Historikertag 2012: Mittelalter

Von
Kathrin Steinhauer, Lehrstuhl für Mittlere Geschichte, RWTH Aachen

Besprochene Sektionen:

„Copy&Waste. Selektive Rezeption mittelalterlicher Geschichte als Erinnerungsproblem“
„Ressourcen-Konflikte-Regeln: Die Verteilung von Amt, Würde und Einfluss im Zeichen der Geldwirtschaft im westlichen Mittelalter und im Byzantinischen Reich“
„Verbotene Passagen. Strategien der Verweigerung, Verhinderung und Unterbrechung von religiösen Transfer- und Transformationsprozessen im transkulturellen Vergleich“

Das Motto des 49. Historikertags „Ressourcen - Konflikte“ griff ein Thema von geradezu aktueller Brisanz auf – bedenkt man, dass finanzielle und auch personelle Ressourcenverknappung gerade im Hochschulbereich und akademischen Betrieben weiter zunimmt. Den einzelnen Sektionen wurde dadurch einerseits Anlass zu vielfältigen Diskussionen, andererseits jedoch auch die Möglichkeit recht flexibler Auslegung der thematischen Schwerpunkte geboten. Dementsprechend war die Themenvielfalt in einigen Sektionen erst auf einen zweiten Blick mit dem Oberthema zu verbinden. Eine Gemeinsamkeit lässt sich jedoch auch hier feststellen: Das Problem der Ressourcenknappheit spielte in allen hier behandelten Sektionen eine zentrale Rolle.[1] Angesichts der Bandbreite an möglichen Interpretationen des Mottos und der damit einhergehenden Beliebigkeit der thematischen Schwerpunkte reichte Verknappung dabei von materiellen Mängeln bis hin zu ideeller Knappheit im Sinne von bewusst selektierter Memoria und inszenierten Geschichtsbildern. Dies wurde besonders in den beiden Sektionen unter Leitung von GERALD SCHWEDLER (Zürich) und KAI-MICHAEL SPRENGER (Rom) sowie MATTHIAS M. TISCHLER (Dresden) deutlich. Auffallend war zudem, dass die verschiedenen Sektionen thematisch wie methodisch sehr heterogen waren und sich einzelne durch teilweise hohe Interdisziplinarität auswiesen. Besonders die Sektion „Verbotene Passagen“, die sich mit einem in der Forschung immer aktueller werdenden Thema – der Auseinandersetzung mit der islamischen Welt – befasste, demonstrierte die Wichtigkeit philosophischer und auch religionsgeschichtlicher Grundlagen für eine adäquate Auseinandersetzung mit „fremden Welten“. Dies wurde sowohl durch die Beiträge des Islamwissenschaftlers STEPHAN CONERMANN (Bonn) als auch des Religionswissenschaftlers GÖRGE HASSELHOFF (Bochum) verdeutlicht. Auch ist festzustellen, dass sich der in den letzten Jahren etablierte „Konjunkturtrend“ des Spätmittelalters nur bedingt auf den diesjährigen Historikertag übertragen ließ. Während sich dieser zeitliche Schwerpunkt besonders in der dritten Sektion „Ressourcen-Konflikte-Regeln: Die Verteilung von Amt, Würde und Einfluss im Zeichen der Geldwirtschaft im westlichen Mittelalter und im Byzantinischen Reich“ zeigte und hier etwa auch der Bogen zur frühen Neuzeit geschlagen wurde, wiesen die übrigen besuchten Sektionen eine Bandbreite auf, die das gesamte Mittelalter umfasste. Eine Konzentration auf das frühe und hohe Mittelalter lässt sich verständlicherweise für die Sektion „Verbotene Passagen“ nachweisen, fand doch gerade in den benannten Epochen, mit Höhepunkten während der Kreuzzüge, ein reger Austausch zwischen Okzident und Orient statt. Formen der „Damnatio memoriae“, der gerade die jüngere Forschung zunehmende Aufmerksamkeit widmet, wurden in der Sektion „Copy&Waste“ thematisiert, indem der Bogen von der Antike bis hin zur frühen Neuzeit geschlagen wurde. Ein deutliches Zeichen dafür, dass gerade das gesamte Mittelalter eine Epoche darstellt, die über enge disziplinäre Grenzen hinweg deutliches Potential intensivierten Austauschs mit anderen Forschungsfeldern aufzeigt. Insgesamt lässt sich für den Historikertag jedoch feststellen, dass das Mittelalter – gegenüber der Neuzeit – erneut nur mäßig vertreten war: Die neuere Geschichte und Zeitgeschichte konnten mit insgesamt 28 Sektionen glänzen, den mediävistisch Interessierten boten sich sechs Panels – immerhin, war doch die Antike mit nur zwei Sektionen vertreten. Eine frühneuzeitliche bzw. neuzeitliche Konzentration lässt sich auch, mit einigen wenigen Ausnahmen, beim Doktorandenforum feststellen.

