Von
Dorothea Weltecke, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Besprochene Sektionen:

"TechnikBilder und TechnikTexte in Spätmittelalter und Renaissance"
"Bilderstreit als Argumentationsrepertoire"
"GerechtigkeitsBilder. Spiegelungen eines gesellschaftlichen Ideals im späteren Mittelalter"

Vorbemerkungen
Es war nicht der Historikertag der Mediävisten. Dabei hätte sich das Generalmotto „GeschichtsBilder“ für diese Disziplin allerdings angeboten. Denn Mediävistik befasst sich mit Kulturen, in denen Schriftlichkeit ein relativ exklusives Medium ist. Leben im Alltag, Gestaltung am Feiertag, Kommunikation und Gedächtnis, rechtliche, politische und soziale Praxis mittelalterlicher Gesellschaften wurden weithin von visuellen Mitteln, von Zeichen und Abzeichen, von Farben und Formen, von Bildern, von Gesten und bildhaften Handlungen strukturiert. Viele Einzelfragen ließen sich nennen, in denen Mediävistik in buchstäblicher oder übertragener Weise mit Bildern und bildhaftem befasst ist – nicht zuletzt mit den mittelalterlichen Geschichtsbildern selbst. Und natürlich befasst sie sich mit den modernen Bildern vom Mittelalter, mit dem Mittelalter als Metapher, mit dem sich die modernen und nachmodernen Welten durch Abgrenzung und Projektion ihrer selbst versichern.

Gerade im Augenblick werden in Deutschland zahlreiche größere und kleinere Projekte verfolgt, die sich mit dem Bereich des Sichtbaren und des Bildhaften und dem buchstäblichen Bild vom Mittelalter befassen. Bernhard Jussens Edition der Sammelbilder von Liebig ist ein aktuelles Beispiel.[1] Eine rege Beteiligung und eine Darstellung der verschiedenen Projekte und Ereignisse hätte man deshalb mit Bestimmtheit auf diesem Historikertag erwarten sollen. In München 1996, in Frankfurt am Main 1998, in Aachen 2000 wurden übrigens bereits Komplexe zur Geschichtskonstruktion und zum Verhältnis von Kunstwissenschaft und Geschichtswissenschaft diskutiert, die in Konstanz hätten aufgegriffen werden können. Aber man hat sich anders entschieden. Die Sektionen blieben aus, die Köpfe jedoch deshalb nicht notwendigerweise zu Hause. Überraschenderweise wurde es der Historikertag, an dem im Publikum der mittelalterlichen Sektionen zum Teil mehr etablierte Häupter zu sehen waren als auf den Podien. Auf den Podien hingegen, auch der epochenübergreifenden Sektionen, fanden sich eine Reihe jüngerer Mediävisten, die sich auch schon in Kiel beteiligt hatten und zum Teil an ihre dort vorgestellten Ergebnisse anknüpften.

Das hat Folgen für diesen Bericht. An den drei mittelalterlichen Sektionen und den drei epochenübergreifenden Sektionen lässt sich schlechterdings nichts über neuere Entwicklungen in der Mediävistik orakeln, abgesehen von der unabsehbaren und spätestens seit Kiel unübersehbaren Tendenz, den Historikertag anderen Disziplinen zu überlassen. Es kann auch keine Rede davon sein, inhaltliche Lücken aufzeigen zu wollen. Selbst Schwerpunktbildungen lassen sich nicht ausmachen. Denn die tatsächlich gebotenen Themen können bei dieser Menge weder methodisch noch inhaltlich näher miteinander zu tun haben. Sie wichen übrigens interessanter Weise auch von dem ab, was man als zentrale mediävistische Themen anzusehen sich gewöhnt hat, wenn man die aktuelle Ausstellungslandschaft und die mediävistischen Großveranstaltungen der letzten Jahre betrachtet. Das könnte im Rückblick sogar von Vorteil sein, fällt doch auf diese Weise Licht auf Bereiche, die sonst in Gefahr sind, übersehen zu werden.

Die gebotenen Ergebnisse zeigen also höchstens die methodische, inhaltliche und chronologische Vielfalt an, mit der es Historiker im Mittelalter zu tun haben. Statt also die allgemeinen Entwicklungen zu erörtern, die hier nicht abgebildet wurden, soll nach einer Übersicht über die tatsächlich behandelten Themen und Herangehensweisen die geringe mediävistische Beteiligung am Schluss wenigstens kurz problematisiert werden.

