Strategien der Verhinderung. Der Zugang zu Archivalien in Frankreich und Deutschland im internationalen Vergleich

Strategien der Verhinderung. Der Zugang zu Archivalien in Frankreich und Deutschland im internationalen Vergleich

Veranstalter
Corine Defrance (CNRS, SIRICE Paris), Jürgen Finger (DHIP), Ulrich Pfeil (Université de Lorraine), Annette Weinke (Universität Jena), Agnieszka Wierzcholska (DHIP) (Deutsches Historisches Institut Paris)
Ausrichter
Deutsches Historisches Institut Paris
Veranstaltungsort
8 rue du Parc-Royal
PLZ
75003
Ort
Paris
Land
France
Vom - Bis
19.01.2022 - 20.01.2022
Deadline
20.09.2021
Von
Deutsches Historisches Institut Paris DHIP

Strategien der Verhinderung. Der Zugang zu Archivalien in Frankreich und Deutschland im internationalen Vergleich

In jüngerer Zeit sind die europäischen Archivlandschaften in einem zusehends gespannten politischen Umfeld in Bewegung geraten. Das Bewusstsein bei Forscherinnen und Forschern wächst, dass der Zugang zu Archivalien keine Selbstverständlichkeit zu sein scheint. An Beispielen aus Deutschland und Frankreich, ergänzt um andere europäische Erfahrungen, wollen wir den Stand der Dinge erkunden und die normativen, administrativen und arbeitspraktischen Einschränkungen des Archivzugangs analysieren.

Strategies of blockade. Access to archive records in France and Germany in an international perspective

In recent times, the European archival landscapes have been in flux in a increasingly tense political environment. There is a growing awareness among researchers that access to archival records does not seem to be a given. Using examples from Germany and France, supplemented by other European experiences, we want to explore the state of affairs and analyse the normative, administrative and practical restrictions on access to archives.

Strategien der Verhinderung. Der Zugang zu Archivalien in Frankreich und Deutschland im internationalen Vergleich

Am 20. Februar betitelte „Le Monde“ einen längeren Artikel „Guerre de tranchées sur l’accès aux archives“. Gibt es in Frankreich einen Grabenkrieg um den Archivzugang zwischen Forschenden, Archiven und Politik? Wie sieht es in Deutschland und in anderen europäischen Ländern aus?

Die Situation in Frankreich ist ambivalent. Der französische Präsident, Emmanuel Macron, pflegt eine Rhetorik der historiografischen Offenheit auch bei sensiblen Themen wie dem Algerienkrieg und der diplomatischen und militärischen Intervention in Rwanda während des Völkermords 1994. In beiden Fällen verfassten Historiker in offiziellem Auftrag Berichte mit allerdings unterschiedlicher Stoßrichtung: Benjamin Stora legte Anfang 2021 einen Bericht und Empfehlungen zum kollektiven Gedenken zu Algerien vor. Vincent Duclert, der bereits 2018/19 mit einer Kommission einen Bericht über die Erforschung von Genoziden und Massenverbrechen verfasst hatte, soll die französische Rolle in Rwanda aufklären; der Bericht wurde im April 2021 dem Präsidenten übergeben. Gerade im zweiten Fall war damit auch ein außergewöhnliches und exklusives Recht auf Aktenzugang verbunden. Dabei stellt sich auch die Frage nach einem privilegierten Zugang zu Archivmaterialien bei staatlich gewollter Forschung. Die verwendeten Akten sollen zwar weiterhin der Forschung zugänglich bleiben. Darüber hinaus bleibt jedoch alles beim Alten, soweit der Zugang nicht sogar erschwert wird.

Konkrete und massive Proteste ruft nämlich seit vorigem Jahr die „Instruction générale interministérielle 1300“ (IGI 1300) hervor. Forschende fürchten, dass diese interministerielle Anordnung, die unter anderem Fragen der Geheimhaltung regelt, im Namen der nationalen Sicherheit den Zugang zu Archivalien für die zeitgeschichtliche Forschung grundsätzlich erschweren wird, da die relativ liberalen Fristen des Archivrechts durch aufwändige Freigabeverfahren für klassifizierte Dokumente ausgehebelt werden können. Selbst bereits bekannte, gar edierte Dokumente sollen plötzlich wieder gesperrt werden. Die Motive für den Erlass der „IGI 1300“ sind unklar, umso mehr als sie mit der seit François Hollande betriebenen präsidialen Erinnerungspolitik zu kollidieren scheinen.