Mit einer kulturellen Ressource, der selektiven Erinnerung, setzte sich die etwas inkohärent wirkende Sektion „Copy&Waste. Selektive Rezeption mittelalterlicher Geschichte als Erinnerungsproblem“ auseinander. Ihre Leiter GERALD SCHWEDLER (Zürich) und KAI-MICHAEL SPRENGER (Rom) sind Mitbegründer des am Historischen Seminar der Universität Zürich angesiedelten Arbeitskreises „Damnatio memoriae. Deformation und Gegenkonstruktion von Erinnerung in Geschichte, Kunst und Literatur“[2], der sich mit der gezielten Erinnerungsvernichtung befasst. Wie einleitend dargelegt trat dieses Phänomen nicht nur im Kontext historischer Einschnitte auf, sondern in allen Epochen der Geschichtswissenschaft. Die fünf Vorträge dieser Sektion griffen ihrerseits das Problem einer bewussten Tilgung bzw. Deformation der Erinnerungsstruktur und der damit einhergehenden Instrumentalisierung von Geschichtsbildern auf: MISCHA MEIER (Tübingen) verdeutlichte anhand des oströmischen bzw. byzantinischen Kaisers Phokas (602-610), wie durch eine Verformung der größtenteils unter dessen Nachfolger entstandenen Quellen mittels bewusster Akzentuierung despotischer Charakterzüge und Amtshandlungen ein bis in die jüngste Vergangenheit reichendes negatives Geschichtsbild entstand; selbiges erfährt erst in der neueren Forschung eine „Revindikation“. GERALD SCHWEDLER (Zürich) stellte anhand methodischer Überlegungen zur Erinnerungstilgung durch die Institution des Papsttums heraus, dass mediävistische Rezeptionsgeschichte bereits im Mittelalter selbst begann. Hinter dem Titel „‘Anti-Päpste‘. Zum Umgang mit belastender Geschichte“ verbargen sich indes nicht eigentliche Gegenpäpste im Kontext von „antipapa“ oder „pseudopapa“[3], der einen „ungerechtfertigten Amtsanspruch“ impliziere. Vielmehr war der – terminologisch irritierende ¬– Aufhänger als Äquivalent zu Chamberlin‘s ‚Bad popes‘ [4] gedacht, also zur Kennzeichnung rechtmäßiger, aber wegen mangelhafter Amtsausübung unliebsamer Päpste (wie etwa Bonifaz VIII. oder Alexander VI.). Ihr langfristiges Gefährdungspotential für die „kirchliche Ordnung“ habe die „nur vorübergehende“ Infragestellung durch mittelalterliche Gegenpäpste sogar übertroffen – obwohl deren funktionale Namensstreichung oder Überschreibung in den Papstlisten (wie zuletzt noch 1958 durch Angelo Roncalli als Johannes XXIII.) als typische Ressource einer „damnatio memoriae“ aufzufassen sind, eben als „Copy&Waste“. OLAF B. RADER (Berlin) analysierte demgegenüber mit seinem etwas ‚profaner‘ gearteten Beitrag „Friedrich II. und die Frauen“, wie ein negatives oder etwa auch positives Bild einer historischen Person überhaupt erst entstehen kann. In Zeiten der Boulevardpresse sind wir, so Rader, an eine Zurschaustellung bekannter Persönlichkeiten