Zwischen Tauwetter und neuem Frost: Entstalinisierungskrise 1956 und die Folgen

Zwischen Tauwetter und neuem Frost: Entstalinisierungskrise 1956 und die Folgen

Veranstalter
Institut für Zeitgeschichte München-Berlin Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU)
Veranstaltungsort
Vertretung des Freistaats Thüringen beim Bund, Mohrenstr. 64, 10117 Berlin
Ort
Berlin
Land
Deutschland
Vom - Bis
26.10.2006 - 28.10.2006
Deadline
20.10.2006
Von
Roger Engelmann (BStU)

Am 25. Februar 1956 hielt Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU seine berühmte Geheimrede über den „Personenkult“ und die Verbrechen Stalins. Er leitete damit im kommunistischen Machtbereich eine Entwicklung ein, die durch Justizkorrekturen, Milderungen in der Herrschaftsausübung und Erweiterungen von politischen Spielräumen geprägt war. Dieser Prozess, für den sich der Begriff Entstalinisierung eingebürgert hat, entwickelte in einigen Satellitenstaaten eine krisenhafte Dynamik. Am weitesten ging er in Ungarn, wo die kommunistische Herrschaft sehr bald vor ihrem Ende stand und nur durch eine militärische Intervention gerettet werden konnte.

Im Jahr 1956 kulminierten Entwicklungen, die für eine längere Phase prägend waren. Hier setzt die Tagung einen Schwerpunkt, verfolgt die Thematik aber darüber hinaus: Es spricht einiges dafür, Entstalinisierung und Entstalinisierungskrisen in einem Zeitraum von 1953 bis 1968 zu betrachten. Die maßgeblichen Entstalinisierungsimpulse 1953, 1956 und 1961 gingen zwar von der Sowjetunion aus, die Entwicklung in den Satellitenstaaten entfaltete aber eine eigene Dynamik. Größere innenpolitische Gestaltungsspielräume und eine begrenzte Souveränität können – trotz Ungarn – als ein Resultat dieses Prozesses angesehen werden. Die Entstalinisierung ist daher durch Ungleichzeitigkeiten geprägt und hat in den einzelnen Ländern unterschiedliche Ausprägungen angenommen.

Die Thematik bietet ein weites Feld für komparative und beziehungsgeschichtliche Fragen. Die Tagung greift die laufenden Diskussionen dazu auf und vertieft sie auf dem Hintergrund neuerer Forschungen. Einen besonderen Schwerpunkt bildet dabei die Entwicklung der geheimpolizeilichen und justiziellen Repressionsstrukturen. In diesem Zusammenhang wird die Frage zu diskutieren sein, ob der Verzicht auf offen terroristische Methoden der Herrschaftsausübung nicht zwangsläufig eine Tendenz zu einer noch intensiveren und umfassenderen Überwachung der Gesellschaft implizierte.

Im engen Zusammenhang hiermit steht ein weiterer Themenkomplex, der sich dem Verhältnis zwischen Regime und Intellektuellen widmet: Die Entstalinisierung weckte in der Intelligenz Erwartungen auf eine nachhaltige Erweiterung der geistigen und politischen Spielräume, die jedoch weitgehend enttäuscht wurden. Nach der ungarischen Herbstrevolution galt die ideologische „Aufweichung“ den Machthabern als zentrale Systemgefährdung, und repressive Wendungen führten zur Abkehr kommunistischer Intellektueller von der Partei.

Eine Sektion ist dem Kontext der globalen Blockkonfrontation gewidmet, der für die Entstalinisierung und ihre Krise 1956 von zentraler Bedeutung war. Im Zuge dieser Perspektivenerweiterung soll das Verhältnis von innen- und außenpolitischen Faktoren thematisiert werden. Eine weitere Sektion behandelt die gesellschaftlichen Konflikte und Systemstabilisatoren jenseits des geheimpolizeilich-justiziellen und intellektuellen Kontextes. Beispielhaft wird hier das Konfliktverhalten der Arbeiterschaft beleuchtet sowie spezifische Disziplinierungs- und Pazifizierungsstrategien wie Militarisierung und Sozialpolitik betrachtet.

Die Tagung soll – neben dem Austausch neuer empiriegestützter Erkenntnisse – grundlegende Fragen zum Wesen kommunistischer Herrschaft aufwerfen. Was unterscheidet den Stalinismus vom Kommunismus nach Stalin? Wo sind Elemente der Kontinuität, wo solche des Wandels? Wo befinden sich die systemimmanenten Grenzen der Entstalinisierung? Unterliegen die ausgelösten krisenhaften Entwicklungen bestimmten Zwangsläufigkeiten? Worin bestanden Gemeinsamkeiten, worin die Unterschiede der Entwicklung in den einzelnen Ostblockstaaten? Ist die Entstalinisierung als ein spezifischer Modernisierungsprozess zu begreifen oder belegen ihre Grenzen gerade die Unfähigkeit des Kommunismus, sich zu modernisieren?

