Revolutionsmedien - Medienrevolutionen

Revolutionsmedien - Medienrevolutionen

Veranstalter
SFB / KFK 485 "Norm und Symbol. Die kulturelle Dimension sozialer und politischer Integration"
Veranstaltungsort
Konstanz
Ort
Konstanz
Land
Deutschland
Vom - Bis
25.05.2005 - 27.05.2005
Deadline
15.01.2005
Von
Marcus Sandl

Call for Papers "Revolutionsmedien – Medienrevolutionen"

Interdisziplinäre Tagung Geschichte und Medienwissenschaften an der Universität Konstanz
25.-27. Mai 2005

Tagungsleitung: Kay Kirchmann, Rudolf Schlögl, Sven Grampp, Eva Wiebel, Marcus Sandl

Kaum eine historische Figuration verdeutlicht das konstitutive Wechselspiel zwischen Historie und Medialität derart eindrücklich wie die neuzeitliche Revolution. Politisch-soziale, wissenschaftliche und kulturelle Umwälzungen in der neuzeitlichen Geschichte lassen sich als komplexe Kommunikationsprozesse beschreiben, in welchen situationsbezogene Wahrnehmungs- und Handlungsordnungen generiert und historischer Sinn prozessiert wurden. Den historisch je virulenten und infrastrukturell etablierten Distributions-, Kommunikations- und Repräsentationsmedien kommt hierbei eine konstitutive Rolle zu, die erst allmählich in das Bewusstsein der historiographischen Forschung zu rücken beginnt.

Das Spektrum der mit dem Tagungsthema angesprochenen Transformationsprozesse reicht von der Reformation über die verschiedenen wissenschaftlichen Revolutionen der Neuzeit bis hin zu den politischen Umwälzungen seit dem späten 18. Jahrhundert. In den Blick genommen werden sollen literale, performative und rituelle Inszenierungsformen des jeweils „Neuen“. Im Mittelpunkt werden jedoch vor allem Bildmedien stehen. Schon die Reformation ist ohne die ikonische Verdichtung ihrer Inhalte in der Flugblattpublizistik nicht denkbar. Erst über die Bildmedien erhielt sie ihre breitenwirksame kommunikativ verarbeitbare Form und wurde so zum Ort des sinnhaften Weltbezugs des Menschen im 16. Jahrhundert. Parallel dazu sind die wissenschaftlichen Revolutionen der Neuzeit nicht denkbar ohne eine Normierung des Blicks durch technisch erzeugte Bilder und Graphiken. Dass gerade die Revolutionen des 20. Jahrhunderts ihren Platz im kollektiven Gedächtnis primär visuellen Zeugnissen verdanken, dürfte mit Verweis auf die einschlägig bekannten Fotografien aus dem Spanischen Bürgerkrieg, auf die filmischen Dokumentationen und Fiktionalisierungen der Oktoberrevolution oder die Fernseh-Live-Bilder der Wende in Osteuropa vergleichsweise unstrittig sein.

Folgt man der medientheoretischen Axiomatik von der Prägekraft des Medialen, so muss der mediale Input in revolutionären Kontexten – seien es die drucktechnischen Möglichkeiten der Vervielfältigung in der Frühen Neuzeit oder die Dominanz technisch erzeugter Bilder in der Moderne – über rein repräsentationale, propagandistische oder ästhetisierende Funktionsbestimmungen weit hinausgehende Einflüsse auf die Phänomenalität der Revolution selbst gewonnen haben. Tatsächlich lassen sich Symbiosefiguren zwischen Revolution und Medialität auf vielen Ebenen beobachten: sei es in der symbolischen Proklamation einer strukturellen Analogie zwischen politischer Avantgarde und je jüngster Medientechnologie, sei es in der konkreten historischen Kooperation zwischen Revolutionären und Medienproduzenten, sei es bei der massenhaften Verbreitung revolutionärer Ideen über medial implementierte Kommunikationsprozesse von bis dahin ungekannter Reichweite. Die hier vorerst nur skizzierten komplexen Wechselverhältnisse zwischen Mediengenese und neuzeitlicher revolutionärer Praxis sind bislang stets nur in Form von Einzeldarstellungen, jedoch noch nicht unter dem Aspekt einer historisch-systematischen Theoriebildung erforscht worden.

