Gefährlicher Genuss? Getränke und Trinkpraktiken seit der Frühen Neuzeit

Gefährlicher Genuss? Getränke und Trinkpraktiken seit der Frühen Neuzeit

Veranstalter
Sina Fabian (Humboldt Universität zu Berlin), Mareen Heying (FernUniversität in Hagen), Dennis Schmidt (FernUniversität in Hagen), Tobias Winnerling (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf)
PLZ
58084
Ort
Hagen
Land
Deutschland
Vom - Bis
29.09.2022 - 30.09.2022
Deadline
31.10.2021
Von
Mareen Heying, Geschichte der Europäischen Moderne, FernUniversität in Hagen

Die Tagung möchte Trinkpraktiken und ihre Aushandlungs- und Wandlungsprozesse von der Frühen Neuzeit bis in die Zeitgeschichte diskutieren.

Gefährlicher Genuss? Getränke und Trinkpraktiken seit der Frühen Neuzeit

Trinken ist lebensnotwendig. Wer, wie, wo, was, wann trinken durfte und konnte, unterlag jedoch kontinuierlichen Aushandlungs- und Wandlungsprozessen. Der Konsum von Getränken wirkte sich immer, in unterschiedlicher Weise, auf den menschlichen Körper aus. Bis zum 19. Jahrhundert standen als psychoaktive Getränke vor allem Alkohol, Tee und Kaffee zur Verfügung. Ihre Bedeutungen changierten zwischen Alltagsgetränken, medizinischen Heil- oder Suchtmitteln und prestigeträchtigen Genussmitteln. Sie waren mit spezifischen Zuschreibungen und Praktiken verbunden. Eine Untersuchung dieser Praktiken und ihrer Aushandlungs- und Wandlungsprozesse gibt Aufschluss über soziale, politische, kulturelle und wirtschaftliche Ordnungsvorstellungen. Die Tagung möchte sich mit einem Fokus auf den europäischen Raum und seine globalen Verflechtungen den folgenden vier Themenkomplexen widmen:

Genuss und Gesundheit

Die Destillation von hochprozentigem Alkohol aus Früchten und Getreide, zunächst als Medizinprodukt entwickelt, fand als Schnaps seit dem 16. Jahrhundert rasch weite Verbreitung. Parallel dazu führte der zuerst in Afrika aufkommende Kaffeegenuss zu Kaffeehäusern in ganz Europa und der Konsum von Tee entwickelte sich zu einem Distinktionsmerkmal. Dabei fanden die Getränke unterschiedliche Verbreitung in Europa. Ihr Genuss wurde jedoch stets aus medizinischen, moralischen oder wirtschaftlichen Gründen problematisiert.

Hier kann gefragt werden: Wie wirken Getränke auf den Körper? Wo liegen die Grenzen des Genusses – wann wird Konsum als krankhaft gedeutet? Ab wann wird das Trinken als Genuss etabliert und wann wird Genuss zum Problem? Wie verbinden sich Emotionalität und Trinkpraktiken?

Inklusion, Exklusion, Distinktion

Der soziale Raum prägte das Trink-Milieu und seine Genussmittel. Angelehnt an Pierre Bourdieu kann von einem „habituellen“ Trinken gesprochen werden. Über bestimmte Getränke wurden soziale, religiöse und politische (Nicht-)Zugehörigkeit demonstriert und konstruiert. Der Konsum von Getränken konnte als soziales und gemeinschaftliches Phänomen stattfinden, wie auch einzeln und individuell.

Hieran schließen sich bspw. diese Fragen: Welche Schichten dürfen welche Getränke konsumieren? Wann überschreitet ein Getränk Geschlechter- und Klassengrenzen? Wie werden Gemeinschaften über Getränke hergestellt? Wie werden Menschen/Körper durch Getränke diszipliniert bzw. disziplinieren sich selbst? Wie wird der Konsum von Getränken reguliert und kontrolliert?

Wandel von Trinkpraktiken und -riten

Getränke hatten Einfluss auf die Stimmung und den Körper. Zugleich luden sie zum rituellen Beisammensein an verschiedenen Orten ein. Während im 17. Jahrhundert Biersuppe ein gängiges Frühstück aller sozialer Schichten war, durfte auf dem Tisch des bürgerlichen dîner im 19. Jahrhundert ein guter Wein nicht fehlen. Das soziale Zuprosten und gemeinsame Trinken in Teestuben, Wirtschaften und der Milchbar wich dem individuellen Konsum zu Hause oder an der Theke.

Daran anknüpfend lässt sich fragen: Welchem Bedeutungswandel unterliegt das Trinken im Alltag? Wer darf wann was trinken? Was gilt zu welcher Zeit und warum als legitimer bzw. illegitimer Konsum? Wie wird der Genuss beim Trinken ritualisiert? Wie entstehen soziale und individuelle Trinkriten und wie wandeln sie sich? Wann beginnt ein „heimliches“ Trinken? Welche transnationalen Trinkpraktiken lassen sich ausmachen? Welchen Einfluss haben Genussregulierungen auf Genusspraktiken?

Wirtschaftliche Dimensionen

Genussmittel und psychoaktive Getränke hatten immer auch eine große wirtschaftliche Bedeutung. Ihre Produktion und Distribution waren zentrale Wirtschaftszweige, weshalb eine Regulierung immer vor dem Hintergrund der fiskalischen Komponente bewertet werden muss. So verdiente auch der Staat durch teilweise hohe (Luxus-)Steuern daran. Die zunehmende Popularität von Genussgetränken zeigte sich an ihrer starken Verbreitung: Im 18. Jahrhundert wurde Kaffee zu einem wesentlichen Produkt der zweiten Welle des Plantagenkapitalismus. Im 19. Jahrhundert entwickelten sich Brauereien zu industriellen Großbetrieben mit entsprechendem wirtschaftlichen und politischen Einfluss. Doch Kaffee, Tee und auch Alkohol waren nicht nur Genussmittel, sondern dienten zur Leistungssteigerung oder als Bezahlung der arbeitenden Bevölkerung. Der Nutzen des Genusses stand über seiner Gefahr, die Arbeitsleistung stand mitunter über der körperlichen Gesundheit.

Hier kann gefragt werden: Welche Rolle spielen wirtschaftliche Interessen des Staates und der Getränkehersteller bei der Regulierung des Trinkens? Wie wirken sich Arbeitsrhythmen auf das Trinkverhalten aus, welche Bedeutung hat Freizeit in diesem Kontext? Wie reagieren Getränkeproduzenten auf Kritik an ihren Produkten? Wie vermarkteten sie Genuss?

Auch darüberhinausgehende Fragestellungen können im Abstract selbstverständlich gerne berücksichtigt werden.

Vorschläge, die einen Umfang von 2.000 bis 2.500 Zeichen (inkl. Leerzeichen) haben, sind zusammen mit einem kurzen CV, bis zum 31. Oktober 2021 einzureichen, an: mareen.heying@fernuni-hagen.de. Zu- und Absagen werden bis Anfang Dezember 2021 verschickt. Wir erbitten wenige Wochen vor der Konferenz ein Paper von ca. drei Seiten, um die inhaltliche Diskussion bei der Konferenz zu stärken. Vorbehaltlich eingeworbener Finanzierung werden die Reise- und Übernachtungskosten übernommen.

Kontakt

E-Mail: mareen.heying@fernuni-hagen.de

Redaktion
Veröffentlicht am
08.09.2021
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