Mediävistische Sektionen
Drei Sektionen waren ausgewiesen, und damit ist die Mediävistik sogar gegenüber der traditionell eher schmal vertretenen Alten Geschichte (mit vier Sektionen) ins Hintertreffen geraten. In der chronologischen Reihenfolge ihres Stattfindens waren dies erstens eine Sektion der Technik- und Wissenschaftsgeschichte unter der Leitung von Horst Kranz (Aachen) und Rainer Leng (Würzburg) zum Thema „TechnikBilder und TechtnikTexte in Spätmittelalter und Renaissance.“ Die inhaltlich dicht gepackte Sektion vermittelte mit den Beiträgen von Uta Lindgren (Bayreuth), Gerhard Dohrn-van Rossum (Chemnitz), Horst Kranz, Ulrich Alertz (Aachen), Rainer Leng, Wolfgang Lefèvre/Marcus Popplow (Berlin) einen Einblick in die außerordentlich vielgestaltigen und auch schier unüberschaubare Menge von Bildern technischer Geräte. Sie ließ die sehr unterschiedlichen Funktionen erkennen, die diese Bilder, oder vielleicht besser Zeichnungen, für die mittelalterlichen Zeichner und Betrachter selbst hatten. Die Beiträge vermittelten außerdem eine Ahnung von den unterschiedlichen Zugängen, mit denen sie heute erschlossen und für die Technikgeschichte genutzt werden. Buchstäblich wird dies z.B. durch systematische Beschreibungen technischer Handschriften oder in Kürze mit der Hilfe einer Datenbank zu Maschinenzeichnungen möglich.

Damit meldete sich eine Spezialdisziplin zu Wort, die augenscheinlich am Anschluss an allgemeine historische Fragestellungen interessiert ist, und die, wie sich zeigte, diesen auch einiges zu bieten hat. Besonders in der Diskussion der Beiträge wurde der Kontrast zwischen den Vorstellungen von Technik im Mittelalter deutlich, die Technikhistoriker im Gegensatz zu anderen Historikern inzwischen entwickelt haben. Das lässt diese selbstbewusst auftreten: Kulturwissenschaftliche Interpretationen technischer Innovationen wie etwa der Schlaguhr als disziplinierendes Herrschaftsinstrument wurden ebenso scharf kritisiert wie das Bild vom technikfeindlichen Scholastiker. Das Bild vom Mittelalter wandelte sich erheblich, wenn die Ergebnisse der Wissenschaftsgeschichte stärker beachtet würden. Die Präsenz von Technik, Industrie (und Umweltzerstörung) im späten Mittelalter störte hier ebenso die Idylle modernisierungsgeschichtlicher Narrative wie die technische Phantasie und die Experimentierfreudigkeit spätmittelalterlicher Erfinder. Dazu gehören auch die innovativen Formen der Wissensvermittlung und der Erkenntnisgewinnung, die beide durch das Medium der Zeichnung erfolgten. Sowohl Techniker aus dem Universitäts- wie aus dem Laienmilieu bedienten sich dieses Mediums für unterschiedliche Bereiche und Stadien technischer Erfindung, Entwicklung oder Utopie. Die technischen Zeichnungen und besonders ihre Funktion als Mittel zur Erkenntnisgewinnung durch zeichnerisches Experiment stehen schließlich in äußerst anregender Weise quer zu kulturgeschichtlichen Debatten um mittelalterliche Bilder, die bisher stark von den Gemälden dominiert werden.

Es folgte eine frühmittelalterliche Sektion, die weit nach Osten ausgriff und das byzantinische Reich unter dem Titel „Bilderstreit als Argumentationsrepertoire. Zur Instrumentalisierung von Denkmustern und Begriffen der byzantinischen Bilderdiskussion im 8./9. Jahrhundert“ in den Mittelpunkt stellte. Die meisten Beiträge, von Stefan Esders (Berlin), Beate Fricke (Zürich), Bissera V. Pentcheva (Stanford) und Thomas Ertl (Berlin/Rom) kreisten um Fragen zur mittelalterlichen Bildtheorie. Diese hatte durch den Streit um die Verehrung der Bilder beziehungsweise der Ikonen in der Zeit des Ikonoklasmus in Byzanz wichtige Impulse erhalten. Für die Gegenwart zeigt die extrem differenzierte byzantinische Bildtheorie analytische Zugänge auf, die auch für andere Fragestellungen genutzt werden können. Besonders zur Geschichte von Herrschaftslegitimation in Ost und West wurde sie in dieser Sektion fruchtbar gemacht.