Programm

Donnerstag, 26.10.2006

18.00–18.30 Uhr
Begrüßung: Horst Möller, Hans Altendorf

Einführungsvorträge
Moderation: Horst Möller

18.30–19.00 Uhr
Bernd Bonwetsch (Moskau): Entstalinisierung und imperiale Politik

19.00–19.30 Uhr
Jan Foitzik (Berlin): Entstalinisierungskrise in Ostmitteleuropa: Ursachen und Folgen

19.30–20.00 Uhr
Diskussion

20.00 Uhr
Kleiner Empfang

Freitag, 27.10.2006

1. Satelliten in der Krise
Moderation: Walter Süß, Berlin

9.00–9.20 Uhr
Mark Kramer (Cambridge, USA): The Crisis of 1956 in Poland and the System Gomulka

9.20–9.40 Uhr
Laszlo Varga (Budapest): Ungarn – Revolution, Intervention, Kadarismus

9.40–9.55 Uhr
Diskussion

9.55–10.15 Uhr
Jirí Pernes (Prag): Die CSR: Von der verschleppten Reform zum beschleunigten Wandel

10.15–10.35 Uhr
Hermann Wentker (Berlin): Bedroht von Ost und West: Die Entstalinisierungskrise von 1956 als Herausforderung für die DDR

10.35–10.50 Uhr
Diskussion

10.50–11.10 Uhr
Kaffeepause

2. Internationale Dimensionen
Moderation: Jan Foitzik, Berlin

11.10–11.30 Uhr
Winfried Heinemann (Potsdam): Das Krisenjahr 1956 und die Entwicklung der Blockkonfrontation

11.30–11.50 Uhr
Bernd Stöver (Potsdam): Amerikanische Liberation Policy im Jahre 1956: Das Beispiel von Radio Freies Europa

11.50–12.10 Uhr
Hanns Jürgen Küsters (Sankt Augustin): Die Bedeutung der Entstalinisierungskrise für die Deutschlandpolitik

12.10–12.25 Uhr
Diskussion

12.25–14.00 Uhr
Mittagspause

3. Repression im Wandel I: politische Strafverfolgung
Moderation: Hermann Wentker

14.00–14.20 Uhr
Andreas Hilger (Hamburg): Die Grenzen der Destalinisierung unter Chruschtschow – sowjetische Verfolgungsapparate zwischen Rehabilitierung und Repression

14.20–14.40 Uhr
Pavel Palecek (New York): Justizkorrekturen nach Stalin in der Tschechoslowakei und in der DDR

14.40–14.55 Uhr
Diskussion

14.55–15.15 Uhr
Kaffeepause

15.15–15.35 Uhr
Tobias Wunschik (Berlin): Tauwetter im Strafvollzug? Entstalinisierung und Haftpraxis in der DDR 1956–1964

15.35–15.55 Uhr
Ilko-Sascha Kowalczuk (Berlin): Der Abweichler als Hochverräter: Die Revisionisten-Prozesse in der DDR

15.55–16.10 Uhr
Diskussion

4. Repression im Wandel II: geheimpolizeiliche Apparate
Moderation: Thomas Großbölting

16.10–16.30 Uhr
Lukasz Kaminski (Warschau): Die polnische Staatssicherheit und die Unruhen in Polen

16.30–16.50 Uhr
Bernd-Rainer Barth (Berlin): Die ungarische Staatssicherheit in Umbruch, Revolution und Restauration

16.50–17.05 Uhr
Diskussion

17.05–17.25 Uhr
Roger Engelmann (Berlin): Lehren aus Ungarn und Polen 1956. Das System Mielke als Resultat der Entstalinisierungskrise

17.25–17.45 Uhr
Georg Herbstritt (Berlin): Ein Beispiel früher geheimpolizeilicher Kooperation: Die „Balkan“-Akte des MfS

17.45–18.00 Uhr
Diskussion

Samstag, 28.10.2006

5. Intellektuelle zwischen Parteibindung und Dissens
Moderation: Ilko-Sascha Kowalczuk

9.00–9.20 Uhr
Ehrhart Neubert (Erfurt): Systemgegnerschaft und systemimmanente Opposition – ein Paradigmenwechsel 1956?

9.20–9.40 Uhr
Guntolf Herzberg (Berlin): Nachbesserung des Sozialismus. Oder: Wie der Status quo gefestigt wurde

9.40–9.55 Uhr
Diskussion

9.55–10.15 Uhr
Matthias Braun (Berlin): Petöfi-Clubs grenzüberschreitend? – Die internationalen Kontakte der intellektuellen Dissidenz

10.15–10.35 Uhr
Bernd Florath (Berlin): Das lange Jahr 1956: Die Wandlungen des Robert Havemann

10.35–10.55 Uhr Kaffeepause

6. Herrschaft und gesellschaftliche Konflikte
Moderation: Michael Schwartz

10.55–11.15 Uhr
Peter Heumos (München): Arbeiter als Subjekte sozialer Konflikte: Die Beispiele Tschechoslowakei und DDR im Vergleich

11.15–11.35 Uhr
Christian Sachse (Berlin): Militarisierung als gesellschaftlicher Disziplinierungsmechanismus

11.35–11.50 Uhr
Dierk Hoffmann (Berlin): Entstalinisierung und Sozialpolitik im Ostblock: Soziale Sicherungssysteme im Ausbau

11.50–12.05 Uhr
Diskussion

12.05–13.05 Uhr
Schlusspodium: Kommunismus nach Stalin
Gerd Koenen, Jan Foitzik, Laszlo Varga, Ralph Jessen
Moderation: Horst Möller

Kontakt

Doris Gorsler

BStU, Postfach, 10106 Berlin

+49.030.23248866
+49.030.23248809
Doris.Gorsler@bstu.bund.de

www.bstu.de