Historikertag 2004: Mittelalter

Von
Julian Führer, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Besprochene Sektionen:

"Raum, Identität und Konflikt im frühen Mittelalter"
"Zwischen „Globalisierung“ und Konfessionalisierung: Kommunikation und Raum in der hansischen Geschichte"
"Raum und Finanzen der Stadt am Übergang vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit"
"Räume erfassen, besetzen, durchdringen. Zur Bedeutung der Kommunikation für die Herrschaft über Räume"
"Konstruktion politischer Räume im Spätmittelalter"
"Meistererzählungen vom Mittelalter. Verlaufsmuster und Epochenimaginationen in der Praxis mediävistischer Disziplinen"

Das Motto des Historikertages "Kommunikation und Raum" gab Gelegenheit zu flexibler Auslegung. Gleichzeitig drohte angesichts der wenig präzisen Schlagwörter, denen sämtliche Sektionen gerecht werden mussten, eine gewisse Beliebigkeit. Eine historische Fragestellung, die sich weder mit der Kategorie der Kommunikation noch mit der des Raumes zumindest implizit auseinander setzt, dürfte wahrhaft selten sein. Einige Vorträge vermittelten entsprechend den Eindruck, dass an Anfang und Ende einige Bemerkungen zu Kommunikation und Raum genügen würden, um dem gestellten Thema zu entsprechen. Andere Sektionen nahmen das Oberthema ernster und beschränkten sich auf die Untersuchung dieser Aspekte unter bestimmten Fragestellungen. In diesem Querschnittsbericht zur mittelalterlichen Geschichte sollen zunächst (I) die Verteilung der Sektionen, dann (II) inhaltliche Schwerpunkte in den Sektionen und Diskussionen behandelt werden, wobei diese notwendigerweise einer subjektiven Betrachtung geschuldet sind. In einem weiteren Punkt (III) soll auf die beiden Sektionen eingegangen werden, die inhaltlich wie zeitlich andere Akzente setzten als die Mehrzahl und schließlich (IV) ein Fazit versucht werden, um im Idealfall eine Momentaufnahme der deutschsprachigen Mediävistik vom Kieler Historikertag zu liefern.

I
Der diesjährige Historikertag zeigte wie schon seine Vorgänger eine starke neuzeitliche Orientierung - neuere Geschichte und Zeitgeschichte waren mit 21 Sektionen vertreten, und auch in den Epochen übergreifenden Sektionen war diese Dominanz zu verspüren. Doch auch für mediävistisch Interessierte blieb eine mit acht Sektionen im Vergleich zur Alten Geschichte immerhin doppelt so umfangreiche Auswahl. Über den Sinn dieser Epochenunterscheidungen wie ihrer unterschiedlichen Präsenz auf der Tagung ließe sich gewiss streiten, doch ist hier der Ort, die spezifisch mediävistischen Veranstaltungen zu würdigen. Es stellt sich hierbei die Frage, ob die Sektionen in ihrer Gesamtheit als repräsentativ gelten dürfen. Aufgrund terminlicher Überschneidungen zwischen den Sektionen können nicht alle Veranstaltungen einbezogen werden. Die detaillierte Berichterstattung über einzelne Veranstaltungen bleibt den Sektionsberichten überlassen. Die Veranstalter, Vortragenden, Zuhörer und Interessenten der Sektionen "Vom Zentrum zum Netzwerk - Raumüberwindung in der hoch- und spätmittelalterlichen Kirche" und "Mechanismen der regionalen Transformationen in bi- und multikulturellen Räumen" seien bereits an dieser Stelle um Nachsicht gebeten. Dass diese Sektionen hier nicht betrachtet werden können, hat nichts mit inhaltlicher Bewertung zu tun, sondern ist ausschließlich in dem organisatorischen Zwang begründet, nur eine von mehreren parallel veranstalteten Sektionen behandeln zu können.

