Osteuropäische Geschichte

Von
Stefan Rohdewald, Lehrstuhl fuer Neuere und Neueste Geschichte Osteuropas und seiner Kulturen, Universität Passau

Besprochene Sektionen:

"Bilder vom eigenen Raum: Die mentale Aneignung des Russländischen Imperiums"
"Freiheit – Libertät – Liberalität. Universalisierung und Nationalisierung eines politischen Grundbegriffes im östlichen Europa"
"Bild, Konsum und Kosmos. Inszenierungen modernen Lebens in der sowjetischen visuellen Kultur der Sechzigerjahre"
"Supermänner, Superfrauen, Supermächte. Sport als Medium des Kalten Krieges"
|tagungsberichte:1174|"Der Krieg um die Bilder 1941-2005: Mediale Darstellungen des ‚Großen Vaterländischen Krieges’ der Sowjetunion" "Das Bild des Moslems im westlichen und östlichen Europa in der Frühen Neuzeit"

Vorbemerkungen
Ein Historikertag mit dem Motto "GeschichtsBilder" ließ Sektionen zur Erinnerungskultur, Diskurs- oder Historiografiegeschichte erwarten, insbesondere aber den geschichtswissenschaftlich reflektierten kulturwissenschaftlichen Umgang mit Bildern. Historiker sollten sich laut den Organisatoren u. a. Fragen der "Geschichtsproduktion" und -vermittlung stellen. Mit Blick auf das Feld der osteuropäischen Geschichte war zu hoffen, dass der Historikertag auch hier alle Epochen thematisieren würde.

Die Durchsicht der Themen der Osteuropasektionen des Programms bestätigte allerdings die Befürchtung, dass osteuropageschichtliche Mediävistik abwesend und die Frühneuzeitforschung stark unterrepräsentiert sein würden. Die weitgehende Absenz des Mittelalters ist ein Phänomen der jüngsten Osteuropahistoriografie, die Neueste Geschichte war auf dem Historikertag in Konstanz jedoch insgesamt überrepräsentiert. Dies spiegelt sicherlich die Situation an den Universitäten wider, ist aber nicht selbstverständlich. Die Nonchalance, mit der sich die Tagung auf ihren Webseiten als "größten geisteswissenschaftlichen Kongress Europas" bezeichnet, ist symptomatisch – immerhin pflegt der jährliche (allerdings internationale) Mediävistenkongress in Leeds (IMC) jeweils nicht weniger Referenten anzuziehen: Dieses Jahr wurden dort etwa 350 Panels vorgestellt.[1]

Noch stärker als im historiografischen und universitären Alltag dominierte in Konstanz somit hinsichtlich Osteuropas die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Dieses zeitliche Ungleichgewicht ging auch in Konstanz mit einem geografischen einher: osteuropäische Geschichte ist in der Praxis vornehmlich russische, respektive sowjetische Geschichte. Weder der südost- noch der ostmitteleuropäischen Geschichte war ein eigenes Panel gewidmet. Mehrere Vorträge zu diesen Geschichtsräumen fanden aber in anderen Sektionen Raum.

Panels mit einzelnen Beiträgen zur osteuropäischen Geschichte
Zu nennen sind ein Beitrag zur osmanischen Geschichte in einer mediävistisch/frühneuzeitlichen Sektion über Krieg und Gewalt in Bilderwelten (Peter Burschel), sowie, in die Neuzeit voranschreitend, die Darstellung der Moskauer Sicht auf das Ende des Alten Reichs (Jan Kusber). Im Panel zur Konstruktion und Inszenierung von Geschichte im europäischen Musiktheater des 19. Jahrhunderts trugen Philipp Ther zu russischen und tschechischen (Anti-)Helden und Moritz Csáky zur Wiener Operette im Habsburgerreich vor. Unter dem Obertitel "Geschlecht als Medium von Geschichtserzählung" wurden auch populäre galizische Erzählungen um 1900 berücksichtigt (Dietlind Hüchtker). Überdies schloss das Panel zur europäischen und amerikanischen Stadt vor 1917 ein Referat zu Moskauer Stadtdiskursen ein (Jan C. Behrends). Ein weiteres Panel, zum Wiederaufbau jüdischen Lebens in Europa 1945-1967, ging auch auf Ungarn (Andras Kovacs [die Schreibweise der Namen hält sich an das Programmbuch]) ein, das Beispiel Polen wurde im Panel über Diktaturerfahrungen nach 1945 thematisiert (Pawel Machcewicz). In der Sektion "Stadt und Migration" stellte Thomas Bohn die sozialistische Stadt in Osteuropa vor; im epochenübergreifenden Panel zum Image von Herrschern sprach Jan Kusber über Stalin und Chrušcev. Stefan Zwicker trug im Rahmen des Panels zu visuellen Konstruktionen von Märtyrern zur kommunistischen Deutung des tschechischen Komponisten Julius Fucik in der Nachkriegszeit vor. Zudem wurden in einer Sektion zum Wandel von Geschichtsbildern die Veränderung der Wahrnehmung Osteuropas in Deutschland untersucht (Andreas Helmedach) sowie in einem Panel zum Geschichtsbild Europas im Geschichtsunterricht das Beispiel Polen (Manfred Mack) besprochen.

