Geschichtswissenschaft und Buchhandel in der Krisenspirale

Geschichtswissenschaft und Buchhandel in der Krisenspirale

Veranstalter
Deutsches Historisches Institut, London; Universität Trier
Veranstaltungsort
Studienzentrum Karl-Marx-Haus
Ort
Trier
Land
Deutschland
Vom - Bis
05.03.2004 - 06.03.2004
Deadline
30.01.2004
Von
Dr. Olaf Blaschke

Das Deutsche Historische Institut London veranstaltet am 5./6. März 2004 eine Tagung in Trier zum Thema

Geschichtswissenschaft und Buchhandel in der Krisenspirale?
Eine Inspektion des Feldes im deutsch-britischen Vergleich

Zur immer lauter werdende Klage über die “Krise” im Verlagswesen - auf der letzten Frankfurter Buchmesse kaum zu überhören - gesellt sich die institutionelle und inhaltliche “Krise” der Geschichtswissenschaft - zuletzt von prominenter Stelle auf dem Deutschen Historikertag beschworen sowie soeben in der Historischen Zeitschrift. Wenn beide Krisendiagnosen zuträfen, befände sich das geschichtswissenschaftliche Buch in einer alarmierenden Krisenspirale, die auch Autoren und Lesende mitreißen würde.

Tatsächlich nimmt der Druck auf das wissenschaftliche Verlagswesen von allen Seiten dramatisch zu. Vor sich blickt es in ein Tal schrumpfender Märkte und zurückhaltender Konsumenten. Daneben klafft das finanzielle Loch drastisch gekürzter öffentlicher und Drittmittel (für Druckkostenzuschüsse, Bibliotheksetats). Auf der anderen Seite setzen die neuen Medien, aber auch die Europäisierung und Globalisierung die Branche unter Handlungsdruck (die Debatte über die Buchpreisbindung, das im April 2003 verabschiedete Gesetz zur Regelung des Urheberrechts in der Informationsgesellschaft, internationale Medienkonzerne). Im Rücken schließlich drängelt eine wachsende Schar hoffnungsvoller Autoren von einem ansteigenden Berg von Texten herunter, Texte, die sie unter dem Diktat von “publish or perish” produziert haben und nun angemessen veröffentlicht sehen wollen, darunter inzwischen immer mehr Magisterarbeiten.

Diese Transformationsprozesse können die Geschichtswissenschaft nicht unberührt lassen. Läßt sich tatsächlich von einer katastrophalen Lage im Buchhandel sprechen - oder muß man der “Jammerbranche” (Die Zeit, 2002) vorhalten, daß sie auch frühere Herausforderungen, etwa die audiovisuellen Massenmedien oder verschiedene Markteinbrüche seit den 1970er Jahren, trotz aller Klagen gut gemeistert hat? Immerhin verkaufen sich Bücher über Geschichte seit Jahren relativ gut, besonders augenfällig solche, die TV-Dokumentationen flankieren oder die Vergangenheit (“der” Deutschen, “der” Kirche etc.) re-skandalisieren. Was aber, wenn der Boom oft fragwürdiger Bestseller auf Kosten solider geschichtswissenschaftlicher Arbeiten in traditionsreichen Fachbuchverlagen geschieht? Angesichts dessen wird die Chance von Klein- und Dissertationsverlagen mit Sorge betrachtet, sehen Spezialstudien, Qualifikationsarbeiten, Sammelbände, Festschriften, kostspielige Editionsreihen oder Fachzeitschriften einer ungewissen Zukunft entgegen.