gewöhnt. Im Mittelalter wurde dies durch die Verwendung stilisierter Bilder erreicht, wodurch sich latent eine gewisse Vorstellung einer Persönlichkeit durch dessen Abbildung manifestiere. Die Erinnerung als Ressource werde dadurch zu einer verzerrten Wirklichkeit. Gleich eine gesamte, zudem neuzeitliche Epoche untersuchte hingegen PATRICIA HERTEL (Basel) auf ihre selektive Erinnerung, indem sie herausstellte, wie das 19. und 20. Jahrhundert „muslimisches Mittelalter und nationale Identität auf der iberischen Halbinsel“ unter dem Aspekt der ‚Reconquista‘ und ‚Convivencia‘ behandelte. Dabei wurde deutlich, dass sich geradezu ein politischer Mythos des Begriffs ‚Reconquista‘ als prominentes Konzept etablierte, das jegliche Pluralität des Mittelalters ausblendete und das Miteinander verschiedener Personengruppen fast gänzlich negierte. Der Terminus wurde oftmals gleichgesetzt mit einem Kampf gegen islamische Herrschaft als Merkmal einer ganzen Epoche und fand synonyme Verwendung für die Wiederherstellung einer Einheit des Landes. KAI-MICHAEL SPRENGER (Rom) legte überzeugend dar, wie ein historisches Ereignis zu einem kulturellen Erinnerungsort verschiedener sozialer Gruppierungen werden konnte. Aus der Schlacht von Legnano im Jahre 1176, im Ergebnis zunächst ein singuläres Verdienst Mailands, wurde durch ahistorische Rezeption aber ein „triumphaler Sieg über die Teutonen“, durch ein einziges Ereignis entstand ein nationales Identifikationsmerkmal eines heterogenen Volkes als homogene ‚Italia‘.

Deutlich kompakter und thematisch einheitlicher zeigte sich die Sektion „Ressourcen - Konflikte - Regeln: Die Verteilung von Amt, Würde und Einfluss im Zeichen der Geldwirtschaft im westlichen Mittelalter und im Byzantinischen Reich“ unter der Leitung von JOHANNES PALITZSCH (Mainz) und JOACHIM SCHNEIDER (Mainz). Gleich zu Anfang zeigte ANDREAS MEYER (Marburg), wie es zu einem regelrechten „Kampf um begrenzte Ressourcen“ kommen konnte, wenn diese für bestimmte Personen und Personengruppen überlebenswichtig wurden. Besonders deutlich wird dies bei der Vergabe von Benefizien im späten Mittelalter, als nicht nur Päpste und Herrscher sich das Patronatsrecht vorbehielten, sondern zunehmend auch Laien ein Recht auf Pfründenbesetzung beanspruchten. Dies führte nicht nur zu einer Anhäufung von Pfründen, sondern auch zu einer Verteilung verschiedener Anwartschaften, die je nach Interessenlage individuell anpassbar waren. Um dieser Konkurrenz um die Ressource entgegenzusteuern, wurden durch das Wiener Konkordat im Jahre 1448 administrative Verfahren entwickelt und Vergabekriterien erstellt, die eine neutralere und ausgeglichene Verteilung vorsahen. Jedoch stellt sich auch hier die Frage, inwieweit sich dadurch ein Vorteil für