Designing a Virtual Habitat. Sinngenerierung in posturbanen Migrantenstädten am Beispiel Torontos

Von
Stefan Haas, Faculty of Arts and Science, University of Toronto

Der vorliegende Beitrag, der ein laufendes Forschungsvorhaben an der University of Toronto umschreibt, zielt auf die Frage, wie Menschen sich städtischen Raum aneignen und ihm individuellen wie sozialen Sinn verleihen. Paradigmatisches Feld sind dabei die Migranten/innen, da sie aufgrund ihrer Situation in einen dialogischen Prozess zwischen herkommender und aufnehmender Kultur eingebunden sind. Dass sich dieser Prozess der Signifikation entscheidend wandelt im Übergang von moderner zu postmoderner Metropolenbildung, stellt die These des Beitrags dar. Die Beschreibung dieses Übergangs von einer ethnischen Refugialität zu einer medial konstituierten Hybridität des Alltagslebens von Migranten/innen in nordamerikanischen Großstädten ist dabei, der Kürze der Sache geschuldet, zugespitzt.

Migration and the "End of Suburbia"
Im 19. Jahrhundert erreichten vor allem Schotten/innen, Deutsche und Ukrainer/innen Kanada und besiedelten die ländlichen Regionen im Norden Ontarios und in den Prärien. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kamen Süd- und Osteuropäer/innen und ließen sich in Toronto nieder, wo die Viertel Greektown, Little Italy und Little Portugal noch heute von dieser Zeit erzählen. Nach dem Krieg waren es vielfach die Immigranten/innen aus den Ostblockstaaten, die nach Kanada kamen. Seit den 1990er Jahren sind es zunehmend Muslime, Sikhs oder Buddhisten, die in die kanadischen Städte kommen und die das traditionelle Religionsgefüge verändern. Nach der Bevölkerungszählung von 2001 war Toronto mit 43,7 Prozent die Stadt Nordamerikas mit der höchsten Anzahl von im Ausland geborenen Einwohnern/innen, gefolgt von dem bei Exilkubanern/innen beliebten Miami mit 40 Prozent, Vancouver kam noch auf 37,5 Prozent, erst dahinter rangierten im mittleren Feld die beiden US-amerikanischen Städte Los Angeles und New York mit 31 bzw. 24 Prozent. Das Resultat migrationsbedingter Umschichtung war eine Bedrohung der Städte: Eine 2000 durchgeführte Studie des Canadian Council for Social Development konstatierte, dass ein Fünftel der vor 1986 nach Kanada eingereisten Immigranten/innen in Armut lebten, von jenen, die nach 1991 kamen waren es die Hälfte.


Abb. 1: Straßenszene aus Torontos Chinatown (Fotografie: Judith Bus)

Aber zu diesem Zeitpunkt hatten nicht nur die sich verändernden Migrantenströme die Städte in ihrer Struktur verändert. Gleichzeitig begannen die suburbs, jene am Rand der unwirklich werdenden Metropolen gelegenen Retortensiedlungen mit ihren konzentrierten Einkaufsmöglichkeiten in Malls zu zerfallen. Die Menschen fühlten sich zunehmend unwohl in diesen abgeschotteten Wohngegenden, und auch die Stadtplaner/innen konnten keine Zukunft mehr in einer Planungsform sehen, die das Auto als notwendigen Bestandteil der Existenz voraussetzte. Die suburbs waren der Inbegriff der – gleichwohl vom europäischen Funktionalismus beeinflussten – amerikanischen Strategie gewesen, den Städten als bewohntem Raum Sinn zu verleihen. Die aufgereihten typisierten Einfamilienhäuser der suburbs hatten als Lebensform für mehrere Dekaden gut funktioniert. Die innerstädtischen Migrantenviertel – und "Ghettos" – hielten sich an dieses Konzept aber nie. Und so waren nordamerikanische Innenstädte auch das nie, was die suburbs sein sollten: melting pots.