Doch die Beobachtungen sind ambivalent: Einerseits scheinen die Märkte für Sachbuch und Fachliteratur, trade books und scholarly books, friedlich nebeneinander zu koexistieren. Andererseits streben mehr und mehr Wissenschaftsverlage und -autoren in das Segment der publikumsnahen Sachbücher. Einerseits wird der Spielraum des Marktes immer enger. Andererseits wird immer mehr veröffentlicht, werden die einzelnen Publikationslisten länger und länger, da Qualität zunehmend durch Quantität verdrängt wird, was wiederum dazu führt, daß auch in den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften der Stellenwert der Monographie zugunsten von Aufsätzen und kleineren Beiträgen sinkt. Sucht man nach Erklärungen, müssen dabei Mechanismen innerhalb des Historikerfeldes - Prämien für Quantität, Zitationsindex, Berufungsverhandlungen - von systemexternen Einflüssen wie Mittelzuweisungen für produktive Fakultäten, leistungsbezogene Besoldung aufgrund des “impact factor” und das grassierende Universitätsranking nach anglo-amerikanischem Muster unterschieden werden. Mit welchen Strategien reagieren Autoren und Verleger auf diese Entwicklungen?

Kurz: Welche Tendenzen und Perspektiven lassen sich mit dem nüchternen Blick historisch geschulter und verlegerisch erfahrener Beobachter tatsächlich beschreiben? Welcher Steuerungsspielraum bleibt Verlegern, Lektoren und Historikern, um darauf zu reagieren?

Unter dem Dach dieser Fragen diskutieren BuchwissenschaftlerInnen, HistorikerInnen und VerlegerInnen zeitgeschichtliche und aktuelle Probleme im Kräftefeld zwischen Geschichtsschreibung und Verlagswesen. Die Konferenz beschränkt sich nicht auf deutsche Verhältnisse, sondern bezieht den Vergleich mit anglo-amerikanischen Entwicklungsmustern mit ein. Denn erstens greifen viele Tendenzen, die sich dort anbahnen, mit Verzögerung oft auch auf Deutschland über. Zweitens lassen sich mit Deutschland und Großbritannien idealtypisch zwei Fälle unterscheiden, deren Vergleich den Blick für unterschiedliche Problemkonstellationen schärft: Während die deutsche “Historikerzunft” als abgeschlossener gilt, wirkt die spät professionalisierte britische Tradition stärker inklusiv, gut schreibende Amateure werden dort nicht von vorne herein ausgegrenzt. Deutsche Historiker stritten gerne entlang bestimmter Schulen, in England dagegen ist die Geschichtsschreibung individualisierter. Hier schreiben Berufshistoriker bevorzugt für Berufskollegen, dort versuchen Historiker, mit stilvollen Erzählungen eine breite Leserschaft auf dem riesigen englischsprachigen Buchmarkt zu erreichen, dabei durchaus an einem Autorenhonorar nicht uninteressiert. Inzwischen erhöhen Literaturagenten die Preise, ein Phänomen, das auf dem deutschen Wissenschaftsmarkt erst in den Kinderschuhen steckt.

Welche Effekte übt diese engere Koppelung von Wissenschaft und Markt auf die Autonomie der Geschichtswissenschaft aus? Drei Szenarien sind möglich: Es droht, daß die Popularisierung von Geschichte zu einer Herabsetzung wissenschaftlicher Standards führt. Umgekehrt könnte argumentiert werden, daß sich nunmehr ein hohes wissenschaftliches Niveau auch auf dem Medienmarkt einem breiter gebildeten Publikum vermitteln läßt. Schließlich könnte es sein, daß die Kluft zwischen zwei Klassen von Historikern weiter aufreißt: zwischen denen, die einen breiten Markt bedienen können und denen, die mit ihren Spezialuntersuchungen ausschließlich ein jeweils schrumpfendes Segment von Fachspezialisten ansprechen. Was und wie Historiker und Historikerinnen schreiben, auch wo und für wen sie veröffentlichen, hängt nicht ausschließlich von rein wissenschaftsinternen Kriterien ab. Kreative Verleger haben stets Forschungsimpulse gesetzt und selber Buchreihen initiiert, um damit bestimmten Richtungen ein Profil zu verliehen und Subdisziplinen zu fördern. Wurde die Macht dieser “gatekeeper” bislang unterschätzt? Diese Zusammenhänge und die Möglichkeiten, als Verleger und Wissenschaftler mit den neuen Herausforderungen in der “Wissensgesellschaft” umzugehen, stehen im Zentrum der geplanten Tagung.

