Ankündigung/call for paper
Irritation Ostdeutschland? Geschlechterverhältnisse in Deutschland im 13. Jahr nach der Wende
Tagung der Rosa-Luxemburg-Stiftung vom 16.-18. Oktober 2003 in Berlin
Im 13. Jahr nach der Wende stellt sich Ostdeutschland als eine Gemengelage zwischen Anpassung an das sich wandelnde westliche Gesellschaftsmodell und eigenlogischer Aneignung dar. Diese ostdeutsche Spezifik könnte Folie und - möglicherweise irritierender - Ausgangspunkt für Fragen sein, die sich westlichen Gesellschaften heute überhaupt stellen. Dies interessiert auf der geplanten Tagung insbesondere im Hinblick auf die Geschlechterverhältnisse. So müssen in Ostdeutschland Frauen und Männer, die Erwerbsarbeit als Kern ihrer Selbstdefinition begriffen, das Verhältnis von Arbeit und Leben neu gestalten. Welche geschlechterspezifisch unterschiedlichen Strategien entwickeln sie, um unter diesen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben? Welches "Geschlecht" hat die Ich-AG?
Einige Phänomene, die typisch für das Geschlechterverhältnis der DDR waren, wie etwa die hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen sowie die Inanspruchnahme öffentlicher Kinderbetreuung, haben weiter Bestand. Andere Trends bedürfen der Interpretation: So gibt es in den neuen Bundesländern weniger Singlehaushalte und über 40 % der Kinder werden außerhalb der Ehe geboren (in Westdeutschland ca. 10 %). Welche Vorstellungen von Arbeits- und Lebensarrangements stehen hinter diesen Phänomenen?
Der Institutionentransfer von West nach Ost hat nicht zu einer linearen Aneignung von Werten und Haltungen geführt, statt dessen konstituiert sich situativ und mit durchaus unterschiedlichen Inhalten so etwas wie eine "ostdeutsche Identität". Wo wird diese zur Alltagsstrategie? Auf welche Geschlechterbilder verweist sie? Und wie verhält sie sich zu anderen Identitätszuweisungen (z.B. ethnische Herkunft)? Welche politischen Identitäten haben sich herauskristallisiert, welche kulturellen Leitbilder?
Inwieweit passen die transferierten westdeutschen Gleichstellungsinstrumentarien (Gleichstellungsbeauftragte, Frauenbeauftragte) zu den Bedingungen und den AkteurInnen in Ostdeutschland? Und letztlich: Wie sind diese Fragen vor dem Hintergrund einer Öffnung nach Osteuropa und im Vergleich zu anderen Transformationsgesellschaften zu diskutieren?
Auf der von der Rosa Luxemburg Stiftung und dem Arbeitskreis "Transformationen in Ost und West" organisierten Tagung, die sich ausdrücklich nicht nur an ein akademisches Publikum, sondern an der Thematik Interessierte wendet, soll diesen und weiteren Entwicklungen nachgegangen werden. Erbeten werden Vorschläge für Referate, aber auch für Workshops, die eine Bestandsaufnahme vornehmen, die konstatierten Phänomene interpretieren, aber auch Zukunftsszenarien entwerfen. Unser Wunsch ist es, dass diese Fragen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden: von Frauen und Männern, PraktikerInnen und WissenschaftlerInnen, Ost- und Westdeutschen, West- und OsteuropäerInnen, Alten und Jungen etc..
Kurze Abstracts (ca. 1 Seite) für Vorträge und Workshops, aber auch Kommentare sind bitte bis zum 10. April 2003 zu senden an:
Dr. Eva Schäfer: schäfer@rosaluxemburgstiftung.de
Referentin Geschlechterverhältnisse
Rosa-Luxemburg-Stiftung
Franz-Mehring-Platz 1
10243 Berlin
Tel. 030/ 44310-163
Fax: 030/ 44310-222
Die Initiatorinnen der Tagung sind:
Ina Dietzsch (Kulturwissenschaftlerin, Berlin), Petra Drauschke (Sozialwissenschaftlerin, Berlin), Ursula Frübis (Sozialwissenschaftlerin, Freie Universität Berlin), Christina Klenner (Ökonomin, Düsseldorf), Iris Peinl (Soziologin, Humboldt-Universität Berlin), Virginia Penrose (Politikwissenschaftlerin, Berlin), Sylka Scholz (Soziologin, Berlin), Susanne Völker (Soziologin, Universität Potsdam), Eva Schäfer (Referentin, Rosa-Luxemburg-Stiftung)