Historikertag 2004: Neuere Geschichte - "langes" 19. Jahrhundert

Von
Bericht von Stefan Moitra und Alexander J. Schwitanski , Ruhr-Universität Bochum

Besprochene Sektionen:

"Städte im europäischen Raum (19./20. Jahrhundert)"
"Raum und Imperium. Kommunikationsgeschichte in Europa im langen 19. Jahrhundert"
"Crossing Cultures – Transkulturelle Kommunikationsräume in der Geschichte Afrikas"
"Grenzen: Räume, Erfahrungen, Konstruktionen (17.-20. Jahrhundert)"
"Normen, Netzwerke und Zivilisationen in der internationalen Geschichte"
"Geschichte der Kriegsberichterstattung"

Techniken des Raums, Grenzziehungen und Friedenssicherung. Das "lange" 19. Jahrhundert beim Historikertag in Kiel

Gegenüber dem Begriff des Raums hätten die Historiker in Deutschland immer gewisse Berührungsängste, "aber zum Glück gibt es Franzosen, um darüber zu sprechen", bemerkte Etienne François zu Beginn der von ihm mit geleiteten Sektion des Historikertags in Kiel. Der ironische Kommentar traf recht gut den Zwiespalt, der sich zwischen der Themenstellung des Historikertags, "Raum und Kommunikation" mit der darin erkennbaren Konzession an die "kulturalistische Wende" in der Geschichtswissenschaft und den Problemen besonders in den Veranstaltungen zum 19. Jahrhundert auftat, dem gesteckten Rahmen methodisch Herr zu werden und sich auf die Wendung zur Kultur einzulassen. Sämtliche Sektionen behandelten dann auch Schlüsselbegriffe wie Raum- und Identitätsbildung, Be- und Entgrenzung, Vernetzung, Durchdringung, Hybridisierung und Bricolage - die methodische Annäherung an solche Konzepte und deren Nutzung gestaltete sich allerdings in den verschiedenen Vorträgen und Sektionen äußerst unterschiedlich.

Raumdurchdringung und Raumbeherrschung durch technische Innovationen
So ist zunächst auffällig, dass eine Reihe Referenten quer zu den einzelnen Sektionsthemen Raum- und Kommunikationsgeschichte ganz materiell als eine Geschichte der infrastrukturellen Entwicklung der Raumdurchdringung auffassten. Die Perspektive verengte sich dabei jedoch zumeist auf die diesbezüglich klassische Innovation des 19. Jahrhunderts - die Eisenbahn. Andere mediale Errungenschaften der Epoche wie Telegraf, Presseerzeugnisse, Fotografie kamen ebenso nur am Rande vor wie die sonstigen Verkehrswege, etwa Straßen- oder Schiffsverkehr. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang vor allem die von Holm Sundhausen (Berlin) geleitete Sektion "Raum und Imperium. Kommunikationsgeschichte in Europa im langen 19. Jahrhundert" und die von Dieter Hein und Ralf Roth (beide Frankfurt/M.) organisierte Sektion "Städte im europäischen Raum (19./20. Jahrhundert)".[1] Roths eigener Vortrag über die "Entwicklung der Kommunikationsnetze europäischer Städte unter besonderer Berücksichtigung der Eisenbahn" führte in sehr eindrücklicher Weise aus Sicht der modernen Stadtgeschichte einerseits die rasche Vernetzung Europas durch die Eisenbahn als "Verfügbarkeit der Räume" und andererseits die "Ausstrahlung der Städte in den Raum" durch das neue Transportmittel vor Augen. Was hier allerdings mit dem Fokus auf der Vernetzung der europäischen Metropolen und auf der Dynamik der Urbanisierung sozialgeschichtlich interessant war, erschien als Ausgangspunkt für die Sektion über Imperien im langen 19. Jahrhundert zumindest problematisch.

Die Sektion "Raum und Imperium" stand unter dem Eindruck zweier Leitannahmen: Zum Ersten sollte die These von Alexander Motyl [2] überprüft werden, wonach kommunikative Strukturen innerhalb von Imperien sich als sternförmiges Muster ausbildeten. Alle Kommunikationswege sollen demnach allein zwischen der imperialen Zentrale und den einzelnen Peripherien verlaufen, jedoch nicht zwischen den Peripherien. Dieser Ansatz ging einher mit einem Verständnis vom Raum als Naturraum, welcher durch die technische Innovation Eisenbahn verändert und innerhalb dessen so kulturelle Entwicklungen angestoßen werden. Da diese bezogen auf die Annahmen Motyls diskutiert wurden, gerieten unter dem Etikett der Kultur fast nur Phänomene der Politikgeschichte in den Blick. In den Beiträgen zum Deutschen, Russischen und zum Habsburger Reich wurden in Bezug auf Motyls Ideen eher gegenläufige Entwicklungen ausgemacht. Im föderalen Deutschen Reich, so Martin Aust (Kiel), war eine Zentrum-Peripherie-Struktur allenfalls in den polnischen Teilungsgebieten Preußens zu finden, wobei hier der Ausbau der Eisenbahn ganz im Sinne imperialer Intentionen bzw. preußischer Interessen realisiert wurde. Die Technik der Eisenbahn habe aber auch - einer der doppelbödigen Effekte der Bahn - die polnischen Gebiete als Verbindung zwischen den einzelnen Landesteilen für Preußen unverzichtbar werden lassen.

