Traditionelle Männerpolitik hat Interessen von Männern geschützt, indem sie Forderungen von Frauen nach Gleichstellung ignoriert und die Bedeutung des Geschlechts für die Allokation von Macht marginalisiert hat. Sie hat funktioniert, weil Männlichkeit weitgehend unsichtbar geblieben ist. Interessanterweise formiert sich nun seit einiger Zeit auf unterschiedlichen Feldern gut sichtbar eine Männlichkeitspolitik, die sich aktiv mit den Folgen traditioneller Männerpolitik und gesellschaftlicher Modernisierung, mit Frauenpolitik, mit der herrschenden Rechtspraxis, mit der Entwicklung von Schule usw. aus einer Geschlechterperspektive auseinandersetzt, männliche Interessen thematisiert, die Perspektiven von Männern sichtbar macht und für oder gegen Männer Partei ergreift. Nahezu gleichzeitig beginnen Männer auch aktiv für ihre Rechte zu kämpfen, Männlichkeitsbilder werden Gegenstand medialer Schlagzeilen, Männergruppen und Männerbewegungen etablieren sich und eine professionelle Männerforschung gewinnt auch im deutschsprachigen Raum allmählich Gestalt. Männlichkeitspolitik ist ein heterogenes Feld und ihre Aktivitäten folgen den unterschiedlichsten, zum Teil widerstreitenden Zielen. Ebenso vielfältig und heterogen sind ihre Strategien und Taktiken, unterschiedlich ihre BündnispartnerInnen, Formen der Institutionalisierung usw. Die Entwicklungen der Männerpolitik sind also ebenso zwiespältig wie facettenreich. Einerseits wird über Sichtbarkeit Öffentlichkeit hergestellt und Kritik möglich. Andererseits aber pflanzt sich im Schatten sichtbarer Männlichkeitspolitik männerbündische Politik wie ehedem ungestört fort. Und Öffentlichkeit ist zwar die Voraussetzung aber keineswegs Garantie für Geschlechterdemokratie. Öffentlichkeit schließt eine Öffentlichkeit der Reaktion, der Anfeindungen, Abwertungen und Häme, etwa über „Zumutungen“ der political correctness, ein. Einen Gutteil ihrer Energie bezieht sie aus der Feststellung der viel beschworenen „Krise von Männlichkeit“. Sie soll hier nicht als gegeben vorausgesetzt, sondern als erklärungsbedürftiges Phänomen begriffen werden. In dem geplanten Heft soll es mittels Beschreibung, Erklärung, Distanzierung und Ironisierung um die widersprüchlichen und vielfältigen männlichkeitspolitischen Positionierungen, Strategien und Taktiken der Veränderung, des Beharrens, des Widerstands, der freiwilligen oder unfreiwilligen Anpassung, der Resouveränisierung gehen. Beispielhaft dafür sind folgende
Themen:
1. Feminisierung von Bildung: Zur sichtbaren Formierung einer Männlichkeitspolitik zählt der im Zuge aktueller Bildungsdebatten geäußerte Verdacht der Feminisierung schulischer Bildung. Der historisch nicht neue Verdacht lautet, dass (a) Mädchenförderung auf Kosten von Jungenförderung betrieben werde, (b) Jungen nicht genügend – männliche – Orientierungsmöglichkeiten und – männliche – Vorbilder geboten werden und (c) dies für die mangelnde Leistungsfähigkeit von Jungen verantwortlich sei. Wie stellt sich das Verhältnis des Feminisierungsverdachts und Männlichkeitspolitik dar?
2. Patriarchales Recht? Viele Männer nehmen sich in Scheidungsverfahren und insbesondere in Sorgerechtsverfahren als Opfer wahr. Sie haben subjektiv den Eindruck, vom geltenden Recht benachteiligt zu werden. Dabei argumentieren sie durchaus modern: Traditionelle Rollenvorstellungen (Mann ist verantwortlich für das Familieneinkommen, Frau für Hausarbeit und Erziehung) bei Gesetzgebern und RichterInnen nützen Frauen, schützen „veraltete“ Rechtsansprüche und ermöglichen es Frauen, ihre Interessen gegen Männer durchzusetzen. Eine interessante Mischung aus Rechtsordnung, ökonomischer Tradition und Männerphantasie im Kontext aktueller Männlichkeitspolitik stellt das Thema „Kuckuckskinder und Vaterschaftstests“ dar.
