J. Gienger u.a.: Imperialismus und Erster Weltkrieg; Nationalsozialismus

Cover
Titel
Imperialismus & Erster Weltkrieg Einzellizenz; Nationalsozialismus Einzellizenz. Multimediale CD-ROM für Unterricht, Studium und Erwachsenenbildung


Autor(en)
Gienger, Johannes; Hirschfeld, Gerhard; Krumeich, Gerd u.a.
Reihe
medialesson Band 1 und 2
Erschienen
Pforzheim 2005: medialesson
Anzahl Seiten
2 separate CD-ROMs
Preis
pro CD € 49,95 in der Einzellizenz
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bert Freyberger, Alte Geschichte, Universität Augsburg, Philologisch-Historische Fakultät

Dass multimediales Lernen auch für die Geschichtswissenschaft und -didaktik ein durchaus aktuelles Thema ist, sieht man schon an der immensen Fülle von Publikationen und digitalen Formaten, die in den letzten Jahren auf den Markt gekommen sind.[1] In Letztere reiht sich nun auch ein neuer CD-ROM-Zweierpack von medialesson, der sich mit den für den Unterricht unerlässlichen Themen „Nationalsozialismus“ (CD-ROM 1) und „Imperialismus & Erster Weltkrieg“ (CD-ROM 2) beschäftigt, auf den ersten Blick nahtlos und unauffällig ein.

Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die Doppel-CD-ROM jedoch inhaltlich wie methodisch als recht wertvoll. In ihrem Anspruch, gleichermaßen dichte Materialsammlung wie didaktisch präzise Unterweisung zu sein, geht sie einen angenehmen, ja kreativen Mittelweg zwischen vorgegebenem Lösungsangebot und selbstständiger Vertiefung seitens des Nutzers. Der bewusst offene Charakter ihrer Grundstruktur wird vor allem darin deutlich, dass die Vielfalt der digitalisierten Materialien aus jedem Bearbeitungsmodus abgerufen und zu eigenen unterrichtsdidaktischen oder Forschungszwecken genutzt werden kann. Anwendbar ist dies somit auf unterschiedliche Altersstufen und Leistungsniveaus, die Umsetzung in unterschiedlichen Methoden (arbeitsteiliges Arbeiten, Vortrag, Referat usw.) sowie die Einbettung in punktuelle Stundenthemen oder größere Unterrichtseinheiten. Trotz stringenter Ordnung des reichhaltigen Quellenmaterials kann der Nutzer jederzeit individuelle Schwerpunkte setzen, vielfach gestalterisch tätig werden und aus der Zusammenstellung von Quellen (Q), Bildern (B), Karten (K), Statistiken (S), Videoclips (V) oder Audiodateien (T), jeweils durch solch entsprechende Symbole angezeigt, nach Wahl eigene Erkenntnisse aus den dargebotenen historischen Sachverhalten gewinnen.

Grundsätzlich sind diese Inhalte in beiden CD-ROMs im positiven Wortsinne traditionell aufgebaut. CD-ROM 1 thematisiert die relevanten Teilthemen in zwölf Kapiteln: Aufstieg der NSDAP, Machtergreifung, Ideologie, Expansion bis 1939, Zweiter Weltkrieg, Verfolgung der Juden, Widerstand, Alltag im Dritten Reich, Faschismus in Europa, Legenden und Lügen und Radikale Rechte heute. CD-ROM 2 bietet acht Kapitel: Imperialismus bis 1914, Wilhelminisches Kaiserreich, Julikrise 1914, Kriegsverlauf, Politik im Krieg, Kriegserfolg und Heimatfront, Kriegsende und Revolution und Folgen des Ersten Weltkriegs. Wer sich ausführlich über die jeweilige Epoche informieren will, erhält hier einen nachhaltigen Einblick in alle wesentlichen historischen Fakten und Ereignisse, wobei man stets zwischen unterschiedlichen Modi wählen kann: Präsentation und Vortragsstruktur, Arbeitsblätter, Darstellungstexte, Materialien und Bilder, Videoclips, Quellen, Folienvorlagen und Prüfungsaufgaben. Erfreulich ist dabei insbesondere die große Zahl authentischer Quellen, die im Layout ansprechend präsentiert, didaktisch adäquat reduziert und in ihren jeweiligen historischen Kontext gut integriert sind. Im Großen und Ganzen handelt es sich also um eine sehr solide und effektive Zusammenschau allen Wichtigen zum Thema, die in einem sehr präzisen, ausführlichen Literaturverzeichnis ihre Abrundung erfährt.

