CD-ROM Rezension "Zeitalter der Industrialisierung"

Title
Zeitalter der Industrialisierung. Eine multimediale Entdeckungsreise


Editor(s)
Cornelsen Verlag; [Idee/Konzept: freies historiker büro, Bergisch Gladbach; Gestaltung/Produktion: canvas mediengestaltung, Köln]
Published
Extent
Price
DM 99,00
Reviewed for H-Soz-Kult by
Robert Stroetgen, InformationsZentrum Sozialwissenschaften Bonn Email:

Das Schlagwort "Infotainment" prangt groß auf dem Cover der CD-ROM "Zeitalter der Industrialisierung", die eine "multimediale Entdeckungsreise" verspricht. Zu erwarten ist also weniger ein Werkzeug für HistorikerInnen als eine populäre Aufbereitung des Themas "Industrielle Revolution".

Die CD-ROM ist einsetzbar auf den Plattformen Windows (95/98/NT) sowie Mac OS (ab 7.5.3). Installationen unter Windows liefen unkompliziert und problemlos, lediglich die Erkennung eines schon vorhandenen QuickTime 3 beim ersten Start funktionierte nicht zuverlässig. Nach dem Abbruch der verlangten QuickTime-Neuinstallation lief das Programm anstandslos. Die Hardware-Anforderungen sind eher moderat, auch auf den langsamsten Pentium-Rechnern läuft das Programm flüssig und ruckelfrei. Eine SVGA-Grafikkarte sollte vorhanden sein, ohne Soundkarte macht ein Einsatz wegen der vielen gesprochenen Texte jedoch keinen Sinn.

Vor der Installation fordert der Verlag in seinen Linzenzbestimmungen, einen Lizenzvertrag zu unterschreiben und an den Verlag einzusenden. Hier soll nicht diskutiert werden, ob solche Bestimmungen rechtlich Stand halten können oder ob sich dahinter nur eindrückliche Warnungen vor illegalem Kopieren verbergen - als erster Eindruck des Produkts ist eine solche Aufforderung ebenso unerwartet wie irritierend.

Während des Einsatzes störten gelegentliche Director-Laufzeitfehler den Ablauf, die sich aber einfach "weg-klicken" ließen und keinen Neustart des Programms erforderten.

Schauplatz der "Industriellen Revolution im Kleinen" ist ein fiktives Städtchen mit Namen "Hochkirchen" (die Beispiele in den Kapiteln selbst entstammen ganz überwiegend dem ‚echten' Ruhrgebiet). Fünf Stadtansichten zwischen 1835 und 1895 zeigen den Wandel von einem eher ländlich geprägten Ort mit kleineren Gewerbebetrieben zu einer (nach wie vor überschaubaren) Industriestadt. Die Ansichten bleiben in Ausschnitt und Perspektive konstant, so dass sich sehr gut die Veränderungen im Stadtbild erkennen lassen. In der Gesamtschau lassen sich Ausschnitte wählen und vergrößern (leider ist ein Rücksprung zur Gesamtansicht nicht direkt möglich), die sehr detailreich wie in einem Diorama gestaltet wurden und in denen sich "aktive" Stellen suchen lassen, über die die BenutzerInnen zu den einzelnen Kapiteln gelangen. Allerdings gibt es in der ersten Karte noch so wenige derartiger Verzweigungen, dass es einige Zeit gedauert hat, diese Art der Navigation zu bemerken. Neben diesem "entdeckerischen" Zugang über Orte in der Stadt ist ein Zugang zu den Kapiteln auch über eine strukturierte Themen-Gliederung möglich. Diese Liste bietet sich auch denen an, die sicher sein möchten, kein Kapitel auf den Ansichten verpasst zu haben.

Die Umsetzung der einzelnen Kapitel läßt sich kaum als besonders multimedial oder interaktiv beschreiben. Es werden so gut wie keine bewegten Bilder angeboten, interaktive Eingriffsmöglichkeiten sind eher selten und kommen dann mitunter allzu überraschend. Dieser sparsame Umgang mit modernem und modischem Medienzauber ist allerdings keineswegs von Nachteil. Die CD-ROM ist eher ein gelesenes und reich illustriertes Sachbuch, das mit Bildern, Tönen und anschaulichen Grafiken durchaus überzeugend einen Einblick in die Themen der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert gibt. Ein Mehr an Interaktivität und Mulitmedialität wäre zweifellos denkbar und auch sinnvoll einsetzbar. In ihrer Form ist die vorliegende CD-ROM jedoch durchaus stimmig und ansprechend. Insbesondere die beiden professionellen SprecherInnen machen das Zuhören zu den sehr verständlichen Texten ausgesprochen angenehm.

