.hist 2006: Querschnittsbericht "Kollaboratives Schreiben, Lehren und Lernen"

Von
Daniel Burckhardt, Institut für Geschichtswissenschaften, HU Berlin

Besprochene Sektionen:
"Collaboratories. Das Schreiben der Geschichte im vernetzten Zeitalter"
"Entwicklung von E-learning-Projekten als kollaborativer Forschungsprozess"

Kein anderer Begriff wurde im Februar 2006 von deutschen Internet-Nutzerinnen und -Nutzern bei Google so oft nachgefragt wie "Wikipedia".[1] Eine breite Öffentlichkeit hat inzwischen die freie Online-Enzyklopädie als nützliche Anlaufstelle bei Recherchen im Netz entdeckt. Entsprechend präsent war die Wikipedia auch auf der Tagung .hist2006. In verschiedenen Sektionen und Einzelgesprächen wurde wiederholt die Frage nach Verlässlichkeit und Zitierbarkeit der im ständigen Wandel befindlichen Wikipedia-Artikel gestellt. In der von Peter Haber geleiteten Sektion "Collaboratories. Das Schreiben der Geschichte im vernetzten Zeitalter"[2] standen aber weniger die Inhalte dieses Erfolgsprojekts kollektiven Schreibens, das in nur fünf Jahren auf rund 3.5 Mio. Artikeln in über 200 Sprachen angewachsen ist, im Vordergrund, als vielmehr der Produktionsprozess sowie Theorie und Praxis des Hypertexts.

Entgegen dem generellen Trend im Webdesign, über eine weitgehend hierarchische Navigation die Zahl der Klicks zu nur schwach miteinander verknüpften Einzeltexten zu minimieren, feiert mit der Wikipedia der durch eine Vielzahl von Links rhizom-artig strukturierte Hypertext eine Renaissance.[3] Ebenso wird die Frage nach Autorschaft erneut problematisiert, die nicht nur für das Gesamtwerk, sondern auch für einzelne Artikel, die im Laufe der Zeit von verschiedenen Personen weiter geschrieben werden, kaum noch zu bestimmen ist. Wurden solche Entwicklungen - wie Jakob Krameritsch gegen Ende der Sektion ausführte - in der ersten Hochzeit des Hypertexts in den 1990er Jahren von der Geistes- und Kulturwissenschaft emphatisch diskutiert, kehrte mangels lange ausbleibender, erfolgreicher Umsetzungsversuche zunächst eine gewisse Ernüchterung ein. Möglicherweise erschien auch vielen durch Postmoderne und Dekonstruktivismus geprägten Geisteswissenschaftlern das Wikipedia-Leitmotiv eines neutralen Standpunkts ("neutral point of view", kurz NPOV) als antiquiert. So steht die Wikipedia unter latentem Positivismus-Verdacht, was viele daran hinderte, in ihr eine technische und inhaltliche Realisierung der ein Jahrzehnt zuvor geäußerten Vorstellungen zu sehen.

Jakob Voß, in der deutschen Sektion der Wikipedia sehr aktiv, stellte die Gründe für den gegenwärtigen Erfolg der Wikipedia im günstigen Zusammenwirken verschiedener Faktoren dar: Der Wiki-Technologie und -Software, einer praktikablen Lizenz für die Inhalte, die die flexible Nachnutzung der Texte ermöglicht, einem einfachen gemeinsamen Projektziel, das im Aufbau einer möglichst umfangreichen Enzyklopädie gemäß dem NPOV besteht, sowie einer aktiven, selbstorganisierten community, die Regeln für die Schlichtung von Meinungsverschiedenheiten und Konflikten entwickelt hat. Gemäß „Lotkas Gesetz“, wonach viele Autorinnen und Autoren nur einmal, ein paar wenige dagegen sehr oft publizieren [4], sind auch bei der Wikipedia weniger als 10 Prozent der registrierten Nutzer für über 90 Prozent der Bearbeitungen verantwortlich. Diese Gruppe der sehr aktiven Nutzer ist überwiegend jung (20-30), gut gebildet und männlich (86 Prozent). Aus ihrem Kreis rekrutieren sich auch die im deutschen Sprachraum rund 200 Administratoren, die für Sperrungen und Löschungen verantwortlich sind.