Die Kosten werden vom DHIL übernommen.

Interessenten werden gebeten, bis spätestens zum 30. Januar ein - in Anbetracht der kurzen Frist - einseitiges Expose an Olaf Blaschke zu schicken. Da einige britische Historiker und Verleger ihre Zusage in den letzten Tagen zurückgezogen haben, würden wir Beiträge mit internationaler Perspektive besonders begrüßen.

Dr. Olaf Blaschke
FB III Neuere und Neueste Geschichte
Universität Trier
54286 Trier

Programm

Tagungsprogramm
Geschichtswissenschaft und Buchhandel in der Krisenspirale?
Eine Inspektion des Feldes im deutsch-britischen Vergleich:
Tagung des DHIL mit der Universität Trier, 5./6. März 2003, Trier

(mit vorläufigen Titeln)

Prof. Dr. Hagen Schulze (DHI London) /Dr. Olaf Blaschke (Universität Trier)
Begrüßung

Alexandra Fritzsch (Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft, Univ. Leipzig)
Wissenschaftsverlage im Deutschen Kaiserreich

Prof. Dr. Winfried Schulze (Universität München)
Der Beitrag des Verlagswesens zur Re-Institutionalisierung der Geschichtswissenschaft in Deutschland nach 1945

Prof. Dr. Christoph Cornelißen (Universität Kiel)
Ein “Erfolgsautor” und seine Verleger: Das Beispiel des Historikers Gerhard Ritter

Dr. Olaf Blaschke (Universität Trier)
Geschichtspublikationen in Deutschland und England seit 1945: Probleme des Vergleichs, Tendenzen und offene Fragen

Prof. Dr. Lutz Raphael (Universität Trier)
Die nouvelle histoire und der Buchmarkt in Frankreich

Prof. Dr. Hans Altenhein (Historische Kommission des Börsenverein, Bickenbach)
Der Börsenverein als geschichtswissenschaftliches Verlagsunternehmen zwischen 1953 und 2003

Dr. Wulf D. von Lucius (Lucius Verlag, Stuttgart)
Verlagstypen und Verleger, gestern, heute, morgen

PD Dr. Andreas Fahrmeir (Universität Frankfurt)
Umschlaggestaltung und Vermarktung: Der Unterschied zwischen 'speziellen Monographien' und Bestsellern

Adam Freudenheim (Yale UP, London)
The commissioning of books at Yale University Press

Dr. Walter H. Pehle (Fischer TBV, Frankfurt)
Erfahrungen mit der “schwarzen” Reihe zum Nationalsozialismus und der “Europäischen Geschichte” (Kalkulation, Verlagsrecht, Urheberrecht)

Prof. Dr. Dietrich Kerlen (Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft, Univ. Leipzig)
Die Allgegenwart des Rechenstiftes. Zur Ökonomie von Wissenschaftsbüchern

Dr. Martin Rethmeier (Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen)
Perspektiven des Wissenschaftsverlages. Gibt es noch einen Markt für Geschichtswissenschaft?

Weitere Teilnehmer:

Dr. Lothar Kettenacker (DHI London)
Prof. Dr. Richard Bessel (University of York)
Prof. Dr. Ernst Schulin (Universität Freiburg)
Jürgen-Matthias Springer (Peter Lang Verlag, Frankfurt)
Dr. Detlef Felken (C.H. Beck Verlag, München)
Prof. Dr. Gangolf Hübinger (Universität Frankfurt/O.)
Dr. Gabriele Lingelbach (Universität Trier)
Prof. Dr. Peter Weingart (Universität Bielefeld)
Prof. Dr. Joachim Fest (Berlin)

Kontakt

Dr. Olaf Blaschke
Universität Trier
blaschke@uni-trier.de


Redaktion
Veröffentlicht am
10.01.2004
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