Ist die Situation in Frankreich einzigartig? Der Blick auf andere Länder zeigt schnell, dass Fragen des Archivzugangs auch dort von erheblicher Aktualität sind. Ihr mediales Echo geht über den Kreis der Forschenden hinaus und spiegelt einerseits die Forderung nach Transparenz in unseren heutigen Gesellschaften und andererseits den Stellenwert von – nicht immer konfliktfreier –wissenschaftlicher und juristischer Aufarbeitung und Vergangenheitspolitik im Europa des 21. Jahrhunderts. In Deutschland hat zuletzt die Übergabe der Stasi-Unterlagen an das Bundesarchiv Debatten über dessen Rolle ausgelöst; der französische Forscher Fabien Théofilakis will den Zugang zu Eichmann-Akten des Bundesamts für Verfassungsschutz gerichtlich einklagen.

Mit dem Aufstieg illiberaler Demokratien in Ostmitteleuropa wurde eine staatlich gesteuerte Geschichtspolitik zunehmend zum Instrument der Macht. Die gezielte Einflussnahme betraf zunächst die Museumslandschaft sowie die Förderung wissenschaftlicher Einrichtungen. Zum Teil müssen sich Historikerinnen und Historiker, deren Forschung unliebsame Ergebnisse produziert, vor Gericht verantworten, wie in Polen. Doch inwiefern, für wen und bei welchen Themen der Archivzugang beschränkt wird, bleibt weiterhin zu untersuchen. In Westeuropa wirft insbesondere der Umgang mit der kolonialen Vergangenheit und entsprechenden Restitutions- und Kompensationsforderungen die Frage auf, wie weit historische Forschungen und journalistische Recherchen in Archiven uneingeschränkt möglich sind.

Die Beispiele zeigen, dass die Archivlandschaften in einem zusehends gespannten politischen Umfeld in Bewegung geraten sind und die gegenwärtigen Veränderungen auf verschiedenen Ebenen erfasst und analysiert werden müssen:

1. normativ: die explizite Gesetzgebung und die Verordnungen zur Regelung des Archivzugangs; politische Willensbekundungen (von oberster Stelle), die unter Umständen mit den Verordnungen im Widerspruch stehen, also offiziöser Diskurs und Öffentlichkeit, Gewährung von privilegiertem Zugang zu Archivalien

2. administrativ: Einschränkungen des Archivzugangs durch Rechtsvorschriften und Verfahrenswege jenseits der Archivgesetze, sowie aufgrund konkurrierender schützenswerter Rechte, über deren Abwägung i.d.R. innerhalb der Verwaltungen entschieden wird (insbes. Geheimschutz, Schutz der Urheber- und Persönlichkeitsrechte);

3. praktisch: Einschränkungen von Dienstleistungen in den Archiven (Digitalisierung, Öffnungszeiten, Aushändigung von Dokumenten), Personalreduktion, etc.

Die geplante Tagung will diese Problemkreise vergleichend und interdisziplinär diskutieren (Geschichtswissenschaft, Archivwissenschaft und -praxis, Rechtswissenschaft, u.a.). Neben Frankreich und Deutschland soll auch die Situation in anderen Ländern der EU berücksichtigt werden. Darüber hinaus fragen wir danach, inwieweit nationale Erfahrungen und Praktiken Ausgangspunkt für transnationale Transferprozesse bei der Vergangenheitsaufarbeitung, möglicherweise aber auch bei deren Blockade sein können.

Bitte schicken Sie ein Abstract von maximal 500 Wörtern in einer der drei Konferenzsprachen (französisch, deutsch oder englisch) bis zum 20. September 2021 an Agnieszka Wierzcholska: awierzcholska@dhi-paris.fr.

Strategies of blockade. Access to archive records in France and Germany in an international perspective

On 20th February this year, „Le Monde“ published a lengthy article entitled „Guerre de tranchées sur l’accès aux archives“. Is there bureaucratic trench warfare in France between researchers, archivists and politicians for access to the archives? What is the situation in Germany and other European countries?