Auch das Referat zum Habsburger Reich lieferte, bezogen auf die Thesen Motyls, ähnliche Resultate. Für die Gebiete der Donaumonarchie stellte Andreas Helmedach (Braunschweig) fest, dass der Bahnbau im Zuge der Industrialisierung als Ergänzung und Überwindung naturräumlicher Gegebenheiten überwiegend ökonomischen Interessen gefolgt sei. Die Ausbildung eines sternförmigen imperialen Musters mit Wien als Zentrum sei daher mit der Entstehung zumindest dreier ökonomischer Zentren in den deutschen, tschechischen und ungarischen Gebieten, verfestigt durch die Einbeziehung des Nationalitätenkriteriums in die staatsrechtliche Organisation der Monarchie, durch die wirtschaftliche Logik unterlaufen worden.

Im Gegensatz zum Deutschen und zum Habsburger Reich, wo ökonomische Interessen überwogen, wurde der Eisenbahnbau im Russischen Reich nach Frithjof Benjamin Schenk (München) vordringlich durch politische und militärische Motive vorangetrieben. Dazu gehörten primär die Konsolidierung des Territoriums, das heißt die eigentliche Beherrschung des Raumes durch Beschleunigung der Nachrichtenübermittlung und der Möglichkeit zur rascheren Truppenverlegung, dann die Erschließung des Raumes durch innere Kolonisation und Ausbeutung der Peripherie zugunsten des Zentrums, die Sicherung der Grenzen nach außen sowie die Konkurrenz zu anderen Imperien und die Möglichkeit zur Expansion.

Gerade am letzten Punkt ließen sich noch weitergehende Fragestellungen festmachen. Zum einen erwies sich das Zentrum-Peripherie-Muster Motyls vor allem dann als anwendbar, wenn das imperiale Zentrum über die europäischen Grenzen hinaus expandierte. Zum anderen wurden gerade durch die technischen Möglichkeiten der Raumüberwindung expansionistische Ambitionen beflügelt, die so die Konkurrenz unter den imperialen Großmächten verschärfte. Da die Entwicklungen innerhalb der Imperien oft durch die gegenseitige Beobachtung und Interessenkonkurrenz bedingt waren, plädierte Aust dafür, die Geschichte der Eisenbahn stärker in eine Beziehungsgeschichte der imperialen Großmächte einzubinden.

Verkehr als Transformation des sozialen Raumes
Von diesen auf Europa konzentrierten Beiträgen setzten sich methodisch solche ab, die sich mit der Eisenbahn in den außereuropäischen Kolonien beschäftigten. Offensichtlich angeregt durch neue Perspektiven der Postcolonial Studies mit ihrer Behauptung des kulturellen Eigensinns der kolonialisierten Gesellschaften [3], betrachteten Ravi Ahuja (Heidelberg) für den Fall Britisch-Indiens und - in der Sektion "Crossing Cultures - Transkulturelle Kommunikationsräume in der Geschichte Afrikas" - Christine Reichart-Burikukiye (Gießen) parallel für Deutsch-Ostafrika die Nutzung, Aneignung und Kontrolle von neuen und alten Kommunikationswegen zwischen der kolonisierten Gesellschaft und der imperialen Administration. In beiden Referaten wurde ein weiter Begriff gesellschaftlicher Kommunikation zugrunde gelegt, und der Raum-Begriff nicht primär als geografische Kategorie verstanden, sondern als durch soziale Praktiken generiert. Die Eisenbahn wurde hier als eine neue, durch die imperiale Verwaltung eingeführte Technik verstanden, die einen neuen Raum erschloss, nicht nur geografisch, sondern als Kontinuum möglicher Erfahrungen. Vor diesem Hintergrund zeichnete Ahuja das Bild eines sozialen Raumes in Indien, der bereits vor Ankunft der Eisenbahn durch verschiedene Verkehrsformen und Medien geprägt war, seine eigenen Rhythmen entworfen hatte und durch den Raum der Eisenbahn nicht ausgelöscht werden konnte. Der Wahrnehmung Indiens als leerer Raum durch die imperiale Zentrale, der durch ein modernes Verkehrswegenetz getilgt und mit Zivilisation gefüllt werden sollte, widerstanden die traditionellen Strukturen.

Ahuja wies in diesem Zusammenhang kritisch darauf hin, dass ein Großteil der Wirtschaftsgeschichtsschreibung stets allein auf die Bedeutung der Anbindung der indischen Wirtschaft an die Ökonomie der britischen Metropole fixiert gewesen sei, während daneben weiterhin existente Handelsformen, sowohl inländisch wie nach außen gerichtet - etwa im maritimen Handel der indischen Westküste mit dem ostafrikanischen bzw. arabischen Raum - weitgehend übersehen worden seien.