Abb. 2: Die Häufung nationaler Symbole im Stadtbild Torontos gestaltet einen interkulturellen Konnotationsraum. Beispiel eines Hauses im chinesischen Stil (Fotografie: Nadja Ibener)

Die postmodernen Migrantenstädte
Die führenden neuen Städtebau- und Architekturbewegungen in Nordamerika haben sich insbesondere der suburbs angenommen. Mitte der 1990er Jahre entstand eine Bewegung, die als New Urbanism tituliert wird. Sie formulierte nicht mehr die suburbs als Antistadt, sondern trug städtische Strukturen in diese hinein. In einem Fernsehbericht des kanadischen Senders CBC hieß es 1997: "With garages at the backs of houses and secondary suites above garages, architects are catering less to cars and more to people. Suburbia's architects originally devised communities for easy automobile access in a time when car ownership had sharply increased. The focus has now shifted to parks and neighborhoods.”[1]

Dieser New Urbanism ist eine Reaktion auf den Niedergang der suburbs. Seine Vertreter/innen sind bemüht, den sozialreformerischen Kern des modernen Bauens in die globalisierte Postmoderne zu retten, indem sie ihn transformieren. Ziel des New Urbanism ist die Schaffung neuer oder die Regenerierung bestehender Stadtviertel, so dass die Bewohner/innen eine Mischung unterschiedlicher Einkommen, Ethnizität und Alter darstellen. Sie wollen die Verbindung zwischen Stadtraum und ihren Bewohnern stärken, dadurch das Verantwortungsbewusstsein erhöhen. Die Betonung ökologischer Kriterien ist ein wichtiger Grundsatz. Hinter all diesen Ansätzen steckt eine Idee, die sich auch besonders in der Aneignung von Stadträumen durch Migrantengruppen abzeichnete, die Schaffung von Identität. New Urbanism scheut die physische Fragmentarisierung der modernen Stadt und die funktionale Aufteilung des modernen Lebens und versucht stattdessen, eine Verbindung herzustellen zwischen "knowledge and feeling, between what people believe and do in public and what obsesses them in private."[2].

Damit steht der New Urbanism noch mit einem Fuß tief in der Moderne: der Überzeugung, dass der physische Raum, seine architektonische und städteplanerische Beschaffenheit, soziales Verhalten direkt beeinflussen oder zumindest widerspiegeln und damit befördern kann. Noch radikaler in dieser Richtung, aber gleichzeitig näher an den Menschen ist der so genannte Everyday Urbanism. Eine vom klassischen architektonischen Standpunkt aus gesehen chaotisch wirkende Planungsform. Sie ist eklektisch, heterogen, ambivalent, indem sie als wesentlichen Grundsatz das Eingehen auf die lokalen Bedingungen und die Bedürfnisse der Menschen hat. Diese Form des postmodernen Urbanismus' ist weniger sozialutopisch, sondern eher an den Bedürfnissen konkreter Menschen in konkreten Lebenssituationen interessiert.

Virtualität der postmodernen Städte
Die genannten Subbewegungen der postmodernen Architektur und Städteplanung versuchen, einen Stadtraum zu entwerfen, den sich die Menschen aneignen können. Damit bleibt Raum für die kleinen Zeichen und Symbole, für das performative Verhalten im Umgang mit städtischem Raum. Im Gegensatz zur Stadt der Moderne, die durch die national und ethnisch getrennte Migrantenviertel geprägt wurde, in der Ethnizität also eine Strategie des Ausschließens war, charakterisiert die postmoderne Stadt einen integrativen Ansatz. In Toronto wie in anderen nordamerikanischen Großstädten lässt sich seit einiger Zeit feststellen, dass die ethnischen Viertel nicht nur eine Touristenattraktion sind, die für Ausflüge zum Flanieren und Dinieren genutzt werden, sondern auch als Wohnraum attraktiv werden. Das Ethnische wird dabei als Element spielerisch in die Konstruktion von Identität aufgenommen. Dies zeigt sich sowohl an der Vorgarten- und Fassadengestaltung als auch im Ernährungsverhalten. Zwar schafft auch dieser Prozess neue Ausgrenzungen, da nun noch deutlicher die Grenzen zwischen europa- und asienstämmigen Kanadiern/innen betont werden, doch zeigt sich ein geänderter Umgang mit ethnischen und nationalen Symbolen, dessen spielerischer Charakter für die Postmoderne typisch ist.

