Als Wissensprojekt (Collins/Chepp 2013, 58–87) hat sich Intersektionalität als Querschnittskategorie zur Analyse von kulturellen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften herausgebildet (Kallenberg/Meyer/Müller 2013) und wird auch zunehmend in der Bildungsforschung und den Fachdidaktiken rezipiert (Bramberger/Kronberger/Oberlechner 2017). Die Diskussion um das Zusammenwirken verschiedener Dimensionen sozialer Ungleichheit wie Geschlecht, Klasse, race hat jedoch schon eine längere Tradition. Der Begriff Intersektionalität hat seine Wurzeln im Black Feminism und der Critical Race Theory und wurde u.a. von der US-amerikanischen Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw 1989 geprägt (siehe auch Bergold-Caldwell/Löw/Thompson 2021, 9–22). Ähnlich wie die Konzepte Heterogenität und Diversität fokussiert Intersektionalität auf soziale Differenzverhältnisse sowohl auf der gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Makroebene als auch auf der Mikroebene der Praktiken, Subjektivitäten und Erfahrungen. Allerdings unterscheidet sich das Intersektionalitätskonzept dadurch, dass es weder affirmativ auf die Vermittlung zwischen sozialen Unterschieden ausgerichtet ist noch multiple Differenz- und Ungleichheitsverhältnisse additiv betrachtet. Vielmehr untersucht die intersektionale Perspektive Interdependenzen von Differenzmerkmalen, also ihre Gleichzeitigkeit und Verschränkung, und fragt nach den damit verbundenen gesellschaftlichen Macht- und Ungleichheitsverhältnissen, immer auch mit dem Ziel, zu sozialer Gerechtigkeit beizutragen. Hinzu kommt der Anspruch einer reflexiven und kritischen Auseinandersetzung mit sozialen und gesellschaftlichen Ungleichheiten (Rein/Riegel 2016, 67–84), d.h. auch mit Privilegien wie whiteness.
Obwohl sich ganz unterschiedliche disziplinäre Felder auf Intersektionalität beziehen, wird das Potenzial als Analyseinstrument bislang weder von den Geschichtswissenschaften noch der Geschichtsdidaktik ausgeschöpft. Während in der Geschichtsdidaktik die begriffliche Schärfung zwischen Diversität und Intersektionalität noch keineswegs abgeschlossen ist, schwanken die Geschichtswissenschaften zwischen einem „Plädoyer für eine Historische Intersektionsanalyse“ und Zweifeln daran, ob der Ansatz für historische Forschungen geeignet ist (für beide Positionen z.B. Bähr/Kühnel 2018, 9–38; Griesebner/Hehenberger 2013, 105–124). In beiden Feldern – Geschichtsdidaktik wie Geschichtswissenschaften – werden intersektionale Ansätze vor allem im Bereich der sozialen Ungleichheitsforschung genutzt und zumindest in den Geschichtswissenschaften besonders für die Epoche der Frühen Neuzeit oder für Themen der Geschlechterforschung und der postkolonialen Geschichte produktiv gemacht.
Das Themenheft „Intersektionalität in geschichtswissenschaftlicher und geschichtsdidaktischer Perspektive“ der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften will diesen Diskussionsstand aufgreifen und Intersektionalität als Analysedimension weiter in den Geschichtswissenschaften und der Geschichtsdidaktik etablieren. Zu diesem Zweck steht folgende Frage im Mittelpunkt:
- Welche Vor- und Nachteile ergeben sich aus der Anwendung von Intersektionalität als Untersuchungsperspektive, Methode und Theorie für die empirische geschichtswissenschaftliche und geschichtsdidaktische Forschung?
