Internationaler Biographischer Index / World Biographical Index: CD-ROM

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Titel
Internationaler Biographischer Index / World Biographical Index.


Herausgeber
-
Erschienen
München 1998: K.G. Saur
Anzahl Seiten
Preis
DM 1.980,-
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wilfried Enderle, Niedersaechsische Staats- und Universitaetsbibliothek Goettingen

Internationaler Biographischer Index / World Biographical Index

Biographische Nachschlagewerke unterschiedlichster Art stellen für viele Historiker ein unverzichtbares Arbeitsinstrument dar. Vor allem dann, wenn nicht nur Daten zu einzelnen Personen überprüft werden müssen, sondern wenn umfassendere prosopographische Auswertungen die Grundlage historischer Studien bilden. Daher war es zu begrüßen, dass vor knapp zwei Jahrzehnten der K.G. Saur-Verlag in München, mittlerweile Teil der großen, internationalen Reed Elsevier Group, damit begann, sogenannte Biographische Archive als Mikrofiche-Ausgabe aufzulegen. Viele Historiker werden dieses Hilfsmittel kennen und vielleicht auch regelmäßig nutzen. Für diejenigen, die damit noch nicht gearbeitet haben, sei kurz erläutert, was darunter zu verstehen ist.

Ein "Biographisches Archiv" ist nichts anderes als eine Kumulation vorhandener gedruckter biographischer Lexika zu Personen bestimmter Länder. So wurden zum Beispiel für das "Deutsche Biographische Archiv", das seit 1982 als erstes in dieser Art publiziert worden war, 264 biographische Sammelwerke ausgewertet, die einzelnen Artikel auf Mikrofiches kopiert und jeweils unter einer Person zusammengeführt. Dazu wurde ein gedruckter Index erstellt, der die Personennamen mit Lebensdaten und Angabe des Berufs aufführte und der direkt auf den jeweiligen Mikrofiche verwies, welcher die kumulierten Artikel aus den gedruckten Lexika enthielt. Man musste damit nicht mehr mühsam nacheinander neben der ADB (Allgemeine Deutsche Biographie) weitere spezielle biographische Nachschlagewerke - diese bilden das Gros der 264 ausgwerteten Werke -, durchsuchen, wie, um nur zwei beliebige Beispiele zu nennen, "Das gelehrte Schwaben" von Johann Jacob Gradmann [1] oder das "Allgemeine Gelehrten-Lexicon" von Christian Gottlieb Jöcher [2], um alle publizierten Artikel zu einer Person lesen zu können, sondern hatte diese zusammen auf einem Mikrofiche. Aufgrund des Urheberrechts konnten zunächst nur ältere, mittlerweile urheberrechtsfreie Lexika, die somit in der Regel vor 1900 erschienen waren, in das Biographische Archiv integriert werden.

Nach der Publikation des Deutschen Biographischen Archivs begann der Saur- Verlag die biographischen Nachschlagewerke weitere Länder und Regionen nach derselben Methode zu kumulieren. Mittlerweile existieren folgende Biographischen Archive:
- American Biographical Archive I and II
- Archives Biographiques Francaises I et II
- Archivio Biografico Italiano I e II
- Archivo Biografico de Espana, Portugal e Iberoamerica I e II
- Australasian Biographical Archive
- Biografisch Archief van de Benelux
- British Biographical Archive I
- Deutsches Biographisches Archiv I
- Scandinavian Biographical Archive

Die Archive II, die für Amerika, Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Iberoamerika existieren, umfassen neuere Lexika, die im 20. Jahrhundert veröffentlicht wurden. Diese biographischen Archive enthalten mithin auch Daten zu Personen der Zeitgeschichte, anders als zum Beispiel das Deutsche Biographische Archiv.

1995 legte der Saur-Verlag eine Kumulation aller Indices der jeweiligen Biographischen Archive auf CD-ROM auf. Dieses Jahr ist die vierte, aktualisierte Ausgabe erschienen, unter dem Titel "Internationaler Biographischer Index / World Biographical Index", welcher biographische Kurzinformationen zu über 2 Millionen Personen, die in Nord- und Südamerika, in Europa und im australasiatischen Raum wirkten. Insgesamt werden, wie der Hilfetext der CD-ROM erläutert, damit fast 3.200 Quellenwerke, also biographische Nachschlagewerke, erschlossen. Zugleich existiert seit diesem Jahr auch ein freier [!] Zugriff auf diese Datenbank über das Web, welchen die Universitätsbibliothek Braunschweig in Kooperation mit dem Verlag anbietet. Die CD-ROM selbst kostet DM 1.980,-, der Zugriff auf die Web-Version ist - derzeit zumindest - kostenfrei. Daher liegt es nahe, beide Versionen vergleichend zu rezensieren.