Andererseits gelang es den kolonisierten Gesellschaften, sich neue Techniken anzueignen und in den eigenen sozialen Raum einzuschreiben, oft gegen die Intentionen der imperialen Verwaltung, beispielsweise wenn die Eisenbahn von Hindus wie Muslimen zu massenhaften Pilgerreisen genutzt wurde. In Indien wie in Ostafrika generierte die Eisenbahn mit Bahnhöfen und Streckencamps sowohl Orte der Disziplinierung und verdichteter Machtausübung der Kolonialmacht, als auch der Öffentlichkeit und Kommunikation, die ebenfalls von Nationalbewegungen in Anspruch genommen werden konnten oder an welchen der Machtzugriff durch Aushandlung von Interessen gebrochen wurde.

Die an solchen Beispielen dargestellte Instrumentalisierbarkeit von Verkehrs- und Kommunikationsstrukturen sowohl für als auch gegen die Zwecke ihrer Betreiber, ebenso wie das Phänomen der parallelen und teilweise konträren Verdichtungsprozesse auf imperialer und auf der jeweiligen regionalen Ebene hatten die Veranstalter der "Raum und Imperium"-Sektion vorab mit dem Begriff der "Janusköpfigkeit" beschrieben. Dieser wurde in der Diskussion als analytisch zu unscharf abgelehnt und alternativ die "Polyvalenz" oder "Multifunktionalität" technischer Innovationen und ihrer kulturellen Nutzung angeführt. Es ist jedoch fraglich, ob solche Begriffe etwas anderes als Allgemeinplätze darstellen können. Die komplexen Phänomene von verdichteter Kommunikation, beherrschtem Raum, regionalem Eigensinn und Stabilität imperialer Strukturen bedürfen auch innerhalb einer Kommunikationsgeschichte des 19. Jahrhunderts einer Betrachtung, die über ein Medium hinausreicht. Und auch ein scheinbar so selbstverständliches Phänomen wie der Raum verlangt dann, wenn er geeignet sein soll, diese Gemengelage adäquat zu erfassen, nach einem neuen, umfassenderen Verständnis.

Raumbildung und Identitätsbildung: die Grenze
Im Gegensatz zu diesen mehrheitlich eher politikgeschichtlichen Vorträgen war die eingangs erwähnte, von Etienne François und Bernhard Struck (beide Berlin) organisierte Sektion unter dem Titel "Grenzen: Räume, Erfahrungen, Konstruktionen" von vornherein konstruktivistisch ausgerichtet, womit der Bereich der Politik nicht ausgeschlossen blieb, sondern vielmehr als abhängig von den sozialen Praktiken historischer Akteure auf den verschiedensten Ebenen betrachtet wurde. Nationalgeschichtlich war die Sektion auf Frankreich, Deutschland und Polen bezogen, zeitlich auf einen weiten Raum vom 17. bis ins 20. Jahrhundert. Gerade in dieser langfristigen Perspektive sollte dem Wandel der identitätsstiftenden Bedeutung von Grenzen nachgegangen werden. Einführend reflektierte François über die den einzelnen Beiträgen zugrunde liegenden Hauptbegriffe "Konstruktion", "Raum" und "Erfahrung". Er wies zunächst darauf hin, dass die faktische Rolle von Grenzen immer von den verschiedenen Akteuren abhing, die der Grenze Bedeutung beizumessen hatten. Insofern war davon auszugehen, dass zwar Grenzziehungen einerseits durch eine administrative Obrigkeit durchgesetzt wurden, andererseits aber der Umgang mit ihnen bzw. ihre Aneignung "von unten" durch lebensweltliche Erfahrung bestimmt wurde. Die Fixierung oder Durchlässigkeit einer Grenze, mithin eines Raumes, war also stets im definitorischen Fluss. Mit der Untersuchung sowohl frühneuzeitlicher wie moderner, regionaler wie nationaler Räume sollte der basalen Frage nachgegangen werden, ob sich anhand von Grenzziehungen und Grenzerfahrungen eine Sattelzeit nationaler Identitätsbildung beobachten ließe. Dabei sollte der Vergleich mit dem 17. und 18. Jahrhundert den Übergang vom regionalen Bewusstsein der Frühen Neuzeit zum nationalen des 19. Jahrhunderts verdeutlichen.

Im ersten Vortrag untersuchte daher Christophe Duhamelle (Göttingen) das frühneuzeitliche thüringische Eichsfeld, das als kleinteilige katholische Enklave innerhalb einer protestantischen Umgebung einen stark grenzgesellschaftlichen Charakter aufzuweisen hatte. Duhamelle konnte zeigen, wie die diversen historischen Akteursgruppen, die mit dem Faktum der Grenze konfrontiert waren, diese in der Praxis einerseits ignorieren, andererseits verfestigen konnten. So setzten sich die katholischen Bewohner des Eichsfelds gern über das Verbot hinweg, sich mit Protestanten zu verheiraten, indem sie die Hochzeit auf ein benachbartes Territorium verlegten. Der Adel des Eichsfelds war mehrheitlich protestantisch und diente oftmals in der Verwaltung oder im Militär benachbarter Fürsten. Durch einen solchen Umgang war die Durchlässigkeit der Grenze also relativ hoch. Andererseits bestanden etwa in der Form von Grenzwallfahrten kulturelle Praktiken, sich selbst von den Nachbarn abzusetzen und gemeinschaftlich die eigene territoriale Identität zu feiern.

