Die Zeit des Populismus

Die Zeit des Populismus

Veranstalter
Brigitte Bargetz, Paula Diehl, Nina Elena Eggers, Sara Minelli (Arbeitsbereich Politische Theorie, Ideengeschichte und Politische Kultur, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
Veranstaltungsort
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
PLZ
24100
Ort
Kiel
Land
Deutschland
Vom - Bis
10.11.2022 - 11.11.2022
Deadline
31.01.2021
Von
Sara Minelli, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Die Tagung „Die Zeit des Populismus“ findet am 10. und 11. November 2022 an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel statt. Für Vorträge eingeladen sind Paula Diehl (Kiel), Éric Fassin (Paris), Frank Gadinger (Darmstadt) sowie Isabell Lorey (Köln).

Die Zeit des Populismus

Tagung der Themengruppe Populismus (DVPW) in Kooperation mit dem Arbeitskreis Politik und Kultur (DVPW)

Organisation: Brigitte Bargetz, Paula Diehl, Nina Elena Eggers, Sara Minelli (Institut für Sozialwissenschaften, Arbeitsbereich Politische Theorie, Ideengeschichte und Politische Kultur)

Wir leben in der Zeit des Populismus. Die Populismusforschung ist sich weitgehend einig, dass Populismus das Symptom einer (multiplen) Krise, insbesondere einer kapitalistischen Krise und einer Krise der Repräsentation (u.a. Demirović 2018; Diehl 2020), sowie einer „zerbrechlichen Demokratie“ (Fassin 2019) ist. Die Rede ist daher auch von einem „populistischen Moment“ bzw. einem „populistischen Zeitgeist, der das Aufkommen von populistischen Bewegungen und Parteien begünstigt (Puhle 1986; Mudde 2004; Priester 2005). Zugleich scheint Populismus selbst ein besonderes Verhältnis zu Zeit zu haben. Wenn Paul Taggart (2000) von der populistischen Sehnsucht nach dem „heartland“ spricht, verweist er auf eine spezifische Thematisierung der Vergangenheit im Populismus. Während im rechten Populismus dabei vielfach ein Geschichtsrevisionismus zu beobachten ist, zeigt sich im linken Populismus eine Idealisierung der Vergangenheit, wenn die Volkssouveränität zum Ideal der Demokratie erklärt wird. Die Frage der Zeit spielt schließlich auch im Sinne postpopulistischer Politiken eine Rolle: indem eine Politik nach dem Populismus imaginiert wird, die als Reaktion auf den populistischen Moment bereits in aktuellen Bewegungen präsent ist (Lorey 2020); aber auch, indem eine Auffassung politischer Zeitlichkeit jenseits populistischer Vorstellungen entworfen wird.

Mit diesen drei Schwerpunkten – Populistischer Moment, Zeitlichkeit des Populismus, Postpopulistische Politik – wollen wir uns auf der Tagung zur „Zeit des Populismus“ genauer beschäftigen. Die aktuelle Anziehungskraft populistischer Politiken liegt vielleicht gerade auch in der Art und Weise, wie sie das politische Imaginäre füllen und mit politischer Zeitlichkeit umgehen (Diehl 2020). Durch gezielte „affektive Narrative“ (Bargetz/Eggers 2021) vergegenwärtigen populistische Akteur:innen idealisierte Vergangenheiten und malen dystopische Bilder der Gegenwart. Gegen die Unsicherheiten in der Zukunft werden durch „Rückbesinnung“ (Freistein/Gadinger/Unrau 2021) oder das Aufrufen „politischer Mythen“ (Minelli 2020) unmittelbare Lösungen im Hier und Jetzt (Diamanti/Lazar 2018) versprochen.

Doch das Merkmal unserer Zeit besteht nicht nur darin, dass Politik zunehmend populistischer wird, sondern dass auch ein neues Paradigma politischer Zeitlichkeit entsteht – „permanente Krise“ (Revault D'Allones 2012), „Präsentismus“ (Hartog 2015) und „präsentische Demokratie“ (Lorey 2020) sind einige der Konzepte, die diese neue Erfahrung der Zeit (Koselleck 1988) beschreiben. Vor dem Hintergrund dieser Beobachtungen zielt die Tagung darauf, zu ergründen, ob und warum von einer Zeit des Populismus zu sprechen ist, aber auch wie Populist:innen mit Zeit und Zeitlichkeit spielen. Ebenso soll erschlossen werden, welches Zeitverständnis populistische Entwicklungen begünstigt und wie alternative Entwürfe einer postpopulitischen Zeitlichkeit der Politik aussehen können.

Der populistische Moment

In diesem Schwerpunkt soll die Frage diskutiert werden, wann Populismus eine besondere Konjunktur hat und welche Bedingungen (ökonomisch, sozial, kulturell etc.) und Ungleichheitsverhältnisse das Aufkommen von Populismus begünstigen. Erwünscht sind zeitdiagnostische sowie konzeptuelle Auseinandersetzungen zu folgenden möglichen Fragen:

- Gibt es Zeitpunkte, an denen populistische Kräfte, Bewegungen und Parteien besonders an Zuspruch gewinnen, und wodurch zeichnen sich diese aus?
- Welcher Zusammenhang besteht zwischen den Krisen der Gegenwart (von der Krise der Parteien und politischer Repräsentation über die Care-Krise und die Corona-Krise bis hin zur ökologischen Krise), strukturellem Rassismus, dem Wiederaufleben des Nationalismus, dem Appell an maskulinistische Staatlichkeit und dem Aufkommen des Populismus?
- Sind die Populismen von Victor Orban in Ungarn, Narendra Modi in Indien, Syriza in Griechenland, der Fünf-Sterne-Bewegung in Italien, Donald Trump in USA oder Nicolas Maduro in Venezuela der Ausdruck eines gleichen populistischen Moments?

