Politikerinnen in der Weimarer Republik – mehr als eine Spurensuche?

Politikerinnen in der Weimarer Republik – mehr als eine Spurensuche?

Veranstalter
Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.
Veranstaltungsort
Online
PLZ
53175
Ort
Bonn
Land
Deutschland
Vom - Bis
11.11.2021 - 12.11.2021
Deadline
09.11.2021
Von
Heike Voos, Archiv der sozialen Demokratie, Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.

Tagung des Archivs der sozialen Demokratie in Kooperation mit der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien und dem Archiv der deutschen Frauenbewegung

Politikerinnen in der Weimarer Republik – mehr als eine Spurensuche?

2018/19 wurde an die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland erinnert. Damit gerieten (wieder einmal) die ersten Politikerinnen in den Fokus, die sich auf allen politischen Ebenen aufmachten, diesmal als Gewählte, die Geschicke der Gesellschaft mitzugestalten. Im Jubiläumsjahr wurde allerdings deutlich, dass außer den Galionsfiguren im Reichstag die diversen Landespolitikerinnen, vor allem aber die Kommunalpolitikerinnen oder die weiblichen Abgeordneten der Provinziallandtage fast vollständig unbekannt sind. Dabei ist gerade die alle politischen Ebenen umfassende „Vergeschlechtlichung der Politik“ eines der spannenden Experimente der Weimarer Republik. Auf diesen Umstand haben auch Gabriele Metzler und Dirk Schumann hingewiesen, für die die "Verschiebungen der Geschlechterverhältnisse [...] und die Versuche der Neudefinition von Männlichkeit und Weiblichkeit" in der Weimarer Republik Anlass sein sollte, nach diesen Veränderungen zu fragen. (Geschlechter(un)ordnung und Politik in der Weimarer Republik, Bonn 2016, S. 7) Um diesen Verschiebungen nachzuspüren, bieten sich u.a. kulturgeschichtliche Fragestellungen an. Denn wie sich die Etablierung und Praxis der Demokratie nach 1918 im Übergang vom Kaiserreich zur Republik genau ausgestaltete, wie sich Frauen in diesem Prozess der praktischen Demokratiegeschichte verorten lassen und welche Verfahren der Demokratie – auch auf Männerseite – wie angepasst werden mussten, dies alles ist nach wie vor sehr gering erforscht.

Deshalb halten wir es für notwendig, diesem Umbruch in der deutschen Demokratiegeschichte noch einmal neu nachzuspüren. Dabei geht es uns sowohl um das Entdecken von neuen, bisher unbekannten Politikerinnen als auch darum, wie diese Frauen ihre Politik verstanden und durchsetzten. Wie waren sie innerhalb der Parteien organisiert? Auf welche Netzwerke vertrauten sie und gab es Verbindungen zu der nach wie vor aktiven Frauenbewegung oder zu anderen Netzwerken innerhalb und außerhalb von Parteien und Regierung. Daneben stehen Fragen wie die nach den Argumentationsstrategien und - praktiken, nach der politischen Sprache und nach dem reflektierten Selbstverständnis als politische Akteurinnen.

Von Interesse sind aber auch Perspektiven, die auf die zeitgenössische und historische Bewertung der geschlechterinklusiven Demokratie, z.B. auf das Diktum, die Einbeziehung von Frauen habe im Politikbetrieb wenig bewirkt, zielen. Dazu zählt auch die Frage nach den policies, der Rolle(nzuweisung) der Frauen zu bestimmten Politikfeldern und den dort zustandegekommenen Gesetzesiniativen und -änderungen, an denen die wenigen Politikerinnen ihren Anteil hatten. Ist hier von einem Modernisierungsschub des Wohlfahrtsstaates auszugehen?

Einen Zugang zu diesen Perspektiven bietet die Frage nach den konkreten Formen des politischen Handelns innerhalb der Demokratie. Gibt es ein weibliches „doing democracy“? Verändert sich die konkrete Wahlhandlung (oder die Sicht darauf) dadurch, dass Frauen nun in diese integriert waren? Was passierte vor Ort? Wie veränderte sich der Raum von Wahlen? Wurde überhaupt darüber gesprochen und debattiert, was es bedeutete, dass Frauen nun auch Mitglieder in Wahlkommissionen sein konnten? Wie wurden weibliche Kandidierende für die Wahllisten aufgestellt? Wie wurden Frauenquoten und möglicherweise Parität diskutiert und wie begründet?

Ziel der Tagung ist es, einen Überblick über diese Forschung zu erhalten. Wir möchten aber auch Desiderate diskutieren und zusammentragen, was von wem mit welchen Quellen geforscht wird, inklusive der Frage, wo welche Quellen überhaupt liegen und wie diese genutzt werden können.