Einen ähnlichen Gegensatz von Durchlässigkeit und Verfestigung von Grenzen behandelte Bernhard Struck in seinem Vortrag. Allerdings ging es hierbei nicht um die Gleichzeitigkeit beider Phänomene wie im Falle des Eichsfelds, sondern um den deutlichen Wandel der Fremdwahrnehmung von einer eher regional spezifischen Distinktion hin zur nationalen Abgrenzung. Struck untersuchte Beschreibungen deutscher Reisender nach Frankreich und Polen, wobei er einen zeitlichen Vergleich zwischen Texten aus den 1770er und solchen aus den 1820er bzw. 1830er Jahren zog. Anhand dieser Beispiele ließ sich deutlich die diskursive "Eingrenzung der Nation" innerhalb dieses Zeitraums veranschaulichen. So waren die Reisebeschreibungen des 18. Jahrhunderts noch eher durch einen aufklärerischen Duktus gekennzeichnet, in dem regionale Unterschiede gleichsam "proto-ethnografisch" konstatiert wurden. Nach der Wende zum 19. Jahrhundert war der Grenzübertritt hingegen klar nationalisiert. Die Überschreitung der Grenze bedeutete nun nicht mehr nur den Übergang von einer Region in die andere, sondern das Verlassen des vaterländischen Gebiets und den Übertritt in das Land des feindlichen und absolut Fremden. In der Entwicklung dieses deutschen Abgrenzungsdiskurses gab es strukturell keinen Unterschied im Wandel der Wahrnehmung Frankreichs und Polens, zu beiden gab es aber mit den Napoleonischen Kriegen und dem polnischen Aufstand 1830/31 auch lokalisierbare Fixpunkte der Veränderung.

Thomas Serriere (Saint Denis) und Morgane Labbé (Paris) betrachteten schließlich jeweils einen einzelnen Raum und den Kampf um die identifikatorische Hegemonie der verschiedenen Akteure. Serriere untersuchte die östlichen Gebiete Preußens im 19. und 20. Jahrhundert und die jeweils deutschen und polnischen Bemühungen, in der städtischen Architektur, in Literatur, Kunst und anderen Repräsentationsformen eine je eigene nationale Marke zu setzen. Labbé untersuchte die Karte als Projektionsfläche des Verhältnisses von Sprache, Raum und Bevölkerung in Deutschland im 19. Jahrhundert. Sie konnte aufzeigen, wie durch die grafische Markierung verschiedener Sprachen im Staatsgebiet Nationalitäten quantifiziert und von einander geschieden wurden. Die kartografische Repräsentation führte den historischen Akteuren objektivierend statistische Verhältnisse vor Augen und verfestigte damit die nationalen Abgrenzungen innerhalb des Staates.

Die verschiedenen Beiträge dieser Sektion machten deutlich, dass die Thematisierung des Begriffs der Grenze sehr ertragreich sein kann, wenn man sich mit regionalen und nationalen Identitätsbildungen und der Wahrnehmung des Fremden beschäftigen will. Die Ausgangsfrage nach der Sattelzeit des nationalen Diskurses konnte, vor allem nach dem Referat von Bernhard Struck, mit dem Zeitraum vor und nach 1800 bezeichnet werden. Allerdings ergab sich im Anschluss daran die Frage, ob die regionale, gleichsam grenzdurchlässig hybride Identität der Vormoderne nicht eine zu starke Projektion der Gegenwart in Abwehr eines nationalisierten Diskurses des 20. Jahrhunderts sei. Insofern muss sich im Zuge der weiteren europäischen Integration das Potential des regionalen Bewusstseins als Alternative zum Nationalen erst noch beweisen.

Die Gestaltung von sozialem Raum durch Normen: eine nicht gestellte Frage
Europa als sozialen Raum zu erfassen, der geprägt war durch unterschiedliche Akteursgruppen, miteinander konkurrierende Normensysteme und neue kulturelle Techniken, ist ein Konzept, das als solches nicht thematisiert wurde, jedoch in den Referaten der Sektion "Normen, Netzwerke und Zivilisationen in der internationalen Geschichte (Neuzeit)" zumindest angelegt war. Andreas Osiander (Berlin) schilderte den Raum europäischer Politik für das 18. Jahrhundert als plurales Geflecht von Beziehungen zwischen Dynasten und ihren Ministern, die oftmals weniger durch die sprichwörtliche raison d'état als durch ganz persönliche Belange bestimmt waren. Die von Osiander untersuchte Sprache der Quellen hätte genutzt werden können, um den Wandel zu beschreiben, den der auf einem pluralen Beziehungsgeflecht beruhende europäische Raum der Dynasten durch die Einschreibung nationalstaatlicher Qualitäten erfuhr. Statt dessen orientierte sich das Referat in Ziel und Methode an den Vorgaben der Begriffsgeschichte und riet zu einem distanzierten Umgang mit der Quellensprache.

