Titel
Psychoanalysis and History.


Hrsg. v.
Artesian Books Ltd
Erschienen
London 1998: Artesian Books
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Müller, Institut fuer Geschichte der Medizin, FU Berlin

Der Markt der wissenschaftlichen Zeitschriften in Papierform und seine Entwicklung sind sehr heterogen. Neben der zunehmenden Bedeutung elektronischer Medien sind diese Zeitschriften jedoch auf absehbare Zeit, beispielsweise in wissenschaftshistorischen Forschungsbereichen, nicht wegzudenken. Rabiatesten Mittelkürzungen in vielen öffentlichen wie privaten Bibliotheken (sowie anderen Institutionen mit Zeitschriftenkatalogen) fallen oft zuerst die abonnierten Zeitschriften zum Opfer. Eine große Zahl von Zeitschriften verschwand in den letzten Jahren nicht nur aus den Regalen an diesen Orten - sondern mangels finanzieller Tragbarkeit vollends aus der Wissenschaftslandschaft.

Parallel zu dieser Entwicklung entstehen jedoch dennoch immer wieder neue Zeitschriften. An der Schnittstelle Psychiatrie, Psychotherapie und Geschichte wurde in diesem Sinne jüngst neu angeknüpft. Ein angelsächsisches Herausgeber-Team unter der Führung der Psychoanalytikerin Andrea Sabbadini, dem ein internationaler und geographisch weit gefächerter Kreis an Associate Editors und International Advisors zur Seite steht, gibt seit 1998 die Zeitschrift Psychoanalysis and History heraus. Sponsoren sind u.a. die in Paris ansässige Association Internationale d'Histoire de la Psychanalyse, die Wiener Sigmund Freud Gesellschaft sowie das Freud Museum in London.

Bisher erschien ein erstes Heft im Juni 1998, ein zweites Heft des 1. Bandes dann im Juni 1999. Ab 2000 sollen je zwei Hefte pro Jahr erscheinen. Außerhalb Grossbritanniens wird für ein solches Jahresabonnement der Preis von 18 Brit. Pfund für Privatpersonen bzw. 50 Brit. Pfund für öffentliche Einrichtungen genannt.

Das Journal ist peer-reviewed. Eine Werbeanzeige verrät, dass man sich der Geschichte der Psychoanalyse sowie der Anwendung psychoanalytischer Theorien auf die Historiographie verpflichtet fühlt. Ziel dieses interdisziplinären Projekts ist den Worten des Herausgeberteams zufolge ein akademischer Brückenschlag zwischen den Forschungsfeldern der Geschichte und der Psychoanalyse. Bemerkenswert für die an diesen Themen interessierte deutsche Leserschaft, die immerhin schon seit über zehn Jahren auf die Themenhefte von Luzifer-Amor - Zeitschrift für die Geschichte der Psychoanalyse zurückgreifen kann, ist, dass es weitere Zeitschriften solch präzisen Zuschnitts auf Geschichte / Psychoanalyse in englischer oder deutscher Sprache kaum gibt. Zwar finden sich in einer Vielzahl angelsächsischer, v.a. US-amerikanischer, wie auch deutscher Fachzeitschriften zur Psychotherapie hin und wieder vereinzelte, historische Publikationen zum Thema Geschichte / Psychoanalyse [1], zuweilen sogar in medizin- bzw. psychiatriehistorischen Organen beider Sprachräume; dies ist jedoch mit dem breiten Angebot einer Zeitschrift wie Psychoanalysis and History nicht zu vergleichen, dass seine Leserschaft in Zukunft zweimal pro Jahr mit neuesten Arbeiten aus diesem interdisziplinären Forschungsgebiet versorgen möchte.

Die Veröffentlichungen in dieser Zeitschrift sind bzw. sollten üblicherweise in englischer Sprache verfasst sein, Ausnahmen sind nach Vorabsprache mit der Herausgeberin möglich. In jedem Fall ist bei übersetzten Beiträgen dem Artikel ein Abstract in der Originalsprache der Publikation beigeordnet.