Die CD-ROM läuft laut Angabe des Herstellers der Retrievalsoftware, der Firma Lasec, ab MS-DOS 5.0 oder ab Windows 3.1, also auch noch auf schon etwas älteren Rechnern. Getestet wurde das Rezensionsexemplar auf einem Pentium-PC unter Windows95, auf dem sowohl die Installation als auch die Anwendungssoftware ohne jede technische Probleme lief. Nach dem Aufruf der Anwendung erscheint eine windowstypische Menüleiste und ein Suchfenster mit Eingabefelder für die verschiedenen Suchkategorien. Neben der Direkteingabe von Suchbegriffen kann auch über ein Indexfenster in den jeweiligen Registern der Datenbank gesucht werden. Suchergebnisse werden in jeweils eigenen Fenstern angezeigt, also zunächst bei mehreren Treffern ein Fenster mit den Kurztiteln, danach ein neues Fenster mit den jeweils vollständigen Angaben zu einer Person. Das mag für den Anfänger zunächst etwas verwirrend sein, wer jedoch Erfahrung mit Windows- Applikationen und mit CD- ROM-Retrievalsoftware hat und darüber hinaus bereit ist, sich eine Viertelstunde Zeit zu nehmen, um den einführenden Hilfetext zu lesen, dürfte eigentlich kaum Probleme bei der Benutzung der CD-ROM haben. Zu diesen Grundfunktionen kommen, mittlerweile fast Standard für eine Retrievalsoftware, die Möglichkeit der Expertensuche, also der direkten Formulierung von Recherchefragen unter Verwendung der internen Feldbezeichnungen, sowie Druck- und Downloadmöglichkeiten. Wer die CD-ROM privat erworben hat - angesichts des Preises freilich eher die Ausnahme - und nicht über eine Fach- oder Universitätsbibliothek nutzt, kann auch direkt zu einzelnen Datensätzen Notizen anlegen und für eine spätere Verwendung speichern.

Das einzige Handicap bei der ersten Benutzung der Datenbank dürfte für den unerfahrenen Rechercheur das Problem der Namensansetzung sein. Wer "Jacob Burckhardt" oder "Burckhardt, Jakob" sucht, wird zunächst nichts finden. Wer dagegen eingibt "Burckhardt Jakob Christoph" wird mit einem Treffer belohnt, der eben genau zu dem Basler Kulturhistoriker führt, den man gemeinhin kennt. So zu suchen, wird einem Historiker natürlich nicht auf Anhieb einfallen, wer allerdings seine Suche über die Indexsuche beginnt, wird in der Regel ohne Probleme seine gesuchten Personen finden. Anders als die Voreinstellung der Software es anbietet, sollte der Einstieg über den Index, also die Register der Datenbank zu den einzelnen Suchkategorien, für den gelegentlichen Nutzer die erste Wahl sein. Dann findet man auch auf einen Schlag unterschiedliche Namensetzungen, wie zum Beispiel bei Martin Luther, zu dem es auch unter Martin Lutero (Beruf: Reformista religioso) noch einen Eintrag gibt. Die fünf Treffer, die man bei dieser Recherche erhält, lassen zugleich auch erkennen, dass für die Datenbank wohl die Indizes einzelner Biographischer Archive zusammengeführt, aber Mehrfacheintragungen nicht auf eine normierte Ansetzung zurückgeführt wurden. Die Suchbarkeit des Index wird dadurch in der Praxis freilich kaum beeinträchtigt.

Doch welche Suchmöglichkeiten bietet denn nun die CD-ROM im einzelnen? Zunächst kann natürlich nach Personennamen gesucht werden, sodann können als weitere Suchkriterien eingegeben werden: Geschlecht, Erwähnungsjahr, Geburtsjahr, Sterbejahr, Beruf, Berufscode, Archiv (Beschränkung der Suche auf eines der oben angegebenen Biographischen Archive), Quelle (Beschränkung der Suche auf ein bestimmtes, ausgewertetes biographisches Nachschlagewerk) und Land, wobei diese Kategorie nur einen Teil der englischsprachigen Archive erfasst. Interessant für den Historiker, der mehr aus der Datenbank herausholen will, als sie als Einstieg zu den Mikrofiche-Archiven zu nutzen, kann die Auswertung der Kategorie der Berufsgruppe sein. Zusammen mit der Einschränkung über die Jahre, wobei man je nach erwünschter Präzision mit dem Erwähnungsjahr oder einer Kombination von Geburts- und Sterbejahr arbeiten kann, lassen sich so biographische Listen zu bestimmten Berufen, nach Wunsch auch noch geschlechtsspezifisch getrennt, für beliebige Epochen und Zeiträume zusammenstellen. Mit der Eingrenzung über ein bestimmtes Biographisches Archiv können auch noch einzelne Länder oder Regionen selektiert werden.

