Recht, Religion und Lebenslaufperspektiven. Unterschiedliche Strategien im Umgang mit Armut im frühneuzeitlichen Europa

Recht, Religion und Lebenslaufperspektiven. Unterschiedliche Strategien im Umgang mit Armut im frühneuzeitlichen Europa

Veranstalter
Universität Trier, SFB 600 "Fremdheit und Armut", Teilprojekt B 3 "Katholische und protestantische Armenfürsorge in der Frühen Neuzeit zwischen kirchlicher, staatlicher und kommunaler Zuständigkeit".
Veranstaltungsort
Universität Trier, A/B-Hauptgebäude, Raum B 22
Ort
Trier
Land
Deutschland
Vom - Bis
20.10.2006 - 21.10.2006
Von
Dr. Sebastian Schmidt

Die Tagung fragt nach der wechselseitigen Beeinflussung von Recht, Konfession und Armenfürsorge bzw. Bettelbekämpfung sowohl aus rechtshistorischer als auch aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive. Rechtshistorische Untersuchungen konnten die zunehmende Kriminalisierung und Strafbarkeit armutsbedingter und armutsbezogener Handlungen in den Polizei- und Bettelordnungen der Frühen Neuzeit zeigen. Dies wirft die Frage auf, inwieweit die vor allem im 18. Jahrhundert fortschreitende Exklusionspolitik die Kriminalisierung bestimmter Armer vorangetrieben und somit zu einer Verfestigung von Armutskarrieren beigetragen hat. Welche Kriminalitätsfelder in welcher Lebenssituation Armen zuzurechnen sind und wie dieses Verhältnis im Policey- und Strafrecht des 18. Jahrhunderts gewertet wurde, ist bisher noch nicht ausreichend untersucht worden.
Darüber hinaus bleibt die wichtige Frage offen, wie die Armen selbst mit den ihnen angebotenen Hilfsleistungen umgingen und welche alternativen Überlebensstrategien sie entwickelten. Konnten mikrohistorische Untersuchungen vor allem die praktische Umsetzung der Fürsorgekonzepte auf der Ebene der einzelnen Institutionen zeigen, so bleibt in Umkehrung der Perspektive zu fragen, welche Auswirkungen die unterschiedlichen Fürsorgekonzepte und ihre institutionelle Umsetzung auf die Betroffenen hatten. Wie gestaltete sich konkret die Interaktion der Armen mit den Fürsorgeeinrichtungen und in welchem Verhältnis stand die öffentliche zur privaten, familiären Existenzsicherung? In welchen Lebensphasen waren Personen besonders von Armut betroffen, wie bewerteten sie jeweils ihre Situation bzw. welche Strategien entwickelten sie, der Armut zu begegnen? Die Frage nach dem Selbsthilfepotential schließt die Frage nach möglichen kriminellen Handlungen ein. Wie gingen Arme und Bettler mit der drohenden Kriminalisierung bzw. Strafverfolgung um?
Inwieweit es sich bei den verschiedenen Praktiken und Strategien im Umgang mit Armut um staats- bzw. reichsspezifische Besonderheiten handelt, soll auf der Tagung durch den Vergleich verschiedener Territorien geklärt werden. Gibt es trotz anderer rechtlicher und konfessioneller Rahmenbedingungen Gemeinsamkeiten oder lassen sich deutliche Unterschiede benennen?

Programm

Freitag, 20. Oktober 2006
Sektion 1 - Moderation Dr. Sebastian Schmidt
9.00: Prof. Dr. Franz Dorn (Trier): Not kennt kein Gebot - Hungersnot in der Rechtsdogmatik der Frühen Neuzeit
9.45: Ref. Jur. Alexander Wagner (Trier): Strategien im Umgang mit Armut und Bettelei in Normtexten damals und heute
(Kaffee-Pause 10.30-10.45)
10.45: Prof. Dr. Dr. Gerhard Ammerer: (Salzburg): Schandstrafe, Brandzeichen und Relegation - Überlegungen zum Verhältnis von Kriminalisierungsstrategien und Armutskarrieren

Sektion 2 - Moderation Prof. Dr. Helga Schnabel-Schüle
11.30: Dr. Sebastian Schmidt (Trier): Fürsorgemaßnahmen, Lebenschancen und Armutskarrieren im Vergleich. Strategien im Umgang mit Armut in den geistlichen Kurfürstentümern.
(Mittagspause 12.15-13.15)
13.15: Dr. Rita Voltmer (Trier): Armut und Delinquenz - Überlebensstrategien „kleiner Leute“ im Spiegel von Strafgerichtsakten
14.00: Prof. Dr. Thomas Sokoll (Hagen): Verhandelte Armut: Mobilität, Selbstbehauptung und Kontrolle im englischen Armenrecht, 1780-1840

Sektion 3 - Moderation PD Dr. Frank Hatje
14.45: Prof. Dr. Helga Schnabel-Schüle (Trier): Armut und Kindstötung in den Strafgerichtsakten der Frühen Neuzeit
(Kaffee-Pause 15.30-15.45)
15.45: Prof. Dr. Helmut Bräuer (Leipzig): Weggelegte Kinder während der frühen Neuzeit in Obersachsen

Samstag, 21. Oktober 2006
Sektion 4 - Moderation Frau Christina Hoor, M.A. und Dr. Sebastian Schmidt
9.15: Prof. Dr. Martin Scheutz (Wien): Die Bürgerspitäler im frühneuzeitlichen Niederösterreich - Inklusions- und Exklusionsprozesse
10.00: PD. Dr. Norbert Franz (Trier): Die Anfänge städtischer Armenfürsorge in den südlichen Niederlanden am Beispiel der Stadt Luxemburg: von der spanisch-habsburgischen Herrschaft bis zum Ende des Grand Empire
(Kaffee-Pause 10.45-11.15)
11.15: PD. Dr. Kay Peter Jankrift (Münster): Strategien im Umgang mit Armut im frühneuzeitlichen Spanien
12.00: Prof. Dr. Marie-Louise Pelus-Kaplan (Paris): Danziger Sterbeinventare als Quelle für die Lebenssituation von Armen in der Hansestadt
12.45 -14.00: Abschlussdiskussion

Kontakt

Dr. Sebastian Schmidt
SFB 600 - Teilprojekt B3
Universität Trier - DM 247
Ludwig-Weinspach-Weg
D-54286 Trier
schmidt3@uni-trier.de
Tel.: 0651-201 3329

http://www.sfb600.uni-trier.de
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Deutsch
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