Byzanz wird in der Forschung und vor allem in der Lehre regelmäßig aus der Betrachtung der mittelalterlichen Welt ausgeschlossen und den Spezialdisziplinen Gräzistik und Byzantinistik überlassen, obwohl die Welt des oströmischen Kaisertums mit der lateinischen Welt bekanntlich vielfältige Kontakt hatte und auch langfristig die Geschichte und Gestalt Europas geprägt hat. Ausnahmen wie die Forschungsprojekte im aktuellen DFG-Schwerpunktprogramm 1173 „Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter“ (Michael Borgolte/Berlin; Bernd Schneidmüller/Heidelberg) bestätigen bisher noch diese Regel. Die Sektion auf dem Historikertag wurde allerdings unabhängig von diesem Schwerpunktprogramm von Thomas Ertl geleitet, der sich auch andernorts um eine geographische Öffnung der Mediävistik bemüht hat.[2]

Es folgte schließlich die Sektion „GerechtigkeitsBilder. Spiegelungen eines gesellschaftlichen Ideals im späteren Mittelalter“, in der sich eine anscheinend voreilig totgesagte historische Disziplin als sehr lebendig erwies und bereichert um neue Methoden, Fragestellungen und Texte zu Wort meldete. Sie wurde von Gabriele Annas (Frankfurt am Main) und Petra Schulte (Köln) geleitet. Sie führte wieder ins späte Mittelalter und konzentrierte sich auf die ausdifferenzierten Gesellschaften in Burgund, Frankreich und den italienischen Städten. Hier wurden Bilder der hohen Kunst auf ihre Auseinandersetzung mit Gerechtigkeitsidealen untersucht, namentlich Exempla-Darstellungen aus der altniederländischen Malerei und das Fresko „Buon Governo“ aus dem Palazzo Pubblico in Siena in den Beiträgen von Gabriele Annas und Ulrich Meier (Bielefeld). Diese Beiträge wurden kontrastiert durch Analysen von Petra Schulte und Michael Hohlstein (Nijmegen) von zum Teil bisher unbekannten französischen Traktaten und Stücken der italienischen Pastoralliteratur zum Problem der Gerechtigkeit. In allen Beiträgen wurden philosophie- und kunsthistorische Ergebnisse und Methoden mit einbezogen. Die Gerechtigkeitsvorstellungen wurden zugleich zu spezifischen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen am französischen Hof und in den italienischen Städten in Beziehung gesetzt. So wurden überregionale Überschneidungen und wiederkehrende gemeinsame Probleme mittelalterlichen Denkens über Gerechtigkeit sichtbar. Besonders deutlich wurde etwa die Spannung zwischen einer unbeirrbaren und ohne Ansehen der Person wirkenden und einer persönlichen, durch Umstände und Beziehungen spezifisch urteilenden Gerechtigkeit. Die Geschichte der Ideen zeigte sich hier also keineswegs als rein selbstreferenzielle, gar überholte Forschungsperspektive, sondern in neuer Weise als methodisch offene Disziplin, die wiederum das Bild vom Mittelalter und die dieser Epoche zugeschriebenen politischen und sozialen Vorstellungen zu korrigieren imstande ist.

Fragt man nach Gemeinsamkeiten zwischen diesen Sektionen, so war bereits zu sehen, dass sie weder in den Inhalten, den behandelten Regionen, noch in den Epochen zu finden sind. Auch boten sie sich nicht im vorgeführten Bildmaterial. Technische Zeichnungen, byzantinische Ikonen und monumentale, repräsentative Gemälde in städtischen Räumen, die Tugenden und antike Exempla darstellen, haben in Wirklichkeit wenig miteinander gemein. Über die nichtschriftlichen Hinterlassenschaften hinaus war in den mittelalterlichen Sektionen unter der Bezeichnung „Bild“ ebenfalls sehr unterschiedliches versammelt, von der einfachen Dar- oder Vorstellung bis hin zur entfalteten Theorie, sowohl des Mittelalters als auch der Gegenwart. Begriffliche Differenzierungen neben dem Wort „Bild“ waren auf diesem Historikertag nicht gefragt und werden hier auch nicht eingeklagt. Denn es sollte der Blick gerade durch die Entgrenzung geschärft werden, die ein sehr offenes Wort leisten kann, und eben diese Anregung haben alle drei Sektionen außerordentlich überzeugend umsetzen können.