Die von Matthias Schulz (Nashville) gegebenen Schilderungen der einzelnen Institutionalisierungsstadien des europäischen "Konzerts der Großmächte" als eines kollektiven Systems der Friedenssicherung, der Tendenzen seiner Rechtsentwicklung und der Ausdifferenzierung eines Maßnahmentableaus des internationalen Krisenmanagements waren durchaus interessant, verließen aber mangels Bezug zu den anderen Referaten der Sektion nie den Rahmen einer Geschichte der internationalen Beziehungen. Unter einer vereinheitlichten Fragestellung wäre, bezugnehmend auf den Vortrag von Andreas Osiander, Gelegenheit gewesen, die Wandlung des sozialen Raumes Europa darzustellen, welcher nun, nach der tiefen Zäsur der Napoleonischen Kriege, nicht mehr durch die personalen Beziehungen von Dynastien und ihrer Minister geprägt wurde, sondern durch institutionalisierte Beziehungen auf der Ebene von Diplomaten, die sich als Agenten staatlicher Apparate verstanden und den politischen Raum mit Hilfe des Rechts gestalten wollten. Hierbei hätte die Frage aufgeworfen werden können, inwieweit dieses neue System von älteren normativen Traditionen Europas profitierte und ob die zunehmende Konsolidierung der Nationalstaaten und ihrer verdichteten Kontrolle über die sich etablierenden Teilgesellschaften das System des "Konzerts der Großmächte" nicht auch beschädigte. Dieser Gedanke schien zumindest in Schulz' These auf, wonach das Scheitern des "Konzerts" maßgeblich auf die sich in Deutschland etablierende, positivistisch geprägte und dem staatlichen Souveränitätsdogma verhaftete Rechtslehre zurückzuführen sei, welche die Möglichkeit eines bindenden Völkerrechts verneinte.

Die normative Gestaltung Europas war aber auch im 19. Jahrhundert nicht allein in die Hand der Nationalstaaten gelegt, sondern wurde von nichtstaatlichen "zivilgesellschaftlichen" Akteuren zumindest mit beansprucht, wie Madeleine Herren (Zürich) ausführte. Anhand des Beispiels der Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907 zeigte sie, dass zwar die Nationalstaaten immer noch Hauptakteure des internationalen Systems waren, gerade aber die großen Diplomatenkonferenzen zu Gelegenheiten wurden, den Partizipationsanspruch einer internationalen Zivilgesellschaft zu dokumentieren. Diese großen Konferenzen blieben keine isolierten Veranstaltungen. Sie tagten über einen langen Zeitraum und in ihrem Umfeld fanden parallel weitere Treffen statt, so dass ein ganzes Konferenzsystem letztlich die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Diplomatie als Arkanbereich staatlicher Tätigkeit wurde durch speziell für den Zeitraum der Konferenzen herausgegebene Zeitungen öffentlich gemacht, und die Apostrophierung der Haager Konferenz von 1907 als parlement de l'humanité sowie die Herausgabe eines Verzeichnisses der staatlichen Vertreter auf dieser Konferenz im Stile eines Parlamentshandbuchs deuteten die Konferenz praktisch zu einem Vertretungsorgan der Zivilgesellschaft um. Während der Partizipationsanspruch sich so jedoch meist mit seiner symbolischen Bekundung zufrieden geben musste, stellte aber umgekehrt das etablierte Nachrichtensystem zivilgesellschaftlicher Akteure, welche die große Nachfrage nach Öffentlichkeit der Veranstaltungen befriedigte, zumindest für die Vertreter kleiner Staaten oft das einzige Mittel dar, um selber ausreichend informiert zu sein. So sah Herren auch in der Informationsverbreitung eines der Hauptanliegen einer internationalen Zivilgesellschaft und stellte die Frage, ob sich anhand von allgemein bildenden Enzyklopädien die Verbreitung eines grenzübergreifenden Wissens nachweisen lasse.

Die Frage, was mit dem Auftreten dieser zivilgesellschaftlichen Akteure am Ausgang des langen 19. Jahrhunderts im Vergleich zu älteren Solidaritätsnetzen in Europa eigentlich Neues entstand, blieb ungeklärt, ebenso die spannende Frage, auf welche normativen Konzepte sich zivilgesellschaftliche Akteure bei ihrem Handeln beriefen und aus welchen, eventuell älteren Quellen und Traditionen sich diese speisten. Dass die sich etablierende internationale Zivilgesellschaft von Menschen getragen wurde, deren Handeln durchaus quer zu staatlichen Normen lag, verdeutlichte Herren anhand eines biografischen Zugriffs, der vielleicht in der Zukunft Aufschluss über diese Frage wird geben können.

Mediale Techniken des sozialen Raums
Mit der "Geschichte der Kriegsberichterstattung" stand schließlich eine der medialen Kulturtechniken zur Debatte, die mit dazu beitrugen, den Nationalstaat als primäre räumliche Ordnungseinheit zu ermöglichen. Die von Ute Daniel (Braunschweig) geleitete Sektion war indes nicht allein auf das 19. Jahrhundert angelegt, sondern zeichnete vom Siebenjährigen Krieg bis in die Gegenwart den medialen und kulturellen Wandel des Genres nach.

