Titel
Geschichte des deutschen Buchwesens.


Hrsg. v.
Lehmstedt, Mark
Erschienen
Umfang
1 CD-ROM
Preis
DM 149,90 (sfr. 139,00, ÖS 1050)
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Xenia von Tippelskirch, Istituto Universitario Europeo Badia Fiesolana

Aus Anlas des 600. Geburtstages von Johannes Gutenberg und des 175-jährigen Jubiläums des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ist bei DirectmediaPublishing GmbH in der Reihe der Digitalen Bibliothek eine CD-Rom zur "Geschichte des deutschen Buchwesens" erschienen. Der Herausgeber, Mark Lehmstedt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, in dem Medienverlag, der mit dem Spruch "CD-ROMs für Menschen, die Bücher lesen" wirbt, nun auch die Geschichte der Welt des Buches digital zugänglich zu machen. Nachdem sich das Verlagskonzept, bedeutende belletristische und lexikalische Werke zu Studienzwecken neu verfügbar zu machen, - vor allem mit der "Basisbibliothek Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka" (Bd. 1) - als erfolgreich erwiesen hat, versucht der Buchhistoriker, dieses Prinzip auch für die inzwischen vielfach erforschte Geschichte des Buches anzuwenden, indem er "Klassiker" der Buchhandelsgeschichte als Textgrundlage wählt.

Die monumentale Monographie von Friedrich Kapp und Johann Goldfriedrich, "Geschichte des Deutschen Buchhandels" (4 Bände, 1886-1913), und "Der deutsche Buchhandel und die geistigen Strömungen der letzten hundert Jahre" (1925) von Friedrich Schulze werden durch die neuere Untersuchung von Reinhard Wittmann, "Geschichte des deutschen Buchhandels" (1999), ergänzt. Hinzu kommt ein von Rudolf Schmidt Anfang dieses Jahrhunderts erstelltes Lexikon: "Deutsche Buchhändler, deutsche Buchdrucker. Beiträge zur einer Firmengeschichte des deutschen Buchgewerbes" (6 Bände, 1902-1908). Abgesehen von seiner eigenen Einleitung rekurriert Lehmstedt also auf Texte, die bereits in gedruckter Form vorliegen und die nun mit Hilfe der Software nach Stichworten durchsucht, markiert, kopiert und exportiert werden können. Eine vom Herausgeber eigens für die CD-ROM zusammengestellte Reihe von Abbildungen vervollständigt den insgesamt 8.901 Bildschirmseiten (4.334 gedruckte Textseiten) umfassenden Überblick.

Die Buchproduktion im deutschsprachigen Raum seit den Anfängen des Buchdruckes wird von Kapp und Goldfriedrich positivistisch-detailliert dargestellt, wenn auch der Stil heutigen Lesern zuweilen etwas blumig erscheinen mag und der Anmerkungsapparat, den wissenschaftlichen Ansprüchen zur Zeit des Erscheinens dieser vier Bände entsprechend, recht knapp gehalten ist. Es ist ein Werk, das inzwischen, wie der Herausgeber selbst zugibt, zum Teil durch die neuere Forschung überholt ist, bisher jedoch durch keine ähnlich umfassende Überblicksdarstellung ersetzt wurde. Im Gegensatz zu dem Beitrag von Wittmann findet hier auch der europäische Kontext Beachtung. So heißt es zum Beispiel zu Beginn des sechsten Kapitels des ersten Bandes: "Die Morgenröte eines neuen Tages brach an, als Italien, die alte Lehrerin Europas, durch Wiederbelebung der klassischen Studien eine untergegangene schöne Welt aus dem Schutt ausgrub und die strebsamen Geister zu edlern und idealern Anschauungen emporhob. Die Menschheit fing eben wieder an, sich auf sich selbst zu besinnen und dem Gängelband des Priestertums zu entwachsen."[1]

Das Werk von Schulze, welches den Buchhändler des 19. Jahrhunderts "bei der Arbeit und in seinen geistigen Zusammenhängen zeigt", wurde noch 1990 nachgedruckt und wird wohl erst von der jüngst vom Börsenverein in Auftrag gegebenen Gesamtdarstellung des Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert ersetzt werden.

Wittmann ist als Fachmann der Materie bekannt, seine bis 1990 reichende "Geschichte des deutschen Buchhandels" ist inzwischen bereits in zweiter Auflage erschienen und wurde in der Kritik als "neues Standardwerk" gepriesen. Wittmann nimmt - ohne sich dabei in Details zu verlieren - neuere Forschungsprobleme in den Blick; mancher Sachverhalt wird den neuesten Erkenntnissen entsprechend richtig gestellt. Zusätzlich fügt der Autor seiner Darstellung der Entwicklung des Buchwesens seit der Erfindung des Buchdruckes eine Bibliographie[2] hinzu sowie eine übersichtliche Zeittafel. Schmidts Lexikon liefert schließlich eine beträchtliche Anzahl biographischer und firmengeschichtlicher Details zu den zwischen 1450 und 1900 tätigen deutschen Buchhändlern und -druckern.