Gemeinsam war den Sektionen vielmehr eher eine erfrischende Unbekümmertheit in Bezug auf die sonst besonders hoch gehandelten Themen und eben auch die aktuellen Tabus. Kulturwissenschaftliche Terminologie existierte friedlich neben ideengeschichtlichen, sozial-, kunst- und wissenschaftsgeschichtlichen Fragestellungen. Die Ergebnisse ganz unterschiedlicher Regional- und Spezialdisziplinen wurden gekonnt miteinander verbunden und für die Analyse fruchtbar gemacht. Im Mittelpunkt standen überall klar benannte, spezifische Probleme, die quellenkonzentriert und sprachlich wie theoretisch reflektiert entwickelt wurden.

Mediävistische Präsenz in epochenübergreifenden Sektionen
Ergänzend seien die übergreifenden Veranstaltungen betrachtet, in denen mittelalterliche Themen aufgegriffen waren. Diese sollen nur kurz gestreift, doch nicht im Detail aufgezählt werden, um sie im Hinblick auf die Präsenz der Mittelalterstudien auf dem Historikertag zu betrachten. Denn die Bandbreite der in Konstanz vertretenen mittelalterlichen Fragestellungen und Disziplinen erhöht sich durch diese Beiträge durchaus. Hier zeigten sich dann auch die Themen, die auf dieser Veranstaltung zu erwarten waren und die womöglich eher als repräsentativ gelten mögen.

So waren selbstverständlich Mediävisten auf der Sektion von Michael Matheus (Rom) zu „Eigenbild im Konflikt: Zur Selbstdeutung von Päpsten in Mittelalter und Neuzeit“ vertreten. Auch zu Fragen der Entwicklung des Bildes vom Adel und zur Herrschaftsrepräsentation im Allgemeinen beteiligten sie sich jeweils mit Spezialuntersuchungen. Dies war auch in der großen Sektion „Kriegs-Bilder“ von Ulrich Gotter (Konstanz), Birgit Emich (Freiburg) und Gabriela Signori (Konstanz) und in der übergreifenden Sektion zur Geschlechtergeschichte der Fall. Und auch in methodischen Sektionen wie „Beruhen Geschichtsbilder auf Bildern“ von Achatz von Müller (Basel) und Lucas Burkart (Basel) waren Mediävisten zu finden. Norbert Schnitzler (Chemnitz)/Ulrich Meier (Bielefeld) befassten sich hier mit der narrativen und ikonografischen Produktivität einer Exempelerzählung in einer judenfeindlichen Agitation und in späteren historischen Legitimierungsstrategien. Besonders zu nennen ist außerdem die in der Neuen Geschichte aufgeführte Sektion „Die historische Bildwissenschaft in Deutschland 1880-1930 und ihr Neubeginn nach 1945“ von Jens Jäger (Köln) und Martin Knauer (Hamburg). Wissenschaftsgeschichtlich aufgearbeitet wurde hier von Lucas Burkart die Position des Mediävisten Percy Ernst Schramm für die Historische Bildwissenschaft und seine Beziehungen zur Warburgschule.

In diesen epochenübergreifenden Sektionen ließen sich ähnliche Gemeinsamkeiten beobachten wie in den mittelalterlichen Sektionen: Nicht so sehr die großen, inhaltlichen Fragen, selbst, wenn es solche nach Herrschaft, Papsttum, Adel oder Geschlecht sind, scheinen die Forschungsinteressen der Mediävisten zu bündeln. Es sind auch nicht ähnliche Quellen, die im Vordergrund stehen. Exempla, literarische Texte und Selbstzeugnisse im weitesten Sinn werden ebenso herangezogen wie Rechtsquellen oder theoretische Traktate unterschiedlichster Provenienz. Ähnlich wie an den vergangenen Historikertagen lässt sich insgesamt eine etwas größere Dichte an Beiträgen im späten Mittelalter beobachten, doch erscheint das frühe und hohe Mittelalter keineswegs abgekoppelt. So sind es nicht die Themen und Epochen, sondern eher eine methodische Ungebundenheit, die die Beiträge aneinander annähert. Es herrschte auch hier in der Regel die Konzentration auf die Fragestellung, für die die analytischen Mittel der Wahl je nach Nutzen eingesetzt wurden. Gleichzeitig gingen die Beiträge inhaltlich durch punktuelle Forschungen eher getrennte Wege.