Diese, wie anzunehmen ist, nicht durch zentrale Planungsentscheide entstandene, sondern durch Überlegungen der Panelorganisatoren begründete Teilhabe der osteuropäischen Geschichte an Sektionen der allgemeinen Geschichte bezeugt eine enge Zusammenarbeit von Osteuropahistorikern und Allgemeinhistorikern, die nicht immer praktiziert wird, aber immer nahe lag. Derzeit wird sie auch mithilfe von Konzepten wie der histoire croisée und der Transnationalität reflektiert.[2] Bedauerlich ist, dass die Sowjetunion in einem Panel zu staatlicher Planung im 20. Jahrhundert nicht mit einem selbständigen Beitrag besprochen werden konnte – auch wenn der Sozialismus mit dem Beispiel der DDR vertreten war (Peter Caldwell).

Nur eines dieser crossover Panels sei hier ausführlicher erwähnt: Die von Ludolf Pelizaeus und Gabriel Haug-Moritz geleitete Sektion zum Bild der Moslems in der frühneuzeitlichen Geschichte umfasste neben Beiträgen zur europäischen und österreichischen Wahrnehmung der "Türkengefahr" auch Vorträge zu Portugal und Ungarn. Während zunächst anhand des vornehmlich mitteleuropäischen Türkenbildes auf die Konfrontation zwischen Osmanen und "Europa" eingegangen wurde, stellte András Forgo die ambivalente Perzeption der Osmanen als Gegner und Verbündete in Ungarn vor. Als die ungarische Adelsnation nach der Mitte des 17. Jahrhunderts erkannt hatte, dass Ungarn Wien in erster Linie als Aufmarschgebiet diente, wandelte sich der muslimische Gegner zum "Zwangsverbündeten". Orientalische Einflüsse spiegelten sich in der Kleidung des ungarischen Adels, aber auch im Transfer von Kaffee- und Tabakkonsum westwärts wider. Wird man der daraus hervorgegangenen Wiener Adaption der Kaffeekultur in Gestalt des Kaffeehauses gewahr, kann dies dazu beitragen, guteuropäische antitürkische Reflexe im Österreich der Gegenwart in einen relativierenden Rahmen zu stellen.

