Emotionen im Krieg – Krieg der Emotionen

Emotionen im Krieg – Krieg der Emotionen

Veranstalter
Universität Hamburg, Forschungsgruppe "Gewalt-Zeiten"
Veranstaltungsort
Universität Hamburg, Überseering 35 #5
PLZ
22297
Ort
Hamburg
Land
Deutschland
Vom - Bis
23.03.2023 - 24.03.2023
Deadline
15.11.2022
Von
Franziska Quaas, Forschungsgruppe "Gewalt-Zeiten", Universität Hamburg

Welche Bedeutung haben Emotionen für die Ausgestaltung kriegerischer Konflikte und der in ihnen zum Tragen kommenden Gewaltpraktiken? Wie sind die in den Quellen vorgenommenen Darstellungen von Emotionen in Kriegen historisch zu kontextualisieren? Die geplante Konferenz soll neue Perspektiven auf ein wenig erforschtes Gebiet der vormodernen Militärgeschichte eröffnen.

Emotionen im Krieg – Krieg der Emotionen

Welche Bedeutung haben Emotionen für die Ausgestaltung kriegerischer Konflikte und der in ihnen zum Tragen kommenden Gewaltpraktiken? Diese Frage hat die militärgeschichtliche Forschung lange Zeit nur wenig interessiert. Erst durch ihre Öffnung für kulturgeschichtliche und anthropologische Fragestellungen hat sie den Wechselwirkungen zwischen Krieg und Emotionen eine erhöhte Relevanz zugeschrieben. Seither gab es in Anlehnung an John Keegans Forschungen[1], der die Perspektive der einzelnen, direkt am kriegerischen Geschehen beteiligten Kombattanten in den Blick nahm, immer wieder Ansätze, die Gefühlswelten historischer Akteure in Gewaltgeschehen zu ergründen. Hierzu zählen beispielsweise Arbeiten, die, Jonathan Shays Studien zum PTSD-Syndrom[2] folgend, Nachweise darüber zu erbringen versuchen, dass Krieger vormoderner militärischer Auseinandersetzungen ähnlichen Emotionen ausgesetzt gewesen sind wie Soldaten moderner Kriege.

Doch Zugriffe dieser Art greifen in mehrfacher Hinsicht zu kurz. Nicht nur widersprechen sie dem aktuellen Forschungskonsens, dass die Erfahrung und der Ausdruck von Emotionen ebenso wie die Ausübung und das Erleiden von Gewalt grundsätzlich einer kulturellen und historischen Bedingtheit unterliegen. Vielmehr scheint das Problem auch darin zu liegen, dass sie von einer grundsätzlichen Zugänglichkeit der „tatsächlich“ von den Akteuren erfahrenen Emotionen ausgehen. Aber trifft diese Annahme zu? Oder sollten wir unser Augenmerk eher darauf richten, die in den überlieferten Quellen vorgenommenen Darstellungsweisen von Emotionen historisch zu kontextualisieren und politisch-militärische Strategien, die mit Emotionen arbeiteten, freizulegen?

Mit diesem Workshop verfolgen wir mithin ein doppeltes Ziel: Einerseits wollen wir die Bedeutung ausloten, die Emotionen für die Dynamiken des Kriegsgeschehens in den Narrativen der Quellen zugeschrieben werden. Andererseits wollen wir danach fragen, wie Emotionen als gezielte Strategie der Kriegführung eingesetzt wurden.

Wie wurden plötzliche Überraschungsangriffe, langwährende Belagerungen, Verstümmelungen von lebenden und toten Körpern sowie andere Formen exzessiver Gewalt dazu genutzt, um eine (emotionale) Überrumpelung, allmähliche Zermürbung oder Abschreckung der Gegner zu erzielen? Wie haben sich diese Praktiken dabei auf die Gefühlswelt der beteiligten historischen Akteure ausgewirkt? Oder sind die in unseren Quellen vorhandenen Erzählmuster in erster Linie topischen Charakters, die Gegner zu diffamieren oder die eigene Niederlage zu exkulpieren suchten? Daran anknüpfend stellen sich Fragen nach der Bedeutung von Emotionen für das nachträgliche kollektive Bewältigen und Erinnern von Gewalthandlungen. Erlittenes wie auch begangenes exzessives Gewalthandeln konnte gesellschaftlich wie politisch auf ganz unterschiedlichen Wegen verarbeitet werden. Schließlich ist danach zu fragen, ob und inwiefern die Art und Weise, wie Emotionen in den Quellen thematisiert und dargestellt wurden, bestimmten stilistischen und ästhetischen Vorstellungen unterlagen und wie sich diese im Laufe der Zeit wandelten.

