D. Kuchenbuch: Living at Work? Zoomifizierung und akademischer „Mittelbau“ nach der Pandemie

Von
David Kuchenbuch, Justus-Liebig-Universität Giessen

Die Politik scheint gegenwärtig frei nach einem Motto von Yoko Ono und John Lennon zu agieren: „Covid is over if you want it“. Umso wichtiger ist es, innezuhalten und vorläufige Bilanzen zu ziehen über die Erfahrungen der letzten zweieinhalb Jahre, so wie es die H-Soz-Kult-Redaktion mit diesem Forum zur Virtualisierung der wissenschaftlichen Kommunikation anregt, die die Routinen des Lehrens, Forschens und (Selbst-)Verwaltens gehörig durcheinandergebracht hat.

Was im Frühjahr 2020 unter hohem Druck zur Improvisation und mit vielen Befürchtungen begann – Lehrveranstaltungen, Dienstbesprechungen, Konferenzen am Bildschirm – all das war für die Mehrzahl der Angehörigen von Universitäten und Forschungsinstituten neu und gewöhnungsbedürftig. Das Video conferencing hatte aber auch unerwartete positive Effekte. Einige davon erwähnt der die Debatte eröffnende Beitrag der H-Soz-Kult-Redaktion bereits: Kolloquien, die sonst auf Seminarräume mit 30 Stühlen begrenzt gewesen wären, zogen mehr Zuhörer:innen an, als es manche Zoom-Lizenz zulässt, nicht selten sogar von außerhalb der Uni-Fakultäten. Die internationale Vernetzung wurde von der Floskel universitärer Marketingabteilungen und Exzellenzbeauftragter zur gelebten Realität, wo keine Drittmittel für Atlantikflug und Motel One beantragt werden mussten. Wichtiger noch: Auch den mit dem Internationalisierungsimperativ verknüpften ethischen Forderungen wurde besser entsprochen, weil zumindest theoretisch auch Forscher:innen mit „schlechten“ Visa an Konferenzen teilnehmen konnten. Es wäre eine Schande, wenn die auf virtuellem Wege dichter und weiterreichend verknüpften Wissenschafts-Communities sich wieder auf den ICE-Radius oder hinter die Schwellen der Hörsäle zurückzögen. Und selbst wenn die Energiebilanz der digitalen Heimarbeit noch nicht gezogen ist: In ökologischer Hinsicht kann sie im Wissenschaftsbereich eigentlich nur positiv ausfallen. Die Langstreckenflüge zu den Beiratssitzungen deutscher akademischer Auslandsinstitute zum Beispiel dürften deutlich zurückgegangen sein. Das darf, ja muss so bleiben.

Solchen letztlich vor allem in quantitativer Hinsicht positiven Effekten der „Zoomifizierung“ stehen qualitative Einwände gegenüber. Sie beginnen mit dem Misstrauen gegenüber den Anbietern digitaler Kommunikationsplattformen, insbesondere dem Unbehagen angesichts der anfallenden Mengen hochprivater Daten[1], die die eher geringen Kosten für Zoom- und andere Lizenzen verdächtig erscheinen lassen. Und sie enden nicht mit konkreten Funktionalitätsproblemen, die die Reduktion der wissenschaftlichen Interaktion auf die „Kachel“ aufwirft, unzureichenden Internet-Bandbreiten oder inkompatiblen Betriebssystemen etwa. Ein medienwissenschaftlicher Gemeinplatz besagt, Medien würden ab dem Moment sozial interessant, wo sie technisch unscheinbar sind, also einfach funktionieren. Das möchte man 2022 nur teilweise bestätigen, denn oft waren es in den vergangenen zwei Jahren technische Defizite, die soziale Asymmetrien verstärkt haben: Erhebliche Übertragungslatenzen und ein stark digital komprimierter, daher akustisch seltsam toter Audioraum erschwerten eine Kommunikation, die aufgrund des Wegfalls dessen, was ich mangels eines besseren Ausdrucks als synästhetischen „Raumsinn“ bezeichnen würde, ohnehin ausgedünnt war.[2] Das erzeugte und erzeugt für Menschen mit Behinderungen zusätzliche Barrieren und führte bei vielen Beteiligten zu Konzentrationsschwierigkeiten und rascherer Ermüdung, wofür es schon einen eigenen Ausdruck gibt: Zoom fatigue. Unabhängig von solchen Technikeffekten ließen sich auch kontraproduktive soziale Seltsamkeiten beobachten: Die Unfähigkeit etwa, digitale Meetings stilsicher zu beenden, die zu zeitlich ausufernden Besprechungen führte. (Zu den positiven Seiten des Zoomens gehört insofern auch, wie lustig es bisweilen war. Wie wohl die meisten Leser:innen habe ich mich an mancher versehentlich an „alle“ adressierter Privatbotschaft im Chat erfreut). Dass die digitale Lehre im Fach Geschichte mit audiovisuellem Material gut, mit Textquellen jedoch deutlich schlechter funktioniert, scheint nicht nur meine Beobachtung zu sein. Manches Problem gerade der Online-Lehre dürfte allerdings nicht der E-Kommunikation selbst geschuldet zu sein. Die vielbeklagten schwarzen Bildschirme haben meinem Eindruck nach weniger mit Mitnahmeeffekten zu tun als mit der Tatsache, dass viele Studierende aufgrund weggebrochener Nebenerwerbsmöglichkeiten und geschlossener Universitätsbibliotheken ihre Wohnheims- oder WG-Zimmer gekündigt haben. Ich persönlich hätte mit Anfang 20 auch wenig Interesse gehabt, der Welt mein Jugendzimmer zu zeigen. Und dabei war ich schon in der glücklichen Situation, es nicht mit Geschwistern teilen zu müssen.