Osteuropasektionen
Unter den Panels, die sich ganz der osteuropäischen Geschichte widmeten, umfasste die von Claudia Kraft geleitete Sektion zu osteuropäischen Freiheitsdiskursen (1750-1848) Osteuropa am großflächigsten: Hans-Jürgen Bömelburg untersuchte, mit welchen bildlichen Mitteln die Grenze zwischen Polen-Litauen und seinen westlichen Nachbarn zu einer zivilisatorischen umgedeutet wurde, und wie aus positiv bewerteter polnischer, aber auch ruthenischer und livländischer "Freiheit" "Unordnung" und "Anarchie" wurden. Maciej Janowski schilderte die Genese des emphatischen polnischen Freiheitsbegriffs. Die Herleitung staatsbürgerlicher Freiheit aus adligen, ständischen Freiheiten stand damals wie in der heutigen Historiografie neben der These, moderne Freiheit sei nur nach einem gänzlichen Bruch mit dem Ständestaat möglich geworden. Andreas Lawaty stellte ein Nähe von "polnischer" und "deutscher" Freiheit nach 1800 fest, sowie ihre durch nationalhistorische "Sendungen" bedingte Unvereinbarkeit. Den Autonomieansprüchen der Deutschbalten im Russländischen Reich wie den Unabhängigkeitsforderungen des polnischen Adels schadete der Vorwurf westeuropäischer Beobachter, die Freiheit der Bauern zu wenig in die Staatsbürgerkonzepte integriert zu haben. Mit der Einbeziehung des literarischen Diskurses und der Begrifflichkeit von Aufständischen konnte Yvonne Kleinmann die bisherige Forschungsmeinung über die Entwicklung im Russländischen Reich differenzieren. In der Diskussion wurde in dieser Aushebelung der Rede von der russischen Despotie ein Verdienst der Sektion erkannt, allerdings blieb die imagestiftende Lexik der aufgeklärten Monarchen womöglich doch zu konsequent ausgeblendet. Das Hauptaugenmerk der Sektion lag auf Polen und Russland, (Österreich-) Ungarn rückte erst in der Fragerunde ins Zentrum des Interesses.

Die Sektion zur "mentalen Aneignung des Russländischen Imperiums" (Leitung: Ricarda Vulpius, Moderation: Martin Schulze Wessel) untersuchte "Bilder vom eigenen Raum". Ricarda Vulpius skizzierte die Ausbildung eines zeitlich der territorialen Expansion nachfolgenden imperialen Diskurses. Konkret beschrieb sie die Übernahme der Rede von einer zivilisatorischen Mission aus den westeuropäischen imperialen Diskursen durch die russische Elite. Zudem grenzte sie die Rede vom modernen Imperium gegenüber älteren, pragmatischeren Diskursen territorialer Herrschaft ab. Dieser Prozess wurde von der Forschung bisher im Rahmen von Modernisierungsvorgängen verstanden, war aber dem Funktionieren des interethnischen Zusammenlebens im Vielvölkerreich abträglich. Letztlich diente er zu einer diskursiven Eingliederung Russlands in den Kreis der anderen Kolonialmächte, und förderte die Allianzfähigkeit.

Anknüpfend an postkoloniale Ansätze wurde eine vielfältige Palette von Aneignungsstrategien und kulturellen Praktiken der Inbesitznahme sehr anregend interpretiert – das Spektrum reichte bis hin zum Vergraben von Metallplatten als Zeichen der imperialen Aneignung (Martina Winkler). Susi Frank erkannte gerade im Wandel der Funktion von Regionen, namentlich der Krim und Sibiriens, die Entstehung eines imperialen Diskurses. So unzweifelhaft die Wahrnehmung des Raumes differenziert untersucht wurde, hätte die zusätzliche Interpretation bildlicher Darstellungen, etwa Karten, sehr nahe gelegen. Die Unterscheidung des europäischen Russland vom asiatischen Sibirien, die für eine imperiale und koloniale Umdeutung des Vielvölkerreiches herangezogen wurde, ist nicht zuletzt mithilfe der wissenschaftlichen Kartografie inszeniert worden.[3] Möglicherweise wäre u. a. dieser Aspekt durch den ausgefallenen Vortrag von Claudia Weiss zur Geographischen Gesellschaft beleuchtet worden. In der präsentierten Form war dieses Panel das einzige Osteuropapanel, das das Motto des Historikertags rein metaphorisch-diskursiv und nicht auch mithilfe von Abbildungen umsetzte.

Basler und Bielefelder Historiker/innen nahmen das Motto des Historikertages zum Anlass, im Rahmen des Themas "Inszenierungen modernen Lebens in der sowjetischen visuellen Kultur der Sechzigerjahre" Bilder ganz in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit zu stellen (Bild, Konsum und Kosmos, geleitet von Monica Rüthers und Carmen Scheide, moderiert von Carsten Goehrke).

