Cover
Titel
Bundesrepublik Deutschland Nationalatlas. Deutschland in der Welt. CD-ROM


Herausgeber
Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig
Erschienen
Anzahl Seiten
Preis
€ 99,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Fischer, Gewerbeschule Steinhauerdamm

Nach rund zehnjähriger Arbeit ist das Projekt eines deutschen „Nationalatlas“ unter Federführung des Leipziger Instituts für Länderkunde in diesem Jahr endlich abgeschlossen worden. Erschienen sind zwölf Inhaltsbände, sechs davon in einer Sonderausgabe, jeder Band ist als Print- oder CD-ROM- oder Kombi-Version erhältlich.[1] Der „Nationalatlas“ deckt die verschiedensten Lebensbereiche ab von der Umwelt- und Bevölkerungsstruktur über die Wirtschaftssektoren bis hin zum Staatswesen. Anders als bei einem herkömmlichen Atlas enthalten die Bände jedoch nicht nur Karten, sondern auch etliche Diagramme und Texterläuterungen, die neben den statistischen Daten auch Zusammenhänge und Hintergründe einbeziehen. Naturgemäß stellen Karten und Statistiken stets nur eine Auswahl aus dem komplexen Ganzen dar, aber die Auswahl, die in diesen Bänden getroffen wurde, ist beeindruckend in ihrem Facettenreichtum und ihrer Detailfülle.

Eine gewisse Sonderstellung besitzt der elfte Band, der hier vorgestellt werden soll, denn sein Thema sind die Außenbeziehungen der Exportnation Deutschland und Deutschlands Stellung im internationalen Vergleich. Theoretisch könnte hier jeder Aspekt der anderen Bände wiederholt werden, realistischerweise haben sich die Herausgeber jedoch für ein Panorama entschieden, das alle Themen wenigstens kurz anreißt und hier und da Schwerpunkte setzt. Das hat jedoch zur Folge, dass manches nur arg kurz behandelt oder gar weggelassen wird.

Etliches aus den Bereichen Natur und Umwelt, Gesellschaft und Raumentwicklung, Staat und internationale Organisationen, Wirtschaft, Kultur und Sport wird ausführlicher behandelt: die europäischen Naturräume und die Alpenkonvention, Bundeswehr und Nato, das europäische Raumentwicklungskonzept (Eurek), regionale Partnerschaften in der EU (Interreg, „Vier Motoren“), Arbeitsmigranten und Aussiedler, deutsche Auswanderer in Nord- und Südamerika, Verkehrsverflechtungen, das System des Cross Border Leasing für Großprojekte, der Tourismus als Wirtschaftsfaktor, der internationale wissenschaftliche Austausch, Städtepartnerschaften. Das Datenmaterial und dessen Visualisierungen sind auch hier eindrucksvoll, die Auswahl überzeugend. Manches vermisst man, etwa den DAAD, das Technische Hilfswerk, die Frankfurter und Leipziger Buchmesse, aber dies ist zu verschmerzen.

Bei vielen Themen jedoch gerät der Komplettheitsanspruch schnell zur Oberflächlichkeit, insbesondere bei denen mit einem historischen Unterbau. Die Kapitel über die Deutschlandbilder im Ausland, die Mitteleuropa-Konzepte im 19. und frühen 20. Jahrhundert oder die Entwicklung der Außen- und Binnengrenzen in den letzten 200 Jahren gehen kaum über ein gewöhnliches Lexikonniveau hinaus. Erfreulicher sind demgegenüber die Beiträge über den deutschen Anteil an den neuzeitlichen Entdeckungsreisen (allerdings mit einem etwas gekünstelten Titel und einer zu geringen Würdigung Alexander von Humboldts) und über die Bilanz der Kolonialzeit. Das aktuell sehr diskutierte Thema der Bevölkerungsvertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg und der Integration der Vertriebenen in West- und Ostdeutschland kommt fast gar nicht zur Sprache.

Auf der CD-ROM werden einige Darlegungen durch interaktive Karten unterstützt, z.B. findet man einen Längsschnitt durch die europäischen Landschaftszonen, einen netten Vergleich, wie sich die Reisezeit zu Land von Berlin zu anderen europäischen Städten zwischen 1824 und 2024 verringert hat, und eine vorbildliche kartografische Nebeneinanderstellung der politischen Präferenzen bei der Wahl zum Europaparlament 2004.

Die große Stärke der CD-ROM-Version ist die Software „iKart“, die allen Bänden beiliegt: Hier kann man sich verschiedene Teilkarten zu Gesamtdeutschland anzeigen lassen, die etliche Informationen bis hinunter auf Kreisebene bieten und gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische und ein paar kulturelle Aspekte visualisieren. Jeweils zwei Themenkarten lassen sich auch neben- oder übereinander legen.

Insgesamt jedoch ist der Mehrwert der CD-ROM- gegenüber der Printversion gering. Statt einer Suchfunktion gibt es lediglich ein Stichwortregister (mit manchmal uneinheitlichen Schreibweisen), statt eines Datenexports nur den Ausdruck geringaufgelöster Screenshots, und die interne Verlinkung wird zu wenig genutzt. Immerhin kann man Lesezeichen setzen. Hinzu kommen auf einigen Systemen technische Probleme, insbesondere wenn ein Flashplayer vorinstalliert ist, der älter als Version 6 oder jünger als 8 ist. Über Abhilfemöglichkeiten informiert die Nationalatlas-Website.[2] Überhaupt läuft die Software nur unter Windows und nur mit Administratorrechten.

Fazit: Der „Nationalatlas“ ist zweifellos eine Bereicherung unseres räumlichen Blicks auf Deutschland und das Ergebnis einer großartigen Arbeitsleistung. Die Gefahr kartografischer und statistischer Simplifizierungen wird durch die Texterläuterungen relativ aufgefangen. Daran vermögen einzelne kritische Bemerkungen nichts zu ändern. Die Stärken des „Nationalatlas“ liegen jedoch nicht in den kulturellen und historischen Disziplinen. Lebensbereiche, die sich schwer in Zahlen und Tabellen einfangen lassen, erreichen im geografischen Zugriff keine Tiefe. Das ist ein Nachteil, aber kein Mangel.

Anmerkungen:
[1] Für nähere Informationen siehe die Website http://www.ifl-leipzig.com. Vgl. auch die Besprechung des Bandes „Bildung und Kultur“ durch Gerd Dietrich 2002: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=1809>.
[2] Siehe: <http://www.ifl-nationalatlas.de>.

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Veröffentlicht am
28.05.2007
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