Dieses Spiel sucht sich neue Mittel, um zu kommunizieren und Aussagen zu repräsentieren, und findet sie in den neuen Medien. Digitale Kommunikation vereinigt die Auflösung von Zeit und Raum mit einem relativ hohen Maß an gestalterischer Autonomie. Wo in den Städten die individuelle und gruppenspezifische Aneignung des Raums sich über Bekleidung, Ernährungsstile, über Symbole an Häusern und Zeichen in den Räumen niederschlug, wird das Internet zunehmend zu einem Medium, neue soziale Formationen zu bilden, die die Städte um ein virtuelles Double erweitern. Immigranten/innen definieren sich nicht mehr allein über ihre real-räumliche neighborhood, sondern zunehmend auch über eine virtuelle Gemeinschaft.

Die Auflösung traditioneller sozialer Formen in den Prozessen der Digitalisierung und Globalisierung hat in Nordamerika zu einer intensiven Suche nach neuen Begriffen sozialer Formationsbildung geführt. Vor einiger Zeit spülte dies den von dem amerikanischen Journalisten Ethan Watters geprägten Begriff des urban tribes an die Oberfläche der öffentlichen Diskurse.[3] Watters sah in den zufällig entstandenen Gruppierungen von Freunden/innen die soziale Heimat der Post-Generation-X 20- and 30somethings. An die Stelle der traditionellen Familien waren Gruppen ähnlich gesinnter Menschen getreten, die Rituale entwickelten und Traditionen bildeten, um den inneren Zusammenhalt zu gewährleisten und dem Individuum einen Ort im gemeinschaftlichen Gefüge zu geben. Das soziale Haus ist ein selbst gebildetes, in das Zufälle des eigenen Lebenswegs hineinspielen. Vorherbestimmt ist es nicht mehr, und es gibt keine Bluts- oder Naturbanden, um den tribe aufrechtzuerhalten, er muss durch Aktivität und Kommunikation bewahrt werden. In der öffentlichen Reaktion in Nordamerika zeigte sich, wie sehr die Lebenswirklichkeit dieser Generation von dem Begriff umschrieben werden konnte. Was sich wie eine Realität gewordene amerikanische Fernsehserie im Stil von "Friends" ausnimmt, ist vielmehr ein neuer Lebensstil, der sich von demjenigen der Großväter und Urgroßväter, die besonders in Migrantenmilieus das "stay with your own people" und die Großfamilie als sozialen Kitt angesehen hatten, unterscheidet.

Neue soziale Formationen wie die als urban tribes bezeichneten Gruppierungen junger urban professionals zeigen auch ein anderes Kommunikationsverhalten, ein anderes Wohnverhalten und eine andere Strategie, dem bewohnten urbanen Raum Sinn und Bedeutung zu verleihen. Sie verwenden SMS und E-Mails und lesen dabei Metropolen nicht als Raum mit Distanzen und abgegrenzten Stadtvierteln. Internetforen für reale Migranten/innen und bloße 'digital natives' bieten raum- und zeitlose Optionen der Kommunikation. Der Einwanderer neuen Typs findet so nicht, wie die Immigranten/innen der Großeltern- und Urgroßelterngeneration, seinen Platz in einem Refugium nationaler Identität, die auf einem kanadischen Unterbau aufgesetzt ist. Über das Internet hat er Kontakt zu vielen Immigranten/innen seines Herkunftslandes in den verschiedensten nordamerikanischen Städten. Sein Leben vor Ort aber ist geprägt von dem Zufall der Bekanntschaft am Arbeitsplatz und in den mehr und mehr gemischt ethnischen Wohnvierteln. Die Identität, die er sich dabei gebildet hat, ist wie die von vielen Migranten/innen im frühen 21. Jahrhundert eine hybride, gemischt aus den Konnotationen, die die Massenmedien transportieren, den Dialogen zwischen Herkunft und neuer Heimat und den Zufällen des Migrantenlebens.

