Die Neustadt Hanau – ein Drehkreuz im europäischen Kunst- und Wissenstransfer?

Die Neustadt Hanau – ein Drehkreuz im europäischen Kunst- und Wissenstransfer?

Veranstalter
Historisches Museum Hanau Schloss Philippsruhe, Hessisches Landesamt für geschichtliche Landeskunde
Veranstaltungsort
Schloss Philippsruhe
Gefördert durch
Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Kulturfonds Frankfurt RheinMain, Stiftung Flughafen Frankfurt/Main
PLZ
63454
Ort
Hanau
Land
Deutschland
Vom - Bis
11.11.2021 - 13.11.2021
Deadline
05.11.2021
Von
Markus Laufs

Die Tagung beschäftigt sich multiperspektivisch mit Kunst- und Wissenstransfer anhand der 1597 durch Graf Philipp Ludwig II. und reformierte Flüchtlinge aus den Spanischen Niederlanden gegründeten Neustadt Hanau und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. Diese erwiesen sich vor allem, aber nicht nur aufgrund ihrer wirtschaftlichen und kunsthandwerklichen Kompetenzen als wichtige Trägerinnen und Träger des transkulturellen Austauschs in Hanau, im Heiligen Römischen Reich und auf europäischer Ebene.

Die Neustadt Hanau – ein Drehkreuz im europäischen Kunst- und Wissenstransfer?

Am 1. Juni 1597 schloss Graf Philipp Ludwig II. mit reformierten Flüchtlingen aus den Spanischen Niederlanden einen Vertrag, der ihre dauerhafte Niederlassung in der zu gründenden Neustadt Hanau regelte. Damit war die Voraussetzung für eine nachhaltige und wegweisende Entwicklung für die Geschichte Hanaus geschaffen, die bis in die Gegenwart spürbar geblieben ist. Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert, verstärkt in dem durch den aggressiven Nationalismus bestimmten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde zunehmend versucht, Künstlerinnen und Künstler sowie ihre Werke für eine jeweilige nationalbegriffene Kultur zu vereinnahmen. Das heißt, Kunst- und Kulturräume wurden anhand von Grenzen geschieden, die es bis in das 18. Jahrhundert so überhaupt nicht gegeben hatte. Die (kunst-)historische Kulturtransferforschung hat hier in den vergangenen 30 Jahren zu einer neuen Sicht geführt. Dabei wurde sehr deutlich, dass gerade plurale, transkulturelle Dynamiken dasjenige prägten, was seit dem 19. Jahrhundert als nationale Kulturen begriffen wurde.

Zunächst wurde der Kulturtransfer als monodirektionell aufgefasst. Im Falle Hanaus wurde so der Einfluss der niederländischen Kunst und Kultur ab 1597 betont. Bald ging man jedoch von einer bidirektionellen Ausrichtung kultureller Transfers aus. Auch die entsendenden Regionen sowie die entsandten Akteurinnen und Akteure veränderten sich durch den Transferprozess. Inzwischen wird der Kulturtransfer als ein pluridirektioneller, also viel gerichteter Prozess begriffen.

Genau hier setzt die geplante Tagung an, in dem sie Hanau nicht als Profiteur eines mono- oder bidirektionellen Kulturtranfers, sondern als ein Drehkreuz in vielfältigen europäischen Kunst- und Wissenstransfers auf unterschiedlichen Ebenen untersuchen soll. Bezüglich des betrachteten Raums ist festzuhalten, dass zwischen dem 16. und frühen 19. Jahrhundert unterschiedliche Zentren kultureller und künstlerischer Innovation erhebliche Konjunkturen erlebten und sich durchaus in einem Konkurrenzverhältnis befanden, das sich aber eben nicht durch Abschottung auszeichnete, sondern durch Austausch und offenen Wettbewerb. Das Rhein-Main-Gebiet war dabei durch seine geografische Lage und seine seit dem Mittelalter gepflegten Handelsbeziehungen und Verkehrswege gleichsam das Zentrum von zwei kulturellen Bezugssystemen: zum einen, im auf das Alte Reich bezogenen Rahmen, zwischen dem Niederrhein mit Köln und Aachen im Nordwesten, Nürnberg im Südosten sowie Straßburg und Augsburg im Süden; zum anderen ist das Rhein-Main-Gebiet als Schnittfläche des Kunst- und Wissenstransfers in einem weiteren europäischen Rahmen zu sehen, nämlich zwischen den Niederlanden im Nordwesten, Italien im Süden sowie dem Kaiserhof in Prag bzw. Wien im Osten.

Die erste Sektion der Tagung wird sich in vergleichender Perspektive mit dem Phänomen der Exulanten, also den Religionsflüchtlingen, auch in Verbindung mit den Strukturen der Stadt Hanau selbst widmen. Ebenfalls vergleichend wird in der zweiten Sektion die Neustadt Hanau in rechtlicher, siedlungstopografischer und architektonischer Hinsicht betrachtet.

Die Sektionen 3 bis 6 nehmen unterschiedliche Personennetzwerke und Institutionen in den Blick, die als Träger bzw. Plattformen des Kunst- und Wissenstransfers gelten dürfen. Sektion 7 beschäftigt sich mit der geschichtswissenschaftlichen Rezeption und musealen Darstellung der Neustadtgründung.