Zu den Inhalten:

Im Editorial des 1. Heftes von Andrea Sabbadini wird darauf hingewiesen, dass Psychoanalyse als eine Psychologie der Entwicklung Geschichte ist. Man geht selbstverständlich davon aus, dass sich ausschließlich jene Menschen für diese Zeitschrift interessieren werden, die den grundsätzlichen und fundamentalen Einfluss der Geschichte auf die Gegenwart, sei er allgemein-gesellschaftlich oder individuell, nicht in Frage stellen. Die Zeitschrift interessiert sich für all jene Projekte, die Forschungs-Methodologien benutzen, die in Psychoanalyse und Geschichte üblich sind. Nur implizit und für meinen Geschmack zu defensiv wird hier auf die Werke der sog. Freud-Basher bezug genommen, "[…] those many who try to murder psychoanalysis by declaring it dead [...]". Dass diese Zeitschrift nicht für sie ins Leben gerufen wurde, hätte man ohnehin nicht vermutet. Unsachliche Kritik an der Person Freuds oder an der Psychoanalyse, zwei Themen, die fälschlicherweise leider immer wieder als vermeintlich synonym betrachtet werden, wird sich darüber hinaus nicht abwenden lassen, durch den Satz: "We believe that elucidating its history is the best way to demonstrate its liveliness." So wahr dies sein mag - durch das Zutage-Fördern verschiedenster Fakten versuchten in den letzten Jahren gerade Kritiker Freuds oder der Psychoanalyse auch ihre Thesen zu belegen, die von interessanten Funden abgesehen, so manches Mal auch zu krudesten Hypothesen führten. Und um noch eine letzte Frage anzusprechen, die dieses Editorial aufwirft: Warum man in bezug auf biographische Recherchen, zu deren Publikation in dieser neuen Zeitschrift ebenfalls aufgerufen wird, gerade bzw. vornehmlich an den prominentesten Mitgliedern der psychoanalytischen Bewegungen interessiert ist, erinnert ein wenig an hagiographische Phasen der Biographie als historisches Genre, eine Phase, die viele Historikerinnen und Historiker hinter sich glaubten.

Die überwiegende Zahl der Beiträge dieses ersten Heftes der Zeitschrift ist auf die Person und das Lebenswerks Sigmund Freuds fokussiert - ein nachvollziehbarer Umstand, angesichts der Tatsache, dass diese Zeitschrift in der Stadt entstand, die Sigmund Freud und eines Teiles seiner Familie zur rettenden Heimstatt vor der Gefahr durch die nationalsozialistischen Deutschen wurde, aus deren Gewahrsam er nur unter Aufwendung aller Diplomatie und internationaler Bemühungen befreit werden konnte, um in Maresfield Garden sein letztes Lebensjahr verbringen zu können.

Alain de Mijolla, französischer Lehranalytiker der Pariser Psychoanalytischen Gesellschaft und Präsident der Association Internationale d'Histoire de la Psychanalyse berichtet über Sigmund Freud, seine Biographie, seine autobiographischen Texte sowie nicht zuletzt über Freuds Biographen. Der Begründer der Psychoanalyse war ein leidenschaftlicher Biograph, wenn er die Methode auf Künstler wie Leonardo da Vinci oder Schriftsteller wie Dostojewski anwendete; jedoch liess er wenig unversucht, wenn es darum ging, seine Spuren vor den Augen seiner eigenen Biographen, deren Auftauchen er erwartete und teilweise sogar noch miterlebte, verschwinden zu lassen.

Mark Solms, Mitglied des Herausgeber-Kreises der Revised Standard Edition der Werke Sigmund Freuds sowie Mitglied der British Psycho-Analytical Society, äußert seine Gedanken zu dem Problem der Übersetzung von Freuds Werken in andere Sprachen bereits auf einem niederländischen Kongress 1995. Eine überarbeitete Version dieses Vortrags wird hier der Leserschaft der Zeitschrift vorgestellt. Einige (auch vermeintliche) Fehlübersetzungen früherer Übersetzer psychoanalytischer Texte werden exemplarisch erläutert, die Qualität der Strachey-Übersetzung verteidigt.

