Cover
Titel
Geschichte der Juden.


Autor(en)
Graetz, Heinrich
Erschienen
Umfang
1 CD-ROM
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dr. Benno Schlindwein, Staudinger Gesamtschule Freiburg

Ein ungelöstes Problem der multimedial erweiterten Quellenforschung besteht in der ungesicherten Authentizität. War der Gang in die Bibliothek, Buchhandlung oder das Antiquariat und die dort angetroffene Literatur der allgemein anerkannte Weg, Text-Quellen zu erreichen und auszuwerten, so hat sich im elektronischen Zeitalter vieles zum Guten und Schlechten verändert. Ein Manko der Qualitätssicherung scheint aber durch die Editionen der Digitalen Bibliothek gelöst: Diese Bibliothek trägt alle Merkmale der eingangs geforderten wissenschaftlichen Arbeitsmöglichkeiten: Jeder hat (erschwinglichen) Zugriff auf viele Schätze der Literatur und kann sie professionell unterstützt auswerten und zitieren.

Seit fünf Jahren werden im Berliner Verlag Directmedia Publishing Originaltexte durch ein Verwaltungsprogramm, das bei jeder weiteren Edition erweitert und angepasst wird, dem zahlenden Kunden angeboten. Die Online-Hilfe und die jeder Ausgabe beigelegte ausführliche "Einführung in die Software" erleichtern den Gebrauch. Zum Orientieren, Recherchieren und Sichern in Dateien und Ausdruck stehen eine Vielzahl von heute gängigen Textverarbeitungstools zur Verfügung.

Die bislang rund 80 Titel umfassen eine bunte Mischung von Monographien und Sammelwerken, wobei ein durchgängiges Auswahlprinzip nicht zu erkennen ist. Musische Themen und "ernste" Literatur stehen im Vordergrund und kosten zwischen 30 und 100 €. Bis Jahresende 2002 sollen zwanzig ausgesuchte Titel mit einem Jubiläumspreis von 19,90 € wohl Schnellentschlossene oder literarische SchnäppchenjägerInnen in die Digitale Bibliothek locken. [1]

Heinrich Graetzens Geschichte der Juden. Von den ältesten Zeiten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts - so der Titel - entstand in den Jahren 1853-75 und ist heute nur noch auf CD-ROM (Band 44 der Digitalen Bibliothek) zu erwerben.[2] Das 6000 Druckseiten umfassende Standardwerk dieses jüdischen Geschichtsschreibers will die über dreitausend Jahre umfassende Geschichte der Juden ab der Landnahme in Kanaan bis zum Kampf der Juden um ihre vollen bürgerlichen Rechte in den europäischen Staaten mit großem Materialreichtum schreiben. Ein Auszug aus der Einleitung soll kurz die Bedeutung des Werkes für die Geschichtsschreibung andeuten:
"Mit seiner 'Geschichte der Juden' legte Graetz nicht nur ein Werk von hohem wissenschaftlichen Rang vor, das bis heute immer wieder von Historikern herangezogen wird, sondern demonstrierte zugleich, dass wissenschaftliche Studien nicht zwangsläufig unlesbar sein müssen. Seine flüssige Ausdrucksweise, die lebendige Gestaltung des Materials, das Sinnlich-Konkrete seines Stils, die persönliche, teilnehmende Darstellung zogen bereits zu seinen Lebzeiten Leser in großer Zahl an, so dass das Werk in zahlreichen Neuauflagen und Übersetzungen erscheinen konnte. Zur Wirkungsgeschichte seines Werkes gehört auch, dass es 1879 den ersten 'Historikerstreit' in Deutschland auslöste, in dem sich der entstehende Rassen-Antisemitismus um Heinrich Treitschke gegen Graetz richtete, der seinerseits Unterstützung von keinem geringeren als Theodor Mommsen fand." [3]

Nach der Biographie des Heinrich Graetz, verfasst von Ph. Bloch, entfaltet sich die Geschichte der Juden in vier Zeiträumen, welche in Epochen gegliedert und in Kapiteln als untere "Zeiteinheit" detailreich dargestellt wird. Hervorzuheben sind die gewissenhaft gesammelten Belege, welche in den zahlreichen Anmerkungen mit unpunktierter hebräischer Schrift leicht zu erreichen sind.

Zur Handhabung der CD lässt sich nur betonen, dass die Installation problemlos geht und die Oberfläche des Verwaltungsprogramms auch für Ungeübte leicht zu nutzen ist. Das mit Videoclips "angereicherte" Hilfemenu macht auch Anfänger schnell mit den erstaunlich vielseitigen Suchstrategien vertraut. Für die Schnellsuche ist die Fundstellenliste eine große Hilfe. Das Funktionsregister "Notizen" enthält einen einfachen Texteditor, welcher die sonst schnell auf Notizzetteln notierten persönlichen Bemerkungen u.ä. festhält und das gewohnte Ausschneiden, Kopieren und Löschen ermöglicht.

Eine Einschränkung beim Drucken ist zu beanstanden. Ein Export von Texten mit Sonderzeichen ist nur eingeschränkt möglich, da nur der Windows-ANSI-Zeichensatz zur Verfügung steht und die zahlreichen griechischen und hebräischen Texte nicht übertragen werden. [4]

Fazit: Die Digitale Bibliothek hat mit dem Band 44 dem heutigen Historiker einen wichtigen Zeugen in der Reihe der jüdischen Geschichtsschreiber zugänglich gemacht. Ohne Einschränkungen wird das Werk in seinem vollen Umfang wissenschaftlich erschlossen. Die Software erleichtert den Umgang mit den gewissenhaft aufbereiteten Texten und der Recherche. Die Transferierung in Form von Ausdrucken und Übernahmen in andere Textprogramme sollte noch vervollständigt werden.

Anmerkungen:
[1]http://www.digitale-bibliothek.de.
[2] Die kartonierte Ausgabe von 1998 (arani) ist ebenso wie die gebundene derzeit vergriffen.
[3] Einleitung: Digitale Bibliothek Band 44: Heinrich Graetz: Geschichte der Juden, S. 4.
[4] Der direkte Ausdruck klappt, sofern man auf UniCode-Fonts zurückgreifen kann, z.B. unter Windows 2000 mit dem Zeichensatz Microsoft Sans Serif [d. Red.].

Zitation
Benno Schlindwein: Rezension zu: : Geschichte der Juden. Berlin  2002 , in: H-Soz-Kult, 25.11.2002, <www.hsozkult.de/digitalreview/id/rezcdrom-1844>.
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Veröffentlicht am
25.11.2002
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