Wenn Nigel Coates über die "sensuelle Seite des urbanen Raums" spricht, ist genau das gemeint. Seine hybride Stadt "Ecstacity" ist genau das "half-real and half imaginary. Ecstacity builds on the increasingly global outlook of existing cities. It partners a fluid architecture of hybrids with the information world we already inhabit. It invests the everyday with conflations of scale, of story, of emotion, replacing institutional power with shared grounds of identity and desire”.[4]

Diese Prozesse zeigen sich nur versteckt, manchmal gar verborgen. Doch in ihnen zeigt sich das Weiterleben der vielfach tot gesagten Stadt als Lebensform. Und vielleicht hängt, das lässt sich vorsichtig nach den jüngsten gewaltsamen Ausschreitungen in südamerikanischen Städten sagen, auch das Weiterbestehen gewohnter urbaner Wohn- und Lebensqualität von dem Gelingen eines postmodernen Stadtkonzepts ab.

Stefan Haas, Dr. phil. habil., arbeitet als Associate Professor für Moderne Geschichte und German Studies an der University of Toronto und ist Direktor des Information Centre des DAAD in Kanada. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Politik- und Kulturgeschichte sowie Stadt- und Mediengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. E-Mail: stefan.haas@utoronto.ca

Literaturempfehlungen:

Videoquelle
The End of Suburbia. Oil Depletion and the Collapse of the American Dream. Dokumentation, Regie: Gregory Greene, Canada 2004

Literatur
Anisef, Paul; Lanphier, Michael (Hgg.), The World in a City, Toronto 2003.
Chase, John; Crawford, Margaret; Kaliski, John (Hgg.), Everyday Urbanism, New York 1999.
Coates, Nigel, Guide to Ecstacity, New York 2003.
Duany, Andres; Plater-Zyberk, Elizabeth; Speck, Jeff (Hgg.), Suburban Nation. The Rise of Sprawl and the Decline of the American Dream, New York 2000.
Garreau, Joel, Edge City. Life on the New Frontier, New York 1991.
Jacobs, Jane, The Death and Live of Great American Cities, New York 1961.
Johnson, Walter, The Challenge of Diversity, Montreal 2006.
Kelbaugh, Dough, Common Place. Toward Neighborhood and Regional Design, Washington 1997.
Lorinc, John, The New City. How the Crisis in Canada's Urban Centres Is Reshaping the Nation, Toronto 2006.
Lynch, Kevin, The Image of the City, Boston 1960.
Watters, Ethan, Urban Tribes. Are Friends the New Family?, New York 2003.

Anmerkungen:
[1] Diese Fensehdokumentation kann im Netzarchiv von CBC abgerufen werden unter: <http://archives.cbc.ca/IDC-1-69-1464-9757/life_society/suburbs/clip9> (18.07.2006).
[2] Kelbaugh, Dough, Common Place. Toward Neighborhood and Regional Design, Washington 1997.
[3] Watters, Ethan, Urban Tribes. Are Friends the New Family?, New York 2003.
[4] Coates, Nigel, Guide to Ecstacity, New York 2003.

Zitation
Designing a Virtual Habitat. Sinngenerierung in posturbanen Migrantenstädten am Beispiel Torontos, in: H-Soz-Kult, 15.09.2006, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-793>.
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Veröffentlicht am
15.09.2006
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