Die Frage nach dem Zusammenhang von Medien und Revolution eröffnet also die Möglichkeit, Transformationsprozesse an die je zeitspezifischen Formen der Selbstbeobachtung zurückzubinden und damit komplexere Beschreibungsmodelle für historischen Wandel zu entwickeln als dies in die Medien- wie in der Geschichtswissenschaft bislang geschehen ist. Sie beinhaltet damit gleichzeitig das Moment der wissenschaftlichen Selbstreflexion, nämlich die Frage nach den gegenstandskonstitutiven Dimensionen der eigenen Modell- und Begriffsbildung. Es ist nicht zu übersehen, dass die Rede von der Revolution mit einer bestimmten Zurichtung des Gegenstandes der wissenschaftlichen Betrachtung verbunden ist. Gerade unter mediengeschichtlichen Gesichtspunkten scheint die „Revolution“ als transhistorisches Konzept des Wandels jedoch fragwürdig zu werden. Betrachtet man die Formungskräfte des Medialen beim und für den revolutionären Vorgang nicht mehr als nachgeordnete Größe gegenüber letztlich ideen-, sozial- oder wirtschaftsgeschichtlich gegründeten Dynamiken, so wird deutlich, dass die „Revolution“ ihren historischen Ort vor allem dort hat, wo es zur Konfrontation der vormodernen Interaktionsgesellschaft mit den Anfängen massenmedialer Öffentlichkeit kommt. Die Geschichtswissenschaft ist insofern durch eine Integration medientheoretischer Modelle und Erkenntnisse herausgefordert, nicht nur neue Perspektiven auf das komplexe Wechselspiel zwischen politischen Verwerfungen und medialer Sinn- und Symbolproduktion zu entwickeln, sondern auch die eigenen Erklärungsangebote im Kontext von Medienentwicklungen zu historisieren und zu differenzieren.

Umgekehrt muss gleichermaßen konstatiert werden, dass sich die Mediengeschichte (respektive die Mediengeschichtsschreibung) in ihrer diskursiven Zurichtung immer wieder revolutionärer Semantiken bedient. Medientechnologische Innovationen erscheinen vor dieser Deutungsfolie als geschichtsgestaltende wo nicht –umgestaltende Instrumentarien mit gravierenden Auswirkungen auf nahezu alle sozialen Teilpraxen. Die neuzeitliche Interdependenz von Mediengenese, Modernisierung, epistemologischen wie sozio-politischen Differenzbildungen schreibt sich dabei als komplexe Figuration fort, die zwischen evolutionär-teleologischen Dynamiken einerseits, epochalen Zäsuren andererseits oszilliert. Die anhand des Buchdrucks erstmals manifest gewordene Breitenwirkung medialer Technologien wird jedoch inzwischen oft vorschnell für die diskursive Festsetzung vorgeblich gesellschaftsformierender Potenziale des je jüngsten Dispositivs in Anschlag gebracht, so dass der Topos von der ‚medialen Revolution’ eher prognostischen denn diagnostischen Charakter anzunehmen droht. Gerade hierzulande ist diese Deutungsfolie ihrerseits lange Zeit fester Bestandteil der Selbstlegitimationsstrategien der jungen Medienwissenschaft als einer Art unentwegter Wissenschaftsavantgarde gewesen, die erst in letzter Zeit einer eher historisierenden und damit relativierenden Form wissenschafts- und diskurskritischer Selbstbeobachtung zu weichen beginnt.

Der Doppelfokus der geplanten Tagung kann und soll im Idealfall beiden beteiligten Disziplinen dabei helfen, den je eigenen Konnex von Medien und Revolutionen durch wechselseitige Beobachtungsleistungen methodisch, konzeptuell und terminologisch zu schärfen. Dazu zählt fraglos auch die Erweiterung des historischen Untersuchungsfeldes über die Moderne hinaus, um etwa am Beispiel antiker Prozesse Kontinuität und Differenz zu den weitaus vertrauteren neuzeitlichen Ereignisfeldern herausarbeiten zu können. Nach vorläufigem Diskussionsstand scheint überdies eine epistemologische Reflexion des Quellenstatus der jeweiligen medialen Revolutionszeugnisse eine ebenso notwendige wie fruchtbare Schnittstelle interdisziplinär angelegter wissenschaftstheoretischer Erörterungen ergeben zu können, sind doch gerade die Revolutionen des 20. Jahrhunderts von ihren medialen Repräsentationen bzw. Fiktionalisierungen immer schwerer zu trennen. Dieser Punkt eröffnet zudem die o.a. Dialogplattform zu den KollegInnen aus der Praxis, die in ihren medialen (Re-) Präsentationen revolutionärer Ereignisse zunehmend mit eben diesem Quellenproblem konfrontiert sind.