In der Mediävistik scheint das Spätmittelalter derzeit eine besondere Konjunktur zu genießen. Abgesehen von einer explizit frühmittelalterlich ausgerichteten Sektion war diese Dominanz an allen Vor- und Nachmittagen zu spüren. Während in der entsprechenden Sektion der Alten Geschichte "Römer und Germanen in der Spätantike" durch Karl L. Noethlichs (Aachen) und Herwig Wolfram (Wien) ein Blick in die frühmittelalterlichen Jahrhunderte geworfen wurde, setzten die als mittelalterlich klassifizierten Sektionen erst mit der Karolingerzeit ein. Das hohe Mittelalter (nach allgemeinem Verständnis die Zeit zwischen etwa 1000 und 1250) spielte in mehreren Themenbereichen eine Rolle, meist allerdings in der Funktion vorbereitender Vorträge für den eigentlichen spätmittelalterlichen Schwerpunkt. Als besonders auffällig ist hier die Präponderanz der Vorträge zum 15. Jahrhundert zu bezeichnen. Angesichts der Forschungsgeschichte der letzten anderthalb Jahrhunderte ist dies sicherlich als ein Nachholen zu begreifen, um einen in quantitativer Hinsicht und im Vergleich zu anderen mittelalterlichen Jahrhunderten immensen Quellenbestand für die historische Analyse fruchtbar zu machen. Gerade das 15. Jahrhundert erfreute sich, abgesehen von Arbeiten bedeutender Forscher wie Erich Meuthen, bislang keiner besonderen Beliebtheit; dies mag in der institutionellen Trennung zwischen mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Geschichte begründet liegen. Wer sich mit dieser Zeit beschäftigte, ob aus mediävistischer oder frühneuzeitlicher Perspektive, untersuchte aus dem Verständnis seines jeweiligen Faches eine Randzeit. Dass dies heute keine Rolle mehr zu spielen scheint, ist fraglos zu begrüßen. Gleichzeitig darf man gespannt sein, ob sich diese Konjunktur verstetigt oder nur eine kurzfristige Schwerpunktbildung vorliegt. Manche Vorträge schlugen gleichsam die Brücke zur Frühen Neuzeit und machten so die Künstlichkeit einer Epochengrenze um 1500 deutlich. Im Sinne der Prüfungsordnung mancher bürokratisch organisierten deutschen Universität dürfte ein Vortrag in der Reihe "Junge Historiker stellen sich vor" über eine 1502 gestorbene Figur nur unter Stirnrunzeln als zur mittelalterlichen Geschichte zugehörig betrachtet werden (Jörg Schwarz, "der mir am meisten hulflich gewest ist". Johann Waldner (gest. 1502), Kanzler und Rat Kaiser Friedrichs III. und König Maximilians I.). Die institutionelle Um- und Durchsetzung von Fächergrenzen findet hier ihre wenig erfreuliche und fachlich nicht wünschenswerte Konsequenz. Bereits an dieser Stelle kann nur betont werden, dass ebenso wie das stets geforderte inter-, trans- und pluridisziplinäre Arbeiten auch eine Offenheit der chronologischen Perspektive dringend zu wünschen ist.

