Utopische Körper

Utopische Körper

Veranstalter
Graduiertenkolleg 'Körper-Inszenierungen' der FU Berlin in Kooperation mit der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Ort
Berlin
Land
Deutschland
Vom - Bis
23.05.2003 - 25.05.2003
Deadline
15.11.2002
Von
Graduiertenkolleg Körper-Inszenierungen

Utopische Körper

Call for papers für Tagung an der Volksbühne am 23-25. Mai 2003
veranstaltet vom Graduiertenkolleg 'Körper-Inszenierungen' der FU Berlin
in Kooperation mit der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

Utopia als Nichtort widerspricht der Kategorie des Körpers - bezeichnet die Utopie doch eine Gegenwelt im Nirgendwo, der Körper hingegen einen Ort, den wir durch unsere eigene Erfahrung in der Welt für vertraut halten. Gemeinsam scheint beiden nur zu sein, daß es mit ihnen zu Ende geht. Angesichts realer Dystopien des 20. Jahrhunderts geriet das politische utopische Denken zunehmend außer Kurs. Dem seit 1989 immer lauter ausgerufenen "Ende der Utopien" läßt sich die Rede vom Verschwinden des Körpers zur Seite stellen. Zugleich melden sich in der Debatte über den "Posthumanismus" Stimmen, deren utopischer Grundton unüberhörbar ist: Im Cyberbody wird die Überwindung des antiquierten Psychobody gesehen. In diesen Auseinandersetzungen wird aber deutlich, in welchem Maße Zukunftstechnologien - von der Virtualisierung bis zur Biotechnologie - am Körper ausgetragen werden. Die Utopie besetzt den Körper als ihren Ort. Abseits technologischer Zukunftsvisionen zeugen gegenwärtige Gesellschaftspraxen längst vom Einwandern der Utopie in den Körper. War das Kriterium der Utopie bislang ihre Unrealisierbarkeit, so konkretisieren sich utopische Körper in kosmetischen, pharmazeutischen und chirurgischen Zugriffen. Oder sind Körperutopien im Zeitalter ihrer Virtualisierung und Visualisierung in Bildmedien und bildgebenden Verfahren vor allem Körperbilder? Wie ging die Vorstellung von der Perfektibilität des Menschen auch historisch mit der Planung perfektionierter Körper einher? Welche Rolle spielt der Körper in Heterotopien von der Phalanstère über Geheimgesellschaften bis hin zu Projekten gemeinschaftlichen Lebens, in denen Utopien im "Kleinen" realisiert werden? Welche Wechselwirkungen bestehen etwa zwischen den Vorstellungen von Körperfunktionen und der Erforschung von Arbeits- und Lebensabläufen (Arbeitsökonomien, Architekturen, Ergonomik, Biorhythmen)? Mit den folgenden Schwerpunkte möchte die Tagung das Verhältnis von Körper und Utopie untersuchen:

* Aufrüstungen des Körpers in Form von Spitzensport, Fitness und Wellness basieren insofern auf einer utopischen Struktur, als die Körper immer noch schneller, stärker schöner oder schlanker werden müssen. Folgen die Körperpraktiken in Hochleistungsdoping, Risiko- und Extremsport sowie der Fitness-Bewegung einer vermeintlich individuellen Utopie, die obsolet gewordene gesamtgesellschaftliche Entwürfe ersetzt? Ist die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Körper oder der Anschein einer solchen entscheidend ? Welche Bedeutung kann in Zukunft ein Körper haben, der nicht durch sportliches Training zugerichtet ist?

* In keinem Bereich scheint der neue Mensch so machbar wie in der Biotechnologie. Dabei reagieren ihre Versprechungen nicht nur auf vermeintliche Leerstellen medizinischer Forschung, sondern speisen sich immer auch aus utopischen Wunschvorstellungen, die sich häufig von konkreten Problemen gelöst haben. Welche utopischen Körperbilder und gesellschaftlichen Entwürfe stehen hinter den medizinischen Heilsversprechen der Biotechnologie?