Der geplante Workshop richtet sich an Promovierende und Postdocs aus den vormodernen Epochen und benachbarten Disziplinen. Wir begrüßen sowohl Fallstudien als auch konzeptionelle Beiträge, die sich mit einem der folgenden Aspekte oder verwandten Themen beschäftigen:

- Attribuierung und Tabuisierung von Emotionen: Welche Differenzierungen zwischen verschiedenen Akteuren und verschiedenen Personengruppen werden vorgenommen? Inwieweit werden deren Emotionen dabei als legitim oder illegitim dargestellt?
- Emotionen als Form der Bewältigung von Kriegserfahrungen: Wie wird mit Siegen oder Niederlagen umgegangen? Wie wird exzessive Gewalt auf Täter- und Opferseite erinnert?
- Narrative Darstellung von Emotionen im Krieg: Welche Emotionen vor, während und nach den militärischen Auseinandersetzungen werden den beteiligten Akteuren in der zeitgenössischen Historiographie, Literatur und Kunst zugeschrieben – und aus welchen Gründen?
- Ästhetische Diskurse zur Darstellung von Emotionen im Krieg: Welche Strategien der historiographischen, literarischen und künstlerischen Thematisierung von Emotionen werden aus welchen Gründen verfolgt? Welche Debatten über Ästhetik und Nutzen der Darstellung werden dabei geführt?
- Emotionen als Ressource: Inwieweit werden Emotionen als gezielte Strategie der Kriegführung eingesetzt? Welche Funktionen erfüllen Emotionen für die Initiierung und Aufrechterhaltung der Kampfbereitschaft?

Bitte reichen Sie bis zum 15. November 2022 Vorschläge im Umfang von max. 300 Wörtern für 20-minütige deutsch- oder englischsprachige Beiträge bei Franziska Quaas (franziska.quaas@uni-hamburg.de) und Theresia Raum (theresia.raum@uni-hamburg.de) ein. Eine Übernahme der Reise- und Übernachtungskosten ist (vorbehaltlich der Mittelbewilligung) vorgesehen. Zudem ist eine Publikation der Tagungsbeiträge geplant.

Anmerkungen:
[1] John Keegan: The Face of Battle, London 1976; vgl. Philip Sabin: The Face of the Roman Battle, Journal of Roman Studies 90 (2000), S. 1–17.
[2] Jonathan Shay: Achilles in Vietnam. Combat Trauma and the Undoing of Character, New York 1995; vgl. Stefan Chrissanthos: Aeneas in Iraq. Comparing the Roman and Modern Battle Experience. In: Michael B. Cosmopoulos (Hrsg.): Experiencing War. Trauma and Society in Greece and Today, Chicago 2007, S. 225–257; vgl. Aislinn Melchior: Caesar in Vietnam: Did Roman Soldiers Suffer From Post-Traumatic Stress Disorder? Greece & Rome 58 (2011), S. 209–223; vgl. Lawrence A. Trittle: From Melos to My Lai. War and survival, London 2000.

Emotions in War – War of Emotions

What significance do emotions have for the shaping of warlike conflicts and the violent practices that came into play in them? For a long time, military history research has only marginally addressed this question. Only by opening up to questions of cultural history and anthropology has it attributed increased relevance to the interactions between war and emotions. Following John Keegan’s research[1], which focused on the perspective of the individual combatants directly involved in the war, attempts have since been made repeatedly to examine the emotional worlds of historical actors in violent events. These include, for example, works that, following Jonathan Shay’s studies on the PTSD-syndrome[2], intend to provide evidence that warriors of pre-modern military conflicts have been exposed to similar emotions as soldiers of modern wars.