Zur Illustration der praktischen Umsetzbarkeit soll stellvertretend auf das Beispiel „Machtergreifung“ (CD-ROM 1) ausführlicher eingegangen werden: Der Modus „Präsentation“ stellt diverse Bilder, Videoclips und Statistiken zur Verfügung, die einen guten ersten Eindruck vom historischen Sachverhalt geben; eine sich schrittweise aufbauende, übersichtliche Zusammenfassung, an deren Ende das Wichtigste rot eingefärbt ist, erlaubt den erneuten Überblick über das Erfahrene. Im Modus „Vortragsstruktur“ sind die einzelnen Medien, die aus der Präsentation bereits bekannt sind, dann ausführlich zu betrachten. Der Modus „Arbeitsblätter“ bietet weniger Informationen denn eine Auflistung unterrichtsrelevanter Fragen mit der Möglichkeit, Antworten selbst zu geben und dies sogleich zu überprüfen; eine Ähnlichkeit zum Modus „Prüfungsaufgaben“, der sich hiervon nur durch Art und Intention der Fragestellungen unterscheidet, ist dabei nicht zu leugnen. Die Modi „Darstellender Text“ und „Quellen“ liefern ausführliche Verfassertexte bzw. authentische Quellen in ihrem jeweiligen historischen Kontext. Wer die wichtigsten Ergebnisse nochmals kompakt dargestellt haben möchte, wird schließlich im Modus „Folienvorlage“ fündig. Alles in allem kann der Nutzer also mit reichlich Material arbeiten, das überlegt geordnet ist und trotz mancher inhaltlicher Überschneidungen zwischen den Modi sinnvolle Wissensvernetzung möglich macht.

Nach dem vielen Positiven seien dennoch drei kritische Einzelbemerkungen erlaubt: Die vor allem in CD-ROM 1 reichlich zur Verfügung gestellten Videoclips sind zwar in Auswahl und Klangqualität recht gut, zumeist aber eher kurz (Sequenzen von ca. 30-60 Sekunden), so dass ein komplexerer Eindruck nicht immer entstehen kann; kein Wunder: stammt doch die Vorlage aus dem ZDF-Mehrteiler „Hitler – eine Bilanz“, der – wie nahezu alle Formate des Medienprofis Guido Knopp – mit leider oft zu kurzen, vordergründig effekthascherischen Ausschnitten arbeitet. [2] Bei den – inhaltlich angemessenen – Prüfungsaufgaben fällt auf, dass durchweg Fragen formuliert werden, die gemäß neueren didaktischen und arbeitspsychologischen Erkenntnissen durch explizite Arbeitsaufträge, sog. Operatoren (nach dem Motto „Erklären, analysieren, beurteilen Sie […]“), ersetzt werden sollten; nur so nämlich können die verschiedenen Anforderungsebenen (Reproduktion, Transfer, Beurteilung) auch wirklich adäquat voneinander geschieden werden. Das Experteninterview schließlich, das im Kapitel „Radikale Rechte heute“ (CD-ROM 1) verankert ist, wirkt in seiner Machart und Überzeugungskraft (stehendes Bild, monotone Stimmlage) ein wenig lustlos und ist mit den anderen Inhalten eher wenig vernetzt; hier hätte man vorhandene Möglichkeiten der Oral History (vor allem abwechslungsreiche Fragentechnik) durchaus effektiver einsetzen können. [3]

Diese kritischen Bemerkungen sollen jedoch nicht verhehlen, dass es sich bei vorliegender Doppel-CD-ROM um ein erfreulich solides Wissenskompendium zur deutschen Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts handelt. Nicht zuletzt aufgrund seiner einfachen Technik (übersichtliche Gliederungsleiste, sehr lineare Arbeitsanweisungen „zurück, weiter, beenden“) ist das Werk im Unterricht jederzeit leicht einsetzbar und deshalb für einschlägige Nutzung durchaus zu empfehlen. Dem entsprechend eignet es sich vor allem für offene, entdeckende, handlungs- und projektorientierte Unterrichtsformen, in deren Rahmen Schülerinnen und Schüler allein, in Partner- oder Gruppenarbeit eigenständig und multiperspektivisch thematische Einheiten erarbeiten und somit echte Methodenkompetenz erlangen können. [4] Wer heute gerne mit dem Begriff der „intrinsischen Motivation“ argumentiert und dies nicht nur als leeres Schlagwort im Munde führt, wird sich hier sicherlich bestätigt finden.

Anmerkungen
[1] Vgl. dazu den Überblick bei: Oswalt, V., Multimediale Programme im Geschichtsunterricht, Schwalbach im Taunus 2002.
[2] Vgl. Näpel, O., Historisches Lernen durch „Dokutainment“? – ein geschichtsdidaktischer Aufriss. Chancen und Grenzen einer neuen Ästhetik populärer Geschichtsdokumentationen analysiert am Beispiel der Sendereihen Guido Knopps, in: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 2003, S. 213-244 oder auch die einschlägigen Arbeiten von: Kansteiner, Wulf zu diesem Thema; etwa in: DIE ZEIT, 26.02.2004, Nr. 10; vgl. dagegen die ursprüngliche Intention bei Knopp, G.; Quandt, S. (Hrsg.), Geschichte im Fernsehen. Ein Handbuch, Darmstadt 1988.
[3] Vgl. dazu einführend: Henke-Bockschatz, G., Oral History im Geschichtsunterricht, in: Geschichte lernen 76 (2000), S. 18-24.
[4] Vgl. als neuere Publikation etwa: Reinhardt, V. (Hrsg.), Projekte machen Schule. Projektunterricht in der politischen Bildung, Schwalbach im Taunus 2005.

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Veröffentlicht am
21.03.2007
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