Zwei der soeben erwähnten Erfolgsfaktoren, Wiki-Technologie sowie das Projektziel einer Enzyklopädie, in diesem Fall ein "Biographisch-bibliographisches Handbuch für das katholische Deutschland", wurden von der Kommission für Zeitgeschichte in Bonn mit zwei Projektpartnern aus dem technischen Bereich erfolgreich in den Antrag für das WIKINGER-Projekt (Wiki Next Generation Enhanced Repository) im Rahmen der deutschen "e-Science"-Initiative aufgenommen.[5] Wie Karl-Joseph Hummel ausführte, sollen die biografischen Einträge für ein "who is who" des deutschen Katholizismus jedoch nicht von interessierten Nutzerinnen und Nutzern der Site stammen, sondern von ausgewählten Fachwissenschaftlern erstellt werden. Als technische Innovation soll die Liste der im Handbuch berücksichtigten Personen durch linguistische Verfahren weitgehend automatisiert aus bestehenden Veröffentlichungen extrahiert werden. Es wird sich in den nächsten Jahren zeigen, ob diese top-down Organisation im Rahmen eines Wissenschaftsprojektes - der Projektmitarbeiter stand das ganze Referat hindurch schweigend neben seinem Vorgesetzten - oder der bottom-up Ansatz der Wikipedia bessere Ergebnisse produziert. Zu befürchten ist jedoch, dass die Lizenz der im Rahmen des WIKINGER-Projekts erstellten Biografien nicht ohne weiteres eine Weiternutzung in der Wikipedia erlauben wird.

Wie fremd für viele Fachwissenschaftler die Vorstellung einer Arbeitsplattform ohne Zugangsbeschränkungen ist, zeigte sich auch in der Präsentation von Gisela Minn zum Forschungsnetzwerk und Datenbanksystem für den Trierer SFB 600 "Fremdheit und Armut - Wandel von Inklusions- und Exklusionsformen von der Antike bis zur Gegenwart". Auf beeindruckende Weise wurden hier die Wünsche und Anforderungen einer fächerübergreifenden Forschergruppe analysiert und als netzbasiertes EDV-System implementiert. Die einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen die von ihnen bearbeiteten Texte, Bilder, Töne und Objektinformationen, etwa zu einer antiken Münze, in eine gemeinsame Datenbank ein. Im Gegensatz zur Offenheit der Wikipedia herrscht hier aber das Grundprinzip, wonach derjenige, der die Daten ins System einträgt, alleine über die Sichtbarkeit dieser Daten für andere Personen und Gruppen entscheiden kann. Neben dem Wunsch nach Exklusivität vor Veröffentlichung können auch Urheberrechte und - besonders bei neueren Akten - Persönlichkeitsrechte einer generellen Freigabe im Wege stehen.

Naturwissenschaftler arbeiten in "laboratories" schon seit Jahrzehnten in größeren Gruppen zusammen. Dies spiegelt sich in einer Vielzahl von Autorennennungen bei den meisten Veröffentlichungen. In den Geschichtswissenschaften ist dagegen die mono-auktoriale Erzählung immer noch der Regelfall. Jan Hodels Skizze des "hist.collaboratory"[6] stellte deshalb weniger ein konkretes Projekt vor, als eine Reihe von Überlegungen zu einem gemeinsam genutzten virtuellen Schreibtisch für die Geisteswissenschaften. Dabei machte er auf eine entscheidende Eigenschaft der Wiki-Systeme aufmerksam. In den Worten von Jim Wales, dem Gründer der Wikipedia: "The basic thing I think makes it work is turning from a model of permissions to a model of accountability. It isn't that you are allowed or not allowed to edit a certain thing; it's when you do it, that change is recorded, and if it's bad, people can see that."[7] Genau diese minutiöse Buchführung der Wiki-Systeme über sämtliche Veränderungen könnte ein wichtiger Faktor für die Akzeptanz von Kollektiv-Autorschaften in den Geisteswissenschaften werden. Wenn der Anteil eines jeden Autors an einem Text stets transparent ist, fällt vielleicht auch der Verzicht auf die alleinige Autorschaft nicht mehr so schwer.