Wer zum Beispiel nach Druckern im 16. und 17. Jahrhundert sucht, wird in der Datenbank bei entsprechender Selektion 3.515 Einträge finden (unter Nutzung des etwas ungenaueren Erwähnungsjahrs, was auch zur Nennung von Personen führt, die noch 1699 geboren wurden oder 1501 gestorben waren). Schränkt man die Suche auf das Deutsche Biographische Archiv ein, bleiben noch 861 Drucker über, von denen wiederum 12 weiblich waren. Bei derartigen Recherchen zeigt sich der spezifische Vorteil der CD-ROM gegenüber den gedruckten Indices, die derartige Suchen mit einem akzeptablen Aufwand nicht erlauben. Und es wird augenfällig unterstrichen, dass die CD-ROM dem Historiker neue, bis dato so nicht vorhandene Arbeitsmöglichkeiten an die Hand gibt.

Dabei darf man freilich auch die Grenzen der Datenbank nicht übersehen. Wer, um bei dem Beispiel der Drucker zu bleiben, das einschlägige Verzeichnis von Josef Benzing zum 16. und 17. Jahrhundert zur Hand nimmt [3], welches fast 3.000 Drucker im deutschen Sprachraum umfasst, wird sofort die Grenzen der aus dem Index selektierten Liste erkennen. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass für die Archive jeweils nur ältere und eher allgemeine Nachschlagewerke ausgewertet wurden und dass vor allem auch alle Angaben über Berufe direkt aus den vorliegenden Artikeln genommen wurden. Der Kölner Drucker Johann Wilhelm Friessem II (1668-1700), Nachfolger der Offizin seines gleichnamigen Vaters, wird - um nur ein Beispiel zu nennen - im Index als Buchhändler geführt. Nur über eine Kombination beider Berufsgruppen, zu der man zudem noch Verleger hinzunehmen müsste, kommt man auf immerhin 978 Nennungen für das 16. und 17. Jahrhundert in Deutschland. Je spezieller die Fragestellung wird, umso deutlicher wird man die Grenzen des Index' zur Kenntnis nehmen müssen. Für allgemeinere Recherchen bleibt er indes, vor allem auch aufgrund der Einfachheit der Recherche, ein überaus interessantes Arbeitsinstrument für den prosopographisch arbeitenden Historiker.

Lohnt es sich aber nun die CD-ROM zu erwerben, wo es, derzeit zumindest, einen kostenfreien Web-Zugang gibt? Dazu muss man zunächst einmal prüfen, welche Möglichkeiten der Zugriff auf den Index über den Webserver der UB Braunschweig bietet (Adresse: http://www.biblio.tu-bs.de/acwww25u/wbi/). Auf den ersten Blick scheint die Recherche über das Web-Interface sogar einfacher zu sein. Es gibt sowohl die Möglichkeit der Direkteingabe als auch des Blätterns in dem Register der Personennamen. Nach der Recherche erhält man eine einfache Kurzanzeige und auf einer Seite dann alle Angaben zur Person mit Angabe der jeweils ausgewerteten biographischen Nachschlagewerke. Das ist einfach und übersichtlicher als die CD-ROM-Retrievalsoftware. Auf den zweiten Blick werden indes einige gravierende Einschränkungen deutlich. So bietet die Web-Site nicht alle Suchmöglichkeiten. Sie beschränkt sich auf den Namen der Personen, die Berufsgruppe sowie Geburts-, Sterbe- und Erwähnungsjahr. Darüber hinaus ist es nicht möglich, allein nach Berufsgruppen zu suchen. Die Datenbank akzeptiert nur Anfragen, die eine mindestens vierstellige Angabe im Suchfeld "Person" enthalten.

Damit ist klar, dass der Web-Zugang nur dann nutzbar ist, wenn man nach einzelnen Personen sucht und die Fundstellen für die Mikrofiches benötigt oder rudimentäre Angaben zu den Lebensdaten. Ansonsten ist die CD-ROM mit ihren erweiterten Suchmöglichkeiten unverzichtbar. Und diese bietet wiederum, trotz der genannten Grenzen der Datenbank, durchaus interessante Suchmöglichkeiten für Historiker, welche zu nutzen sich lohnen dürfte.

Anmerkungen:
[1] Johann Jacob Gradmann: Das gelehrte Schwaben oder Lexicon der jetzt lebenden Schriftsteller, Ravensburg 1802.
[2] Christian Gottlieb Jöcher: Allgemeines Gelehrten-Lexicon, Bde. 1-4, Leipzig 1750- 1751.
[3] Josef Benzing: Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet (= Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen, Bd. 12) 2. verb. und erg. Aufl., Wiesbaden 1982.

Redaktion
Veröffentlicht am
04.11.1998
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