Es ist also zum einen wichtig, beim Rückblick nach Vorn zu unterscheiden, welche der Vor- und Nachteile der wissenschaftlichen Fernkommunikation der Pandemie(-bekämpfung) und welche den Medientechnologien selbst entspringen und daher auch nach einer Rückkehr in die post-pandemische neue Normalität bestehen bleiben dürften. Ebenso wichtig ist es aber zum anderen, sich dafür zu sensibilisieren, dass die Bilanz von zwei Jahren digitaler Universität für ihre Angehörigen teils sehr unterschiedlich ausfällt. Wie die Pandemie insgesamt, so hat auch die Zoomification manche bestehende Verwerfungslinie deutlicher hervortreten lassen, und es ist von zentraler Bedeutung, dass die entsprechenden Einsichten nicht auf die Betroffenen selbst beschränkt bleiben. Mir wird es im Folgenden deshalb vor allem um die Arbeitsverhältnisse an der (ent-)virtualisierten Universität gehen, weniger um digitale Prophetien. Ohnehin fehlt mir zu solchen nicht nur das technische Wissen; als Historiker, der Medienwirkungserwartungen erforscht, bin ich wohl auch besonders skeptisch gegenüber dem Nutzen solcher Projektionen. Man bedenke nur, als wie neuartig wir das erlebten, wofür sich erst Mitte 2020 mit „zoomen“ ein eigenes Verb durchgesetzt hat, obwohl Bildtelefoniefantasien sicher mehr als hundert Jahre alt sind.[3]

Mir scheint, auch und gerade wir Historiker:innen haben noch nicht wirklich verstanden, was uns zuletzt wiederfahren ist. Das hat weniger mit einem Unterangebot an historiografischem Orientierungswissen etwa zu verschiedenen Pandemien in der Geschichte zu tun als mit diesem „Wir“ selbst: Die Corona-Pandemie hat dem alten Begriff „Solidarität“ zwar ein bemerkenswertes Comeback verschafft, auch in der Dankesbotschaft manches Uni-Präsidenten an die Mitarbeiter:innen. Und doch vermag ich in der akademischen Welt keinen wirklichen Willen zu einer Debatte darüber zu erkennen, wem gegenüber man sich eigentlich solidarisch hätte zeigen müssen und weiter zeigen muss. Dabei kann kaum bezweifelt werden, dass die gesamtgesellschaftlich betrachtet extrem ungleich verteilten Lasten der Pandemie Soziolog:innen und Politolog:innen noch lange beschäftigen werden. Ersten Studien zufolge ist es nicht etwa die lautstarke, aber kleine Gruppe der Cornaleugner:innen und Coronamaßnahmenskeptiker:innen, um die es sich Sorgen zu machen gilt (zumal die Wertschätzung der Wissenschaft insgesamt zugenommen hat[4]). Es sind die Eltern und insbesondere die Mütter gerade kleinerer Kinder sowie die jungen Erwachsenen, deren Vertrauen in den demokratischen Prozess und deren Gefühl, politisch repräsentiert zu sein, seit 2020 offenbar in höchst besorgniserregendem Maße abgenommen haben.[5] Die Universitäten muss das besonders interessieren, schon aufgrund ihres Selbstverständnisses als Orte, an denen gesellschaftliche Debatten reflektiert werden, aber auch, weil die genannten Gruppen bei ihnen überrepräsentiert sind. Ich muss betonen: Die erwähnten Erhebungen sind klein und tentativ, Befragungen an Universitäten und Forschungsinstituten sind mir nicht bekannt und ich kann selbst nicht mit Zahlen aufwarten. Deshalb werde ich einen sehr subjektiven Aufschlag zur Diskussion machen. Ich werde also meine persönliche Erfahrung mit der Virtualisierung der wissenschaftlichen Kommunikation schildern. Ich hoffe dennoch, daraus einige unsystematische Überlegungen ableiten zu können, wie die neue, postpandemische, teildigitale Universität nicht nur für Menschen wie mich eine bessere werden könnte.