II
Ein Schwerpunkt der Vorträge und Diskussionen mag überraschend erscheinen - immer wieder ging es um Kampf und Krieg. Ist dies wohl kaum als besonders sensibles Reagieren der Mediävistik auf aktuelle Erscheinungen zu werten, so ist doch zu fragen, ob sich eine Rückkehr zur "histoire-bataille" ankündigt. Hiervon dürfte jedoch kaum auszugehen sein, vielmehr ist vielleicht doch der geforderte Bezug zu Kommunikation und Raum bestimmend gewesen. Bei Räumen ging es oft um deren Wahrnehmung, symbolische Besetzung und reale Inbesitznahme und dadurch schnell um den Kampf, der zu deren Zuteilung führte. Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen: In der Veranstaltung "Junge Historiker stellen sich vor" präsentierte Uwe Israel (Göttingen) sein Forschungsprojekt "Der mittelalterliche Zweikampf als agonale Praktik zwischen Recht, Ritual und Leibesübung". Forschungen von Gerd Althoff zur symbolischen Kommunikation und kontrollierten Eskalation als Konfliktbereinigung aufgreifend und weiterführend, verdeutlichte Uwe Israel am Beispiel eines geplanten Zweikampfes zwischen den Königen Karl von Anjou und Peter von Aragon im Jahr 1283 die Implikationen eines Entscheidungskampfes zweier Herrscher. Man kann hier wohl von einem Punktsieg für Karl sprechen, da der Kampf vermieden wurde, andererseits aber Karl von Anjou von sich sagen konnte, er habe sich am vereinbarten Ort dem Kampf gestellt und habe vergeblich auf den Gegner gewartet. Thematisch in eine verwandte Richtung gingen die Überlegungen von Malte Prietzel (Berlin) in "Das Feld behaupten. Die Besetzung der Walstatt als Faktum, Symbol und Konstruktion". Da mittelalterliche Schlachten oft erst durch nachträgliche Deutung klar entschieden wurden, spielte hierbei das Verweilen auf dem Schlachtfeld eine gewisse Rolle. In der Diskussion wurde zusätzlich ein Akzent darauf gelegt, dass das Verweilen auf dem Schlachtfeld gleichzeitig impliziert, dass die Gefolgsleute des Siegers ihm weiterhin gehorsam sind und weder plündernd die Umgebung durchziehen noch nach Überlebenden der unterlegenen Seite suchen, um durch Gefangennahme Lösegelder zu erzielen. Das Verweilen auf dem Schlachtfeld erhält somit gleichzeitig eine Komponente der Demonstration von Herrschaft. Stefan Tebruck (Jena) konnte in "Heilige Krieger - bewaffnete Pilger? Mitteldeutschland und die Kreuzzüge (1100-1300)" - ebenso wie Uwe Israel im Rahmen von "Junge Historiker stellen sich vor" - eine Personengruppe beschreiben, die sich an den Kreuzzügen beteiligte und dafür entsprechende Vorkehrungen traf. Simona Slanicka (Bielefeld) schließlich ("Aggression durch Herrschaftszeichen. Visuelle Außenpolitik unter Philipp dem Guten und Karl dem Kühnen von Burgund") demonstrierte anhand von bildlichen Darstellungen aus Handschriften ein Ausgreifen burgundisch-herzoglicher Symbole in weite Bereiche der in den Handschriften dargestellten Räume. Dass hier nicht nur Wappen eine Rolle spielen, wurde anhand der Devisen klar - neben dem burgundischen Herzogswappen diente etwa Johann ohne Furcht auch die bildliche Darstellung eines Hobels zur Markierung von Räumen. Burgundisch konnotierte Zeichen wie etwa das Andreaskreuz finden sich zum Beispiel auch auf der berühmten Winterdarstellung der Très riches Heures des Duc de Berry. Ob es sich hier jeweils um aggressive Zeichen handelt, blieb allerdings mitunter fraglich; unter anderem wäre die Frage intensiver zu behandeln gewesen, welches Publikum von der jeweiligen Handschrift intendiert war. Die kommunikative Situation konnte mithin nicht bei jedem der gezeigten Objekte verdeutlicht werden.