3. Männliche Gewalterfahrungen: Hans-Joachim Lenz u. a. weisen auf eine wachsende Anzahl von Männern als Opfer – männlicher – Gewalterfahrung hin und plädieren für einen differenzierten Blick auf das Verhältnis von Männlichkeit und Gewalt. Studien über die Ausdifferenzierung von Gewalterfahrungen in Geschlechtersettings, die Forderung, auch komplexe und widersprüchliche Gewalterfahrungen von Frauen und Männern zu thematisieren, wird vor allem im deutschsprachigen Raum von einem – öffentlichen – Diskurs begleitet, der diesen Forschungszweig implizit oder explizit dazu nützt, das Verhältnis von Männerarbeit zu feministischen Theorien und Praxen kritisch zu befragen und Gewalt als zentralen Aspekt in der Bearbeitung von Geschlechterverhältnissen zurückzuweisen.
4. Jungen- und Männerarbeit: In der Jungen- und Männerarbeit lässt sich diese Forderung, Gewalt als zentrale Kategorie in der Bearbeitung von Geschlechterverhältnissen als Tendenz beobachten, Antisexismus als Leitkategorie zugunsten „positiver“ Kategorien zu substituieren. In der Jungenarbeit wird diese Argumentation damit begründet, dass Jungen positive Ziele und Vorbilder benötigen, während die Kategorie „antisexistisch“ ein negatives Männlichkeitsimage betone, das Verbote und Negativhandlungen in der Vordergrund rücke. Zugleich verbirgt sich dahinter der Wunsch, Jungen- und Männerarbeit nicht mehr aus der Perspektive feministischer Leitvorstellungen zu entwerfen. Offen oder im Subtext gilt diese Veränderung als „Emanzipation“ von einer bislang dominierenden, feministischen Perspektive und, damit verbunden, eine Marginalisierung von Machtperspektiven in Geschlechterverhältnissen.
5. Opferlogiken und Unsterblichkeitsphantasien in (modernen) Heldenerzählungen: Eindrückliche männliche Resouveränisierungsstrategien liefern die die neuen Hollywood-Epen (Troja, Herr der Ringe, Alexander der Große). Die komplexen Inszenierungen der neuen Heldenmythen zeigen eine Hinwendung vom Funktionalen zum Ornamentalen, zur Textur und damit zu Verletzlichkeit und Sterblichkeit. Die Kameraführung, das Auge der Betrachterin/des Betrachters, bewegt sich ganz nah an Stoffen, Materialien im Allgemeinen und der Haut. Davon ausgehend lassen sich eine Reihe von Zusammenhängen herstellen: Wahrnehmungen von Verletzlichkeit und Sterblichkeit, die sich mit Phantasien vom „Ende der Geschichte“ verknüpfen, weil der männliche Heldenmythos mit der Logik des „Einen“ verschmilzt, etc.
6. Männerforschung: Männerforschung lässt sich als Teil dieser hybriden Geschichte einer sich formierenden Männlichkeitspolitik lesen. Es käme u. a. auf einer geschichtswissenschaftlichen Ebene darauf an zu zeigen, wie sich die Männerforschung in Auseinandersetzung mit sozialen, politischen und ökonomischen Kontexten herausbildet, welche Institutionalisierungsweisen sie findet, wie sie Frauen- und Geschlechterforschung aufnimmt und verarbeitet, welches Selbstverständnis sie entwickelt, was Gründe für die ungleichzeitige internationale Entwicklung sind usw.
Die Zeitschrift Feministischen Studien – Die Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung Nr. 2/2006 wird 8 bis 10 Beiträge zu diesem Schwerpunkt enthalten, und zwar Aufsätze (bis 40.000 Zeichen) und Diskussionsbeiträge (bis 25.000 Zeichen), die nach einem peer-review-Verfahren ausgewählt werden. Wir laden Sie herzlich ein, sich mit einem Beitrag an unserem Schwerpunktheft zu beteiligen und bitten Sie, uns Ihr Exposé, das nicht mehr als 3.000 Zeichen enthalten soll, bis spätestens 30. April 2005 an alle drei HerausgeberInnen zu mailen. Die Einladung an die AutorInnen erfolgt anfangs Juni. Die Beiträge müssen bis Ende Januar 2006 vorliegen. Die Begutachtung und Überarbeitung der Aufsätze werden bis Mai 2006 abgeschlossen. Das Heft erscheint im November 2006.
HerausgeberInnen:
Rita Casale, Universität Zürich, rcasale@paed.unizh.ch
Edgar Forster, Universität Salzburg, edgar.forster@sbg.ac.at
Sabine Larcher, Universität Zürich, slarcher@paed.unizh.ch