Meine Virtualisierungslernkurve war steil. Bis 2020 hatte ich allenfalls Erfahrungen mit privaten Skype-Gesprächen. Seitdem habe ich Vorlesungen mit OBS aufgezeichnet und mit LosslessCut geschnitten (nachdem ich einen ganzen Tag in Online-Foren zugebracht habe, bis ich begriff, dass Powerpoint for Mac es nicht erlaubt, ein Voice over zu den PP-Folien aufzunehmen). Ich habe via Microsoft Teams „vorgesungen“; ich habe selbst als Mitglied einer Berufungskommission Probevorträgen via Webex beigewohnt; ich habe via Adobe Connect Sprechstunden abgehalten und Seminare mit Zoom durchgeführt. Letzteres tat ich auf eigene Kosten und, wie ich gerne gestehe, teils unerlaubterweise, nach vorheriger anonymer Abstimmung mit den Studierenden, denn das von meiner Universität empfohlene und bereitgestellte Programm war und ist schlicht dysfunktional. Zu meinen persönlichen Lerneffekten gehört daher auch die Beobachtung, dass sich die Nutzeroberflächen und Funktionen verschiedener, mehr oder weniger kommerzieller Video conferencing-Anbieter (neben der eigentlichen Bildtelefonie: Messaging, Screen-sharing, Breakout-Funktionen usw.) wenig unterscheiden, sehr wohl aber die jeweilige Übertragungsstabilität. Inzwischen bilde ich mir ein, mich mit all diesen Programmen zurechtzufinden, was nicht heißt, dass ich nicht gelegentlich das Mikro anzuschalten vergesse.

Aus dem Vorangegangenen wird schon ersichtlich, dass ich in den vergangenen zweieinhalb Jahren verschiedene akademische Rollen hatte. Mein erstes Pandemie-Semester war mein zweites Semester als Vertretungsprofessor mit 9-SWS-Deputat. Mittlerweile bin ich Privatdozent auf einer Forschungsstelle mit überschaubarer Titellehre und – das ist prägender – mit einem Arbeitsvertrag von weniger als eineinhalb Jahren Laufzeit Bewerber um Professuren. Als solcher befinde ich mich in einer ganz besonderen, der akademischen Welt vorbehaltenen Zwickmühle, auf die ich gleich noch zu sprechen komme. An dieser Stelle ist wichtiger: Der erste „Lockdown“ ereilte mich rund drei Monate nach Abschluss meines Habilitationsverfahrens, in einem Stadium ohne fortgeschrittenes Forschungsprojekt. Ich hatte also keine Archivpläne, wie sie die Pandemie für viele meiner Kolleg:innen in einer früheren Qualifikationsphase durchkreuzte, was durch die Kulanzregelegungen von DFG und Co. nur begrenzt wiederaufgewogen wird, zumal diese keine Rechtsansprüche implizieren. Zu zoomen begann ich also als, so scheint es mir, gut vernetzter und erfahrener Wissenschaftler, der gerade in der Lehre aus dem Vollen schöpfen konnte. Ich glaube daher, in einer guten Position sein, mich in das hineinzuversetzen, was andere erlebt haben. Auch wenn es mir zugegebenermaßen schwerfällt, mir vorzustellen, wie ich die plötzliche Umstellung aufs Zoomen als Doktorand erfahren hätte oder unmittelbar nach Antritt meiner Post-Doc-Stelle, auf der ich die erste Lehrerfahrung sammelte.