Frank Becker (Münster) beschrieb, wie die Berichterstattung über den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 die Nation als imagined community erfahrbar machte. Die moderne Nachrichtenübermittlung durch den Telegrafen ließ die Entfernung zwischen Front und Heimat zusammenschmelzen und die Feldpost sorgte dafür, dass trotz der Abwesenheit der Soldaten von ihren Familien der Kontakt zu diesen nicht verloren ging und die jeweilige soziale Rolle, welche diese Männer in ihren Familien wahrnahmen, nicht aufgegeben werden brauchte. Umgekehrt ließen die Darstellungen des Krieges in den Berichten und den zunächst noch hauptsächlich gezeichneten Bildern in den rasch massenhafte Verbreitung findenden Zeitungen die Zurückgebliebenen an den Geschehnissen des Krieges teilnehmen. Vermittelt wurden dabei Topoi über das Soldatenleben, welche die Fortdauer eines bürgerlichen Lebens der Soldaten im Krieg suggerierten und diese so zu Agenten der zivilen Gesellschaft in besonderer Mission werden ließen. Front und Heimat wurden so unter einer nationalen Zielsetzung vereint, und die in den älteren Landsknechtstopoi über das Soldatenleben enthaltene Distanz zwischen Heer und zivilem Bürgertum, zwischen Krieg und Frieden, vermieden.

Die Techniken, welche die Distanz zwischen Front und Heimat einschmolzen, konnten jedoch schon Ende des 19. Jahrhunderts ihr Versprechen der Authentizität nicht mehr einlösen, wie Andreas Steinsieck (Braunschweig) am Beispiel der Berichterstattung über den Burenkrieg 1899-1902 zeigte. Die neuen Techniken von Fotografie und Film, die besonders die Realitätsnähe ihrer Abbildungen gegenüber der zeichnenden Konkurrenz hervorhoben, waren jedoch schon zur Zeit ihres Durchbruchs nicht mehr in der Lage, der noch rasanteren Entwicklung der Militärtechnologie standzuhalten. Die Reichweite des Gewehrs war größer als die des Objektivs und entzog so der Fotografie und dem Film den Raum des Schlachtfelds und die Zeit der Schlacht. Rauchloses Schießpulver, Tarnuniformen und Schützengräben verwiesen das Bild zurück auf die Landschaft. Es wundert daher nicht, dass besonders die Bildkorrespondenten auf gewohnte Sujets zurückgriffen und so eigene Bildwelten des Krieges in hergebrachter Formensprache kreierten, die mit der Realität des Kampfes wenig gemein hatten. Ute Daniels Plädoyer für eine neue Kriegsgeschichte als Mediengeschichte ist deshalb schon im Sinne kritischer Auseinandersetzung mit den vorhandenen Bildquellen zu unterstützen.

Raum und Kommunikation im langen 19. Jahrhundert
Die Geschichtsschreibung zum langen 19. Jahrhundert, wie sie sich auf dem Historikertag präsentierte, changierte zwischen traditionellen und neuen Zugängen. Wenn zum Teil auch Einflüsse aus dem weiten Bereich neuerer "kulturalistischer" Ansätze nicht zu übersehen waren, so bleibt insgesamt doch der Eindruck, dass sich der Großteil der Beiträge aus veränderter Perspektive mit alten Problemen beschäftigte. Die strukturelle Durchdringung des (außer-) europäischen Raumes, die Ausbildung von nationalem Bewusstsein, die Techniken internationaler Politik konnten in den verschiedenen Sektionen in interessanten Aspekten beleuchtet werden. Dennoch bleibt der Eindruck, dass man vielleicht zu sehr an einem eher politikgeschichtlichen Rahmen des 19. Jahrhunderts orientiert blieb.

So blieben Raum und Kommunikation aufs Ganze betrachtet weitgehend unvermittelte Leitbegriffe. Der für die Problematisierung von Kommunikation im 19. Jahrhundert zentrale mediale Schub mit seinen sozialen wie politischen Folgen - gerade wegen der kommunikationstechnischen Neukonstituierung von Räumen - wurde, abgesehen vom Beispiel der Eisenbahn, kaum thematisiert. Allenfalls in verwandten Sektionen wie der zur Kriegsberichterstattung oder in einer Veranstaltung zur Beziehung von "Medialisierung und Demokratisierung im 20. Jahrhundert" fand das Thema Beachtung. Hier fungierten dann aber die Entwicklungen des 19. allein als Vorgeschichte zu denen des 20. Jahrhunderts.

Neben den nur zum Teil realisierten Möglichkeiten müssen aber auch die Gefahren erwähnt werden, die die Ausrichtung an so allgemeinen Leitbegriffen wie Raum und Kommunikation mit sich bringt. Der Rückzug hinter diese Begriffe machte es offensichtlich möglich, dass zum Beispiel die fruchtbaren Ansätze der Geschlechtergeschichte auf dem Historikertag so gut wie keinen Widerhall gefunden haben. Frauen und Männer waren im Kieler langen 19. Jahrhundert gleichsam inexistent; eine Lücke, die bei der großen Aktivität auf diesem Feld kaum nachzuvollziehen ist.