Eine ganze Sektion unter der Leitung von Stefan Esders (Bochum/Berlin) und Thomas Scharff (Münster/Braunschweig) stand unter dem Titel "Raum, Identität und Konflikt im früheren Mittelalter"; hier wurde entweder direkt auf Kampf und Krieg oder auf deren Reflex und Verarbeitung in den Quellen Bezug genommen. Besonders Thomas Scharff wies in dem Vortrag "Die Verteidigung und Erweiterung der Christianitas als Motiv frühmittelalterlicher Kriegsführung" auf mehrere Quellenpassagen hin, u.a. eine Stelle bei Einhard (Vita Karoli Magni, c. 15), dass Karl der Große das Reich fast verdoppelt habe - ein deutlicher Hinweis (ebenso wie Einhards Notiz, es gebe keine natürliche Grenze zwischen Franken und Sachsen), dass frühmittelalterliche Reichsbegriffe doch nicht rein personal zu fassen sind, wie es Theodor Mayers Diktum vom Personenverbandsstaat und vor allem dessen Rezeption mitunter nahe legen. Die karolingische Geschichtsschreibung wolle Herrscherlob schreiben, so Scharff, und dieses werde vor allem über militärische Erfolge erzählbar. Entsprechend würden Jahre ohne größere kriegerische Unternehmungen in der Historiografie fast entschuldigend behandelt. Einhard berichtet im Übrigen in der Vita Karoli nichts über die jeweiligen Kriegsgründe, deren Kenntnis also entweder beim Publikum vorausgesetzt wird oder für das Lob des Herrschers ohne Belang ist.

Ein weiterer thematischer Schwerpunkt lag offensichtlich auf der Erforschung der Eliten und der Funktion vor allem geistlicher Fürsten und Legaten. Durch die Sektionen zog sich das nicht explizit formulierte Ziel, die bislang so oft im Vordergrund stehende herrschende Schicht der Kaiser, Könige und Päpste in den Hintergrund treten und die Persönlichkeiten und Strukturen der ‚zweiten Reihe' sichtbar werden zu lassen. Besonders einschlägig in dieser Kategorie waren die Beiträge "'Macht' durch Kommunikation? Zur Beurteilung des Herrschers durch hofnahe Eliten und durch den ‚gemeinen Mann'" von Christine Reinle (Bochum), "Zur kommunikationsgeschichtlichen Bedeutung der Kirchenversammlungen des hohen Mittelalters" von Thomas Wetzstein (Frankfurt/Main), "Das Karolingerreich als Kommunikations- und Handlungsraum der fideles Dei et regis" von Stefan Esders (Bochum/Berlin) und besonders der bereits genannte Vortrag von Jörg Schwarz (Mannheim) im Rahmen von "Junge Historiker stellen sich vor". In "Bis in den hintersten Winkel? Das Papsttum und die räumliche Expansion der römischen Kirche im hohen Mittelalter" verdeutlichte Harald Müller (Berlin) die Bedeutung von Legaten und delegierten Richtern bei der Ausrichtung der Christianitas auf das römische Papsttum - dieses Instrument erhielt eine gesteigerte Bedeutung in Gebieten, die dem westlichen Christentum noch nicht lange angehörten, wie z.B. in Teilen Spaniens und den Kreuzfahrerstaaten. Während die Legaten vom Papst entsandte Mandatsträger mit Entscheidungsgewalt waren, handelte es sich bei den delegierten Richtern um päpstlich beauftragte Einheimische. Diese pragmatisch eingesetzte Mischung führte zu einem "Papsteuropa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten", dem eine gänzlich einheitliche päpstliche Verwaltung noch fremd war. Mit "Grab und Herrschaft. Zur Funktion von Grabdenkmälern in geistlichen und weltlichen Residenzen" griff Wolfgang Schmid (Trier) den Titel eines kürzlich erschienenen Buches von Olaf B. Rader (Berlin) auf, um ihn sogleich mit "Grabmal und Herrschaft" zu nuancieren. Die Gestaltung des Grabmals, gezeigt anhand der Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier, ließ sich auf unterschiedliche Weise verwirklichen, die sich mitunter an Tendenzen orientierte, die von französischen Königen und geistlichen Fürsten, mitunter von den direkten Konkurrenten im Reich, übernommen waren. Während bei den französischen Königen in Saint-Denis die Kombination von Genealogie, Heiligenverehrung und Grabmalserie besonders eindrücklich und wirkungsmächtig werden konnte, ist bei Bischofsgräbern der Spielraum wesentlich geringer - die geistlichen Gewänder bei Liegefiguren erlauben sehr viel weniger als bei weltlichen Herrschern eine Distinktion durch Accessoires, nicht zuletzt ist natürlich auf das rein männliche Personal einer bischöflichen Grablege zu verweisen. Der Vortrag, der zum Teil Überlegungen Rudolf Schieffers [1] weiterführte, konnte mithin deutlich die Erkenntnismöglichkeiten darlegen, die in einer Untersuchung liegen, die sich nicht nur auf Könige und Päpste bezieht.