Was ich – erste Beobachtung – nur als (gewesener) Professor wissen kann, ist: Vorlesungen vorzubereiten ist enorm aufwändig, digitale Vorlesungen als Videocast aufzuzeichnen und online bereitzustellen, noch viel mehr. Wenn meine Veranstaltungsevaluationen einigermaßen repräsentativ sind, dann lohnt die Mühe aber. Viele Studierende betonten, wie praktisch es für sie gewesen sei, die Vorlesung (auch) asynchron zuhause, in selbstgewählten Häppchen und im eigenen Tempo rezipieren zu können, und zwar gerade als Nicht-Deutsch-Muttersprachler:in in Vorbereitung auf eine Abschlussklausur. Es wäre also zu begrüßen, wenn Vorlesungen – anders als Lehrveranstaltungen mit größerem Interaktionsanteil – auch in Zukunft aufgezeichnet würden. Allerdings sollte mitbedacht werden, ob sich dadurch nicht bestehende Asymmetrien zwischen den universitären Statusgruppen unintendiert verschärfen könnten, schon aufgrund der Tatsache, dass eben nur Professor:innen, denen dieser Lehrveranstaltungstyp in der Regel vorbehalten ist, die theoretische Möglichkeit zum „recyceln“ einer Vorlesung gegeben ist. Es spricht wenig dagegen, eine einmal hochgeladene Vorlesung einige Semester lang auf Ilias, Stud.Ip usw. „anzubieten“ – so schnell veraltet der Forschungsstand in einem Fach wie Geschichte dann doch nicht. Und doch gilt es auch zu bedenken, dass Universitätsleitungen eine Chance sehen könnten, Deputate anders zu verteilen, zu berechnen, gar zu reduzieren, wenn etwa eine Einführungsvorlesung zu historischen Methoden oder zum langen 19. Jahrhundert schon digital bereitsteht. Gerade als Vertretungsprofessor scheint mir die makabre Geschichte von den kanadischen Kunstgeschichtsstudierenden beunruhigend, die 2021 mitten im Semester begriffen, dass sie der Aufzeichnung eines zwischenzeitlich verstorbenen Dozenten lauschten.[6] Dass selbst weniger extreme Fälle Datenschutz- und Urheberrechtsfragen aufwerfen – wie natürlich viele andere digitale Veröffentlichungsformen, etwa im Netzt bereitgestellte Mitschnitte virtueller Tagungen – klang schon im H-Soz-Kult-Editorial an. Es ist aber auch davon auszugehen, dass in Zeiten starker Hochschulkonkurrenz künftig größerer Wert auf die Produktion, die ästhetisch-technische Seite gerade der prestigeträchtigeren, vielleicht auch vermehrt an ein Publikum abseits der Universität gerichteten Vorlesungen gelegt wird. Auch das dürfte die Arbeitsbeziehungen an den Lehrstühlen verändern, also Hierarchien verstärken, die, nebenbei bemerkt, in anderen europäischen Ländern ohne Lehrstuhlsystem zunehmend abgebaut werden.[7] Zwar rücken die ersten „digitalen Eingeborenen“ in die Leitungspositionen der Hochschulen auf. Und doch scheint mir die Sorge begründet, dass Mitarbeiter:innen und studentische Hilfskräfte der Forschung noch weiter entrückt werden, wenn sie vor allem auf Basis entsprechender technischer Kompetenzen ausgewählt werden, wenn also ihnen die – wie ich aus eigener Erfahrung weiß – zeitraubende Aufgabe obliegt, Audioequipment aufzubauen, Vorlesungen zu schneiden, nachträgliche Bulletpoints einzufügen (und natürlich auch: größere Videokonferenzen als Administratoren zu verwalten) usw. usw.

