Rez. CD-ROM: Müller über "Francesco Petrarca, Opera omnia..."

Cover
Titel
Opera omnia, a cura die Pasquale Stoppelli, Sistema di interrogatione DBT di Eugenio Picchi..


Autor(en)
Petrarca, Francesco
Reihe
(Archivio italiano. Strumenti per la Ricerca Storica, Filologica e Letteraria)
Erschienen
Anzahl Seiten
Preis
Lira 1.700.000
ISBN
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Müller, Dr. Harald, Institut fuer Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universitaet zu Berlin

Seit mehr als vier Jahrhunderten firmiert mit der vorliegenden Ausgabe erstmals wieder eine Petrarca-Edition unter dem Titel 'Opera omnia'. Zwischen der 1554 in Basel gedruckten, 1965 nochmals reproduzierten Erstausgabe sämtlicher Werke des italienischen Dichterfürsten (1304-1374) [1] und der hier vorzustellenden liegen indes nicht nur 443 Jahre Petrarca- Forschung, sondern auch der Medienwechsel vom Druckerzeugnis zur CD-ROM. Eines jedoch ist beiden Unternehmen gemeinsam: Sie stellen ein Gesamtwerk vor, das keines ist. Denn weder bilden Petrarcas Opera einen kohärenten Korpus, noch erreichten viele der Einzelwerke angesichts fortgesetzter Textüberarbeitungen durch den Verfasser einen wirklichen Abschluss. Besonders Letzteres stellt die Editoren immer wieder vor immense Probleme, und man durfte gespannt sein, wie die elektronische Version mit diesen Schwierigkeiten umgeht.

Mit der vorliegenden Ausgabe stehen dem Benutzer 34 Textzeugnisse aus Petrarcas Feder für die Recherche zur Verfügung. Berücksichtigt wurden die lateinischen wie volkssprachlichen Werke, man kann sich also von der 'Africa' über 'De viris illustribus' und die 'Epistolae familiares' bis zu den Volgare-Dichtungen durchklicken, zudem die lateinischen 'Epistolae seniles' auch in der italienischen Fassung 'Senili' konsultieren. Für den Betrieb sind neben einem CD-Laufwerk mindestens ein PC mit 486er Prozessor, 4 MB freier Speicherkapazität und die Betriebssysteme Windows 3.11 oder Windows 95 erforderlich. Seit April 1998 ist der CD ein Upgrade beigefügt, das die Benutztung der internen Textdatenbanken erleichtert. Das Handbuch in italienischer Sprache ist von wechselnder Ausführlichkeit, doch besteht permanenter Zugriff auf eine elektronische Hilfefunktion mit ausreichend klaren Verfahrenshinweisen. Die menügesteuerte Installation gestaltet sich problemlos und zügig. Die Möglichkeit, den Installationsvorgang nach eigenen Wünschen zu modifizieren, beschränkt sich auf den Umfang der installierten Indizes und damit der belegten Speicherkapazität. Masken und Fenster sind einfach und übersichtlich im üblichen Windows-Stil gestaltet, Icons und Hilfstexte strapazieren die Augen des Benutzers nicht über Gebühr. Etwas störend ist bei fortgesetzter Benutzung die Festlegung einiger Fenster auf eine vordefinierte Größe. Bei jeder Veränderung der Textauswahl etwa ist der Benutzer erneut gezwungen, ggf. eine Vergrößerung des Ausschnitts vorzunehmen. Sprachpuristen dürften zudem bemängeln, dass durch die enge Vernetzung des Programms mit der Windows-Oberfläche mitunter ein skurriler Mix aus italienischen, deutschen und englischen Befehlen zu Stande kommt.