Man kann dem Herausgeber nur dankbar sein für die Fülle an Abbildungen, die auf dieser CD-ROM zum ersten Mal verfügbar gemacht wird und die mit Hilfe der Software vergrößert und verkleinert sowie leicht in andere Anwendungen kopiert und weiterverarbeitet werden kann (ab Windows 95 ist die Möglichkeit der Bildbearbeitung in das Software-Programm integriert) - damit wird der in den 50er Jahren von Joachim Kircher herausgegebene "Bilderatlas zum Buchwesen" weit übertroffen.[3] Es handelt sich um ein Bildarchiv, das von unterschiedlichen Verlagsarchiven, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und vom Deutschen Buch- und Schriftmuseum Leipzig zur Verfügung gestelltes Material enthält (z.B. Fotos von Verlegern, Gemälde, Karikaturen und Drucke, Abbildungen von Buchbindungen und Titelblättern) und welches - chronologisch geordnet - eine eigene Geschichte des Buchwesens erzählt. Diese Abbildungen sind nicht als unmittelbare Illustration der Texte gedacht, und doch besteht manche Querverbindung, die möglicherweise auch durch "links" explizit hätte gemacht werden können. Lehmstedt gibt dem Benutzer außer der chronologischen Reihenfolge keine Interpretationshilfe, sondern stellt ihm frei, sich selbst einen Weg durch das reichhaltige und sehr unterschiedliche Material zu bahnen. Dank der Recherchefunktion auf dem Registerblatt "Abbildungen", die auf die - dafür manchmal etwas zu knapp geratenen - Bildunterschriften zurückgreift, ist es möglich, Bildergruppen zusammenzustellen.

Die Auseinandersetzung mit der digitalen Ausgabe der Standardwerke erweist sich besonders unter wissenschaftsgeschichtlichen Aspekten als sehr interessant, ermöglicht doch der Vergleich der Abhandlungen, die dieser CD-ROM als Textgrundlage dienen, einen Blick auf die historische Entwicklung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Geschichte des Buchwesens. Während etwa Lehmstedt ganz selbstverständlich in der Einleitung betont, "die «petite (sic!) monde du livre» sei vor allem von Lesern beiderlei Geschlechts und jeglichen Alters bevölkert"[4], sucht man in den Werken von Kapp, Goldfriedrich und Schulze noch vergeblich nach einer eingehenderen Beschäftigung mit der Rezeption der ausführlich behandelten Buchproduktion, wohingegen Wittmann der neueren Forschungslage in Bezug auf das Lesepublikum des 18. Jahrhunderts ein Kapitel widmet.[5] Markt, Konsum und schließlich auch die Lesepraktiken selbst treten erst seit den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses: diese Entwicklung lässt sich leicht auch an den Werken dieser CD-Rom ablesen.

Gleichwohl wäre denkbar gewesen, eine zusammenhängende (über Wittmann hinausgehende) Abhandlung zur Frage der Rezeption oder auch zur Geschichte des Bibliothekswesen, der Bibliophilie, der Drucktechnik oder gar der Papierherstellung in eine digitale "Geschichte des Buchwesens" aufzunehmen. Ob es wohl lediglich Lizenzbeschränkungen oder verkaufstechnische Gründe waren, die gegen den ursprünglich angekündigten, treffenderen Titel "Geschichte des deutschen Buchhandels"[6] sprachen?

Man kann allerdings den "Leser" auch über die gut funktionierende Volltextsuche der Software aufspüren (insgesamt 148 Fundstellen - wohingegen "Leserin" ein einziges Mal im Text und immerhin viermal im Bild auftaucht, häufiger kommt "Publikum" vor. Dass Frauen - als Produzentinnen, Händlerinnen und Leserinnen - in der "Geschichte des Buchwesens" nur selten vorkommen, spiegelt, wie Einzelstudien inzwischen gezeigt haben, eher die Perspektive der ausgewählten Geschichtsschreibung (und die zugegeben schlechte Quellenlage) wider als die historische Realität: diese Tatsache wäre wenigstens eine Erwähnung wert gewesen.[7]