Ein Beitrag zur konfliktreichen Beziehung zwischen C.G. Jung und Sigmund Freud wird von berufener Seite beigesteuert: Der Autor, Harold Blum, Lehrananyltiker und Professor für Psychiatrie in New York City, ist der Direktor der Sigmund Freud Archives. Der Beitrag verdeutlicht die verschiedenen Phasen in der Beziehung der beiden Therapeuten.

Aus Kanada berichtet Patrick Mahony aus seinen Recherchen zu dem Projekt, Freuds Bild in der Öffentlichkeit bzw. das historische Bild, dass man sich heute von der historischen Person Freuds macht, zu analysieren. Dem häufig vorzufindenden Klischee von Freud als dem "Conquistadoren" stellt er das Bild von Freud als dem "Überwältigten" entgegen. Dem Umgang mit Freuds Tod in den psychoanalytic communities seiner Heimat widmet sich der US-amerikanische Psychologe Peter Homans.

Die Geschichte des 1929 gegründeten und von den Nationalsozialisten 1933 geschlossenen Frankfurter Psychoanalytischen Instituts, die dem deutschen Publikum bereits durch die Publikationen von v.a. Plänkers und Laier aus den neunziger Jahren bekannt ist, wird dem nicht deutsch-sprachigen Publikum hier von Rothe und Plänkers zugänglich gemacht.

Ein Beitrag von R.D. Hinshelwood, der auch Direktor des Hauses Artesian Books, in dem die Zeitschrift erscheint, ist, bearbeitet die frühe Institutionalisierung der Psychoanalyse in Grossbritannien zwischen 1910 und 1925. Der wesentliche Gegenstand der Untersuchung ist das komplexe Netzwerk an Beziehungen zwischen Einzelpersonen und verschiedensten Organisationen, das als Voraussetzung der Etablierung der British Psycho-Analytical Society Mitte der zwanziger Jahre betrachtet werden kann.

Eine Führung zum Freud Museum in Maresfield Gardens, London, selbst Bestandteil einer Buchankündigung zum Thema, schließt das erste Heft dieser Zeitschrift ab.

Kursorisch zu den Inhalten von Heft 2:

Im zweiten Heft kann die Herausgeberin in ihrem Editorial bereits von ersten Rückmeldungen aus der Fachwelt und der Leserschaft berichten; die offenbar weite geographische Verbreitung ist ein sehr positives Resultat für die Zeitschrift: So vereinigt dieses zweite Heft Beiträge aus den USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Finnland und Italien in sich. Historiker, Sozialwissenschaftler und Philosophen sind mit von der Partie.

Eli Zaretsky, ein amerikanischer Sozialwissenschaftler und Professor für Geschichte legt einen ungewöhnlichen und interessanten Aufsatz vor, in dem ein psychoanalytischer Institutionalisierungsprozess, nämlich der der British Psycho-Analytical Society, in einen breiteren Kontext einbettet wird, der gesellschaftliche, ökonomische und kulturelle Entwicklungen der dreissiger Jahre miteinbezieht. Enger fokussiert wird (im Rahmen der Struktur der British Psycho-Analytical Society) die Rolle und der Beitrag Melanie Kleins.

Auch Claudia Frank, deutsche Psychoanalytikerin und Nervenärztin an der Universität Tübingen, berichtet über Melanie Klein. Sehr verdienstvoll an dieser Arbeit ist die Hervorhebung der frühen Berliner kinderpsychoanalytischen Tätigkeit Melanie Kleins und deren Bedeutung für ihre späteren Entwicklungen in England. Die Berliner Jahre Kleins sind bis heute nicht umfassend gewürdigt worden bzw. bekannt, auch wenn einige Publikationen hierzu in den letzten Jahren erschienen sind.