Doch zum Inhalt: Zwar eröffnet die Textausgabe dem geneigten Benutzer die Möglichkeit, Petrarca im Volltext am Bildschirm zu konsumieren, doch liegen Zweck und Stärke einer solchen Kompilation auf CD-ROM eindeutig auf dem Feld der Textrecherche. Hier bietet die Ausgabe eine Vielzahl von Zugriffsmöglichkeiten. Der Basisbildschirm präsentiert zunächst die imposante Liste der Textzeugen, aus der ein oder mehrere ausgewählt werden können bzw. das gesamte Petrarca-Corpus nach Suchbegriffen durchforstet werden kann. Zu jedem Werk ist die Information über die der CD-Fassung zugrunde liegende Ausgabe abrufbar. Auf der Grundlage einer gebräuchlichen Wortsuche lassen sich in der Textdatenbank mittels einfacher, sinnvoll strukturierter Trunkierungsmöglichkeiten unterschiedliche Formen eines Wortes und Schreibvarianten herausfiltern; auch für die im Volgare auftretende Schreibung mit Akzenten wird eine Lösung angeboten. Wer etwa Petrarcas kurzes Lob der Stadt Köln und ihrer Einwohner, Reminiszenz einer Reise ins Rheinland im Sommer 1333, bislang nur aus Epistola familiaris I.5 kannte, der wird dank der Suche im Gesamtwerk schnell belehrt, dass Petrarca auch in 'De gestis Caesaris' (cap. 3) die Stadt am Rhein als Zierde der umliegenden Regionen bezeichnet; deren Namen 'Agrippina Colonia' leitete er allerdings von Marcus Agrippa her, nicht etwa von dessen Tochter und Kaiser-Gattin Agrippina, die der Siedlung zum nominalen Aufstieg vom 'oppidum Ubiorum' zur 'Colonia Claudia Ara Agrippinensium' verhalf. Erinnert man sich dagegen daran, dass Petrarca Senecas Bienengleichnis (Ad Lucillum epistulae morales XI 84.2f) verarbeitet hat, vermag aber weder den genauen Ort noch Wortlaut zu rekonstruieren, so hilft eine Suche nach den fleissigen Insekten. Die Form 'ap*s' bringt dabei Textstellen mit 'apes' ebenso ans Tageslicht wie mit 'apibus', aber auch eine Fülle anderer Worte mit der gewünschten Buchstabenkombination von 'appeninus' über 'appareas' bis 'apuleius'. Nach einer Vorauswahl der Wortliste stößt man indes zuverlässig auf die gesuchte Stelle in Epistola familiaris I.8. Logische Verknüpfungen erlauben zudem die gezielte Suche nach bestimmten Wortkonstellationen im Text (Suchfamilien). Zu den Spezialitäten des Angebots gehören ferner die Suche nach Präpositionen, die Erstellung von Indizes und Konkordanzen, Incipit- und Explizit-Verzeichnissen, Letzteres für die lyrischen Texte zum Reimverzeichnis ausbaubar.

Eine immer wieder gemachte Beobachtung ist, dass man infolge von Schreibvarianten in mittelalterlichen Texten mit der rein lexikalischen Suche nicht immer erfolgreich ist. Abhilfe schafft hier eine Recherchemöglichkeit, die nach ähnlicher Schreibung und ähnlicher Lautung fahndet. Es handelt sich im Prinzip um das in einem Vorgang gebündelte systematische Aufspüren mehrerer Suchbegriffe. Typische Schreibvarianten wie ct/tt oder cr/gr können ebenso erfasst werden wie Abweichungen von vendicare zu vindicare oder allegare/allevare. Hier ist neben der sorgsamen Auswahl der Begriffe und Formen durch den Benutzer eine gewisse fallbezogene Programmierarbeit vonnöten, die aber weitgehend in Klartext erfolgen kann und im Handbuch anschaulich erläutert wird.