Sektionen

1. Die Kommunikation der Revolution

Revolutionen sind, das wurde in der jüngeren Forschung immer wieder betont, Kommunikations- und Medienereignisse. Die möglichst schnelle und flächendeckende Verbreitung von Informationen über die revolutionären Vorgänge ist für das Gelingen jeder Revolution entscheidend. In ihrer Ereignishaftigkeit sind Revolutionen vor diesem Hintergrund als Ergebnisse von Akten der Beobachtung, Beschreibung und propagandistischen Überformung zu definieren. Revolutionäre Vorgänge erschöpfen sich jedoch nicht in der Anspruchnahme vorhandener Kommunikationsstrukturen zur Verbreitung von Informationen; sie verändern diese auch und konstituieren sich als historische Ereignisse in einem erheblichen Maße erst in eben dieser Transformation. Der Zusammenhang von Kommunikation und Revolution ist insofern in seiner grundsätzlichen, wirklichkeitskonstitutiven Geschichtsmächtigkeit in den Blick zu nehmen. Nicht nur die medial vermittelten Inhalte sind von Bedeutung, sondern auch die Form ihrer Hervorbringung und Rezeption sowie die Art und Weise, wie die Medienproduktion und -rezeption selbst wiederum beobachtet wird. Die Wahl des revolutionären Kommunikationsmediums resp. der revolutionären Kommunikationsmedien hat unmittelbare Folgen für die Natur der revolutionären Bewegung. Zum anderen ist in der Regel eine Intensivierung der Kommunikation in Revolutionen festzustellen. Es kommt zu einer Dynamisierung und Pluralisierung des Medienzusammenhangs. Die Pluralität der Meinungen, die Erfindung neuer Formen der Präsentation, die Suche nach Vergrößerung des Rezipientenkreises und die Verkürzung der Rezeptionszeit ist charakteristisch für Revolutionen. Schließlich sind jenseits des diachron-revolutionären Moments der Beschleunigung und Dynamisierung Aspekte der Wiederkehr älterer Kommunikationsformen zu konstatieren. Gerade in Revolutionszusammenhängen spielt beispielsweise die Kommunikation unter Anwesenden eine häufig herausragende Rolle. Das Verhältnis von Literalität und Oralität, von Schriftlichkeit und Bildlichkeit wird in jeder Revolution neu bestimmt. In synchroner Perspektive erhält die Kommunikation der Revolution die Form eines spezifischen Nebeneinanders kommunikativ erzeugter Gelegenheiten und Augenblicke, Gegenwärtigkeiten und Abwesenheiten, Sinnhaftig- und Sinnlichkeiten. Ziel dieser Sektion ist es, über den Begriff der Kommunikation nicht nur einen bislang vernachlässigten Aspekt der Revolutionsgeschichte in den Blick zu rücken, sondern im interdisziplinären Dialog von Medien- und Geschichtswissenschaftlern vor allem einen neuen Zugriff auf die Revolution als geschichtliches Ereignis zu erproben.

2. Revolutionen und die Künste

Spätestens seit der Französischen Revolution machen sich Revolutionen regelmäßig und gezielt die agitatorischen, appellativen und memorativen Potenziale der Künste zunutze, befestigen in ikonischer, performativer oder literaler Form die neuen Wertvorstellungen, stilisieren und legitimieren hierdurch die Ideologeme und Personen der jeweiligen Revolte und versuchen (auch) dergestalt die Revolution auf Dauer zu stellen. Das tertium comparationis zwischen Kunst und Revolution wird dabei immer wieder als eines der Forminnovation veranschlagt, mithin als ein gemeinsames avantgardistisches Projekt formuliert, das feudale respektive bürgerliche Kunst- und Sozialpraxen hinter sich lässt und dadurch zu einer neuen ‚Ordnung der Dinge’ beiträgt. Damit einher geht ein Wandel des Öffentlichkeitsbegriffs, der unmittelbar auf eine ‚demokratischere’ Distributionspraxis mit einem neuen, vordergründig ‚nicht-kultischen’ Rezeptionsverhalten und gelockerten Zugangsbedingungen zu Kunstwerken durchschlagen soll. Jüngere Forschungen zum Wechselspiel von Revolution und Kunst haben neben der politischen Instrumentalisierung des Ästhetischen jedoch vor allem die immanente Ästhetik der revolutionären Praxis selbst fokussiert, haben den Aufstand als ‚Gesamtkunstwerk’ (Werner Hoffmann) nachgezeichnet und seine Virulenz nicht zuletzt aus dieser Tendenz zur Selbstästhetisierung zu erklären versucht. Wie ‚zwei kommunizierende Röhren’ (Michael Diers) beeinflussen sich also politischer Umsturz und ästhetische Innovation wechselseitig bis zur unauflöslichen Durchdringung. Diesem Befund ist zugleich jedoch die offenkundige Persistenz tradierter Formen in den jeweiligen revolutionären Kunstpraxen zur Seite zu stellen, so dass dort neben dem Innovationsanspruch einer sich selbst verabsolutierenden politischen und ästhetischen Avantgarde eben auch ein immanenter Hang zum Klassizismus und Konservatismus zu beobachten ist, neben einem zäsuralen Fortschrittsbegriff also sehr wohl auch evolutionäre oder zyklische Legitimationsstrategien zur Geltung kommen. Das hier skizzierte Spannungsfeld zwischen Tradition und Avantgarde, politischer Ästhetik und ästhetisierter Politik eröffnet daher sowohl für geschichts- als auch für medien- und kulturwissenschaftliche Paradigmen ein genuin interdisziplinäres Terrain zur Erforschung der Binnendynamik revolutionärer Selbstdarstellung, der Herstellung von Aufmerksamkeit für politische Ereignisse sowie ihrer Wirkungs- und Beharrungskraft in der kollektiven Kommunikation und Memoration.