Programm

Donnerstag, 11. November 2021

ab 8.50 Uhr - Ankommen im digitalen Tagungsraum
9.00 – 09.30 Uhr - Einführung
Anja Kruke (AdsD, FES)
Barbara von Hindenburg (KGParl)
Kerstin Wolff (AddF)

9.30 – 10.30 Uhr - Panel 1: Werkstattberichte
Moderation: Julia Paulus

Kommunalpolitikerinnen im Volksstaat Hessen während der Weimarer Republik
Helke Dreier

Frauen im „Honoratiorenparlament“: Weibliche Abgeordnete im
Provinziallandtag Hessen-Nassau
Lutz Vogel

10.30 – 10.40 Uhr - Pause
10.40 – 12.00 Uhr - Panel 1: Werkstattberichte
Moderation: Julia Paulus

Politikerinnen in Weimar – endlich der Beginn einer Spurensuche!
Erfahrungen mit Forschungen zum Frauenwahlrecht im Ruhrgebiet
Uta C. Schmidt & Susanne Abeck

Johanna Teschs Briefe 1919 bis 1925. Erfahrungen einer sozialdemokratischen Abgeordneten im Alltag von Parlament und
Partei
Jutta Roitsch & Dieter Wesp

Projektvorstellung: Weimar in den Regionen – das politische Personal der Länder der Deutschen Republik
Marc Bartuschka / Cora Kleesiek

12.00 – 13.30 Uhr - Mittagspause

13.30 – 15.00 Uhr - Panel 2: Biografisches
Moderation: Barbara von Hindenburg

Lokale, regionale und nationale Frauennetzwerke zur Werbung weiblicher Mitglieder für die SPD in der Weimarer Republik
Rotraut Hammer-Sohns

Frauenbewegtes Engagement für eine deutschnationale
Volksgemeinschaft – Katharina Hertwig (1878–1953)
Susanne Rappe-Weber

Gertrud Hanna (1876–1944): Eine Spitzenfunktionärin der deutschen und internationalen Frauengewerkschaftspolitik im Preußischen Landtag
Susan Zimmermann

15.00 – 15.30 Uhr - Kaffeepause

15.30 – 17.30 Uhr - Panel 3: Grundsätzliches I
Moderation: Kirsten Heinsohn

Politikerinnen in Weimar, die Frauenbewegung und die
Wohlfahrtspflege
Sabine Hering

Die Neuen im Hohen Haus – Das Selbstverständnis der
Parlamentarierinnen der Weimarer Nationalversammlung
Leonie Kemper

Die „Zölibatsklausel“ in Weimar. Eine Geschichte des institutionalisierten Verfassungsbruchs -
Marion Röwekamp

17.30 – 18.30 Uhr - Pause

18.30 – 20.00 Uhr - Abendveranstaltung: Frau Ministerialrat hat jetzt Twitter: Frauengeschichte auf Social Media

Moderation: Christine Gundermann

Ein Panel mit den Bloggerinnen, Podcasterinnen und Twitterstorians Laura Baumgarten/Bianca Walther/Jasmin Lörchner

Freitag, 12. November 2021

9.00 – 10.30 Uhr- Panel 4: Grundsätzliches II
Moderation: Ursula Bitzegeio

Verflechtungen – Entflechtungen: Politische Partizipationskulturen in der Provinz (1918 – 1933)
Julia Paulus

Staatsbürgerliche Gleichberechtigung versus politische Teilhabe – ein Demokratiedefizit in der Weimarer Republik aus Regionaler Perspektive
Bärbel Sunderbrink

10.30 – 11.00 Uhr - Pause

11.00 – 12.30 Uhr - Panel 5: Lokales
Moderation: Kerstin Wolff

Frauen im Leipziger Stadtparlament 1919 bis 1933
Thomas Höpel

…dass wir nicht unvorbereitet in dieses Haus einziehen.
–Die weiblichen Abgeordneten des Badischen Landtags 1919-1933
Lisa Neumann

12.30 – 13.30 Uhr - Mittagspause

13.30 – 14.30 Uhr - Panel 6: Roundtable:Demokratiegeschichte vor Ort
Moderation: Anja Kruke

Projekte zu weiblichen Abgeordneten mit Fokus auf Kommunalpolitik
Heike Stange

Projekte zu Parlamentarierinnen in der Weimarer Republik aus drei Jahrzehnten
Claudia von Gélieu

Thüringer Kommunalpolitikerinnen 1918 bis 1933 Judy Slivi "Arbeit und Leben Thüringen"

15.00 – 15.15 Uhr - Pause

15.15 – 15.45 Uhr - Abschluss und Debatte im Plenum
Anja Kruke/Barbara von Hindenburg/Kerstin Wolff

Kontakt

public.history@fes.de

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Redaktion
Veröffentlicht am
27.10.2021
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