Der Gegensatz der Logik der Bilder und ihrer Sprache gegenüber den sie begleitenden, überwiegend stereotypen und normativen Texten etwa in der Zeitschrift "Turist" (Christian Noack) ließ die Fotografien als Medium einer eskapistischen subkulturellen Teilöffentlichkeit im Rahmen offiziöser Printmedien erscheinen. Auch Anna Tikhomirova konnte dank des auf das Bild konzentrierten Zuganges eine Unvereinbarkeit von Text und Bild herausarbeiten: Während die Texte der Zeitschrift "Žurnal Mod" den Lebenssehnsüchten junger Frauen in den 1960er Jahren Raum gaben, entsprachen die nüchternen Modefotografien diesen Sehnsüchten so offensichtlich nicht, dass in der Diskussion dieses Scheitern mit dem späteren Untergang der Sowjetunion direkt in Verbindung gebracht wurde. Die auf technische Aspekte der Kleidung beschränkten, attributlosen Abbildungen scheinen die Diskrepanz von Lebenssehnsüchten und defizitären Leistungen des Staates geradezu demonstrativ herauszustellen.

Julia Richers führte in Bilder und Diskurse um Kosmos, Raumfahrt, Technikkult und Transzendenz ein. Mit einer von den Bildern ausgehend rekonstruierten "Bildchronologie des Himmelssturms" skizzierte sie Perspektiven einer kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Kosmos. Das Referat machte die mobilisierende Funktion von Abbildungen und ihre Instrumentalisierung zur Darstellung gesellschaftlicher Zielutopien augenscheinlich. Der schon während der Entstehung der Sowjetunion imaginierten Inbesitznahme des Kosmos durch die sozialistische Revolution folgte erst einige Jahrzehnte später der tatsächliche Weltraumflug.

Was eine eindringliche Bildinterpretation für geschichtswissenschaftliche Zwecke zu leisten vermag, zeigte Monica Rüthers an wenigen Beispielen zum Thema Konsum und Kosmos. Ihr Referat – wie das Panel insgesamt – ergründete exemplarisch den Mehrwert, den eine Wahrnehmung von Bildern als Quellengattung für eine kulturwissenschaftliche historische Analyse auch für die Neueste Geschichte zugänglich macht. Nicht weniger verdienstvoll ist, dass die Sektion den Blick auf bisher kaum thematisierte Lebensstile und Lebenswelten der poststalinistischen Sowjetunion richtete. Diese Epoche steht in der Aufmerksamkeit der Forschung insgesamt immer noch ganz im Schatten der frühen und der stalinistischen Sowjetunion.

Thematische, methodische und ‘epochale’ Innovativität fand sich auch in der Sektion zu "Sport als Medium im Kalten Krieg" (Leitung: Nikolaus Katzer), die überdies der so häufigen Russlandfixiertheit der deutschen Osteuropahistoriografie auswich. Vermutlich aufgrund einer Unachtsamkeit der Organisatoren der Tagung fand sie gleichzeitig mit dem Panel über Konsum und Kosmos statt. Die Sektion setzte sich aus Teilnehmern/innen der vor einem Jahr in Zürcher, Warschauer und Passauer Kooperation organisierten Tagung "Sport zwischen Ost und West" zusammen, deren Sammelband gerade in den Druck übergeben werden konnte.[4] Sport wurde hier wie dort als ein Kernbereich von Modernekonzepten verstanden, in dem sich – sowohl in Diktaturen als auch in Demokratien – technische, physiologische, biologische, medizinische und hygienische Diskurse über die vollkommene Ausgestaltung des menschlichen Körpers kreuzten. Anders als in der älteren Sporthistoriografie stehen nicht mehr der Sport an sich und die Anzahl der gewonnenen Medaillen im Vordergrund, sondern er interessiert als Medium zahlreicher unterschiedlicher Handlungs- und Sprachfelder moderner Gesellschaften.

Uta Balbier machte deutlich, wie die BRD unter dem Druck der sportlichen Erfolge der DDR deren Sportverständnis übernahm und dem Sport die Funktion staatlicher Repräsentation zuschrieb: Der Erfolg und die Modernität einer Gesellschaft sollte sich nicht nur im Osten, sondern auch im Westen in sportlichen Höchstleistungen widerspiegeln. Die insbesondere von der sportmedizinischen Forschung in der DDR mit wissenschaftlichem Wahrheitsanspruch vertretene Idee, die menschliche Leistungsfähigkeit könne über bisher als natürlich betrachtete Grenzen ausgeweitet werden, schien sich nach und nach weltweit durchzusetzen.