Content Management Systeme (CMS) sind Team-Tools par excellence. Dieser Satz aus dem Eröffnungsreferat von Wolfgang Schmale passte besonders gut auf die von Madeleine Herren geleitete Sektion zur "Entwicklung von E-learning-Projekten als kollaborativer Forschungsprozess".[8] Denn viele E-Learning-Plattformen sind nichts anderes, als auf den Unterricht spezialisierte CMS, allenfalls ergänzt um Kommunikationsfunktionen zwischen den Studierenden und den Lehrenden. Allerdings wurden nicht alle vorgestellten Projekte dem im Titel formulierten Anspruch gerecht. Oder wie einer der Tagungsteilnehmer in der Diskussion meinte: Müsste man nicht von E-Teaching statt von E-Learning sprechen, wenn sich das online-Angebot im Wesentlichen auf einen Seminarordner im Netz beschränkt?

Viele der nach dem ersten Boom der späten 1990er Jahre gestarteten E-Learning Projekte sind aber weniger durch neue technische Möglichkeiten motiviert, bzw. proben offensiv neue Formen der Wissensvermittlung, sondern reagieren eher defensiv auf die Veränderungen in der universitären Lehre im Zuge des Bologna-Prozesses sowie auf weiter steigende Zahlen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern in den Seminaren. Oder anders formuliert: Steht der Seminarordner im Netz, muss wenigstens keiner Schlange vor dem Kopierer stehen. Das Hosting in zugangsbeschränkten und meist nur über Campus-Lizenzen verfügbaren kommerziellen Systemen [9] führt aber dazu, dass an verschiedenen Universitäten ähnliche Kursinhalte entwickelt werden. Mehr Kooperation zwischen den Lehrenden an den verschiedenen Hochschulen sowie der Einbezug der Universitätsbibliotheken als Informationsvermittler in die Angebote der Grundausbildung wurden gefordert, um den hohen Anfangs-Aufwand für den Aufbau einer netzgestützten Lehrveranstaltung zu reduzieren.

Mehr Erfolg als solche Appelle verspricht der Ansatz, der von Teilnehmerinnen und Teilnehmern des E-Learning-Projekts "Heidelberg 1934 - Harvard 1940" präsentiert wurde: Der Einbezug von Studierenden in die Konzeption und Realisierung eines Lehrangebots. Im Rahmen eines Oberseminars bildete das unveröffentlichte Manuskript "Nacht über Heidelberg" von Dr. Barbara Schütz-Sevin, einer früheren Studentin und Doktorandin an der Universität Heidelberg, die Basis für einen netzgestützten Kurs zu den Themen Machtübernahme, Gleichschaltung, Antisemitismus und erzwungene Emigration in den dreißiger und vierziger Jahren. Mit dem Einbezug von Bildern, Film- und Tonsequenzen, digitalisierten Zeitungen und Archivalien werden die medialen Vorteile des Webs gegenüber dem papiergebundenen Selbststudium ausgenutzt. Als technische Plattform wird Moodle [10] eingesetzt, das auch die Einbindung von Wiki-Komponenten und gegenseitigen Bewertungsmöglichkeiten unterstützt. Wie weit rechtliche Rahmenbedingungen, etwa Landeslehrverordnungen, einer Verlagerung von zuvor alleine von den Lehrenden übernommenen Aufgaben auf die Teilnehmer der Veranstaltung selbst im Wege stehen, wird sich in Zukunft sicher zeigen. Urheberrechtliche Bedenken verhinderten auch die Öffnung der Veranstaltung für eine breite Netz-Öffentlichkeit außerhalb der Universität Heidelberg. Zu hoffen wäre, dass in Zukunft aber wenigstens Studierende von Harvard sich im Zuge einer transatlantischen Kooperation in diese Lehrveranstaltung einklinken können. Spätestens dann würde aus dem kollaborativen Forschungs- auch ein kollaborativer Lernprozess werden.