Approaches of this kind fall short in several respects. Not only do they contradict the current research consensus that the experience and expression of emotions as well as the exertion and suffering of violence are fundamentally subject to cultural and historical conditionality. Rather, the problem also seems to lie in the fact that they assume a general accessibility of the emotions “actually” experienced by the actors. But is this assumption justified? Or should we rather focus our attention on historically contextualising the ways emotions are represented in the surviving sources and uncovering political and military strategies that worked with emotions?

In this conference we pursue a twofold goal: On the one hand, we aim to explore more precisely the significance attributed to emotions for the dynamics of warfare in the narratives of our sources. On the other hand, we want to ask how emotions were used as a deliberate strategy of warfare.

How were sudden surprise assaults, prolonged sieges, mutilations of living and dead bodies and other forms of excessive violence used to achieve an (emotional) overpowering, gradual wearing down or deterrence of the opponents? How did these practices affect the emotional world of the historical actors involved? Or are the narrative patterns present in our sources primarily topical in character, which sought to defame the enemy and or exculpate their own defeat? This raises questions about the significance of emotions for the subsequent collective coping with and remembering of acts of violence. Excessive violence, both suffered and committed, could be processed socially and politically in very different ways. Finally, it can be asked whether and to what extent the way emotions were thematised and depicted in the sources was subject to certain stylistic and aesthetic idea(l)s and how these changed over time.

The planned conference is addressed to PhD students and postdocs from the pre-modern eras and related disciplines. We welcome both case studies and conceptual contributions dealing with any of the following aspects or related topics:

- Attribution and tabooing of emotions: What differentiations are made between different actors and different groups of people? To what extent are their emotions thereby presented as legitimate or illegitimate?
- Emotions as a form of coping with experiences of war: How are victories or defeats dealt with? How is excessive violence remembered on the perpetrator and victim side?
- Narrative representation of emotions in war: Which emotions before, during and after military conflicts are ascribed to the participating actors in contemporary historiography, literature and art, and for what reasons?
- Aesthetic discourses on the representation of emotions in war: Which strategies of historiographical, literary, and artistic thematisation of emotions in military conflicts are pursued and for what reasons? What debates about aesthetics and the usefulness of the representation are conducted in this process?
- Emotions as a resource: To what extent are emotions used as a deliberate strategy of warfare? What functions do emotions fulfil for the initiation and maintenance of fighting spirit?

Please submit proposals of max. 300 words for 20-minute contributions in German or English to Franziska Quaas (franziska.quaas@uni-hamburg.de) and Theresia Raum (theresia.raum@uni-hamburg.de) by 15th of November 2022. Travel and accommodation costs are to be covered in the case that the funds are approved. In addition, a publication of the conference contributions is planned.

Notes:
[1] John Keegan: The Face of Battle, London 1976; vgl. Philip Sabin: The Face of the Roman Battle, Journal of Roman Studies 90 (2000), S. 1–17.
[2] Jonathan Shay: Achilles in Vietnam. Combat Trauma and the Undoing of Character, New York 1995; vgl. Stefan Chrissanthos: Aeneas in Iraq. Comparing the Roman and Modern Battle Experience. In: Michael B. Cosmopoulos (Ed.): Experiencing War. Trauma and Society in Greece and Today, Chicago 2007, S. 225–257; vgl. Aislinn Melchior: Caesar in Vietnam: Did Roman Soldiers Suffer From Post-Traumatic Stress Disorder? Greece & Rome 58 (2011), S. 209–223; vgl. Lawrence A. Trittle: From Melos to My Lai. War and survival, London 2000.

Kontakt

Franziska Quaas, M.A.
Forschungsgruppe „Gewalt-Zeiten“
Universität Hamburg
Überseering 35 #5, Ostflügel, Raum 02043
22297 Hamburg
E-Mail: franziska.quaas@uni-hamburg.de
Tel.: +49 40 42838 2581

Dr. Theresia Raum
Forschungsgruppe „Gewalt-Zeiten“
Universität Hamburg
Überseering 35 #5, Ostflügel, Raum 02040
22297 Hamburg
E-Mail: theresia.raum@uni-hamburg.de
Tel.: +49 40 42838 4872

https://www.geschichte.uni-hamburg.de/forschung/forschungsprojekt-gewalt-zeiten/forschungsgruppe-gewalt-zeiten.html