Diesem doch bemerkenswerten Stand der Dinge wurden die übergreifenden methodischen oder wissenschaftsgeschichtlichen Vorträge oft nicht gerecht. Dort wurde vielmehr zum Beispiel die wohlfeile und inzwischen auch nicht mehr ganz neue Kritik an der methodischen Unbeholfenheit und Unwilligkeit der Historiker im Umgang mit Bildern wiederholt, denen man erst noch beibringen muss, dass Bilder keine Fenster zur Wirklichkeit sind, beziehungsweise denen man umgekehrt zeigen muss, in welcher Weise sie es eben doch sein können, je nach theoretischem Ausgangspunkt. Strategische Abgrenzungen dieser Art drohen höchstens methodische Erfahrungen und Ergebnisse des letzten Jahrhunderts wie der aktuellen Gegenwart zu verdecken, als dass sie sie nutzbar machen würden. So zeigten diese übergreifenden Beiträge gerade im Kontrast zu den Sektionen, in denen die Entwicklung längst über diese strategischen Debatten hinaus gegangen ist und in denen die Zusammenarbeit problemzentriert offenbar bestens funktioniert, dass es in der Gegenwart womöglich vor allem an gründlichen Bestandsaufnahmen und an neuen Synthesen fehlt. Die Arbeit in den Sektionen und auch der mediävistische Beitrag zum Habilitandenforum (Sabine von Heusinger (Mannheim) haben jedenfalls gezeigt, dass solche Synthesen in Zukunft überraschende, neue Bilder vom Mittelalter produzieren könnten. Diese werden das Mittelalter womöglich weniger mittelalterlich erscheinen lassen.

Fazit
Woran hat es nun gelegen, dass so wenige Sektionen angemeldet worden sind? Die Gelegenheit war günstig, in den Pausen und auf den Gängen nach Einschätzungen zu fragen. Einige Antworten seien hier zusammengefasst. Der Anmeldungsprozess wird gerade von etablierten Herrschaften des Faches als gängelnd empfunden. Doch sind von diesen Bedingungen die anderen historischen Disziplinen in derselben Weise betroffen. Viele nahmen an, dass es inzwischen für Mediävisten andere Verpflichtungen gibt, die die Kollegen davon abgehalten haben, in Konstanz eine Sektion aufzustellen. Eigene Standesorganisationen existieren, deren Zusammenkünfte Energien binden. Auch das gilt für die anderen Disziplinen in derselben Weise. So erscheinen dergleichen formale Überlegungen die eigentliche Frage nur zu verschieben.

Verspricht sich die Mediävistik etwas von der Institution des Historikertages oder nicht? Welche Rolle soll er in der Zukunft für die Präsentation des Faches spielen? Soll und kann er in der Forschung und in der Kommunikation der Forschungsergebnisse von Bedeutung sein? Oder sind inzwischen für Mediävisten andere Konstellationen interessanter geworden? Sollten die Fachvertreter die Vermittlung ihrer Ergebnisse im Rahmen der Geschichtswissenschaft und der Geschichtsdidaktik nicht ernster nehmen? Das Mittelalter ist in den Schulen immer weiter zurückgedrängt worden. Ähnliches wiederholt sich im Augenblick bei der Aufstellung der neuen Studienordnungen. An vielen Orten wird, gemäß der neuen Bachelor- und Masterstudienordnungen, alternativ zwischen Veranstaltungen zur Alten oder Mittelalterlichen Geschichte gewählt. Beide zusammen erreichen kaum einen den neuzeitlichen Disziplinen vergleichbaren Umfang, obwohl die Verständnishürden und also der didaktische Bedarf erheblich sind – von der Zeitspanne, die auf diese Weise in einigen Semesterwochenstunden zusammengedrängt ist, ganz abgesehen. Es gäbe daher Grund genug, gerade auf dem Historikertag über methodische Fragen und die Relevanz der eigenen Disziplin zu reflektieren. So wird man abschließend nur noch hoffen dürfen, dass die Anzahl von drei Sektionen die Grenze ist, unter die die mediävistische Präsenz auf dem Historikertag nicht mehr sinken kann.

Dr. Dorothea Weltecke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Geschichte des Mittelalters der Georg-August-Universität Göttingen. Aktuelle Forschungsbereiche: Wissenschafts- und Historiografiegeschichte, Grenzgänge zwischen Orient und Okzident, Geschichte der religiösen Devianz. E-Mail: <dweltec@gwdg.de>

Anmerkungen:
[1] Jussen, Bernhard, Liebig’s Sammelbilder. Vollständige Ausgabe der Serien 1 bis 1138 (Atlas des Historischen Bildwissens 1), Berlin 2003.
[2] Vgl. u.a. Ertl, Thomas, Der China-Spiegel. Gedanken zu Chinas Funktionen in der deutschen Mittelalterforschung des 20. Jahrhunderts, in: Historische Zeitschrift 280 (2005), S. 305-344.

Zitation
Mediävistik, in: H-Soz-Kult, 26.10.2006, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-834>.
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Veröffentlicht am
26.10.2006
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