Cover
Titel
Rückblickend / regards en arrière.


Herausgeber
Gonseth, Frédéric
Erschienen
Anzahl Seiten
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Erika Hebeisen, Historisches Seminar, Universität Basel

Am Anfang stand „Archimob“. Dieses Projekt zielte auf die Archivierung von Erinnerungen von Männern und Frauen, die während dem Zweiten Weltkrieg in der Schweiz lebten. Es galt, ein „Archiv de la mobilisation“ zu erstellen. Die Initiative dafür ging vom Filmemacher Frédéric Gonseth aus, nicht von der historischen Forschung. Er versammelte über 40 HistorikerInnen und Filmschaffende für ein entsprechendes Oral History-Projekt. Diese zeichneten zwischen 1999 und 2001 555 Videointerviews auf, die heute den für die Schweiz umfassendsten Korpus an mündlichen Quellen zum kollektiven Gedächtnis darstellen. [1]

Die Gespräche mit den ZeitzeugenInnen wurden in einer intensiven Phase der Auseinandersetzung um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg geführt, angeschoben von einer Klage jüdischer Überlebender des Holocaust gegen diejenigen Banken in der Schweiz, die „nachrichtenlose Vermögen“ unter Verschluss hielten. In diesem Zusammenhang beauftragte die Schweizer Regierung Ende 1996 eine „Unabhängige Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg“, historische und juristische Grundlagen zu schaffen für den Umgang mit Forderungen nach Restitution und „Wiedergutmachung“. Deren Forschungsbereich erstreckte sich schliesslich auf Vermögenswerte, Wirtschaftsverflechtungen, Rüstungsproduktion, „Arisierungen“ und Flüchtlingspolitik. [2] Begleitend zu diesen Forschungsaktivitäten sowie dem politischen Tauziehen um Verantwortung und Geld entfaltete sich ein breiter Mediendiskurs über Wehrhaftigkeit, Neutralität und Kollaboration, der über Geschichtsbilder hinaus nationales Selbstverständnis verhandelte.

Nicht, dass das Lavieren der offiziellen Schweiz während des Zweiten Weltkriegs zwischen politischer Anpassung, militärischer Wehrhaftigkeit und wirtschaftlichem Profitieren bis dahin nicht untersucht worden wäre. Entsprechende Studien, Dokumentarfilme und Theaterstücke konnten dem herrschenden Geschichtsbild jedoch wenig anhaben. Die Metapher vom eingeschlossenen, von allen Seiten bedrohten und dabei zur Selbstverteidigung bereiten Igel verlor in der Nachkriegsschweiz wenig an identifikatorischer Kraft. Diese Identifikation wurde erst in der Zeit ernsthaft erschüttert, als „Archimob“ anfing, Männer und Frauen zu befragen, die den Krieg in allen Landesteilen der Schweiz erlebt hatten. Das Projekt trat vorerst mit dem diskreten Anspruch an, „die Erinnerungen der Zeitzeugen für die Nachwelt festzuhalten“. [3] Ausgehend von den Interviews entstand dann auch eine Videoausstellung, die unter dem Titel „L'Histoire c'est moi“ nach wie vor in mehreren Städten zu sehen ist. [4] Teil dieser Ausstellung sind die 21 Dokumentarfilme à 15 Minuten, die es hier als Kollektion zu besprechen gilt.