systemimmanente Anwärter ergab oder inwiefern eine Vergabe von Pfründen nicht auch als Gegenleistung für Loyalität praktiziert wurde. Den gerechten Zugang zu Ressourcen im Mittelalter thematisierte auch, indes stärker theoriebezogen, PETRA SCHULTE (Bielefeld/Mainz) in ihrem Vortrag „Der Fürst und die Verwaltung knapper Ressourcen im europäischen Mittelalter“ unter Konzentration auf Frankreich und Burgund. Bereits Mitte des 13. Jahrhunderts, so Schulte, gab es Gedanken über Verteilungsgerechtigkeit. In Anlehnung an die spätere Argumentation des Philosophen John Rawls sei durchaus davon auszugehen, dass jede Person den gleichen Anspruch auf eine Ressource haben sollte bzw. tatsächlich auch besessen habe. Essenziell sei dabei, dass im Mittelalter die dem Fürsten zur Verfügung stehenden Ressourcen direkt verteilt wurden, in der heutigen Zeit hingegen zunächst die Anwärter darauf festgestellt und dann erst die entsprechenden Mittel aufgestellt werden. Eine weitaus materiellere Ressource, die Bedeutung des Geldes bei der Königswahl, wurde von JOACHIM SCHNEIDER (Mainz) diskutiert, indem er zunächst einmal festhielt, dass finanzielle Aspekte bei der Erhebung eines römisch-deutschen Königs durch die Kurfürsten in der Forschung bisher wenig Beachtung gefunden haben. Beispielhaft sei hier die Wahl des Jahres 1256 zwischen Richard von Cornwall und Alfons von Kastilien. Erstmals wurden Verträge ausgestellt, die einen regelrechten Stimmenkauf dokumentieren. Doch woran orientierte sich deren Preis? Kann man bereits so weit gehen und hier von einer Korruption des Stimmenkaufs sprechen? Zu bedenken seien dabei das tatsächliche Ressourcenvorkommen, die – materielle oder auch immaterielle – reale Gewinnerwartung, der Einsatz des jeweiligen Kandidaten und nicht zuletzt auch die Zahl der Bewerber und Interessenten. Der Stimmenkauf, der sich aus Diskurs und Praxis ergibt, wurde laut Schneider zunehmend legitimiert. Das geringe Interesse an den Wahlen im 13. Jahrhundert könne aber auch auf einen Mangel an Ressourcen zurückgeführt werden. Die Quintessenz dieser Vorträge – dass nämlich die Verfügung über Pfründe, Ämter und Gelder etc. eine der großen Ressourcen von Herrschern war – hielt auch JEAN-CLAUDE CHEYNET (Paris) mit seinem Thema „Recevoir pour donner au sein de l´élite aristocratique byzantin“ für das byzantinische Reich fest. Dort wurde dieses Faktum zusätzlich durch ein dezidiert organisiertes fiskalisches System begünstigt, an dessen Spitze der jeweilige Herrscher stand. Die insgesamt äußerst homogen wirkende Sektion gab Anlass zu fruchtbarem Meinungsaustausch, der durch abschließende Kommentare und Kurzzusammenfassungen der beiden Diskutanten WOLFRAM BRANDES (Frankfurt am Main) und JÖRG ROGGE (Mainz) komplettiert wurde.

