K.Chr. Priemel: Die Universität in den Zeiten der Cholera

Von
Kim Christian Priemel, Department of Archaeology, Conservation and History, University of Oslo

Bild 1: Kacheln
Etwa in der Mitte der Seminarsitzung zur Großen Depression verlagert sich Sunniva ins Wohnzimmer und teilt dort Sofa und Kamerawinkel mit ihrer Mutter. Påls Mitbewohnerin wirft einen neugierigen Blick auf das Mosaik der Zoom-Kacheln, und Tobias sitzt in seinem unterbeleuchteten Jugendzimmer vor Dinosaurierpostern. Während Siri noch schnell etwas Abwasch erledigt, was man daran erkennt, dass sie zwar die Kamera, nicht aber das Mikrophon abgestellt hat, eilt Aslaug in den schneebedeckten Garten, um den entwischten Welpen einzufangen. Der findet das lustig und alle anderen Seminarteilnehmer den Hund niedlich.

Dank der Pandemie lerne ich meine Studierenden besser kennen, gelegentlich auch ihre Eltern und Haustiere und das alles in hohem Tempo. Kaum ist Covid-19 eindeutig angekommen, da verändert sich unser universitärer Alltag. In der zweiten Märzwoche 2020, in der norwegischen Taktung etwa Semestermitte, stellt unsere Universität auf Homeoffice und Onlinelehre um. Innerhalb von wenigen Tagen stehen mit Zoom, Canvas Conference und Microsoft Teams verschiedene Optionen offen, und technikaffine Kolleg:innen bieten von sich aus kurze Führungen durch die bunte virtuelle Welt an.

Was ich dort nicht lerne, ist, dass die Kamera den zwischenmenschlichen Abstand nicht zwangsläufig vergrößert, sondern auch ungeahnte, manchmal ungewollte Nähe erzeugt. Die im Vornamenland Norwegen ohnehin geringere Distanz zwischen Lehrenden und Studierenden wird weiter reduziert: Nicht abgehängte Wäsche im Hintergrund des Dozenten lässt diesen vermutlich etwas weniger weltentrückt aussehen. Kleinkinderquietschen aus dem Zimmer des um Ernsthaftigkeit bemühten Masterstudenten ringt wohl auch den verhärmteren Kollegen ein Lächeln ab. Fragen, die mich bewegen, gelten nicht nur der Abkehr vom Goldstandard, sondern essentiellen Abwägungen meines Lebens: Wo sitze ich, wenn ich die Vorlesung aufzeichne, und welchen Wohnungsbereich mag ich virtuell mit den Studierenden teilen? Sehe ich im Pullover noch professionell genug aus? Und wie lässt sich verhindern, dass Familienmitglieder durch das Bild laufen oder durch die geschlossene Tür fragen, wo die Essensreste vom Vortag sind? Immerhin lässt sich die Erkenntnis, dass das Öffentliche und das Private erst im bürgerlichen Diskurs der Neuzeit konstruiert und seither wiederholt neu austariert wurden, nun quasi am eigenen Körper erfahren.

Von der Unmittelbarkeit profitieren indes nicht alle. Wer anfangs noch dachte, als technologiefeindlicher Geisteswissenschaftler selber die Schwachstelle in der schönen neuen Welt der digitalen Lehre zu sein, wird rasch eines Besseren belehrt. Ist der Umstand, dass nur die Hälfte der Studierenden überhaupt teilnimmt, noch vorhersehbar, überrascht doch der Unwillen der anderen Hälfte, sich auf das Medium einzulassen. Die überwiegende Zahl der Teilnehmer:innen schaltet die Kamera und oft auch das Mikrophon gar nicht erst an. „Funktioniert nicht“ mag als Ausrede durchschaubar sein, ist indes schwer von der Hand zu weisen. Die nicht ganz so hellen Köpfe behaupten, sie hätten an ihren Notebooks, Tablets und Smartphones so etwas gar nicht. Das wiederum ist nicht ohne Komik in einem Geschichtsseminar, in dem der Dozent der einzige im virtuellen Raum ist, der sich qua Alter an Computer erinnert, die tatsächlich weder Bild noch Ton ins Internet sandten.