Der nordamerikanische Psychoanalyse-Historiker und Anglist Peter Rudnytsky initiiert eine Freud-kritische Diskussion des Oedipuskomplexes, indem er versucht aufzuzeigen, dass Freuds Analyse des "kleinen Hans" durch unbewusste ethnisch-religiös gebundene Gegenübertragungs-Identifizierungen verzerrt wurden. Dass die berühmt gewordene Fallstudie keinerlei Hinweise auf das Jude-sein des Klienten enthält, wird hier als Beleg gegen Freud ins Feld geführt. Ebenfalls philologisch orientiert ist der Beitrag von Michael Molnar: Er betrachtet die Übersetzung von J.S. Mill durch den jungen Freud und behandelt implizit hiermit auch Freuds zweideutige Haltung in Fragen der Gleichstellung von Frauen. Letzteres wird im nachfolgenden Beitrag der französischen Psychoanalytikerin Michelle Moreau Ricaud noch ausführlicher dargelegt. Die Übersetzung dieser Arbeit Mills mit dem Titel "Über Frauenemanzipation" habe (der Autorin zufolge) den Grundstein für einige von Freuds ungerechtfertigten und kritischen Ansichten über die Frau gelegt.

Der Londoner Psychotherapeut Gary Winship steuert eine Arbeit über Lou Andreas-Salomé bei, in der er zunächst beklagt, dass die ins Englische übersetzten Teile ihres Gesamtwerks einen verzerrten, unvollständigen Blick auf ihr Lebenswerk entstehen lassen. Ihre dem Autor zufolge bedeutsame Position im Verhältnis zwischen C.G. Jung und Freud wird von ihm herausgearbeitet. Abschließend wird Andreas-Salomés Kritik an Freuds Theorie diskutiert, die sie als frühe Verfechterin eines "psychoanalytischen Feminismus" erkennen lassen.

Der finnische Ideengeschichtler Petteri Pietikainen steuert eine Arbeit über C.G. Jungs Archetypenlehre bei, in der u.a. die Bedeutung persönlicher Mythenbildung vor dem Hintergrund eines individuellen Prozesses der Sinngebung im Leben untersucht wird. Die Frage, inwieweit dies einem Fluchtversuch Jungs vor der Pathogenität zeitgenössischer Erfahrungen gleichkam, findet hier ebenfalls ihren Raum.

Ein Interview von Carlo Bonomi mit dem US-amerikanischen Romanisten Nicolas Rand, zur Frage von "Psychoanalyse, Sprache und Dekonstruktion" im Lebenswerk von Rand und der 1998 verstorbenen Maria Torok (in dem unter anderem der Status der Psychoanalyse in der gegenwärtigen Psychiatrie und Literaturwissenschaft verglichen werden), gefolgt von einem Bericht zu den Feierlichkeiten von Pearl Kings 80. Geburtstag, dem Abdruck einer Korrespondenz zu Heft 1 der Zeitschrift (die eine bemerkenswerte Diskussion, ja, erneut, über C.G. Jungs zweifelhafte Stellungnahmen im Nationalsozialismus beinhaltet) sowie 3 Buchrezensionen, bilden den Schluss dieses Heftes.

Ein kleiner Ausblick: In Vol. 2, Heft Nummer 1, wird es einer Werbeanzeige zufolge u.a. um die Sigmund Freud-Ausstellung der Washingtoner Library of Congress gehen.

Letztendlich darf man die Existenz dieser neuen Zeitschrift freudig begrüßen. Sie ist eine Bereicherung für alle jene, die sich für Psychoanalyse und Geschichte, v.a. aber die Anwendung ihrer Methoden auf das besagte Feld, interessieren. Dass die Artikel in der Qualität noch sehr unterschiedlich sind, ist ein verzeihlicher Umstand bei einer so jungen Unternehmung. Kompensiert wird dies schon jetzt durch die vielfältige Provenienz der Beiträge im theoretisch-diskursiven wie auch geographischen Sinne. Auf die folgenden Hefte von Psychoanalysis and History darf man mit gutem Grund gespannt sein.

Anmerkung:
[1] Michael Schröter und Ulrike May: Beiträge zur Geschichte der Psychoanalyse in englischsprachigen Zeitschriften (1998 bis Sommer 1999). Psyche 7, 54 (2000) S. 669-688.

Zitation
Thomas Müller: Rezension zu: Artesian Books Ltd (Hrsg.): Psychoanalysis and History. London  1998 , in: H-Soz-Kult, 20.07.2000, <www.hsozkult.de/digitalreview/id/rezcdrom-505>.
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Veröffentlicht am
20.07.2000
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