Innerhalb der Kapitel ist es möglich, den Textfluss anzuhalten sowie zu Sprungmarken vor- und zurück zu wechseln. Diese Sprungmarken sind allerdings allzu sparsam und mitunter sehr ungünstig gesetzt worden. Wer einen Textabschnitt noch einmal hören möchte, um diesen besser zu verstehen, muss dafür meist mehrere Minuten neu anhören, bevor er wieder an der fraglichen Stelle ist. Wer eine Grafik noch einmal mit dem Text in Verbindung bringen möchte, auf den sich diese bezieht, muss mitunter sehr viel mehr hören. Hier wäre eine feinere Unterteilung sowie ein stufenloses Springen wünschenswert gewesen, um die Möglichkeiten der neuen Medien optimal zu nutzen.

Die Kapitel werden in der Gliederung in folgende Themen eingeteilt: Der Beginn in England, Wirtschaftspolitik, Wirtschaftstheorien, Wissenschaft und Technik, Kohle und Stahl, Die Verkehrswege, Eisenbahn, Landwirtschaft, Die Urbanisierung, Die Umweltbelastung, Entwicklung der Arbeiterbewegung, Arbeiterbewegung - theoretische Ansätze und Alternativen, Sozialstruktur der Gesellschaft, Soziale Frage, Alltagswelt, Mentalität. Diese Auflistung macht deutlich, dass ein sehr breiter Ansatz für die Annäherung an das Thema gewählt wird.

Die Texte sind durchweg gut recherchiert und bieten eine erfreulich ausgeglichene Darstellung. Auch für eine populäre Aufarbeitung sind manche recht forsch formulierten Aussagen wie "Die Dampfmaschine war der Motor der Industrialisierung" durchaus noch hinterfragbar. Insgesamt überzeugt die Auswahl und Qualität der Texte vor allem dadurch, dass grundlegende Aspekte besprochen werden, ohne sich dabei in Details zu verlieren oder handbuchartig anzustrengen.

Die Texte sind mit vielen Illustrationen (Malerei und Fotografie) unterlegt, die den gesprochenen Text durch Veranschaulichungen ergänzen oder mitunter auch nur stimmungshaft untermalen. Nach ausgiebigem Gebrauch der CD-ROM fällt auf, dass einige Bildquellen mehrfach verwendet wurden, was angesichts der Vielzahl von Abbildungen nicht verübelt werden muss. Einige schöne Illustrationen wie Bilder aus den Krupp'schen Werken und Fotografien aus der Essener Innenstadt von 1893 werden in eigenen Kapiteln ausführlich aufgeblättert. Hier hätte sich auch eine Bildquellenkritik angeboten (Wann sind sie warum entstanden etc.?), die aber leider ausbleibt. Den BenutzerInnen werden vielmehr die Bildquellen als "Realität der Fabrik" präsentiert, nicht als deren Inszenierung.

Die veranschaulichenden Grafiken sind nicht immer sehr glücklich mit dem Text in Zusammenhang gebracht, und Diagramme verfügen mitunter über sehr ungünstige Skalen und Maßstäbe, die die Vergleichsmöglichkeiten durch geschickte Überblendung zunichte machen. An vielen Stellen (wie z.B. bei der Beschreibung einer Zechenanlage oder bei der Erklärung der Marx'schen Mehrwert-These) sind die Grafiken aber durchaus gut geeignet, die Text-Informationen verständlicher werden zu lassen.

Außer der Stadtansicht von "Hochkirchen" bietet eine "Registratur" weitere Navigationsmöglichkeiten und Hintergrundinformationen. Hier ist die erwähnte Kapitel-Gliederung zu finden, weiterhin werden eine Zeittafel (mit einer reichen Auswahl von Daten aus Politik, Technik, Wirtschaft und Kultur) und eine Literaturliste mit Basis-Titeln zum tieferen Einstieg in die Themen angeboten.

Hier findet sich auch ein Spiel, in dem wohl krampfhaft versucht wurde, die CD-ROM mit mehr Interaktivität aufzufrischen. Dieses Spiel ist allerdings ebenso unverständlich wie trocken (weil das Spiel fast ausschließlich aus dem Lesen fiktiver Briefe besteht) und kann dadurch weder als erfrischendes Spielelement noch als didaktische Nachbearbeitung überzeugen.

Insgesamt ist das auf der CD-ROM dargebotene Material sehr umfangreich. Die angebotenen Kapitel bieten genug Stoff für viele Stunden der Beschäftigung mit dem Thema. Hier ist durchaus einiges an Ausdauer gefragt, und auch die Anrede mit "Sie" legt nahe, dass die CD-ROM weniger für Kinder als für ältere SchülerInnen und interessierte Erwachsene gedacht zu sein scheint. Für HistorikerInnen bietet die CD-ROM inhaltlich kaum Neues. Im Laden eines Industriemuseums findet sie dagegen ganz sicher viele interessierte BenutzerInnen.

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