Am Ende ergibt sich ein bekanntes Bild, in dem die aktiven Studierenden einen Großteil der Veranstaltung mittragen, während die ohnehin schon zurückhaltenden Kommilitonen völlig abtauchen, die Konsumenten unter ihnen sowieso. Der Kreis jener, mit denen das Gespräch gelingt, wird noch ein wenig kleiner, als er es auf dem Campus ohnehin schon ist. Seminare geraten zu Vorlesungen, und diese wiederum degenerieren zu Podcasts dort, wo der private Rahmen der Lehrenden die Liveschaltung gar nicht zulässt. Im Austausch miteinander zu lernen, wird schwieriger, und der Unterschied zwischen universitärer Lehre und unverbindlichem Streaming verschwimmt, wenn Studierende sich mehrere Male während einer Veranstaltung ein- und ausklinken.

Nicht alle, aber viele dieser Hürden erweisen sich indes als Kinderkrankheiten und mit ein wenig mehr Organisation und didaktischer Ausbildung hier, etwas klarerer Netiquette dort gelingt die Zoomifizierung des Lehralltages. Vieles funktioniert überraschend gut, und in den Breakouträumen für Gruppenarbeit kommt es zumindest gelegentlich zu gemeinsamer intellektueller Arbeit. Schon im folgenden Semester stellen sich Routinen ein, die visuelle Teilnahmebereitschaft steigt, und einzelne Vorteile des Formats erweisen sich: Quellenzitate erscheinen in der Chatfunktion, Studierende teilen ihre Bildschirme miteinander, verspätet hereinschneiende Teilnehmer:innen stören niemanden im Redefluss. In der Kleingruppe, in der Masterstudierende ihre Arbeiten vorstellen und besprechen, ist das Niveau mindestens ebenso hoch wie zuvor. Dennoch: der Eindruck hartnäckiger Oberflächlichkeit von Textkritik und Diskussion will sich im Durchschnitt der Veranstaltungen nicht verflüchtigen.

Bild 2: Hybrid
Inzwischen ist der Sommer gekommen und gegangen; die Lehre im Herbst 2020 heißt jetzt so wie Automotoren. Hybrider Unterricht soll den Spagat zwischen Präsenz und Online leisten, so dass ich im halb gefüllten Vorlesungssaal spreche, während die andere Hälfte der Liveübertragung folgt. Mal führt dies zu höchst ungleichen Lehr- und Lernerfahrungen: Da ich mich schwer damit tue, stationär zu sprechen, gerate ich immer wieder außerhalb von Kamera- und, wichtiger, Mikrophonreichweite. Die online mutmaßlich zusehenden und -hörenden Studierenden bleiben allein mit den – immerhin sehr viel detaillierter gewordenen – Powerpointslides. Mal – in einem Seminar, das ich gemeinsam mit einem Kollegen des hiesigen Holocaust-Zentrums anbiete – ergibt sich eine Arbeitsaufteilung, in der einer vor Ort spricht, während der andere das Onlinepublikum betreut, dort Fragen aufnimmt und buchstäblich in den Raum stellt. Das ist irgendwo zwischen Schmidt/Andrack und Fragen-Sie-den-Experten bei der Liveübertragung der Tour de France, gelingt aber einigermaßen – sofern man den Luxus doppelten Dozenteneinsatzes genießt.