Ein dritter Themenkreis lag wohl im Bereich der Städte. Zum Themenfeld der Städte und ihrer Verwaltung soll bei aller Problematik dieser Vereinnahmung auch die Sektion "Zwischen ‚Globalisierung' und Konfessionalisierung: Kommunikation und Raum in der hansischen Geschichte" gezählt werden, die aufgrund terminlicher Überschneidungen leider nicht besucht werden konnte. Deutlich in den bezeichnete Umfeld fiel der Themenkreis "Raum und Finanzen in der Stadt am Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit". Hier wurden durch Hans-Jörg Gilomen (Zürich) mit dem einleitenden Referat "Der Raum als Strukturelement der Finanzwirtschaft mittelalterlicher Städte" entscheidende Grundlagen gelegt. Anhand einer Typologie der räumlichen Kreditbeziehungen bei Stadtanleihen wurde deutlich, dass die eigenen Bürger als Gläubiger ihrer Stadt nicht unbedingt eine bessere Stellung haben, denn die Bürger sind den Pressionen der eigenen Stadt hilflos ausgeliefert; andererseits kennen die Bürger die finanzielle Potenz oder die Nöte ihrer Stadt am besten und werden daher, wie im Fall der Stadt Bern, bei Rückzahlungen bevorzugt behandelt. Die günstige Archivlage in Städten wie Bern und Basel erlaubt quantitative Aussagen, die den Historikern sonst versagt bleiben. Wie in der Diskussion durch Gerhard Fouquet (Kiel) betont wurde, ist der Umgang der Städte mit ihren Haushalten oft erschreckend modern, da auch im 15. Jahrhundert die tatsächliche Finanzlage einer Stadt in der Buchführung verschleiert werden konnte. Bei aller Verführungskraft der anscheinend objektiven und exakten Zahlen ist auch hier quellenkritische Vorsicht geboten. Weitere Vorträge sind zu Bern durch Niklaus Bartlome (Bern), zu Nürnberg durch Bernd Fuhrmann (Siegen) und zu Leiden durch Harm von Seggern (Kiel) zu verzeichnen. Zu betonen ist die rege Korrespondenz zur Ermittlung besonders effektiver Haushaltsmodelle. Ebenso wurde in der Sektion "Konstruktion politischer Räume im Spätmittelalter" durch Michael Rothmann (Köln) in dem Vortrag "Zwischen Diplomatik und Diplomatie - Städtische Briefbücher als serielle Schlüsselzeugnisse städtischer Kommunikation" auf diese bislang nicht genügend berücksichtigte Quellengattung hingewiesen. Die städtische Informationsverwaltung durch Briefbücher verdiene eingehendere Betrachtung, die es u.a. erlaube, die in diesen Büchern registrierten Schreiben mit der etwaigen vorhandenen Empfängerüberlieferung zu kontrollieren und so zu ermitteln, welcher Prozentsatz des ausgehenden Schrifttums überhaupt in den Briefbüchern erfasst wurde. Direkt im Anschluss an diesen Beitrag betonte Pierre Monnet (Saint-Quentin-en-Yvelines) in "Information und gutes Regieren in den deutschen spätmittelalterlichen Städten" die Probleme, die das spätmittelalterliche Botenwesen mit sich brachte. Boten sind mit der Überbringung von oft geheimen Nachrichten und Geld beauftragt und so dem Risiko von Überfällen ausgesetzt, außerdem werden sie im Falle einer schlechten Nachricht oft stellvertretend für den Urheber rituell gedemütigt (etwa durch erzwungenes Aufessen der Nachricht); gleichwohl entsteht in der spätmittelalterlichen Literatur der Topos des betrunkenen, unfähigen Boten, so dass in der Diskussion mehrfach nach der Qualifikation der beauftragten Boten gefragt wurde.