Eva Maurer analysierte die Rezeption der Erstbesteigung des Mount Everest in der Sowjetunion, die nicht zuletzt durch Bilder getragen wurde[5], und sprach diesem Vorgang eine wichtige Rolle bei der Reintegration des sowjetischen Alpinismus in ein internationales Umfeld zu. Im neuen Kontakt und in der Konkurrenz veränderte sich das Selbstbild der sowjetischen Sportler insgesamt.

Auch in der Sowjetunion war das Feld des Sports unterschiedlichsten Sinnzuschreibungen ausgeliefert und sogar geeignet, Individualisten unter dem sozialistischen Banner Raum zur Selbstentfaltung zu geben. Evelyn Mertin unterschied mehrere Typen sowjetischer Sportler und Sportlerinnen, denen als gesellschaftliche Vorbilder in der Populär- und Massenkultur die Multiplikation sowjetischer Identität und Ideale zukamen. Bei der staatlichen Inszenierung der Sportler als sozialistische Menschen wurden abweichende Eigenschaften konsequent ausgeblendet.

Während westliche Zeitungen bis zur Einführung von Geschlechtertests Ende der 1960er Jahre den sozialistischen Staaten vorwarfen, sog. Intersexe bei Frauenwettbewerben einzusetzen, unterstellte man später, laut Stefan Wiederkehr, systematisches Doping. Die Beschreibung des "männlichen Aussehens" von Sportlerinnen aus dem Ostblock und der Attraktivität von Athletinnen des eigenen Lagers bildete eine argumentative Strategie zur Abwertung des sozialistischen Gesellschaftsmodells als menschenverachtend. Wiederkehr stellte dabei eine Diskrepanz zwischen der Seltenheit der bildlichen Abbildung und der Häufigkeit der sprachlichen Beschreibung der Sportlerinnen fest.

Das Panel insgesamt exemplifizierte innovative Zugänge zur Analyse zentraler Aspekte nicht nur der sozialistischen modernen Gesellschaften, deren Relevanz die Sportgeschichte im engeren Sinn bei weitem übersteigen. Johan Schloemann, der noch vor dem Stattfinden des Panels einen der Beiträge zum Anlass nahm, in der Süddeutschen vom 19. September eine Engführung des historischen Interesses zu beklagen, wäre der Besuch der Sektion zu empfehlen gewesen.[6]

Auch das Panel zum Krieg um die Bilder 1941-2005, das mediale Darstellungen des "Großen Vaterländischen Krieges" der Sowjetunion untersuchte (Leitung: Beate Fieseler), akzentuierte kulturwissenschaftliche Zugänge zur russländischen Zeitgeschichte.

Jörg Ganzenmüller skizzierte, wie unter Brežnev Stalin bald aus der Kriegserinnerungskultur verschwand, und die bis heute dominierende Rolle der alten Generäle im offiziellen Geschichtsbild die Oberhand gewann.

Carmen Scheide forderte systematische Untersuchungen zu einem kollektiven Kriegsbildgedächtnis, und leitete mit dem Beispiel der sowjetischen "Nachthexen" (Pilotinnen) in den ikonografischen Kanon ein. Obschon während des Krieges etwa eine Million Frauen mobilisiert waren, war Weiblichkeit in der Roten Armee keine Normalität. Nach dem Krieg dienten traditionelle Rollenbilder zur Wiederherstellung der Geschlechterrollen. Die Referentin zeigte auf, wie die Interpretation von Abbildungen Bestandteil der Analyse gesellschaftlicher Bilder sein kann.

Beate Fieseler wies auf die Bedeutung der Integration von Filmen in den geschichtswissenschaftlichen Quellenkanon hin. Anhand der Darstellung von Invalidität in sowjetischen Spielfilmen zeigte sie den Wandel der Erinnerung an Kriegsopfer auf. Auch Carola Tischler stellte die geschichtswissenschaftliche Arbeit mit Filmen als Bildquellen vor, indem sie mehrere sowjetische Nachkriegsfilme in einem internationalen Zusammenhang als "chaplinesk" interpretierte.