Es kann kein Zweifel bestehen, dass der starke Wunsch nach einer Rückkehr zur Präsenz an den Universitäten viel damit zu tun hatte, dass alle sich danach sehnten, endlich wieder die soziale Arbeitswelt jenseits der beruflichen Aufgaben im engeren Sinne zurückzugewinnen. Auch ich genieße Mensagänge, Kaffeepausen, Flurgespräche usw., die ja insofern auch Arbeit sind, als sie zur informellen Orientierung im und über das Fach beitragen. Zumindest letzteres – ich komme zu meiner zweiten Erfahrung – konnte ich persönlich in den Corona-Jahren ein Stückweit dadurch auffangen, dass ich mich bei Twitter angemeldet habe. Dort folge ich also nun einer Vielzahl von Kolleg:innen und poste ab und an auch selbst etwas. Als jemand, der seinen Facebook-Account schon vor Jahren gelöscht hat und sich der Prokrastinationsgefahr sehr bewusst war, die von Mikroblogging-Diensten ausgeht, hatte ich lange mit der Anmeldung gezögert. Umso positiver überrascht war ich über das Ausmaß der via Twitter stattfindenden – und sich jetzt womöglich auf Alternativen wie "Mastodon" fortsetzenden – Geschichtskommunikation. Ich habe wirkliche Entdeckungen gemacht, neue Kontakte geknüpft, auch manchen Trost daraus geschöpft, dass Kolleg:innen hier teils sehr offen über Befristungssorgen, Schreibblockanden und andere Probleme schrieben, die gar nicht unbedingt mit Covid zu tun hatten. Allerdings gab es auch den umgekehrten Effekt. Twitter hat ein Erfolgsmeldungsbias. Und so gehört zu den Erfahrungen der letzten zwei Jahre auch ein neuer, mich beschämender, weil an Neid grenzender Argwohn gegenüber der bemerkenswerten Produktivität und Medienpräsenz mancher Kolleg:innen. Es fiel mir manchmal schwer, den unfairen Anfangsverdacht zu unterdrücken, dass beides mit einer in Pandemiezeiten günstigeren Lebenssituation zusammenhing – auch davon gleich mehr. Ich war bisweilen aber auch einfach befremdet vom historiografischen Dauerkommentar zu Corona-Pandemie und -Maßnahmen: Auch und gerade als Zeithistoriker ist es mir unbehaglich, mich zu „zu“ aktuellen Problemlagen zu äußern. Das heißt nicht, dass ich bei entsprechender Expertise der Versuchung widerstanden hätte, die vor allem Vertreter:innen der Medizingeschichte verspürt haben müssen (mittlerweile geht es wohl eher den Militär- und Osteuropahistoriker:innen so). Mein Punkt ist aber ein anderer: Verschiedene Formen der digitalen Vernetzung wirken meiner Beobachtung nach dahingehend zusammen, dass die „Wiss-Komm“ nicht immer qualitativ optimal ist. Vielleicht macht man es sich mit dem allseits eingeforderten Outreach doch zu leicht, wenn man jedes via Twitter-Direktnachricht gemachte Angebot annimmt, sich via Zoom als Talking head zur Verfügung zu stellen? Es ist nicht davon auszugehen, dass Journalist:innen aufhören werden, von der Möglichkeit Gebrauch zu machen, auf diese preisgünstige Weise wissenschaftliche Expertise hinzuzuziehen. Umso wichtiger ist es, zu bedenken, dass die Sozialen Medien, in denen die Multiplikator:innen auf Expertensuche gehen – vorsichtig ausgedrückt – Reputationsgefälle produzieren, die anders aussehen als die im engeren Sinne akademischen. Mir scheint, als Fach Geschichte täten wir gut daran, darüber nachzudenken, wie man diesem Problem proaktiv begegnet.