Kriege, Eliten und Städteforschung sind natürlich nicht die einzigen Themen der mittelalterlich orientierten Sektionen dieses Historikertages gewesen, doch scheinen sie ein beträchtliches Gewicht besessen zu haben. An dieser Stelle sei hier auf Sektionen und Vorträge hingewiesen, die sich teilweise abseits dieser Schwerpunkte bewegten, aber durch ihre innere Schlüssigkeit auffielen.

III
Bereits erwähnt wurden die Beiträge von Stefan Esders (Bochum/Berlin) und Thomas Scharff (Münster/Braunschweig) in der Sektion "Raum, Identität und Konflikt im früheren Mittelalter". Dieser Themenschwerpunkt hielt sich eng an das vorgegebene Thema "Kommunikation und Raum", das anhand der Situation in den karolingischen Teilreichen exemplifiziert wurde. Philippe Depreux (Göttingen) wies in seinem Vortrag "Raumerfassung und Raumergreifung im Frühmittelalter am Beispiel der Reichsteilungen" nachdrücklich darauf hin, dass die Definition von Grenzen die Herausbildung regionaler Identitäten befördert. Nicht nur im neunten Jahrhundert ist es primär von Bedeutung, bestimmte Zentralorte zu kontrollieren; bei den karolingischen Reichsteilungen scheint man über recht genaue Inventare verfügt zu haben, die die Ausdehnung der königlichen fisci und damit den genauen Verlauf der Grenzen in den meisten Fällen bestimmbar machten. Helmut Reimitz (Wien) sprach über "Vergegenwärtigung von Raum und Konstruktion von Identität in der fränkischen Historiographie" und befasste sich mit vermeintlich längst bekannten Texten wie den fränkischen Reichsannalen und der Chronik des so genannten Fredegar. Reimitz konnte den verblüffenden Befund präsentieren, dass je nach Herkunftsort und Überlieferungszusammenhang eines Textzeugen der geografische Rahmen mitunter neu gefasst wurde. Aus dem karolingischen Westen stammende Handschriften beispielsweise betten diese Texte in anders zusammengestellte Kompendien ein, so dass Neustrien als geografisches Gebilde eine historische Legitimation erhält. Dies geht so weit, dass Ortsangaben, die den Ostteil betreffen, getilgt oder in einer gerafften Zusammenfassung übergangen werden. Hier wurde eine fruchtbare Anwendung der Kategorie des Raumes deutlich. In einer anderen Sektion befasste sich Wolfgang Eric Wagner mit dem Phänomen "Grenzüberschreitende Erinnerung. Königsherrschaft und liturgische Präsenz in der späten Karolingerzeit" und behandelte die Frage, wie ein Herrscher im Bereich eines Konkurrenten dennoch durch Gebetsauflagen an ein bedeutendes Kloster, in diesem Fall Saint-Martin in Tours, gegenwärtig bleiben konnte oder dies zumindest versucht hat.