Die bereits in mehreren in H-Soz-u-Kult erschienen Rezensionen gelobte Software der Digitalen Bibliothek mit ihren ausgefeilten Suchfunktionen bewährt sich auch für diesen Band.[8] Systemvoraussetzungen sind PC ab 486; 8 MB RAM (16 MB empfohlen), Grafikkarte ab 640 x 480, 256 Farben, MS Windows 3.11, 95, 98 oder NT; es sei auch darauf hingewiesen, dass es inzwischen möglich ist, direkt von der Website des Verlages (http://www.digitale-bibliothek.de) ein 20-seitiges Handbuch in pdf-Format herunter zu laden. Die Lektüre der Texte könnte eventuell noch weiter vereinfacht werden, wenn Fußnoten - ähnlich wie die Abbildungen, für die eine Schnellvorschau als Thumbnail vorgesehen ist, und wie inzwischen in neueren Wordversionen (Word 7) üblich - unmittelbar durch den Mauszeiger eingeblendet werden könnten. Auch hätten Einteilungen in Unterkapitel, wie sie in den gedruckten Ausgaben vorgegeben waren, für die Orientierung und Strukturierung der Recherchen benützt werden können.

Abschließend lässt sich festhalten, dass dieser Band der Digitalen Bibliothek, einer Reihe, die auch in ihrer graphischen Gestaltung immer noch auf das gedruckte Buch verweist, zu einer erneuten Auseinandersetzung mit der Tradition des gedruckten Buches und ihrer Geschichtsschreibung und zu einer Reflexion über den Gebrauch neuer Medien herausfordert. Die große Überblicksdarstellung wird im Medium der CD-ROM in ihre Bestandteile aufgelöst. Das Maß der aktiven Beteiligung des Lesers und der Leserin steigt erheblich.

Dennoch, so praktisch diese Ausgabe als Hand-"buch" und Fundgrube auch sein mag, wenn es darum geht, einzelne stichwortartig abfragbare Details nachzusehen und herauszukopieren, selbst kreativ eigene Themengruppen zusammenzustellen oder Abbildungen weiter zu verwenden - längere Textpassagen wird der/die Buchhistoriker/in doch lieber in einer gedruckten Ausgabe lesen wollen.

Anmerkungen:

[1] Kapp, F., Geschichte des deutschen Buchhandels, 1. Bd. (Bis ins 17. Jh.).
Digitale Bibliothek Bd. 26: Geschichte des deutschen Buchwesens, S. 766.
[2] Eine ausführliche, aktuelle Bibliographie zur Geschichte des Buchhandels,
zur Buchwissenschaft und zur Geschichte des Lesens findet sich im Internet
unter dem Stichwort "Materialien" der Website des Instituts für
Buchwissenschaft, Universität Erlangen
<http://www.phil.uni-erlangen.de/~p1bbk/index.html>. Es handelt sich hierbei
um Literaturlisten zu Veranstaltungen von U. Rautenberg.
[3] Vgl. Bilderatlas zum Buchwesen (Lexikon des Buchwesens hg. v. J. Kircher,
Bd. 3-4), Stuttgart, Hiersemann, 1955/56. Das in zweiter Auflage völlig neu
bearbeitete Lexikon des gesamten Buchwesens LGB (hg. v. S. Corsten/ F.
Georgi), Stuttgart, Hiersemann 1985ff. stellt wohl am ehesten den Prüfstein
der neuen CD-ROM dar.
[4] Lehmstedt, M., Einleitung, Digitale Bibliothek Bd. 26: Geschichte des
deutschen Buchwesens, S. 3.
[5] Wittmann, R., Die Entstehung des modernen Publikums - die
»Leserevolution«, Geschichte des deutschen Buchhandels. Digitale Bibliothek
Bd. 26: Geschichte des deutschen Buchwesens, S. 8068-8126 (vgl.
Wittmann-Gesch., S. 186-217) (c) C. H. Beck 1991. Die ersten Ansätze dieser
Forschungsrichtung lassen sich bei Goldfriedrich im 3. Band ausmachen. Vgl.
Goldfriedrich, J., Geschichte des Deutschen Buchhandels, 3. Bd. (1740-1804).
Digitale Bibliothek Bd. 26: Geschichte des deutschen Buchwesens, S. 3188ff.
[6] So noch im VLB:
<http://www.buchhandel.de/medien_two/DA_Medien.htm?id=1189147&con_id=27419681968>
[7] Allein in den Abbildungen lassen sich immerhin mit Hilfe der
Stichwortsuche 16 Frauen (sechs Gattinnen, vier Buchhändlerinnen, vier
Leserinnen, eine Verlegerin, eine Inhaberin eines bibliographischen Instituts)
finden.
[8] Vgl. die Rezensionen von Fotis Jannidis
<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensio/digital/cdrom/datenban/jafo0799.htm>
und Björn Hoffmann
<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensio/digital/cdrom/datenban/hobj0799.htm>.

Zitation
Xenia von Tippelskirch: Rezension zu: Lehmstedt, Mark (Hrsg.): Geschichte des deutschen Buchwesens. Berlin  2000 , in: H-Soz-Kult, 01.07.2000, <www.hsozkult.de/digitalreview/id/rezcdrom-1929>.