Die für mich prägendste, dritte Virtualisierungserfahrung der vergangen zwei Jahre ist allerdings eine ganz andere. Und nun muss es wirklich persönlich werden. Ich habe die Corona-Pandemie vor allem als Vater eines im März 2020 drei-, heute fünfjährigen Kindes erlebt, das bereits eine Kindertagesstättenbetreuung hatte, die für mich essenzielle Voraussetzung dafür ist, meinen Beruf ausüben zu können. Ich habe die Corona-Zeit ferner als Teil eines voll berufstätigen Paares erlebt, für dessen Zusammenleben der Versuch, einander gleichberechtigt Karrierechancen zu ermöglichen, von zentraler Bedeutung ist. Das hieß konkret: Doppel-Homeoffice für mehrere Zeiträume von bis zu vier Monaten Dauer und dies wiederum: Doppelbelastung durch die abwechselnde Kinderbetreuung, die mit dem Ende der Lockdowns keineswegs vorbei war aufgrund der hohen Krankenstände unserer Kita und von Hygieneauflagen, die dieser lediglich einen „eingeschränkten Normalbetrieb“ erlaubten, der um mehrere Stunden am Tag verkürzt war. Positiv ausgedrückt, hat mein Kind viel mehr Zeit mit mir verbracht, als es ohne Corona-Beschränkungen der Fall gewesen wäre. Ob das immer „quality time“ war, wage ich aber zu bezweifeln. Zu meinen Lerneffekten für künftige digitale Kommunikationen (und Audioaufzeichnungen) gehört, dass ich nun weiß, welchen Luxus eine verschließbare, akustisch isolierende Tür beim LebenSlashArbeiten mit kleinen Kindern darstellt. Ich will mir gar nicht ausmalen, was das mit Blick auf die Wohnverhältnisse alleinerziehender Kolleg:innen oder Studierender mit Kindern aussagt. Ich bitte sorgearbeitslose Leser:innen um Nachsicht, wenn ich mir hier etwas Luft mache, aber es geht eben auch darum zu verdeutlichen, dass viele Wissenschaftler:innen eine andere Pandemie erlebt haben als diejenigen, die aufgrund des Verbots mancher Freizeitbeschäftigung endlich die Zeit fanden, etwas zu Ende zu schreiben. Als PD im besagten Bewerbungsstadium, der sich in struktureller Konkurrenz selbst zu einigen meiner besten Freund:innen unter den Kolleg:innen befindet, war das oft sehr frustrierend. Aber für die Einschätzung der Vor- und Nachteile der digitalen Wissenschaft ist es natürlich wichtiger zu fragen, was die zoomifizierte Arbeit abseits des Büros ermöglicht hätte, wenn Schulen und Kitas nicht geschlossenen gewesen wären. Rückblickend fällt mit vor allem die räumliche Flexibilität auf, die erzwungen wurde durch meine persönlichen Lebens- und Wohnumstände. Wenn ich einmal mit dem Arbeiten an der Reihe war, habe ich mit dem Laptop in Cafés und, sofern ich einen der limitierten Plätze ergattern konnte, in der Bibliothek meines Vertrauens gearbeitet, aber auch im Schrebergarten meiner Eltern. Gezoomt habe ich in einem Probekeller, in dem ich sonst Musik mache, und in den Wohnungen von Bekannten, die nicht ins Homeoffice konnten. Stelle ich mir diese Situationen nun ohne Pandemie, aber mit den neuen Kommunikationsmöglichkeiten vor, dann sehe ich gerade in dieser räumlichen Flexibilität große Vorteile für Menschen in meiner Position.

Damit bin ich bei meinem letzten und längsten Punkt. „It’s not a home office – it’s living at work“ – so lässt sich wohl die Erfahrung der Mehrzahl der in Büros und vor Bildschirmen arbeitenden Menschen während der Corona-Pandemie auf den Punkt bringen. Sie fiel für Wissenschaftler:innen aber womöglich noch ausgeprägter aus. Denn der Mittelbau war es nicht gewohnt, die ganze Woche am eigenen Wohnort zu verbringen. Man mag den aus reiner Eitelkeit „nach Berlin“ pendelnden Professor verspotten[8], der Vorwurf des „Ego- Trips“ im ICE geht aber an meiner Lebenswirklichkeit und der einer großen Zahl Wissenschaftlicher Mitarbeiter:innen vorbei. In meinem eigenen Arbeitsumfeld überbrücken von den befristet beschäftigten Personen (in den Geisteswissenschaften sind das in Deutschland 9 von 10 wissenschaftlichen Beschäftigten ohne Professur[9]) fast alle pro Woche mehrere 100 km zwischen Wohn- und Arbeitsort, was an Selbigem einem veritablen Pendlerhostel seine Einkünfte verschafft. Das Pendeln ist das große offene Geheimnis der deutschen akademischen Welt. Lange Zeit erschien mir das als Ausdruck einer Interessenkonvergenz. Die universitären Arbeitnehmer:innen genießen sehr weitreichende Freiheiten, was Arbeitsort und -zeiten (aber gerade nicht: die Work-Life-Balance) anbelangt, und die Universitäten als Arbeitgeber drücken beide Augen zu, solange die Freiheit nichts kostet, also geleistet wird, was zu leisten ist. Man sollte aber nicht damit rechnen, dass Hochschulverwaltungen Entgegenkommen zeigen, wenn sie von der Steuerbehörde am Hauptwohnsitz einer Mitarbeiterin nach deren Anwesenheitspflichten gefragt werden, von der versicherungsrechtlichen Grauzone ganz abgesehen. Das ist umso absurder, als man davon ausgehen kann, dass gerade Universitäten in kleineren Städten sofort zusammenbrächen, wenn sie Präsenzpflichten tatsächlich rigide durchsetzten. Stellenbewerber:innen würden jedenfalls zweimal darüber nachdenken, ob sie für Zukunftsaussichten, die vertragsgemäß wenige Jahre, teils nur Monate umfassen, einen Umzug in Kauf nehmen, der die Aufgabe von Hobbies, sozialen Engagements und Beziehungen zur Folge hätte, zumal in der Post-Doc- (lies: Familiengründungs-)phase.