3. Diskurse der Revolution

Betrachtet man Medienrevolutionen über den Zeitraum der gesamten Neuzeit hinweg, so muss schließlich die „Revolution“ selbst als Konzept thematisiert und historisiert werden. Der Begriff der Revolution taucht im Zusammenhang mit der Beschreibung historischer Wandlungsprozesse erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts auf. Seinen Durchbruch als Fundamentalkategorie der Beobachtung und Beschreibung von Epochenbrüchen erlangte er dann in der Französischen Revolution, in deren Kontext er – politisch-theoretisch aufgeladen – zur Chiffre gesellschaftlichen Fortschritts per se wurde. Seitdem hat sich jede Revolution auch als solche entworfen und unter Rückgriff auf transhistorische, wenngleich diskursiv je neu auszuhandelnde historische Verlaufsmodelle legitimiert. Die frühe Neuzeit dagegen kannte die „Revolution“ als Paradigma eines umfassenden Wandlungsprozesses noch nicht. „Revolutio“ war in der Regel für die Beschreibung von Naturbeobachtungen reserviert, historische Transformationen fanden dagegen unter den Vorzeichen der „reformatio“ statt und bedurften zu ihrer Legitimation des Rückgriffs auf die Vergangenheit. Veränderung war mithin nur eingeschränkt erfahr- und konzeptualisierbar; Strategien, durch die die Sicherheit und Beherrschbarkeit der Zukunft sichergestellt wurden, dominierten. In diesem Sinne besitzt der Diskurs der Revolution eine historische Dimension; er ist als Konzept der Beobachtung von geschichtlichem Wandel selbst ein konstitutiver Faktor desselben. Vor diesem Hintergrund soll die Tagung auch der kritischen Reflexion der eigenen wissenschaftlichen Beobachtungs- und Beschreibungskategorien dienen. Vor allem in der Medienwissenschaft hat sich der Revolutionsbegriff als Paradigma medialen Wandels etabliert. Dementsprechend dominieren hier Entwicklungs- und Geschichtsmodelle, die mit Vorstellungen des radikalen Bruchs, der säkularen Umwälzung bzw. universalen Neuordnung unter Rückgriff auf meist technisch indizierte Erklärungsmodelle arbeiten. Die Geschichtsmächtigkeit und transformierende Kraft von Medien lässt sich jedoch nicht auf diesen Aspekt reduzieren. Als Techniken werden Medien angeeignet, diskursiv überformt und historisch-semantisch aufgeladen. Die Art und Weise, wie dies geschieht, ist jedoch wiederum von den zur Verfügung stehenden Medien abhängig. Veränderte Medienlagen führen zu anderen Figuren des Revolutionären bzw. – nun neutraler formuliert – zu anderen Zeitvorstellungen und Geschichtskonzeptionen. Auch die den Medien bzw. Medienumbrüchen zeitgenössisch zugewiesene historische Bedeutung wird mit anderen Worten durch die Medien ihrer Darstellung konstituiert. Es existiert somit eine enge Wechselbeziehung zwischen dem technisch-materialen und dem historisch-semantischen Aspekt von (Medien-) Wandel. In diesem Sinne möchte die Sektion historischen und medientheoretischen Dimensionen des Diskurses der Revolution und seiner historischen Relativität nachgehen.

Kontakt:
kay.kirchmann@uni-konstanz.de
sven.grampp@uni-konstanz.de
eva.wiebel@uni-konstanz.de
marcus.sandl@uni-konstanz.de

Programm

Kontakt

Dr. Marcus Sandl
Fachbereich Geschichte und Soziologie
Universität Konstanz
Fach D5
78457 Konstanz