Unter dem Titel „Rückblickend/Regards en arrière“ haben 15 Filmemacher und eine Filmemacherin die Interviews von „Archimob“ bearbeitet, indem sie diese um historische Recherchen vertieften, mit Archivmaterialien kontextualisierten und die ZeitzeugInnen mit Schauplätzen ihrer Geschichte konfrontierten. Thematisch decken die Filme grob fünf Felder ab. Sie befassen sich mit Militärdienst und Armee, mit Flüchtlingspolitik und Antisemitismus, mit Beziehungen zu Nazi-Deutschland, mit Alltag in Zeiten des Krieges sowie mit Flüchtlingen und Internierten. Während sowohl Militär und Alltag als Thema breit aufgefächert sind, werden Flüchtlinge fast nur in der Fremdwahrnehmung im Kontext von Flüchtlingspolitik und Antisemitismus thematisiert. Geschichten von Flüchtlingsgruppen oder einzelnen Flüchtlingen sind hingegen bemerkenswert rar. Von den drei Filmen, die sie in den Blick nehmen, fokussieren zwei je eine Gruppe von internierten Soldaten. Das sind auf der einen Seite „Die Russen!“, auf der anderen Seite „Die Franzosen!“. Obwohl diese Beiträge informativ und durchaus relevant sind für die Flüchtlingsgeschichte der Schweiz, steht daneben der einzige Film, der explizit jüdische Flüchtlinge in den Blick nimmt, im krassen Widerspruch zur Relevanz des Gegenstandes in internationalen historischen und politischen Debatten. Erfreulicherweise zeichnet sich aber gerade dieser Film als einer der gelungensten der Sammlung aus. Kaspar Kasic geht in seiner luziden filmischen Reflexion der Schweizerischen Flüchtlingspolitik von den Betroffenen aus. Er stellt die Geschichte der fünfköpfigen jüdischen Familie Popowsky ins Zentrum, der 1942 die Flucht aus Belgien in die Schweiz gelungen war. Kasic hat die Erinnerungen der drei heute erwachsenen Kinder nicht nur erfragt, sondern aufschlussreich inszeniert, indem er mit ihnen Orte ihres Daseins als internierte Flüchtlinge aufsuchte. Eindringlich ist der Rundgang von Fanny Popowsky durch das frühere Erziehungsheim, in dem sie als Flüchtlingskind getrennt von Eltern und Brüdern untergebracht worden war. Dieses Kapitel aus ihrem Leben kommentiert sie abschliessend mit der Bemerkung: „Es gibt Dinge, die muss man im Gedächtnis zerstören.“

Die Filmkollektion „Rückblickend“ stellt insgesamt einen wichtigen kulturellen Beitrag zur Reflexion des kollektiven Gedächtnisses der Schweiz dar. Es werden so umstrittene Themen beleuchtet wie nationalsozialistische Gruppen in der Schweiz, die Wirtschaftsbeziehungen mit Nazi-Deutschland oder die restriktive Flüchtlingspolitik. Speziell eindringlich ist dabei die Artikulation von Antisemitismus damals und heute im Film von Fernand Melgar über die Erfindung des „Judenstempels“. Zudem wird der Alltag in der vom Krieg lediglich indirekt betroffenen Schweiz vielstimmig reflektiert. So vermittelt beispielsweise der Film von Theo Stich über Liebe und Sexualität „in Zeiten des Krieges“ einen aufschlussreichen Einblick in das Wechselspiel von Normalität und Ausnahmezustand. Auf der einen Seite erzählen vor allem Frauen von der damaligen Tabuisierung ausserehelicher Sexualität, auf der anderen Seite berichten Männer gerade von den kriegsbedingten Möglichkeiten dazu. Gleichzeitig werden verbotene Liebesbeziehungen zwischen internierten Soldaten und einheimischen Frauen erinnert. Über die explizit thematisierten Emotionen hinaus verleihen vor allem die verbalisierten und visualisierten Emotionen der ZeitzeugInnen den Filmen kulturwissenschaftliche Relevanz. So lässt sich der Film von Alex Hagmann zur Bedrohung der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs auch als beredtes Zeugnis für einen Klassenkonflikt lesen. Der Zorn von „kleinen Leuten“ über den Rückzug der Wohlhabenden in ihre Ferienhäuser in den Bergen manifestiert sich hier vor allem im Ringen um die richtigen Worte und in Gesten. Auch kommt die Kritik eines früheren Soldaten am so genannten Reduitplan, der den militärischen Schutz der Zivilbevölkerung vernachlässigte, als lebendiger Zorn auf die Armeeführung zum Ausdruck. Zudem setzen mehrere Filme, die sich mit der Schweizer Armee und dem so genannten Aktivdienst während des Kriegs befassen, eine vielfach gebrochene Identifikation mit dieser nationalen Institution ins Bild. So erinnern Frauen im Film unter dem Titel „Hinten“ ihren Einsatz an der Heimatfront kaum als Beitrag zur militärischen Landesverteidigung, vielmehr klagen sie über ihre harte Arbeit, während die Männer ja nicht an der Front, sondern lediglich an der Grenze gewesen seien, wie es eine Zeitzeugin aus dem Tessin subtil formulierte.