Ab März 2020 machte ich, so wie ein großer Teil des „Mittelbaus“, also eine neue Erfahrung: Ein Großteil der Arbeit ließ sich mithilfe von Zoom und Co. ohne größere Probleme aus der Distanz leisten. Diese Erfahrung muss man in Rechnung stellen, wenn im Frühjahr 2022 alles wieder zum Alten zurückkehren soll. Ich habe den Verdacht, dass viele Kolleg:innen mit Nachwuchs auf Qualifikationsstellen, die ausgelaugt von den Mehrbelastungen der vergangenen Jahre wieder allwöchentlich die Reise zu ihren Büros antreten – oder gar auf die „Ochsentour“ als Vertretungsprofessor:innen gehen – die Rückkehr zur Normalität ähnlich erleben wie ich. Den unabweisbaren Vorteilen der Präsenzkommunikation und den Schönheiten des akademischen Soziallebens zum Trotz zeigt sich: Der Pendleralltag erzeugt für unsereins ganz ähnliche Alltagsorganisationsprobleme wie zuvor die Corona-Einschränkungen.[10] Und was schon lange klar ist, wird in (post-)pandemischen Zeiten deshalb noch deutlicher: Das Akademiker:innenleben müsste so kompliziert nicht sein. Wenn die Universitäten und außeruniversitären Forschungsinstitute es ernst meinten mit ihrem Anspruch, gute Arbeitgeber zu sein, müssten sie ihren Mitarbeiter:innen – selbstverständlich auch jenen ohne Care-Aufgaben – reale Anreize bieten, sich an ihren Arbeitsorten dauerhaft niederzulassen: durch Dauerstellen.[11] Solange aber keine Vermehrung unbefristeter Stellen absehbar ist – und es stimmt nicht optimistisch, wie Hochschuladministratoren auf die zugegeben wenig durchdachte Berliner Gesetzgebung reagieren –, solange können verantwortungsbewusste Arbeitsgruppenleiter:innen, Lehrstuhlinhaber:innen, Dekan:innen ihren Mitarbeiter:innen dank Zoom ganz einfach wirkliche Erleichterungen verschaffen. Könnte es nicht zur Best practice werden, dass Vorgesetzte sich immer erst fragten, wo es keinen Verlust darstellen würde, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht zur Anreise zu verpflichten? Die eingangs erwähnten Dysfunktionalitäten der digitalen Konferenzsysteme wiegen ihre sozialpolitischen Vorteile meines Erachtens nicht auf. Wie wäre es mit einer Selbstverpflichtung, Besprechungen und Gremiensitzungen in den Randlagen der Kernarbeitszeiten standardmäßig „hybrid“ auszurichten? Und wenn schon nicht an der Tradition zu rütteln ist, Oberseminare und Forschungskolloquien zwischen 18 und 20 Uhr auszurichten – wäre es dann nicht sinnvoll, es weiterhin zu ermöglichen, aus der Ferne teilzunehmen? Natürlich müsste dafür Sorge getragen werden, dass die Flexibilisierungsspielräume, die das öffnen würde, nicht missbräuchlich genutzt werden. Dafür müsste aber überhaupt erst einmal eine universitäre Debatte über ein postpandemisches Recht auf Homeoffice zustande kommen. Sie könnte übergehen in ein Gespräch über die aufgrund inoffizieller Duldungsregelungen beschwiegene Frage der Kostenübernahmen für Pendler:innen, aber auch über den vielerorts deutlich verbesserungsfähigen digitalen Fernzugriff auf zentral verwaltete Ressourcen, wenn nicht eine Grundsatzdiskussion darüber, wie die Universitätsverwaltungen ihrer Aufgabe der Unterstützung der Lehrenden und Forschenden durch einen konsequenten Ausbau digitaler Services besser gerecht werden können. Es bedarf keiner Befähigung zur Technikprophetie zu behaupten, dass viele Kolleg:innen es als Erleichterung empfinden würden, wenn ihnen in mit solchen kleinen Schritten auch symbolisch entgegengekommen würde.