The situation in France is ambivalent. French President Emmanuel Macron maintains a rhetoric of historiographic openness even with regard to sensitive topics such as the Algerian War or the diplomatic and military intervention in Rwanda during the genocide of 1994. In both cases, historians were officially tasked with the preparation of reports, albeit with different objectives. In early 2021, Benjamin Stora submitted a report with recommendations on how to commemorate the events that took place in Algeria. Vincent Duclert, who had headed a commission that produced a report on research into genocide and mass crimes in 2018/19, was tasked with examining the role played by France in Rwanda; his report was submitted to the president in April 2021. In the latter case in particular, the remit came with unusual and exclusive rights to access the official records. This raises questions about the privileged access to archive materials in cases of state-sanctioned research. While the records examined should still be made available for research purposes, for the huge rest of the archives everything else remains the same, or access is made even more difficult.

A concrete case, which has prompted angry protests since last year, is the „Instruction générale interministérielle 1300“ (IGI 1300). Researchers fear that the inter-ministerial ordinance, which regulates issues like secrecy, will fundamentally impede contemporary researchers’ access to archives citing national security concerns, because the relatively liberal terms in archive law can be offset by complicated clearance procedures for classified documents. The access to documents that are already in the public domain and have been published in critical editions is even set to be revoked. The motivation behind the introduction of the „IGI 1300“ is unclear, particularly as it appears to be on a collision course with the presidential politics of remembrance that have been pursued since François Hollande was in office.

Is the situation in France unique? Even just a cursory glance at other countries shows that the question of accessing archives is extremely topical. Media reactions go beyond research circles and, on the one hand, reflect a demand for transparency in modern society, while on the other hand highlighting the value of scientific and legal reappraisal of the past, which is not always free of conflict, and the politics of dealing with it in 21st century Europe. The last time such questions arose in Germany was when Stasi records were handed over to the German Federal Archive, which prompted debate about its role. The French researcher Fabien Théofilakis, meanwhile, is suing the Federal Office for the Protection of the Constitution to gain access to the records of Adolf Eichmann.

The rise of illiberal democracies in eastern central Europe has allowed state-driven politics of memory to gradually become an instrument of power. Initially the exertion of influence was aimed at museums and at the promotion of academic institutions. As seen in Poland, historians have sometimes been forced to answer charges in court if their research produces unwanted results. However, more research is required to examine the extent to which access to archive materials is limited, whom it concerns and what topics are subject to such limitations. In western Europe it is mainly issues concerning how our colonial past and the associated demands for restitution and compensation are dealt with that raise the question of whether and to what extent it is possible to permit unlimited access to archives for the purpose of historical or journalistic research.

The examples cited above show that the archive landscapes have become unsettled in an increasingly fraught political atmosphere and that the changes that are currently ongoing must be recorded and analysed at various levels:

1. normative: explicit legislation and executive orders regulating archival access; political commitment (at the highest level), even if it is potentially at odds with the existing orders, i.e. by semi-official discourse and publicity, granting of privileged access to archive records;

2. administrative: limitation of archival access by means of legal provisions and procedures above and beyond archive laws and on the basis of competing rights that are worthy of protection and are usually subject to administrative decision-making (esp. the protection of confidentiality and of copyrights and rights of privacy);

3. practical: limitation of services in the archives (digitalisation, opening hours, provision of documents), staff reduction, etc.

The conference aims to discuss these questions in a comparative and interdisciplinary manner (historical sciences, archival science and practice, jurisprudence, etc.). In addition to the situations that exist in France and Germany, other countries within the EU will also be explored. Moreover, the conference will examine to what extent national experiences and practices can be the starting points for transnational transfer processes in how the past is dealt with and potentially also in preventing the past from being dealt with.

Please submit an abstract of no more than 500 words in one of the conference languages (French, German or English) to Agnieszka Wierzcholska: awierzcholska@dhi-paris.fr; the deadline for submissions is 20th September 2021.

Kontakt

Agnieszka Wierzcholska
Deutsches Historisches Institut Paris
E-Mail: awierzcholska@dhi-paris.fr

https://www.dhi-paris.fr/newsroom/detailseite/news/detail/News/call-for-papers-strategien-der-verhinderung.html