* In "theoretical fictions", dem Konvergenzraum wissenschaftlicher Projektionsfelder und ästhetischer Inszenierungen des Künftigen, wird indirekt am Utopischen gearbeitet. Existieren neben einer Vorherrschaft des Dystopischen (etwa der Cyberpunk im Science Fiction) und eines an szientistischen Imaginationen orientierten "Posthumanismus" kulturelle Spielräume lebendiger Körperlichkeit? Tragen ästhetische und theoretische Körperinszenierungen gerade durch den Kontakt mit Dystopie und Technologie Momente einer "kritischen Utopie" in sich?

* Ästhetische Gegenwelten antizipieren technologische und wissenschaftliche Errungenschaften, exponieren ihren utopischen Gehalt und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen. Welchen künstlerischen Entwürfen gelingt es, sich den "mythopischen" Körper- und Lebensverbesserungsangeboten zu widersetzen und welche schöpfen immer neue Moden, aus denen die Werbeindustrie ihr nächstes Branding speisen kann?

* Erstaunlicherweise ist die Utopie des Urlaubs - samt ihrer omnipräsenten Bilderwelten - die alltäglichste und gleichzeitig am wenigsten erforschte. Warum setzt das Glücksversprechen der unbegrenzten Freiheit alljährlich 600 Millionen Menschen in Bewegung, die sich paradoxerweise am Ort des Heils einem körperdisziplinierenden 'Urlaubsfaschismus' unterwerfen? Welche Praktiken werden während des "learning to be a tourist" entwickelt , um den Körper für den Alltag leistungsbereit zu halten, und inwiefern liefern die imaginären "landscapes and mindscapes" der Künste den Urlaubsparadiesen ihre Vorbilder?

* Der pornographische Körper ist nicht nur durch seine Verortung im Imaginären , sondern auch durch die an ihm ausgetragene, nicht stillzustellende Lust an der Wahrheit der Sexualität mit dem Begriff des Utopischen verknüpft. Wie hängt das Utopische, das sich im Gegensatz zu religiösen, eschatologischen Vorstellungen durchaus im Diesseitigen verortet, aber doch wesentlich unwirklicher Raum bleibt, zusammen mit der prekären Dialektik von Authentizität und Inszenierung im pornographischen Genre?

Abstracts (300 Wörter) für Vorträge (20 min) können bis zum 15. November 2002 an folgende Adresse geschickt werden: utopische-koerper@gmx.net

Utopian bodies
Conference organized by the Graduiertenkolleg "Körperinszenierungen" (FU
Berlin) In cooperation with the Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
23-25 May 2003

Utopia and the body seem to be contradictory categories: whereas utopia means a place that is literally nowhere, the body is marked by its physical presence. The only thing both concepts appear to share is that they are said to have come to an end. Due to the 20th century's real dystopias political utopian thinking has lost its impact. The "end of utopia", proclaimed even more fervently since 1989, is paralleled by the notion of the "posthuman" disappearance of the body. Yet the very debate about posthumanism is charged with a certain utopian undertone: a superior cyberbody is held to supersede an outdated psychobody. This discussion indicates to what extent future technologies - ranging from the virtual world to biotechnology - seize upon and affect the body. Utopia claims the body as its place. Apart from technological dreams of the future, present social practice gives evidence of a utopian occupation of the body. Whereas utopias have commonly been distinguished by their non-existence in the real world, utopian bodies are now actually realized by means of cosmetic, pharmaceutical and surgical intervention. Or are these "real" utopian bodies, propagated in the age of virtualization and visual media, invented only as objects of visions - imaginary bodies in the truest sense? Was the notion of man's perfectibility also historically linked with the planning of perfect bodies? How did utopian projects in the past, be they literary, political or practical, work on the body and in what way are present body-utopias influenced by their predecessors? How do concepts of bodily functions and research on working and living processes (labour economy, architecture, ergonomics, biorhythms) interact? The conference will examine the interrelations of utopian imagination and the body in various fields. Our points of interest include manipulations of the body in sports and wellness, the utopian energy at work in the discourse in biotechnology and in theoretical fictions, the image of the body in science fiction literature, the utopia of authenticity in the staging of the pornographic body and mass tourism as the new form of a collective utopia.

Abstracts of about 300 words for 20min presentations may be submitted by 15 November 2002 to: utopische-koerper@gmx.net

Programm