Die vorgestellten Suchmöglichkeiten geben vor allem dem philologisch und literaturwissenschaftlich interessierten Benutzer ein umfängliches Instrumentarium an die Hand, mit dem er typische Sprachverwendungen und Sprachgestaltungen Petrarcas ermitteln kann, zumal ein Großteil der Recherche-Optionen sowohl an einem Textzeugen auszuführen ist wie in Vernetzung mit anderen bis hin zum Gesamtwerk. Der Historiker wird hier bereits mit weniger zufrieden sein. Ihn dürfte vor allem die zuverlässige, durch die Einbeziehung von Schreib- und Lautvarianten erweiterte Suche nach Textstellen und ggf. der Aufweis von Parallelstellen interessieren. Über die Datenbank erhält er ungleich schneller Zugang zu den ihn interessierenden Textpassagen, ja umfassende Recherchen im disparaten Petrarca-Opus sind nun überhaupt erst mit einem beherrschbaren Aufwand möglich.

So reich wie die Suchangebote sind die Möglichkeiten der unmittelbaren Verwendung allerdings nicht. Der direkte Export vom Suchfenster in die Fußnote eines wissenschaftlichen Textes ist nicht möglich. Stattdessen kann der Benutzer jederzeit einen virtuellen Notizblock zücken, auf dem er seine Beobachtungen notieren und von dort in ein Textverarbeitungsprogramm transferieren kann. Auch die Suchergebnisse und der jeweils engere Kontext, nicht aber längere Volltextpassagen lassen sich auf diesem Wege einer weiteren Verwendung zuführen. Allerdings erlaubt die Konfigurierung des Systems, den Kontextbereich erheblich zu erweitern; auf diesem Umweg können dann auch längere Exzerpte zur Bearbeitung ausgeschnitten werden.

Der Textsuchende ist durch den silbrigen Helfer jedoch des Griffs zum Buch nicht gänzlich enthoben. Da die angebotenen Referenzstellen den Text nach der jeweiligen Binnengliederung in Buch und Kapitel identifizieren, nicht aber die Seiten in der zugrunde liegenden Druckausgabe aufführen, ist man gezwungen, zum Beleg der Recherchefrüchte stets eine "Hardcopy-Version" des jeweiligen Textes zu konsultieren. Auch den textkritischen Apparat sowie die Sachanmerkung der Referenzeditionen vermisst man schmerzlich. Diese Begrenzung wirkt wenig konsequent und dokumentiert die Scheu der Herausgeber, ihre Textsammlung zu einer echten Opera omnia-Ausgabe zu machen. Vielmehr stellen sie ihr Vorhaben ausdrücklich in den Dienst einer solchen wissenschaftlichen Großtat. Die zusammengefasste Bereitstellung der disparat publizierten Texte und die ausgeklügelten Analysemöglichkeiten sollen die Petrarca-(Text-)Forschung nicht abschließen, sondern anstoßen, sollen Baustein, nicht Schlussstein eines solchen Unternehmens sein. In diesem Sinne handelt es sich bei der vorliegenden CD-ROM in der Tat nur um einen Zwischenschritt - ein reines Suchinstrument, das den Text der jeweils zuverlässigsten Ausgaben elektronisch erschließt, ohne jedoch Zugriff auf den dazugehörigen wissenschaftlichen Kommentar zu gewähren, so spärlich dieser im Einzelfall auch sein mag. Vom Rechner führt der Weg daher unausweichlich wieder in die Bibliotheken! Hinter dem wohltönenden Titel des Werkes verbirgt sich letztlich eine elektronische Form der Buchbindersynthese, die von einer wissenschaftlich bearbeiteten Gesamtausgabe noch weit entfernt ist. Dennoch muss dieses Hilfsmittel Sprachwissenschaftlern wie Historikern gleichermaßen hochwillkommen sein, verkürzt, ja ermöglicht es doch erstmals die schnelle und flächendeckende Textrecherche in den membra disiecta des petrarkischen Schaffens. Dass die schon heute beängstigende Flut der Literatur zum Vater des italienischen Humanismus durch diese CD neue Nahrung erhalten wird, lässt sich unschwer vorhersagen, dass sie auch die Erstellung einer wirklichen Gesamtausgabe beflügeln wird, bleibt zu hoffen.

Anmerkungen
[1] Francisci Petrarchae ... opera quae extant omnia, Basel 1554 (Nachdruck: Ridgewood N.J. 1965).

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Veröffentlicht am
20.05.2000
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