. zu dieser Faszination und Sehnsucht nach dem "Authentischen" Brenner, Michael, Jüdische Kultur in der Weimarer Republik, München 2000, bes. S. 170-184; sowie Petry, Erik; Ringger, Kathrin, Ikonographische Aspekte des Zionismus, in: Haumann, Heiko (Hg.), Der Erste Zionistenkongreß von 1897. Ursachen, Bedeutung, Aktualität, Basel 1997, S. 312-315.
[4] Vgl. zu diesen Großnarrativen den zusammenfassenden Aufsatz von Brenner, Michael, Von einer jüdischen Geschichte zu vielen jüdischen Geschichten, in: Brenner; Myers (wie Anm. 2), S. 17-35, bes. S. 18-23.
[5] Vgl. allg. zu der Interaktion im Alltag zwischen Christen und Juden recht neu: Kaplan, Marion (Hg.), Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland. Vom 7. Jahrhundert bis 1945, München 2003.
[6] Auf dem Historikertag in Halle im Jahr 2002 hatte sich bereits eine von Monika Richarz (Hamburg/Berlin) geleitete, fachdidaktische Sektion mit der Frage von "Vermittlung jüdischer Geschichte in Schulen, Universitäten, Museen" beschäftigt. Darin trug Dan Diner zur Frage des "Exemplarischen Lernens - Jüdische Geschichte im Kontext von Migrations- und Minderheitengeschichte" vor, Stefanie Schüler-Springorum (Hamburg) analysierte die Darstellung von jüdischer Geschichte im Jüdischen Museum Berlin kritisch, Michael Brenner (München) befasste sich mit der Frage "Orchideenfach, Modeerscheinung oder ein ganz normales Thema? Jüdische Geschichte und Kultur im universitären Rahmen" und Wolfgang Marienfeld (Hannover) betrachtete die "Darstellung jüdischer Geschichte in deutschen Schulbüchern".
[7] Weitere Dissertationsvorhaben zur jüdischen Geschichte wurden in diesem Zusammenhang vorgestellt (in chronologischer Abfolge): Marc Rottpeter ("Juden, Perser und Griechen am Nil. Untersuchungen zur multikulturellen Gesellschaft Ägyptens in persischer und hellenistischer Zeit"), Julia Wilker ("Philorhomaios - basileus megas - barbarus. Die herodianische Dynastie zwischen Judentum, römischer Zentralmacht und lokalen Traditionen"), Alexsandra Pawliczek ("Wissenschaftlicher Alltag und Elitenauslese. Jüdische Dozenten an der Berliner Universität im Kaiserreich und in der Weimarer Republik") und Veronika Lipphardt ("Biowissenschaftlicher Denkstil und jüdische Identität. Die wissenschaftliche Debatte über die sogenannte ‚jüdische Rasse' im Spiegel der Schriften von Biowissenschaftlern jüdischer Herkunft, 1900-1935").
[8] Ein solches Beispiel fand sich bereits im diesjährigen Programm des Historikertages, namentlich in der Sektion zur "Konstitution religiöser Netzwerke in Europa im 18. und 19. Jahrhundert" (Leitung: Martin Schulze Wessel, München), in der François Guesnet (Berlin) über "Religiöse Gemeinschaft und europäischer Raum: Internationale jüdische Hilfsaktionen 1744 und 1849" vortrug. Diese Frage stellte auch Brenner auf einem Symposion auf Schloss Elmau zur Jüdischen Geschichtsschreibung heute, vgl. Brenner (wie Anm. 4), S. 30.
[9] Geiger, Ludwig, Zunz im Umgang mit Behörden und Hochgestellten, in: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 60 (1916), S. 258, zit. nach Brenner, Michael, Orchideenfach, Modeerscheinung oder ein ganz normales Thema? Zur Vermittlung von Jüdischer Geschichte und Kultur an deutschen Universitäten, in: Bar-Chen, Eli; Kauders, Anthony D. (Hgg.), Jüdische Geschichte. Alte Herausforderungen, neue Ansätze. München 2003 (Münchner Kontaktstudium Geschichte 6), S. 13-24, hier S. 14.
[10] Monika Richarz in ihrem Kommentar zur Sektion von Katrin Steffen (Warschau), "Kommunikative Konstruktionen eines Raumes - Juden in Polen und das Ghetto".
[11] Vgl. zur ursprünglichen Ausformung des Konzept der jüdischen Geschichte als Gegengeschichte, wonach die Wissenschaft des Judentums als Gegengeschichte zur christlichen Wissenschaftstradition entstand: Heschel, Susannah, Jewish Studies as Counterhistory, in: Biale, David u.a. (Hgg.), Insider - Outsider. American Jews and Multiculturalism, Berkeley 1998, S. 102-115; Auszüge daraus in Teilübersetzung: Heschel, Susannah, Wissenschaft des Judentums als Gegengeschichte, in: Brenner, Michael u.a. (Hgg.), Jüdische Geschichte lesen. Texte der jüdischen Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jahrhundert, München 2003, S. 392-404.
[12] Frevert, Ute, Geschlechtergeschichte: Rück- und Ausblicke, in: Brenner; Myers (wie Anm. 2), S. 172-180, hier S. 177.

Zitation
Historikertag 2004: Jüdische Geschichte, in: H-Soz-Kult, 30.10.2004, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-542>.
Redaktion
Veröffentlicht am
30.10.2004
Beiträger
Klassifikation
Weitere Informationen
Sprache Beitrag