Klaus Waschik zeichnete auf der Grundlage von Plakaten Aspekte der komplexen gegenwärtigen Erinnerungskultur an den "Großen Vaterländischen Krieg" nach. Mit der fortschreitenden Gleichschaltung der Medien wurde Plakatkunst in den letzten Jahren zu einer der Möglichkeiten, die Zensur zu unterlaufen und postmoderne Referenzen auf die erodierende Erinnerungskultur zu entwickeln.

Schlussbemerkung
Unter den thematischen Absenzen fällt auf, dass Panels oder einzelne Beiträge mit einem Bezug zu religiösen Handlungs- und Sprachfeldern ganz fehlten. Hält man die Zusammensetzung der am Historikertag vertretenen Sektionen für repräsentativ, scheint die kulturwissenschaftliche Beschäftigung mit Religion weiterhin im Schatten der sozialistischen Moderne zu stehen. Bedauerlicherweise blieb auch südosteuropäische Geschichte innerhalb der ‘reinen’ Osteuropasektionen ganz außen vor. Ob den Organisatoren zu raten ist, solchen Lücken wie auch derjenigen der osteuropageschichtlichen Mediävistik und der Forschung zum 17. Jahrhundert mit ausdrücklichen Ermutigungen, etwa über H-Soz-u-Kult, in Zukunft entgegenzuwirken, sobald sie sich abzuzeichnen drohen? Das Motto des Historikertages wäre jedenfalls auch für eine Fortsetzung der Reflexion der methodischen Zugänge zu diesen Zeiten und Räumen vorzüglich geeignet gewesen.

Andererseits war die Osteuropahistoriografie mit nicht wenigen Referaten vertreten, und die beobachteten Ungleichgewichte in der thematischen und epochalen Zusammensetzung der Panels geben einen deutlichen Trend zu erkennen: Mit den drei zuletzt besprochenen Sektionen, die sich auf die Nachkriegszeit konzentrierten, scheint sich eine Abkehr von der im letzten Jahrzehnt so markanten Konzentration der osteuropageschichtlichen Forschung auf den Stalinismus abzuzeichnen. Alle drei rückten thematische Bereiche des poststalinistischen sozialistischen Alltags ins Zentrum des geschichtswissenschaftlichen Interesses, die bislang wenig beachtet geblieben waren. Mehrere Beiträge dieser Panels versuchten exemplarisch, und ohne Zweifel mit Gewinn, die reflektierte Arbeit mit Bildquellen in den Methodenschatz der neuen Kulturgeschichte aufzunehmen.

Dr. Stefan Rohdewald ist seit 2003 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte Osteuropas und seiner Kulturen an der Universität Passau; Habilitationsprojekt: Nationale religiöse Erinnerungsfiguren der orthodoxen Südslawen bis 1945. E-Mail: <Stefan.Rohdewald@Uni-Passau.de>

Anmerkungen:
[1] <http://www.leeds.ac.uk/ims/imc/IMCNewsletteraugust06.pdf> (18.10.2006)
[2] <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1069> (18.10.2006).
[3] Cecere, Giulia, Wo Europa endet. Die Grenze zwischen Europa und Asien im 18. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Thomas Ganschow, in: Dipper, Christof; Schneider, Ute (Hgg.), Kartenwelten. Der Raum und seine Repräsentation in der Neuzeit, Darmstadt 2006, S. 127-145 (hervorgegangen aus einer Sektion des Historikertages 2004 in Kiel).
[4] Malz, Arié u.a. (Hgg.), Sport zwischen Ost und West. Beiträge zur Sportgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, (Einzelveröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau 16), Osnabrück [im Druck, Erscheinen für 2006 geplant], s.a. den Tagungsbericht: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=975> (17.10.2006).
[5] Vgl. <http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/88/12076/> (17.10.2006).
[6] Eine elektronische Spur: <http://www.perlentaucher.de/feuilletons/2006-09-19.html> (17.10.2006), vgl. auch Anm. 5.

Zitation
Osteuropäische Geschichte, in: H-Soz-Kult, 25.10.2006, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-828>.