Etwas außerhalb der thematisch oder chronologisch auf das Tagungsthema bezogenen Schwerpunkte stand die Sektion "Meistererzählungen vom Mittelalter. Verlaufsmuster und Epochenimaginationen in der Praxis mediävistischer Disziplinen" unter der Leitung von Frank Rexroth (Göttingen). Ihr sei abschließend noch kurz die Aufmerksamkeit gewidmet. Der etwas sperrige Begriff der "Meistererzählung" umfasst Gesamtdarstellungen einer Disziplin oder ihrer Teile, deren Intention nicht auf reflektierender Forschung, sondern auf narrativer Deutung liegt. Dass es hier keine ganz klare Trennung geben kann, ist selbstverständlich. In seinem einleitenden Referat legte Frank Rexroth die Grundproblematik dieser Erzählform dar: Sie diktiert die Grundstruktur anderer Erzählungen. Durch eindeutige Perspektive, Reduktion und Dramatisierung historischer Prozesse werden diese erzählbar. Das Schlagwort vom "finsteren Mittelalter" ist noch lange keine Meistererzählung, kann aber bestimmend für eine solche werden. Der Umstand, dass in einem narrativen Gesamtentwurf den Fakten ein Sinn verliehen wird, demonstriert seine Anfälligkeit für ideologische Vorannahmen. Die Reserven Lyotards und Hayden Whites gegenüber der Möglichkeit historischer Erkenntnis, die stets vorgefassten Erzählmustern unterliege, waren damit angesprochen. Besonders nützlich erschien im Rahmen der Sektion wie im allgemeinen Interesse des Historikertages die Einbindung der Literaturwissenschaft. Thomas Haye (Göttingen) skizzierte aus der Perspektive der mittellateinischen Philologie "Die Periodisierung der lateinischen Literatur des Mittelalters - literarische Meistererzählungen als axiomatische Muster der Objektkonstitution und Strukturbildung" und fasste Literaturen als Textsummen, die in Meistererzählungen zu gliedern sind. Die methodischen Probleme (impliziertes Nacheinander, Eindimensionalität) gelten ebenso für historische Darstellungen. Dramatisierende Partikel wie "noch", "schon", "noch nicht", "nicht mehr" usw. transportieren diese mitunter unbewusste Voreingenommenheit der Verfasser, die für die Außenwahrnehmung eines Faches jedoch von zentraler Relevanz sind - denn das Publikum dieser Meistererzählungen besteht nicht zuletzt aus Studierenden der ersten Semester, denen Orientierung geboten werden soll, und Angehörigen von Nachbardisziplinen, die über die wichtigsten Arbeitsgebiete und Thesen des anderen Faches informiert werden wollen. In dem Vortrag "Jahreszeiten, Blütezeiten. Verlaufsmuster für Literaturgeschichte" betonte Klaus Grubmüller (Göttingen) die verblüffende Häufigkeit von Naturanalogien in Literaturgeschichten - und nicht nur dort. Immer wieder ist von "Blütezeit" die Rede, ebenso finden sich regelmäßig Modelle, die die Analogie der Jahreszeiten bemühen. Diese "Flucht ins anscheinend Naturgegebene" ist natürlich sehr suggestiv. Begriffe wie ‚Blüte' oder ‚Entfaltung' begegnen besonders in Überblicksdarstellungen auch der jüngsten Zeit immer wieder und regen dazu an, große geschichtliche Modelle zu entwerfen und beispielsweise immer wieder ‚Renaissancen' zu postulieren. Dass das einzelne literarische Werk eine solche Einordnung mitunter nicht zulässt, bewirkt entweder dessen Beurteilung als ‚unzeitgemäß' - oder dessen Eliminierung aus der Literaturgeschichte. Aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft demonstrierte Walter Pohl (Wien) dies am Beispiel der so genannten Wanderungszeit ("Ursprungserzählungen und Gegenbilder: germanisches und archaisches Mittelalter"), während Patrick Geary (Los Angeles) in "Multiple Middle Ages: Rival Meta-Narratives and the Competition to Speak the Past" die räumliche Beschränkung der europäischen Meistererzählungen vom Mittelalter und damit meist auch der Forschung auf einen geografisch eng umrissenen Raum in Frage stellte. Sollte nicht stärker für das Mittelalter etwa eurasische Geschichte betrieben werden? Diese letzte Sektion gab methodische Denkanstöße, die bei folgenden Historikertagen eventuell Berücksichtigung finden sollten.