Die Tagung findet hybrid statt: Die Vorträge werden in Schloss Philippsruhe in Hanau gehalten. Interessierte können online an der Tagung teilnehmen.

Anmeldung per E-Mail an museen@hanau.de (Deadline: 5. November 2021)

Programm

Donnerstag, 11. November 2021

Schloss Philippsruhe – Roter Saal

17.00–17.15 Uhr Begrüßung

17.15–17.45 Uhr Victoria Asschenfeldt (Hanau), Holger Th. Gräf (Marburg), Markus Laufs (Hanau): Einführung

17.45–18.45 Uhr Heiner Boehncke (Maintal), Hans Sarkowicz (Gelnhausen): „Ueberhaupt is diese Stadt anmuthig“. Die Hanauer Neustadt in Berichten von Reisenden

Freitag, 12. November 2021

Schloss Philippsruhe – Roter Saal

Sektion 1: Das Phänomen der Exulanten / Moderation: Holger Th. Gräf (Marburg)

9.30–10.00 Uhr Raingard Eßer (Groningen): „all my Landes ... beyond the seas.“ Niederländische Migrantinnen in den frühneuzeitlichen Exulantengemeinden

10.00–10.30 Uhr Ulrich Niggemann (Augsburg): Privilegierte Exulanten – Rahmenbedingungen für die Aufnahme von Hugenotten und Waldensern in den deutschen Territorialstaaten des 17. Jahrhunderts

10.30–11.00 Uhr Markus Laufs (Hanau): Gesellschaftlich-kulturelle Strukturen der frühneuzeitlichen Neustadt Hanau infolge niederländischer, jüdischer und hugenottischer Zuwanderung

11.00–11.30 Uhr Kaffeepause

Sektion 2: Die Neustadt Hanau im Vergleich / Moderation: Markus Häfner (Frankfurt/Main)

11.30–12.00 Uhr Andrea Pühringer (Grünberg): Die Neustadt Hanau im Kontext der europäischen Planstadt der Frühen Neuzeit

12.00–12.30 Uhr Angela Göbel, (Lyon/Marburg): Architektureinflüsse in der Neustadt Hanau

12.30–14.00 Uhr Mittagspause

Sektion 3: Netzwerke I: Kunst / Moderation: Martin Hoppe (Hanau)

14.00 – 14.30 Uhr Justus Lange (Kassel): Bildnisse der Hanauer Grafen im Kontext der nassau-oranischen Porträtmalerei

14.30–15.00 Uhr Sophie-Luise Mävers (Köln): Künstler(innen), „die auch in der Ferne ihrer Vaterstadt Ehre machen“ – Die Hanauer Zeichenakademie zwischen kunstpolitischer Ambition und akademischer Vernetzung

15.00–15.30 Uhr Kaffeepause

Sektion 4: Netzwerke II: Kunstgewerbe / Moderation Victoria Asschenfeldt (Hanau)

15.30–16.00 Uhr Andreas Tacke (Trier)Kunst für den Export – Zur Stilllebenmalerei in Neustadt Hanau um 1600

16.00–16.30 Uhr Lorenz Seelig (München) Gold und Silber – die Neustadt Hanau als ein führendes Zentrum der Luxuswarenproduktion

Abendvortrag: Wallonisch-Niederländische Kirche
18.00–19.00 Uhr Esther Meier (Dortmund): Die Wallonisch-Niederländische Kirche in Hanau: Konstruktion einer kulturellen Differenz

Samstag, 13. November 2021

Schloss Philippsruhe

Sektion 5: Netzwerke III: Händler / Moderation: Markus Laufs (Hanau)

10.00–10.30 Uhr Mark Häberlein (Bamberg): Migration, Privilegien und Unternehmergeist: Kaufleute und Fabrikanten in der Hanauer Neustadt

10.30–11.00 Uhr Andreas Weigl (Wien): Hanauisch-Indien im Kontext der frühmerkantilistischen Kolonialpolitik kleiner Fürstenstaaten

11.00–12.00 Uhr Führung durch Philippsruhe

12.00–13.30 Uhr Mittagspause

Sektion 6: Netzwerke IV: Gelehrte und Drucker / Moderation: Michael H. Sprenger (Hanau)

13.30–14.00 Uhr André Griemert (Hanau): Die Gelehrten und Studierenden der Hohen Landesschule und ihre europäischen Beziehungen

14.00–14.30 Uhr Thomas Fuchs (Leipzig): Buchdruck und Buchhandel in Hanau im 16. und frühen 17. Jahrhundert

14.30–15.00 Uhr Kaffeepause

Sektion 7: Rezeption und Nachhall

15.00–15.30 Uhr Holger Th. Gräf (Marburg): Die Neustadt Hanau in der Historiographie

15.30–16.00 Uhr Victoria Asschenfeldt (Hanau): Neustadtgeschichte und Ihre Folgen. Eine neue Abteilung in Schloss Philippsruhe

16.00–17.00 Uhr Schlussdiskussion

Redaktion
Veröffentlicht am
04.10.2021
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