Der Hybridantrieb wird sich nicht durchsetzen. Im Jahr 2021 werden zwei Drittel aller neu zugelassenen Pkws ausschließlich elektrisch fahren, und an der Universität Oslo beschließen Rektorat und Fakultät, dass es keinen studentischen Anspruch auf Onlinelehre gibt; zu mäßig sind die Erfahrungen. Noch bis Februar 2022 wechseln wir, je nach pandemischer Lage und Größe der Seminarräume und Vorlesungssäle, zwischen physischer und digitaler Lehre, dann ist alles wieder wie früher. Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach der Emigration in Zooms Kachelräume finden sich alle wieder auf dem Campus ein. Oder zumindest fast alle. In den ersten Wochen kommen immer wieder Anfragen von Studierenden, die krank sind, Kinder betreuen müssen oder Züge verpassen: Könnten wir nicht doch oder zumindest auch? Wir können nicht. Wenigstens unter den Lehrenden hat niemand Lust, dauerhaft doppelgleisig zu fahren; zu mühevoll und zu wenig ertragreich, scheint die einhellige Meinung zu sein. Dafür gibt es letzte Motivationsemails von Rektor und Dekan, die den großen Einsatz aller loben, die halfen, den akademischen Betrieb nicht reibungs-, aber weitgehend verlustfrei in Gang zu halten.

So könnte es rückblickend scheinen, erinnert man sich, wie im Wortsinne kurzentschlossen der digitale Übergang bewerkstelligt wurde: erfolgreiches, alternativloses Krisenmanagement. Doch eben diese Alternativlosigkeit wirft Fragen auf, nicht zuletzt danach, wie eingefahren und wie unfrei Universitäten vielerorts geworden sind. Mit hohem organisatorischem wie persönlichem Aufwand wurde die Lehre aufrechterhalten und business as usual betrieben, mit dem honorigen Ziel, alle Studierende weiter mit Lehr- und Betreuungsangeboten zu versorgen. Es galt, ECTS-Punkte zu sammeln, Abschlüsse zu machen, Deputate abzuarbeiten. Und hier waren durchaus bemerkenswerte Improvisationen möglich: Die mündlichen Prüfungen, mit denen Masterarbeiten üblicherweise verteidigt werden, wurden in Oslo und anderswo abgesagt. Was als Erleichterung daherkam, nahm indes den Studierenden die Gelegenheit, nicht nur ihre Note zu verbessern, sondern auch sich ein letztes Mal intellektuell zu beweisen und dem Abschluss ihrer Studienzeit ein wenig Feierlichkeit zu geben.

Man muss nicht den Kalenderspruch von der Krise als Chance bemühen, um zu erkennen, dass hier eine Möglichkeit vertan wurde. Warum nicht wenigstens ein Semester lang den Standardbetrieb aussetzen und die Studierenden wie die Lehrenden lesen und gründlich nachdenken, in Projekten statt in Pflichtveranstaltungen arbeiten lassen, ohne Scheinerwerb und Benotung? Probleme, zu denen gedacht und geschrieben, diskutiert und geforscht werden könnte, sei es im Netz oder anderswo, gibt es genug, und sie werden gerade nicht weniger. Das handelsübliche Argument, Absolvent:innen müssten arbeitsmarktfähig gemacht werden – was zumindest für die nicht direkt berufsqualifizierenden Studiengänge ohnehin Humbug ist – erscheint zumindest mit etterpåklokskap („Klugheit im Nachhinein“) angesichts des massiven postpandemischen Arbeitskräftemangels verfehlt.

Statt also das ungeplant entstandene Mehr an Raum und Zeit zu nutzen, um verlorene Kreativität zurückzugewinnen und Lehre wie Forschung einmal nicht als input-output-Relation zu denken, folgte der Unibetrieb seiner seit Bologna gewohnten Kennziffernlogik. Dass derlei Bekümmernisse die privilegierte Welt jener spiegeln, die überhaupt an den Heimschreibtisch und in den Onlinevorlesungssaal wechseln konnten, versteht sich von selbst. Das ändert indes nichts daran, dass eben jene Institution, welche die Problemlöser:innen von morgen ausbilden soll, kaum darüber reflektiert hat, dass die digitale Lehre mehr als eine technische Frage ist. Sie beeinflusst die Tiefe der Auseinandersetzung ebenso wie den Umgang miteinander, mit anderen Worten: Sie formt wissenschaftliche Inhalte und soziale Verhältnisse. In dauerhafter praktischer Übung mag die tägliche technische Anwendung für die Beteiligten trivialer werden; ihr Effekt wird dies nicht. Was manchen als Gelegenheit erscheint, die noch nicht ganz im 21. Jahrhundert angekommene Institution Universität zu aktualisieren (die Vorlesung als Podcast ist Mobilphon-kompatibel und spart bei Wiederverwendung Lehrdeputate), trägt als strategisches Handeln opportunistische Züge und bezeugt zudem einen Fortschrittsoptimismus, dessen kritische Reflexion eigentlich Aufgabe der Universitäten ist, gerade in Zeiten der Cholera.