Mit einer Ressource ganz anderer Art, dem modern formulierten „clash of cultures“, und einem – bedenkt man das politische Geschehen – durchaus aktuellen Thema beschäftigte sich die Sektion „Verbotene Passagen. Strategien der Verweigerung, Verhinderung und Unterbrechung von religiösen Transfer- und Transformationsprozessen im transkulturellen Vergleich“ unter der Leitung von MATTHIAS M. TISCHLER (Dresden). In einem fast schon experimentellen Projekt wurden in dieser Sektion die Welt des Mittelmeerraumes und deren Kerngesellschaften in den engeren Blick genommen und mit den so genannten „Peripherien“ Lateineuropas kontrastiert. Das Assoziationsspektrum zu dieser Thematik ragt dabei weit über materielle Aspekte hinaus und beschäftigt sich mit kulturellen und vor allem religiösen, oft gescheiterten Transformationsprozessen zwischen den benannten Welten. Wie kam es beispielsweise im Abendland zu der Unterbindung einer bereits vorher existierenden Geschichte, warum stellten Übersetzungen arabischer und jüdischer Literatur auch in Regionen dieses „cultural clash’s“ eine Seltenheit dar? Und warum ist gerade aus dem Frühmittelalter, einer Epoche des regen Austauschs zwischen islamischer und westlicher Welt, kein Dokument eines Kontakts mit Muslimen überliefert? An diese Abwehrhaltung gegen alles, was fremd ist, knüpfte STEPHAN CONERMANN (Bonn) mit seinem Beitrag „Der Bruch mit der griechischen Philosophie im islamischen theologischen Diskurs. Warum sich al-Gazali (gest. 1111) gegen Averroës (gest. 1198) durchgesetzt hat“ an; er legte überzeugend dar, dass sich auch auf Seiten der islamischen Gelehrten eine eigene Theologie entwickelte, die jegliche äußeren Einflüsse zwar als existent anerkannte, jedoch für sich den Anspruch erhob, die einzige und endgültige Wahrheit, also die reinste Form des Wissens zu sein: Alles Wissen und damit auch alle wissenschaftliche Erkenntnis sei bereits im Koran festgelegt und kann, wenn nötig, durch den Gebrauch des Verstandes ergänzt werden. Zuspitzung erfuhr diese Sichtweise noch in den politischen Umbrüchen des 11. Jahrhunderts, insbesondere durch den Theologen Abu Hamid al-Ghazali als Vertreter der strengen Glaubensrichtung. Ihm wurde lange vorgeworfen, die Philosophie aus dem Islam verdrängt zu haben. Denn er vertrat nach seiner Abwendung vom Rationalen hin zu einer fast schon irrationalen Religiosität die Überzeugung, dass –¬ sollten Wissenschaft bzw. Philosophie und Koran im Widerspruch stehen – allein letzterer als wahre Quelle heranzuziehen sei. Einen Einblick in die jüdische Welt, genauer in die des Gelehrten Moses Maimonides, gewährte der für den verhinderten Referenten Frederek Musall eingesprungene Religionswissenschaftler GÖRGE HASSELHOFF (Bochum). Er thematisierte in seinem Vortrag die Bezeichnung des Christentums als „Götzendienst“ in Maimonides Werken und die damit einhergehende antichristliche Polemik. Maimonides stand nicht allein in regem Austausch mit seinen jüdischen Kollegen, sondern hatte zudem, bedingt durch sein bewegtes Leben, auch vielschichtige Kontaktmöglichkeiten zu Christen und Vertretern anderer Glaubensrichtungen. In seinen Werken vermittelt er die Sichtweise, dass das „messianische Zeitalter ein universelles“ sei, aber auch die übrigen monotheistischen Religionen als Wegbereiter des Messias dienen, indem sie die Welt auf nur einen einzigen Gott vorbereiten. Dies würde wiederum die Abkehr vom Götzendienst zur Folge haben. Der Weg zu einem messianischen Zeitalter werde dadurch geebnet und ein Leben in der Hingabe zur Tora ermöglicht.