Wer die Programme der Tagung .hist2006 und der entsprechenden Veranstaltung drei Jahre zuvor nur flüchtig vergleicht, könnte zum Schluss kommen, dass nach einem stürmischen Jahrzehnt nun eine Phase der Ruhe und Konsolidierung angebrochen ist. Bei der Retrodigitalisierung und in der Sektion zum elektronischen Publizieren traten vorwiegend bereits von der letzten Tagung bekannte Projekte auf, beim E-Learning hat sich die Zahl der Präsentationen sogar deutlich reduziert. Einzig die Sektion zu den "Collaboratories" setzte einen ganz neuen Akzent. Der Erfolg der Wikipedia und die freie Verfügbarkeit der darunter liegenden Software-Plattform - das hat sich in der Sektion von Madeleine Herren zum E-Learning deutlich gezeigt - eröffnete in fast jeder Sektion ganz neue Perspektiven. Wie aus rohen Scans nach dem Wiki-Prinzip eine transkribierte und kommentierte Edition entstehen könnte, zeigt zur Zeit die Zimmerische Chronik auf Wikisource.[11] Auch aus einer noch stark am gedruckten Artikel orientierten E-Publikation wird so vielleicht in wenigen Jahren ein schon vor der ersten Veröffentlichung von den Gutachterinnen und danach von den Lesern kommentiertes, berichtigtes und ergänztes "living document".[12] Gut möglich, dass diese kollaborativen Prozesse für das Fach in den nächsten Jahren ähnlich bedeutsam werden, wie die Einführung von E-Mail und WWW im letzten Jahrzehnt.

Dipl. Math. ETH Daniel Burckhardt, M.A. ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und Web-Redakteur von H-Soz-u-Kult.

Anmerkungen:
[1] <http://www.google.com/press/intl-zeitgeist.html#de >(12.4.2006).
[2] Zum Programm dieser Sektion siehe <http://www.clio-online.de/hist2006/userinfoviewsession.php4?session_id=21 > (12.4.2006).
[3] siehe dazu auch Jakob Nielsens Alertbox-Kolumne vom 3. April 2006 <http://www.useit.com/alertbox/hype.html > (12.4.2006).
[4] "Die Anzahl der Personen, die n Aufsätze schreiben, ist proportional zu 1/n^2" <http://www.ib.hu-berlin.de/~wumsta/umdefa.html > (12.4.2006).
[5] <http://www.kfzg.de/Forschung/WIKINGER/wikinger.html > (12.4.2006).
[6] <http://wiki.histnet.ch/index.php/HistCollaboratory > (12.4.2006).
[7] <http://news.com.com/2009-1025-5944453-3.html > (12.4.2006).
[8] Zum Programm dieser Sektion siehe <http://www.clio-online.de/hist2006/userinfoviewsession.php4?session_id=10 > (12.4.2006).
[9] In Innsbruck und Bochum Blackboard Academic Suite, <http://www.blackboard.com > (12.4.2006).
[10] <http://moodle.org/ > (12.4.2006).
[11] <http://de.wikisource.org/wiki/Zimmerische_Chronik> (12.4.2006), siehe auch eine entsprechende Mail von Klaus Graf, <http://www.aedph.uni-bayreuth.de/2006/0004.html > (12.4.2006).
[12] Ein Beispiel für einen solchen Prozess bietet der Tagungsband Wikimania 2005, <http://meta.wikimedia.org/wiki/Transwiki:Wikimania05 > (12.4.2006).

Zitation
.hist 2006: Querschnittsbericht "Kollaboratives Schreiben, Lehren und Lernen", in: H-Soz-Kult, 20.05.2006, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-724>.
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Veröffentlicht am
20.05.2006