Um mit dem Themenheft eine differenzierte Debatte anzuregen, sind in erster Linie empirische Studien erwünscht. Dem multiperspektivischen Zugang entsprechend sollen möglichst verschiedene historische Epochen abgebildet werden und neben der Geschichtsdidaktik auch die außerschulische historisch-politische Bildung (z.B. in Gedenkstätten) vertreten sein. Ziel ist eine kritische Diskussion des Potenzials einer intersektionalen Perspektive für die geschichtswissenschaftliche und geschichtsdidaktische Forschung. Dem vielschichtigen Konzept Intersektionalität entsprechend suchen wir für das Themenheft Beiträge, die Intersektionalität als theoretische, methodische oder inhaltliche Perspektive in der Geschichtsdidaktik oder für historische Forschung seit der Antike nutzen. Diese sollen beispielsweise:
- empirisch fundiert Intersektionalität für die Analyse historischer Themen oder historischer Lernprozesse und Unterrichtsmodelle nutzen
- einen Schwerpunkt auf die intersektionale Kategorie race legen (z.B. Schwarze österreichische oder europäische Geschichte oder Migrationsgeschichte)
- Intersektionalität mit queerer Geschichte verbinden oder
- sozioökonomische Ungleichheiten (Klasse) untersuchen
GEMEINSAME SCHREIBWERKSTATT
Um die Einzelbeträge konzeptionell in Beziehung zu setzen und die Arbeit an den Texten zu intensivieren, treffen sich alle Beitragenden des Heftes zu einer Schreibwerkstatt. Mit dem konzentrierten Austausch im Rahmen der Schreibwerkstatt, die online stattfindet, wird die Finalisierung und Überarbeitung der Beiträge vorbereitet. Dafür ist folgender ABLAUF vorgesehen:
16. Dezember 2022
13:00–14:30 Uhr (online): Auftakttreffen
27. Januar 2023
Deadline für Einreichung der ersten Textentwürfe (35.000 bis 40.000 Zeichen inkl. Leerzeichen)
30. Januar bis 10. bzw. 17. Februar 2023
Kritische Lektüre der Beiträge durch alle Teilnehmer:innen
Zu jedem Text wird von jeweils einer/einem anderen Teilnehmer:in ein kurzer Kommentar vorbereitet
10. Februar 2023, 9:30-15:00 Uhr und 17. Februar 2023 9:30-15:00 Uhr (jeweils online)
Gemeinsame Diskussion der eingereichten Beiträge auf Basis der Kommentare
30. Juni 2023
Deadline für die fertigen Beiträge (maximal 55.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) und Vorbereitung des Review-Prozesses (double-blind).
Bitte schicken Sie dazu Ihren Vorschlag (max. 3.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) bis zum 14. Oktober 2022 an: intersektional-oezg@uibk.ac.at. Die Beiträge können in deutscher oder englischer Sprache verfasst werden. Mit der Zusendung des Abstracts erklären Sie sich bereit, an den Terminen am 16. Dezember 2022, 10. Februar 2023 und 17. Februar 2023 teilzunehmen, dazu einen Beitragsentwurf bis zum 27.01.2023 einzureichen und einen anderen Text zu kommentieren (siehe oben).
LITERATUR:
- Bähr, Matthias; Kühnel, Florian (2018): Plädoyer für eine Historische Intersektionsanalyse. In: Dies. (Hg.): Verschränkte Ungleichheit. Praktiken der Intersektionalität in der Frühen Neuzeit. Berlin: Duncker und Humblot, S. 9–38.
- Bergold-Caldwell, Denise; Löw, Christine; Thompson, Vanessa Eileen: Schwarze Feminismen – Verflochtene Vermächtnisse, Kritische Gegenwartsanalysen, emanzipatorische Horizonte. In: Femina Politica 30 (2), S. 9–22.
- Bramberger, Andrea; Kronberger, Silvia; Oberlechner, Manfred (Hg.) (2017): Bildung – Intersektionalität – Geschlecht. Innsbruck: StudienVerlag.
- Collins, Patricia Hill; Chepp, Valerie (2013): Intersectionality. In: Waylen, Georgina et al. (Hg.): The Oxford Handbook of Gender and Politics, S. 58–87.
- Crenshaw, Kimberlé (1989): Demarginalizing the Intersection of Race and Sex. A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine. In: The University of Chicago Legal Forum 140, p. 139–167.
- Griesebner, Andrea; Hehenberger, Susanne (2013): Intersektionalität. Ein brauchbares Konzept für die Geschichtswissenschaft? In: Kallenberg, Vera et al. (Hg.): Intersectionality und Kritik. Neue Perspektiven für alte Fragen. Wiesbaden: Springer VS, S. 105–124.
- Kallenberg, Vera; Meyer, Jennifer; Müller, Johanna M. (Hg.) (2013): Intersectionality und Kritik. Neue Perspektiven für alte Fragen. Wiesbaden: Springer VS.
- Rein, Angela; Riegel, Christine (2016): Heterogenität, Diversität, Intersektionalität. Probleme der Vermittlung und Perspektiven der Kritik. In: Zipperle, Mirjana et al. (Hg.): Vermitteln. Eine Aufgabe von Theorie und Praxis Sozialer Arbeit. Wiesbaden: Springer VS, S. 67–84.