[5] So wird auch Jesus von Maimonides zwar als ‚falscher‘, aber dennoch als ein Messias angesehen. Über die „Be- bzw. Verhinderung“ lateinischer Abschriften des Korans im Mittelalter referierte MATTHIAS M. TISCHLER (Dresden), indem er zunächst festhielt, dass das Bild einer entsprechend vielfältigen Rezeptionsgeschichte als allzu optimistisch dargestellt wird. Der Blick gerade auch der jüngeren Forschung sei dabei noch zu sehr auf die existierenden Handschriften des Korans beschränkt, während die Überlieferung in der „christlichen Islamliteratur des Hoch- und Spätmittelalters“ vernachlässigt wird. Die als Beispiel herangezogenen Übersetzungsversuche etwa des Petrus Venerabilis von 1142/43 – dessen Werk nicht nur in einer wirtschaftlich krisenreichen Zeit verfasst wurde, sondern zudem von Anfang an in der Kritik stand – sieht Tischler als zum Teil gescheitertes Unternehmen an. Den letzten Vortrag bestritt KRISTIN SKOTTKI (Rostock). Sie thematisierte aus historiographischer wie literaturwissenschaftlicher Sicht die interkulturellen Begegnungen und deren schriftliche Manifestierung in Antiochien im Zeitalter der Kreuzzüge. Zentral war in ihrem Vortrag, inwieweit sich der multikulturelle Charakter der Kreuzzugsstätte auch in den lateineuropäischen Quellen wiederspiegelt, da darin gerade Aspekte des fruchtbaren Miteinanders nicht nur teils verschwiegen, sondern geradezu als „sündhaft und gefährlich“ bezeichnet werden. Wie sehr diese Historiographie ein Hindernis der umfassenden Rezeptionsgeschichte darstellte, wundert umso mehr, als die Autoren im regen Austausch mit Juden und Muslimen standen und zudem auch zahlreiche Kodizes in Antiochien selbst erstellt wurden, kurzum Antiochia in den Kreuzzugsquellen als gut erforscht gilt. Insgesamt zeigte sich auch diese Sektion als sehr kongruent; sie zeichnete sich nicht nur durch die umfassende Einleitung von Matthias Tischler, sondern auch durch einführende und überblicksartige Vorträge aus.

In der Zusammenschau lässt sich feststellen, dass das Motto des diesjährigen Historikertags in meist beispielhafter Form aufgegriffen und thematisiert wurde. Die Vielfältigkeit der Definitionen und Interpretationen des Begriffs „Ressourcen“ hat gezeigt, dass das Spektrum von konkreten materiellen Werten wie der Käuflichkeit von Ämtern über immaterielle Mittel wie Macht, Ansehen und Prestige bis hin zu kulturellen Transformationsprozessen und Grenzüberschreitungen reichen kann. Die ausführlichen, indes nicht in jeder Sektion vertieften Plenumsdiskussionen um Terminologien und thematische Abgrenzungen zeugen jedoch davon, dass in einigen Bereichen noch weitreichende Potentiale einer ausgedehnten wissenschaftlichen Aufarbeitung liegen – die gleichsam selbst ‚Ressourcen‘ bilden. Dies wird sektionsübergreifend nicht zuletzt darin sichtbar, dass sich zunehmend interdisziplinäre Arbeitsgruppen bilden, die sich dieser vielfältigen Aufgabe angenommen haben, und dass vielfach auch Junghistorikern die Möglichkeit geboten wurde, ihre Forschungsschwerpunkte auf dem Historikertag vorzustellen.

Anmerkungen:
[1] Der Bericht beschränkt sich auf drei Sektionen, die aufgrund der einleitend benannten thematischen Schwerpunkte ausgewählt wurden; die Teilnahme an weiteren der insgesamt sechs mediävistischen Sektionen wäre auch durch terminliche Überschneidungen erschwert worden.
[2] Weitere Informationen zu dem Arbeitskreis unter: <http://www.damnatio-memoriae.net/ziele-aims.html> (23.11.2012).
[3] Zu Schismaphasen vgl. den aktuellen Tagungsband: Harald Müller / Brigitte Hotz (Hrsg.), Gegenpäpste. Ein unerwünschtes mittelalterliches Phänomen, Wien 2012 und die Erstresonanz in der Süddeutschen Zeitung Nr. 233 (9.10.2012), S. V3/15.
[4] Erstauflage: Eric Russell Chamberlin, The bad popes, New York 1969, vgl. auch die kritische Rezension der deutschen Übersetzung in Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 29 (1973):<http://www.digizeitschriften.de/dms/img/?PPN=PPN345858735_0029&DMDID=dmdlog66&PHYSID=phys646=phys646> (23.11.2012).
[5] Zur Thematik vgl. auch die Neuerscheinung: Eva Winkelmeier, Die Relevanz des Maimonides für jüdischen Fundamentalismus in Israel, Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades, München 2010.