Die Zeitlichkeit des Populismus

Theoretisierungen des Verhältnisses von Populismus und Zeit sowie Populismus und Geschichte sollen hier im Mittelpunkt stehen. Ebenso sind konkrete Analysen von Zeitlich-keiten in und von aktuellen Populismen erwünscht. Mögliche Themen und Fragen sind:

- Wie werden in gegenwärtigen Populismen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft imaginiert und welche Narrative, Affekte, Mythen oder Utopien werden mobilisiert?
- Gibt es ein spezifisches populistisches Verhältnis zur und Verständnis von Zeitlichkeit, die den Populismus von anderen Formen der Politik unterscheidet?
- Erlauben es die unterschiedlichen Populismen von einer „populistischen Zeitlichkeit“ zu sprechen oder gibt es unterschiedliche Zeitlichkeiten von Links- und Rechtspopulismus?

Postpopulistische Politik?

Ein dritter Schwerpunkt ist auf die Frage nach anti- bzw. postpopulistischen Theorien und Praktiken gerichtet, die Zeit und Zeitlichkeit nach dem Populismus imaginieren und theoretisieren. Erwünscht sind Beiträge etwa zu folgenden Fragen:

- Gibt es im populistischen Moment Gegenentwürfe für postpopulistische Politik und wodurch zeichnen sich diese aus?
- Welches Zeitverständnis liegt diesen aktuellen politischen Entwicklungen zugrunde?
- Welchen Beitrag zur Diskussion um (Post-)Populismus leisten hier gerade intersektionale queere, feministische und postkoloniale Ansätze?

Für Vorträge eingeladen sind: Prof. Dr. Paula Diehl (Kiel), Prof. Dr. Éric Fassin (Paris), PD Dr. Frank Gadinger (Darmstadt), Prof. Dr. Isabell Lorey (Köln).

Wir bitten um Abstracts zum geplanten Vortrag (300-350 Wörter) plus Kurz-CV (max. halbe Seite) bis spätestens 31. Januar 2022 an b.bargetz@politik.uni-kiel.de, neggers@politik.uni-kiel.de und minelli@politik.uni-kiel.de.

Die Teilnehmer:innen werden im Februar 2022 über eine Zusage informiert.
Ein Antrag auf die Erstattung von Reise- und Übernachtungskosten wird gestellt.

Literatur

Bargetz, Brigitte/Eggers, Nina Elena 2021: Affektive Narrative des Rechtspopulismus: zur Mobilisierung von Männlichkeit. In: Kim,

Seongcheol/Selk, Veith (Hg.): Wie weiter mit der Populismusforschung? Baden-Baden: Nomos, 247–269

Demirović, Alex 2018: Autoritärer Populismus als neoliberale Krisenbewältigungsstrategie. In: PROKLA 190, 48 (1), 27–42

Diehl, Paula 2020: Populism and the Imagination of the Past and Future. In: Kaltmeier, Olaf/Petersen, Mirko/Raussen, Wilfried (Hg.): Cherishing the Past, Envisioning the Future. Trier: Wissenschaftlicher Verlag, 123–140

Diamanti, Ilvo/Lazar, Marc 2018: Popolocrazia. La metamorfosi delle nostre democrazie. Bari: Laterza

Fassin, Éric 2019: Revolte oder Ressentiment. Über den Populismus. Berlin: August Verlag.

Freistein, Katja/Gadinger, Frank/Unrau, Christine 2021: Struggles for the Past: The Symbolic Politics of Re-Imagination. Paper DVPW-Jahrestagung, 15. September 2021.

Hartog, François 2015: Regimes of Historicity: Presentism and Experiences of Time. New York: Columbia University Press

Koselleck, Reinhart 1988: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

Lorey, Isabell 2020: Demokratie im Präsens. Eine Theorie der politischen Gegenwart. Berlin: Suhrkamp

Minelli, Sara 2020: Qu’est-ce qu’un mythe en politique? In: Trajectoires, 13. https://doi.org/10.4000/trajectoires.5156

Mudde, Cas 2004: The populist Zeitgeist. In: Government and Opposition, 39, 541–563

Priester, Karin 2005: Der populistische Moment. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, 3, 301–310

Puhle, Hans Jürgen 1986: Was ist Populismus? In: Dubiel, Helmut (Hg.): Populismus und Aufklärung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 12–32

Revault D'Allones, Myriam 2012: La crise sans fin. Essai sur l’expérience moderne du temps. Paris: Seuil.

Taggart, Paul 2000: Populism. Buckingham/Philadelphia: Open University Press.

Kontakt

b.bargetz@politik.uni-kiel.de, neggers@politik.uni-kiel.de, minelli@politik.uni-kiel.de

https://www.politik.uni-kiel.de/de/aktuelles
Redaktion
Veröffentlicht am
14.01.2022
Beiträger