Zum Schluss bleibt festzuhalten, dass sich das 19. Jahrhundert auf dem Historikertag 2004 einmal mehr als ein lang dauerndes Transformationsstadium erwiesen hat. Mit Hilfe neuer Ansätze der Kulturgeschichte dürfte künftig mehr und tiefer gehend die Gemengelage von langlebigen Merkmalen des alten Europa und zukunftsweisenden Neuerungen aufgezeigt werden, die sich nicht nur als Widerstreit unversöhnlicher Antagonismen innerhalb einer Modernisierungsgeschichte, sondern mehr als ein Miteinander verschiedener Faktoren darstellt, denen jeweils auf ihrer - auch räumlichen - Ebene identitätsbildende Relevanz zukam.

Stefan Moitra promoviert an der Ruhr-Universität Bochum zur Geschichte des Kinopublikums. Alexander J. Schwitanski promoviert an der Ruhr-Universität Bochum über die Geschichte der Menschenrechte in Deutschland.

Anmerkungen:
[1] Anzumerken ist, dass in der Sektion "Städte im europäischen Raum (19./20. Jahrhundert)" drei von fünf Vorträgen kurzfristig ausfallen mussten, die eine erweiterte thematische Ausrichtung erwarten lassen konnten.
[2] Motyl, Alexander J., Imperial ends. The decay, collapse, and revival of empires, New York 2001.
[3] Vgl. als deutschsprachige Textsammlung Randeria, Shalini; Conrad, Sebastian (Hgg.), Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main 2002.

Kommentare

Zur Kritik von Matthias Schulz

Von Alexander Schwitanski17.11.2004

Der Bericht "Techniken des Raums, Grenzziehungen und Friedenssicherung. Das "lange" 19. Jahrhundert beim Historikertag in Kiel" ist ein Querschnitts- und kein Sektionsbericht. Zu den formalen Anwürfen von Matthias Schulz verweisen wir daher auf das Redaktionskonzept zu den Querschnittsberichten, einzusehen unter
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?pn=texte&id=557=557.

Aufgenommen in den Bericht wurden demnach uns interessant erscheinende Sektionen und einzelne Vorträge zum 19. Jahrhundert; der Vortrag von Frau Prodoehl mit einem zeitlichen Schwerpunkt in der NS-Zeit wurde aus nachvollziehbaren Gründen nicht in den Bericht aufgenommen. Bei der Organisation der Besprechungen innerhalb des Berichts haben wir uns als Autoren die Freiheit genommen, uns nicht an die zeitliche Abfolge der Referate auf dem Historikertag zu halten. Wir haben versucht, die unterschiedlichen Vorträge anhand eines verbindenden Leitthemas, das des sozialen Raums, zu organisieren. Dieses haben wir, wie aus unserem Bericht ersichtlich ist, zwei Referaten entnommen, die sich mit außereuropäischer Geschichte befassten und in unterschiedlichen Sektionen gehalten wurden. Unser Bericht zu der von Herrn Schulz geleiteten Sektion greift diesen Gedanken entsprechend auf und trägt ihn als Diskussionsvorschlag an die einzelnen Referate heran. Eine darüber hinausgehende Kritik an einzelnen Referaten ist dem nicht zu entnehmen. Das Konzept der Querschnittsberichte sah solche ergänzenden Kommentierungen durchaus vor; wenn Herr Schulz dies nicht für nötig befindet, sei es ihm unbenommen. Ein Plagiatsvorwurf rechtfertigt sich daraus nicht und ist, herangetragen an einen Tagungsbericht, wenig stichhaltig.

Mit freundlichen Grüßen
Alexander J. Schwitanski
Stefan Moitra


Re: Historikertag 2004: Neuere Geschichte - "langes" 19. Jahrhundert

Von Matthias Schulz17.11.2004

Replik auf Querschnittsbericht von Herrn Schwitanski und Herrn Moitra aus Bochum über das "lange 19. Jahrhundert".

Unter Kritik ist bekanntlich die Kunst der Beurteilung zu verstehen. In dem Querschnittsbericht über Sektionen zum "langen 19. Jahrhundert" von Herrn Schwitanski und Herrn Moitra aus Bochum (veröffentlicht am 4. Nov. 2004 in H-Soz-u-Kult) weicht die Darstellung der Sektion "Normen, Netzwerke und Zivilisationen in der internationalen Geschichte" leider derartig von dem tatsächlichen Verlauf der Veranstaltung ab, dass ich als Sektionsleiter, Moderator und Referent um die Möglichkeit zur Stellungnahme bitten muss, um einige kritische Anmerkungen und Falschdarstellungen zu korrigieren.