Anmerkungen:
[1] Überregional wahrgenommen wurde die Kritik von Datenschüzer:innen am Einsatz der Software Cisco Webex Meetings an der FU Berlin: https://www.forschung-und-lehre.de/recht/kritik-an-fu-wegen-datenschutz-verstoessen-bei-online-vorlesungen-4324 (13.05.2022).
[2] Die neuberufene Professorin für die Geschichte des Anthropozäns an der Universität Zürich, Debjani Bhattacharyya, brachte das kürzlich auf den Punkt: „silence doesnt work on zoom“: https://www.etue.ch/training-students-is-a-form-of-activism/ (13.05.2022).
[3] Valentin Groebner hat die Antiquiertheit mancher Digitalitätsprophezeiung im Wissenschaftsbetrieb bereits vor einigen Jahren pointiert analysiert: Valentin Groebner, Wissenschaftssprache digital. Die Zukunft von gestern, Konstanz 2018.
[4] Wissenschaftsbarometer Corona Spezial: https://www.wissenschaft-im-dialog.de/projekte/wissenschaftsbarometer/wissenschaftsbarometer-corona-spezial/ (13.05.2022).
[5] Siehe das Working Paper des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Bremen: Caterina Bonora u.a. (Hrsg.), Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Corona-Pandemie, Bremen 30.1.2022, https://www.uni-bremen.de/fileadmin/user_upload/fachbereiche/fb8/ipw/Working_Paper/IPW_Working_Paper_Vol.5_final.pdf (13.05.2022), insbesondere die Beiträge von Laura Starke und Marie-Denise Peronne sowie Sonja Bastin und Kai Unziker.
[6] Sonia Elks, Analysis: Class led by dead professor spotlights COVID-era content rights: https://www.reuters.com/article/us-global-tech-rights-analysis-trfn-idUSKBN2A521B (10.05.2022)
[7] Mit Verbesserungsvorschlägen zu dieser Anomalie: Jule Specht u.a., Departments statt Lehrstühle. Moderne Personalstruktur für eine zukunftsfähige Wissenschaft (=Debattenbeitrag der AG Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie), Berlin 2017, https://www.diejungeakademie.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/aktivitaeten/wissenschaftspolitik/stellungsnahmen_broscheuren/JA_Debattenbeitrag_Department-Struktur.pdf (10.05.2022).
[8] Rembert Hüser, Dreitagebart, in: Merkur 71,818 (2017), S. 44-58.
[9] Konsortium Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs: Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2021. Statistische Daten und Forschungsbefunde zu Promovierenden und Promovierten in Deutschland, o.O. 2017, siehe hier vor allem die Tabelle B.32, S. 113, aber auch den kurzen Abschnitt zu den Auswirkungen der Pandemie auf den „wissenschaftlichen Nachwuchs“ S. 235-238.
[10] Das ist auch eines der wichtigsten Motive für den postpandemischen Ausstieg aus der Wissenschaft, die Joshua Doležal für den amerikanischen Fall herausarbeitet: Joshua Doležal, The Big Quit. Even tenure-line professors are leaving academe, in: The Chronicle of Higher Education, 22.05.2022, https://www.chronicle.com/article/the-big-quit (30.05.2022).
[11] Es ist daher m. E. kaum damit zu rechnen, dass Initiativen wie die twitter-Kampagne #ichbinhanna nach der Pandemie an Aufmerksamkeit verlieren werden. Dass die letzte Bildungsministerin sich in einer Bundestagsdebatte über den Stand der Evaluation des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes mitten im dritten Pandemiesemester zu der Formulierung hinreißen ließ, es passiere momentan ohnehin nichts an den Unis, dürften viele Kolleg:innen allerdings geradezu als Hohn empfunden haben.

Zitation
D. Kuchenbuch: Living at Work? Zoomifizierung und akademischer „Mittelbau“ nach der Pandemie, in: H-Soz-Kult, 18.11.2022, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-5456>.
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Veröffentlicht am
18.11.2022
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