Bild 3: Stippvisite
Immer im Kreis laufend, trägt der junge Vater das Kind, während die studierende Mutter an der Diskussion teilnimmt. Zuviel Entfernung mag das Kleine nicht, aber mit variabel an- und abgeschaltetem Mikro funktioniert es erstaunlich gut. Die deutschen Masterstudierenden sprechen im Juni 2021 über alliierte Nachkriegsprozesse, und die das Seminar leitende Kollegin hatte mich gefragt, ob ich im zweiten Teil zur Zoomsitzung hinzukommen könnte, um ein wenig über die Forschungspraxis zu sprechen. Das ist einfach und macht Spaß; man trifft ja nicht häufig Menschen, die etwas von dem gelesen haben, was man so schreibt.

Ohne die digitale Lehrpraxis wäre vermutlich niemand auf solche Ideen gekommen. Die Vorteile solch einfacher und zudem billiger Vernetzung sind offenkundig. Für einen zwanzigminütigen Vortrag im Rahmen eines Vormittagsworkshops nach Florenz zu reisen, ist im Frühjahr 2022 nicht mehr zu begründen. Vor Ort sind daher nur eine Handvoll Teilnehmer:innen, die Vortragenden schalten sich aus Prag, Salamanca und St Andrews zu. Tagungen mit langem, intensivem Austausch ersetzt ein solches Format schwerlich, und vor allem die informelle Seite von Veranstaltungen bleibt evident auf der Strecke. Im Gegenzug ersparen sich Vortragende und Hörer:innen unnötigen Aufwand für ein neunzigminütiges Kolloquium, wie es in jedem Semester mehrfach vorkommt, in dem die eine Seite der anderen nichts zu sagen hat und letztere wiederum nichts zu fragen weiß. Auch mehrstufige Veranstaltungen, teils vorbereitend und digital, teils in Präsenz und Ergebnisse diskutierend, bieten sich an, wenn keine zusätzlichen Drittmittel benötigt werden.

Kostenfrei kommen derlei Angebote dennoch nicht. (M)Ein eingeübter Lebensstil, in dem das Reisen zu Archiven, Tagungen und Kolloquien lange ein fester Bestandteil war, bröckelt. Dafür ist Covid-19 nur teilweise verantwortlich; die Karriereentscheidung, in ein anderes Land zu ziehen, familiäre Prioritäten und nicht zuletzt ökologische Gründe sind ganz maßgeblich. Die Pandemie allerdings hat sowohl die technische Substituierung ermöglicht als auch ihr Akzeptanz verschafft. So problematisch mir die mangelnde Reflektion über das Krisenmanagement der zurückliegenden zwei Jahren erscheint, wahr ist eben auch: Aus meinem Arbeitsalltag sind viele dieser Änderungen kaum noch wegzudenken.

Postscriptum: Aufnahmetechniken
Einmal angeschoben, rollt der Innovationszug weiter. Im Herbstsemester 2022, teilt der Studienleiter mit, können wir die Qualität von Videoaufzeichnungen mit Hilfe eines neuen Programms verbessern. Es hört auf den Namen Panopto und wurde vermutlich von vergnügten Diskurshistoriker:innen kreiert.

Zitation
K.Chr. Priemel: Die Universität in den Zeiten der Cholera, in: H-Soz-Kult, 21.11.2022, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-5493>.