Nicht nur der eben erwähnte Film repräsentiert weibliche Lebenswelten sowie Frauen als Zeitzeuginnen. Insgesamt bringt die Filmkollektion Erinnerungen und Geschichten von Männern und Frauen bemerkenswert ausgewogen zur Darstellung. Dem liegt einerseits die offensichtlich konzeptuelle Entscheidung zu Grunde, Geschlecht als eine nützliche Analysekategorie zu begreifen. Andererseits verweist dieses Resultat aber auch auf die besondere Nützlichkeit von Oral History als Methode. Diese vermag über das Feld der Gedächtnisgeschichte hinaus zum historischen Erkenntnisgewinn beizutragen und wirkt, wie Aleida Assmann es formuliert hat, der „Gefahr der Verfestigung“ von Erinnerungsdiskursen entgegen.[5] Der konkrete Umgang mit Erinnerung stellt dann aber gerade eine Schwachstelle der Filmsammlung dar. Die Aussagen der ZeitzeugInnen werden insgesamt zu wenig als Stimmen im Kanon eines „kommunikativen Gedächtnisses“ reflektiert. Die formulierten Erinnerungen sind jedoch das Produkt einer „interaktiven Praxis im Spannungsfeld der Vergegenwärtigung von Vergangenem durch Individuen und Gruppen“.[6] In den Filmen wird zwar die erinnerte Zeit kontextualisiert, nicht aber die Zeit der Erinnerung. Es werden weder Nachkriegsdiskurse über „den Krieg“, noch aktuelle Debatten über politische Verantwortung gegenüber Opfern der Schweizerischen Kriegspolitik reflektiert. Beides ist jedoch konstitutiv für die Erinnerungen der interviewten Frauen und Männer. So bleiben beispielsweise deren Klagen im Stil von „und jetzt wird alles schlecht gemacht“ im luftleeren Raum stehen. Theoretisch gesprochen werden damit Einsichten in die Wechselwirkungen zwischen kollektivem Gedächtnis und individueller Erinnerung schlicht nicht eröffnet.[7] Darüber hinaus fehlt auch jeglicher biografische Kontext, wenn die ZeitzeugInnen zum Teil sogar anonym bleiben und so lediglich als VertreterInnen einer Generation sowie einer Landesprache vorgeführt werden. Vereinzelt wird der Beruf aus der erinnerten Zeit angegeben, ganz selten wird das Herkunftsmilieu erwähnt. Damit können biografische Prozesse der persönlichen Erfahrungsaufschichtung, die ebenfalls konstitutiv sind für individuelle Erinnerungen, nicht nachvollzogen werden.

Abgesehen von dieser kulturwissenschaftlich motivierten Kritik, stellt die Filmkollektion zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg jedoch eine aufschlussreiche kulturelle Bearbeitung eines nach wie vor kontroversen Wissensstandes dar. Zudem eröffnet sie auch einen erleichterten Zugang zu überaus attraktivem audiovisuellem Archivmaterial. Auf jeden Fall lässt sich mit den Dokumentarfilmen in Zukunft dieser Ausschnitt der Schweizer Geschichte vielseitig und eleganter vermitteln. Die Filme entstanden in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Fernsehen und werden im April und Mai 2005 jeweils am Sonntag auf Schweizer Fernsehen DRS 1 ausgestrahlt.

Anmerkungen:
[1] Die Videointerviews sind indexiert in Form einer Datenbank über einen Schlagwortkatalog zugänglich, vgl. <http://www.archimob.ch>.
[2] Die Kommission veröffentlichte nach fünfjähriger Tätigkeit ihre Ergebnisse in 25 thematischen Bänden, vgl. <http://www.chronos-verlag.ch>. Für den Schlussbericht, vgl. Unabhängige Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg (Hg.), Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der zweite Weltkrieg, Zürich 2002. Für eine Sammelrezension siehe: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-4-071>.
[3] Aufruf an ZeitzeugInnen, in: Neue Zürcher Zeitung vom 3./4. Juni 2000.
[4] Ab dem 11. Februar 2005 u.a. im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich, vgl. <http://www.musee-suisse.ch>. Publikationen dazu, vgl. Dejung, Christoph; Gull, Thomas; Wirz, Tanja, Landigeist und Judenstempel. Erinnerungen einer Generation 1930-1945, Zürich 2002; Regard, Fabienne; Neury, Laurent, Mémoire d’une Suisse en guerre, la vie ... malgré tout, Genève 2002.
[5] Assmann, Aleida, Wie wahr sind Erinnerungen?, in: Welzer, Harald (Hg.), Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung, Hamburg 2001, S. 103-121, hier S. 121.
[6] Welzer, Harald, Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2002, S. 14.
[7] Aufschlussreich dazu vgl. Ziegler, Meinrad, Erinnern und Vergessen, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 1 (1993), S. 41-60.

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Veröffentlicht am
14.03.2005
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