Powerfrauen und Superweiber?! Narrative, Narrationen und Repräsentationen von Normen und Werten für und von Frauen

Powerfrauen und Superweiber?! Narrative, Narrationen und Repräsentationen von Normen und Werten für und von Frauen

Veranstalter
Mediävistenverband
Veranstaltungsort
Universität Würzburg
PLZ
97074
Ort
Würzburg
Land
Deutschland
Findet statt
In Präsenz
Vom - Bis
05.03.2023 - 08.03.2023
Deadline
13.08.2022
Von
Florian Schmid, Institut für Deutsche Philologie, Universität Greifswald

Mittelalterliche Konzepte von Weiblichkeit und die mit ihr verbundenen Normen und Werte werden in unterschiedlichen Genres und Medien anhand überkommener Narrative und Narrationen repräsentiert, dabei oftmals auch (neu) austariert und verhandelt. Es sollen Akteurinnen im Vordergrund stehen, die intentional die an sie gerichteten gesellschaftlichen Erwartungen überschreiten und/oder sich ihnen entziehen und sich zu ihrem Agieren aufgrund innerer Haltungen und/oder äußerer Umstände gedrängt fühlen

Powerfrauen und Superweiber?! Narrative, Narrationen und Repräsentationen von Normen und Werten für und von Frauen

Interdisziplinäre Sektion auf dem 19. Symposium des Mediävistenverbandes in Würzburg, 05. bis 08. März 2023.

Scham und mâze sint zwô tugent, / die gebent uns vrouwen hôhen prîs. (Winsbeckin 6,1-2)

Was Mutter und Tochter in der Winsbeckin diskutieren, soll eine Verhaltenslehre für die Tochter sein und sie durch ihr Leben auch jenseits der Obhut ihrer Mutter begleiten. Die beiden Frauen sprechen innerhalb des gesamten Textes vorrangig über die Minne und ihr normverletzendes Potential, das für eine Frau zu einem gefürchteten Ehrverlust führen kann. Scham und mâze sind für weiblich gelesene Personen im Mittelalter, egal ob fiktiv oder real, zentrale Werte, nach denen sie ihr Leben auszurichten haben – dies nicht nur in Bezug auf eine Liebesbeziehung und deren Anbahnung, sondern in jedem Lebensbereich. Was aber passiert, wenn Frauen die ihnen zugewiesenen Werte intentional übertreten und sich damit in einen für sie gesellschaftlich tolerierten Grenzbereich begeben oder ihn gar überschreiten (müssen)?

Mittelalterliche Konzepte von Weiblichkeit und die mit ihr verbundenen Normen und Werte werden in unterschiedlichen Genres und Medien anhand überkommener Narrative und Narrationen repräsentiert, dabei oftmals auch (neu) austariert und verhandelt. In einer interdisziplinären Sektion sollen Akteurinnen im Vordergrund stehen, die intentional die an sie gerichteten gesellschaftlichen Erwartungen überschreiten und/oder sich ihnen entziehen und sich zu ihrem Agieren aufgrund innerer Haltungen und/oder äußerer Umstände gedrängt fühlen. Von Interesse soll sein, inwiefern als weiblich konnotierte Handlungsweisen und Handlungs(-spiel-)räume ausgelotet, bewertet und semantisiert werden, dies in Bezug auf Verfahren sowie Ebenen der Verhandlungen spezifischer Konfigurationen. Untersuchungsgegenstände können dabei folgende Aspekte umfassen:

- die unterschiedlichen Quellen, aus denen Akteurinnen ihre Kräfte zur Normüberschreitung schöpfen, und die verschiedenen Nuancen der Arten dieser (körperlichen und/oder geistigen) Kräfte
- die Verhandlung gerade noch und/oder auch nicht mehr gesellschaftlich tolerierbaren Agierens mit seinen intendierten wie nicht-intendierten, unmittelbaren wie mittelbaren (temporären oder dauerhaften) Auswirkungen
- die dargestellten Reaktionen zwischen Akzeptanz und Abwehr des Verhaltens der Akteurinnen durch den Kreis der Rezipierenden sowohl innerhalb des Mediums als auch darüber hinaus
- die Handlungsspielräume im menschlichen Inneren, im von außen Sichtbaren und/oder im Geheimen, die die Akteurinnen eröffnen oder negieren

Neben dem oftmals zu beobachtenden „männlich“ konnotierten und/oder vermeintlich kollektiven Blick auf diese Akteurinnen soll besonders auch eine Perspektivierung durch weitere weibliche Figuren bzw. Akteurinnen untersucht werden.

Die mittelalterliche Überlieferung in Wort und Bild kennt zahlreiche Akteurinnen, die im Hinblick auf die skizzierte Forschungsperspektive untersuchenswert erscheinen. Dazu zählen zum Beispiel weibliche Heilige und Märtyrerinnen wie Thekla von Ikonium oder Wilgefortis, die sich einer Eheschließung entziehen, walkürenartige Figuren wie Kamilla aus dem Eneasroman oder Brünhild/Brynhildr, die selbst zu den Waffen greifen, Mystikerinnen wie Hildegard von Bingen oder Mechthild von Magdeburg, die eigenständig Zugang zum göttlichen Geheimnis oder der Schöpfung suchen, politische Strateginnen wie Eleanore von Aquitanien oder Urraca von Kastilien-Léon und weitere Akteurinnen, die in Literatur, Kunst, Theologie und/oder Geschichtsschreibung Eingang gefunden haben. Das eine (Teil-)Ordnung bestätigende bzw. gefährdende Potenzial des Agierens solcher „Powerfrauen“ und „Superweiber“ soll aus Sicht verschiedener mediävistischer Disziplinen analysiert werden. Besonders interessieren unter dieser Perspektive folgende Fragestellungen:

- Auf welche Art und Weise werden als weiblich attribuierte Normen und Werte durch Akteurinnen verletzt und wie werden sie funktionalisiert? Inwiefern werden die Normen und Werte neu semantisiert?
- Inwiefern werden Normüberschreitungen innerhalb einer Darstellung bzw. Narration perspektivisch unterschiedlich von verschiedenen Figuren bzw. Instanzen unterschiedlichen Geschlechts bewertet?
- Inwiefern werden den Akteurinnen Normen und Werte zugeschrieben, die traditionell nicht dem weiblichen Geschlecht attribuiert werden? Inwiefern werden die Normen und Werte neu semantisiert?
- Inwiefern wirken diese Akteurinnen innerhalb der Narration wie auch in der historischen Realität durch ihre Normüberschreitung identitätsstiftend?
- Inwiefern verändert sich die Rezeption dieser Akteurinnen im Laufe des Mittelalters? Inwiefern gibt es (graduell abstufbare) Nachahmer:innen?

Erbeten werden Vorschläge für 20-minütige Vorträge.

Bitte senden Sie Ihr Thema zusammen mit einem Abstract (ca. 300 Wörter) und einer kurzen biographischen Information (maximal 150 Wörter) bis zum 13. August 2022 an die Organisator:innen: Dr. Florian Schmid (florian.schmid@uni-greifswald.de) und Miriam Strieder (miriam.strieder@uni-greifswald.de), Universität Greifswald, Institut für deutsche Philologie, Arbeitsbereich Ältere deutsche Sprache und Literatur, Rubenowstraße 3, 17487 Greifswald.

Kontakt

Dr. Florian Schmid
E-Mail: florian.schmid@uni-greifswald.de

Miriam Strieder
E-Mail: miriam.strieder@uni-greifswald.de

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