Wie unseriös die Berichterstatter vorgegangen sind, geht schon aus der fehlerhaften Darstellung des Ablaufs hervor, die die Verfasser sich geleistet haben. Sicherlich ist es zu verzeihen, dass sie behaupten, mein Vortrag folgte an zweiter Stelle auf den von Herrn Osiander. Dies ist, wie die gut einhundert Zuhörer bestätigen können, falsch; mein Vortrag folgte - anders als im Programm angekündigt - aus technischen Gründen an vierter und damit letzter Stelle. Jedoch ist es peinlich, dass Schwitanski und Moitra den ausgezeichneten Vortrag von Frau Prodöhl, der als Programmänderung bekanntgegeben und an dritter Stelle vorgetragen wurde, nicht einmal erwähnen. Die Berichterstatter scheinen die Programmänderung nicht mitbekommen zu haben, und wenn sie diese auch während der Sektion nicht mitbekommen haben, dann möglicherweise weil sie fehlten und den dritten und vierten Vortrag gar nicht miterlebt haben. Oder haben sie einen der vier Vorträge einfach vergessen?

Analog dazu muss ich einige Kernpunkte der inhaltlichen Kritik zurückweisen. Entsprechend dem in der Einleitung seitens des Sektionsleiters verdeutlichten Verständnis umfasst die "Internationale Geschichte" sowohl die zivilgesellschaftliche also auch die staatengesellschaftliche Ebene sowie ihre Wechselwirkungen untereinander. Unter Einschluss beider Ebenen behandelte die Sektion die Rolle von Normen sowie Netzwerken in einem internationalen Raum. Unerklärlich ist, warum Herr Schwitanski und Herr Moitra behaupten, die Frage nach Normen in einem sozialen Raum sei nur zu erahnen gewesen. Sie schreiben:

"Europa als sozialen Raum zu erfassen, der geprägt war durch unterschiedliche Akteursgruppen, miteinander konkurrierende Normensysteme und neue kulturelle Techniken, ist ein Konzept, das als solches nicht thematisiert wurde, jedoch in den Referaten der Sektion "Normen, Netzwerke und Zivilisationen in der internationalen Geschichte (Neuzeit)" zu erahnen war."

Wie dieses Zitat belegt, taucht die Frage nach Normen (und Netzwerken) in der internationalen Geschichte bereits im Titel der Veranstaltung, dann übrigens nochmals in einem Vortragstitel auf und wurde in der Einleitung sowie in meinem Beitrag später eingehend behandelt. Das Merkwürdige an den Worten von Schwitanski und Moitra ist zudem, dass die von Ihnen geforderten Begriffe teilweise bereits im ersten Vortrag von Herrn Osiander auftauchen und Begriffe und Konzepte wie "Akteure" , "normative Vorstellungen", "Normverletzungen", "konkurrierende Normen", "kulturelle Muster", "institutionelle Merkmale", die europäische "Staatengesellschaft als soziales Ganzes", das "ius publicum europaeum" als einen Rechtsraum definierendes Gewebe und dergleichen sich wie Leitfäden durch meinen dreissigminütigen Vortrag zogen und darin auch durch zahlreiche Beispiele konkretisiert wurden. Nicht zufällig tauchen die Begriffe auch z. T. bereits in den gedruckten Exposes auf, die auf der Homepage des Historikertags verfügbar sind und an denen Herr Schwitanski und Herr Moitra sich möglicherweise bei der Erstellung Ihres Berichts orientiert haben. Mir scheint, Schwitanski und Moitra haben sich wenig darum geschert, was eigentlich gesagt wurde und von den Referenten benutzte Ansätze und Begriffe sowie deren Erkenntnisse einfach als ihre eigenen ausgegeben. Dies ist unlauter.

Auch die Kritik, was mit den zivilgesellschaftlichen Netzwerken Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderst eigentlich Neues entstand, und auf welche Traditionen oder Konzepte sich diese Netzwerke beriefen, geht fehl. Denn zum einen wurde in der Sektion mehrfach (im Vortrag von Madeleine Herren und in meinem Vortrag) auf die Forderung nach Demokratisierung der internationalen Beziehungen durch Völkerrechtler, Pazifisten und Internationalisten hingewiesen. Zum anderen wurde verdeutlicht, dass die Bildung von Netzwerken und internationalen Institutionen als wichtige Kernbestandteile der Globalisierung und der "Vergesellschaftung"der internationalen Beziehungen gesehen werden müssen, die den Transfer und Aufstieg von normativen Vorstellungen ermöglichten. Aus diesem Grund geht auch die Kritik fehl, es handelte sich bei meinem Vortrag "nur" um eine Geschichte internationaler Beziehungen, wie Schwitanski und Moira behaupten. Auf die Institutionenbildung als Aspekt der "Vergesellschaftung" auf internationaler Ebene, auf die Anwendbarkeit von Modernisierungskonzepten und anderen sozialwissenschaftlichen operativen Kategorien auf der internationalen Ebene wurde nachdrücklich hingewiesen.

Matthias Schulz, Nashville

PD Dr. phil. habil. Matthias Schulz
DAAD-Visiting Associate Professor of History
Vanderbilt University
Department of History
VU Station B 35-1802
Nashville, TN 37235-1802
Phone: 615-322.5948
Fax: 615-343.6002 Email:
matthias.schulz@vanderbilt.edu


Zitation
Historikertag 2004: Neuere Geschichte - "langes" 19. Jahrhundert, in: H-Soz-Kult, 04.11.2004, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-547>.