IV
Welches Fazit kann nun aus mediävistischer Sicht nach diesem Historikertag gezogen werden? Das Mittelalter steht schon lange nicht mehr im Zentrum des historischen Interesses. Auch das erstmals präsentierte Doktorandenforum hinterließ diesen nachhaltigen Eindruck - von 54 Beiträgen befasste sich gerade einmal ein halbes Dutzend mit dem Mittelalter, also rund 10 Prozent. Die wenigen Sektionen, die sich dennoch dieser Epoche widmeten, konnten jedoch zeigen, dass unter Anwendung einer Vielfalt von Methoden weiterhin neue Erkenntnisse zu erwarten sind. Die Kooperation mit der österreichischen und schweizerischen Mediävistik ist besonders zu betonen. Aus Wien steuerten Herwig Wolfram, Walter Pohl und Helmut Reimitz in unterschiedlichen Sektionen wertvolle Vorträge aus ihren Arbeitsgebieten bei; dass die Referenten aus der Schweiz (Hans-Jörg Gilomen, Niklaus Bartlome, Oliver Landolt, Claudius Sieber-Lehmann) sich vorwiegend mit Fragen der mittelalterlichen Stadtfinanzen und des Bankwesens befassten, mag als bemerkenswertes Detail gelten. Thematisch und inhaltlich wurde bereits auf das Übergewicht der Studien zum späten Mittelalter und besonders zum 15. Jahrhundert hingewiesen, das sich sowohl in den einzelnen Sektionen als auch bei "Junge Historiker stellen sich vor" bemerkbar machte. Vielleicht darf man das 15. Jahrhundert als das verspätete Jahrhundert der deutschen Mediävistik bezeichnen, dem verstärkte Aufmerksamkeit verdientermaßen zukommt. Es ist zu fragen, wie lange diese Konjunktur andauern wird; Schwerpunkte der vergangenen Jahre wie zum Beispiel Fragen der mittelalterlichen Nationsbildung oder der Memoria fanden beim Historikertag 2004 keinen Platz mehr im Programm. Es wäre bedauerlich, wenn manchen Gebieten ein ähnliches Schicksal drohen sollte. Das bemerkenswerte Wiederaufleben der Studien zu Krieg, Schlacht und Kampf lässt darüber spekulieren, ob in zwei Jahren nicht sogar wieder Studien zum Königtum zu erwarten sind, die seit einiger Zeit weniger stark betrieben zu werden scheinen und dennoch gerade im Bereich der Frühmittelalterforschung immer wieder neue Ergebnisse zeitigen. Im Kontext der für 2006 angekündigten Magdeburger Ausstellung zum mittelalterlichen Reich sind hier vielleicht neue Impulse zu erwarten. Als Letztes sei die Prognose oder vielmehr die Hoffnung geäußert, dass die Mediävistik sich (wieder) verstärkt ihren schriftlichen Quellen in ihrer Materialität zuwenden könnte. Der Beitrag von Wolfgang Schmid (Trier) zu den erzbischöflichen Grabmälern zeigte ein mögliches Erkenntnisfeld auf, viel stärker noch deuteten die sich mit den Handschriften und dem Überlieferungskontext der Texte auseinander setzenden Vorträge von Simona Slanicka (Bielefeld), Wolfgang Eric Wagner (Rostock), Helmut Reimitz (Wien) und Michael Rothmann (Köln) an, dass über das Druckbild einer vermeintlich abschließenden kritischen Edition hinaus viele Texte erst aus ihrer Einbettung in die jeweiligen Handschriften verständlich werden. Die Mediävistik kann sich über einen Mangel an Arbeitsfeldern nicht beklagen - wohl aber über einen Mangel an Arbeitsplätzen.

Dr. Julian Führer ist Lehrbeauftragter an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Nach seiner Dissertation über den französischen König Ludwig VI. und die Kanonikerreform befasst er sich derzeit mit Fragen der transkulturellen Wahrnehmung zwischen den westlichen Reichen und Byzanz sowie mit der Problematik von Mündlichkeit und Schriftlichkeit im frühen Mittelalter.

Anmerkung:
[1] Schieffer, Rudolf, Das Grab des Bischofs in der Kathedrale (Bayerische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-Historische Klasse, Sitzungsberichte Jg. 2001 Heft 4), München 2001

Zitation
Historikertag 2004: Mittelalter, in: H-Soz-Kult, 03.11.2004, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-545>.
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03.11.2004
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