Berleburg zur Zeit von Dippel und Edelmann: Radikaler Pietismus, Alchemie und Freidenkerei (1729–1741)

Berleburg zur Zeit von Dippel und Edelmann: Radikaler Pietismus, Alchemie und Freidenkerei (1729–1741)

Veranstalter
Martin Mulsow (Erfurt/Gotha), Vera Faßhauer (Erfurt/Gotha) und Hermann Stockinger (Wien) (Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt)
Ausrichter
Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt
Veranstaltungsort
Schloßberg 2 (Sitzungssaal)
PLZ
99867
Ort
Gotha
Land
Deutschland
Vom - Bis
07.07.2022 - 08.07.2022
Von
Vera Faßhauer, Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt

Am 7. und 8. Juli 2022 findet am Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt eine Tagung über die Grafschaft Sayn-Wittgenstein-Berleburg während der Regierungszeit des reformierten Grafen Casimir (1712–1741) statt.

Berleburg zur Zeit von Dippel und Edelmann: Radikaler Pietismus, Alchemie und Freidenkerei (1729–1741)

Unter dem reformierten Grafen Casimir entwickelte sich dessen kleines, strukturschwaches Territorium mitten im Rothaargebirge zu einem Zufluchtsort von Separatisten und Radikalpietisten. Diese Religionsmigranten, zumeist Handwerker, aber auch einzelne Mediziner oder Theologen, die sich zum Teil schon seit Beginn des Jahrhunderts in der Gegend angesiedelt hatten, erhielten Steuernachlaß und Religionsfreiheit. Eine eigene Druckerei wurde eingerichtet, die 1726–1742 die achtbändige Berleburger Bibel druckte, ebenso Übersetzungen von Pierre Poiret, die Zeitschrift „Geistige Fama“ und Reitz‘ „Historie der Wiedergebohrnen“. Zahlreiche interessante Persönlichkeiten kamen und gingen, oder blieben auch, wie der Prediger Victor Christoph Tuchtfeld, der Mediziner Johann Samuel Carl, der Pfarrer Wilhelm Abresch, der Hofprediger Adam Struensee, der Theologe Johann Friedrich Haug und sein Bruder, der Verleger und Buchhändler Johann Jacob Haug, der Spiritualist Tobias Eisler, der Offizier und Uhrmacher Charles Hector de Marsay, der Theologe Christoph Seebach und der Führer der Inspirierten Johann Friedrich Rock.

Die Tagung möchte, auf der Basis der kürzlich analysierten Tagebücher des Grafen und zahlreicher unveröffentlichter Dokumente, den Allianzen, aber auch den Friktionen der unterschiedlichen Spiritualisten und Intellektuellen am Hof nachgehen; insbesondere den Friktionen in den 1730er-Jahren, die durch freigeistigere Separatisten verursacht wurden, denen Bibelfrömmigkeit allein nicht genügte. So hat sich etwa der Mediziner, Alchemist und Radikalpietist Johann Konrad Dippel von 1729 bis zu seinem Tod 1734 in Berleburg aufgehalten, wo er Konflikte mit dem Grafen Zinzendorf wie auch mit seinem Medizinerkollegen Johann Samuel Carl ausfocht; Johann Christian Edelmann war von 1736–1741 in Berleburg und überwarf sich mit den Inspirierten unter Rock, indem er den johanneischen Logos als die Vernunft interpretierte. Die Tagung will die intellektuelle Dynamik herausarbeiten, die diese Friktionen erzeugt haben. Gibt es eine Dialektik von radikalpietistischem Individualismus und Freigeisterei?

Dabei werden auch die Überschneidungen von Disziplinen und deren Praktiken im Fokus stehen, die den Hessischen Radikalpietismus kennzeichnen: von Medizin und Theologie, Alchemie und Frömmigkeit, Pädagogik und Jurisprudenz. Auch traditionelle Geschlechterrollen und Standesgrenzen wurden ja in diesen Kontexten überschritten. Welche Innovationen sind aus diesen Transgressionen hervorgegangen?

Die Dynamiken sind nicht zuletzt auch eine Folge der physischen Mobilität der Akteure. An den nonkonformistischen Intellektuellen und religiösen Suchern lässt sich studieren, wie die Zirkulation von Personen und Informationen zwischen Berleburg und Separatistengemeinden im Umfeld beschaffen war und welche Folgen sie zeitigte. Das schließt die Verbindung der Grafen von Sayn-Wittgenstein-Berleburg mit der Grafschaft Ysenburg-Büdingen ein, Schwarzenauer Neutäufer, die Radikalpietisten in Laasphe, Schloß Hayn, Himbach, Saßmannshausen, Homrighausen, Neuwied, Idstein, Frankfurt und Offenbach. Damit wird eine Einordnung der gedanklichen Entwicklungen in die vielfältige und unübersichtliche Gesamtlage im Wittgensteinischen, im Siegerland, im Westerwald und in der Wetterau gegeben – bis hin zu einem Blick auf die transnationalen Verbindungen des Separatismus in die Niederlande, nach Frankreich oder nach Amerika.

Programm

Donnerstag, 07. Juli 2022

13:00 Uhr Ulf Lückel (Golmbach): Graf Casimir zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg und die Pietisten. Neue Einsichten und Forschungsperspektiven

14:00 Uhr Xenia von Tippelskirch (Berlin): Graf Casimir zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg

15:00 Uhr Kaffeepause

15.30 Uhr Johannes Burkardt (Detmold): Victor Christoph Tuchtfeld in Berleburg

16:30 Uhr Christoph Reimann (Dortmund): Ludwig Christof Schefer, Wilhelm Abresch und Christoph Seebach: Drei Berleburger Pietisten im Spiegel der Tagebücher Casimirs zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg

17:30 Uhr Kaffeepause

18.00 Uhr
Öffentlicher Abendvortrag
Wolfgang Breul (Mainz): Philadelphia in Berleburg. Nikolaus Ludwig von Zinzendorfs Besuch in der Grafschaft Sayn-Wittgenstein-Berleburg

Anschließend gemeinsames Abendessen

Freitag, 08. Juli 2022

09:00 Uhr Vera Faßhauer (Erfurt/Gotha): Dippels Berleburger Zeit im Spiegel von Senckenbergs Aufzeichnungen

10:00 Uhr Martin Mulsow (Erfurt/Gotha): Dippels Berleburger Kosmologie

11:00 Uhr Kaffeepause

11:30 Uhr Alexander Kraft (Berlin): Dippels alchemische Experimente in Berleburg

12:30 Uhr Mittagspause

13:30 Uhr Daniel Seel (Hornbach): Johann Konrad Dippels Episode in den Niederlanden als Vorgeschichte der Berleburger Zeit mit Blick auf die Toleranzfrage

14:30 Uhr Hermann Stockinger (Wien): Edelmann und der Pietismus im Anschluss an Berleburg: Das „Quedlinburgische Nachdenken“

15:30 Uhr Sebastian Türk (Chambéry): Soziale und intellektuelle Dynamiken radikal-pietistischer Epistemologie bei Charles-Hector de Marsay und den Berleburger Erweckten

16.30 Uhr Abschluss

Kontakt

E-Mail: forschungszentrum.gotha@uni-erfurt.de

https://www.uni-erfurt.de/forschungszentrum-gotha
Redaktion
Veröffentlicht am
01.07.2022
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