Call for Papers
Politics of Fear in the Cold War
Hamburger Institut für Sozialforschung, 5. bis 7. September 2007
Vierte Internationale Konferenz in einer Serie zur Gesellschaftsgeschichte des Kalten Krieges
I.
Die Gesellschaftsgeschichte des Kalten Krieges ist untrennbar mit der Atombombe und dem Drohpotential dieser Waffe verbunden. Genauer gesagt: Mit der Tatsache, dass beide Seiten über eine potentiell alles Leben vernichtende Waffe verfügten. Die Politik mit der Bombe steckte in einem strukturellen Dilemma: Um der Selbsterhaltung willen musste auf die militärische Anwendung von Atomwaffen verzichtet werden. Um der Abschreckung des Gegners und der eigenen Glaubwürdigkeit willen sollte aber auf der anderen Seite signalisiert werden, dass man über die Fähigkeit und die Bereitschaft zum Einsatz dieser Mittel verfügte. Gefordert, wenn nicht unhintergehbar war also eine ambivalente und störanfällige Mischung politischer Grundsätze: Berechenbarkeit so weit wie möglich und Unberechenbarkeit so weit wie nötig. In anderen Worten: Das Versprechen und die Gewährleistung von Sicherheit waren prekär geworden – und mit ihnen auch die Gestaltung und Gestaltbarkeit von Zukunft. Die zahlreichen Krisen aus vier Jahrzehnten der Blockkonfrontation standen allesamt unter diesem Vorzeichen. „Dramatisierung der Gefahr“ und „Entwarnung“, „Ausnahmezustand“ und „Entspannung“ waren nicht mehr voneinander zu trennende Teile des Politischen.
Aus diesem Grund ist es geboten, sich mit dem Problem von „Ängsten im Kalten Krieg“ auseinanderzusetzen. Eine internationale Konferenz des Hamburger Instituts für Sozialforschung vom 5. September bis zum 7. September 2007 wird sich diesem Thema unter folgenden Fragestellungen widmen:
Erstens wird nach den gesellschaftlichen Erscheinungsformen und politischen Inszenierungen von Ängsten im Nuklearzeitalter gefragt. Genauer gesagt: nach dem In- und Miteinander von „Angst Haben“ und „Angst Machen“, nach der Instrumentalisierung und der Akzeptanz von Ängsten im öffentlichen Raum. Unterstellt wird also, dass es sich bei dem Problem von „Ängsten im Kalten Krieg“ nicht allein um eine zielgerichtete politische Strategie handelt. Jenseits dessen sind auch mentale und sozialpsychologische Dispositionen und mit ihnen die Bereitschaft, sich ängstigen zu lassen, in den Blick zu nehmen. Es geht, in anderen Worten, auch um die Attraktivität von Ängsten.
Zweitens geht es um die Modalitäten des Umgangs mit Ängsten, um die wechselseitige Verschränkung von Angstszenarien und Sicherheitsversprechen, von Unsicherheit auf der einen und Demonstration von Stärke auf der anderen Seite – oder um das Problem, wie Angst und ihre Inszenierung mit der Demonstration und Beglaubigung von Macht, mitunter auch mit der Pflege von Macht- und Allmachtphantasien zusammenhängen. Unterstellt wird also, dass ein auf Dauer gestellter Angstzustand mit der Notwendigkeit gesellschaftlicher Kohäsion und Integration nicht vereinbar ist. Insofern verlangen Existenz und Inszenierung des Bedrohlichen stets nach einem Gegenentwurf. Gefragt wird nach der Art dieser Gegenwürfe, nach ihrer politischen, kommunikativen und ästhetischen Ausdrucksform.
Drittens wird es darauf ankommen, sich der methodischen Implikationen und Prämissen des Themas zu vergewissern und einen weiterführenden Beitrag in dieser Hinsicht zu leisten. Anzuknüpfen ist dabei an die in den letzten Jahren begonnene Diskussion. Unterstellt wird, dass diese Diskussion noch der methodischen Fortschreibung und Verfeinerung bedarf. Die Tagung soll deshalb auch ein Forum zum Austausch innovativer Konzepte und zum Gespräch über methodische Desiderata sein.
II.
Wir bitten um Vorschläge für Papers, die sich mindestens auf einen, nach Möglichkeit jedoch auf mehrere der folgenden Aspekte beziehen:
1.Politische und militärische Eliten
Welche Rolle spielen Ängste in den Welt-, Politik- und Gesellschaftsbildern von Entscheidungseliten? Wie schlagen sich diese Ängste nieder? Sind sie primär mit der Konstellation des Kalten Krieges konnotiert? Oder spielen auch vorgängige Erfahrungen (z.B. aus der Zeit der Totalitarismen oder der Weltkriege) eine Rolle? Wenn ja, in welcher Weise?
2.Die politische Instrumentalisierung von Ängsten
Unter welchen Bedingungen werden Ängste für welche politischen Zwecke und in welcher gesellschaftlichen Absicht instrumentalisiert? Wie ist das Verhältnis von realen und konstruierten Bedrohungsszenarien? Welcher Politikstil und welche Legitimationsrhetorik bilden sich heraus? Was wird thematisiert und in welcher Weise? Und: Wann und unter welchen Voraussetzungen wird auf eine derartige Instrumentalisierung verzichtet? Wie sind die Grenzen im Umgang mit Ängsten definiert? Inwieweit stiftet eine „Politik der Angst“ Ordnung, Selbstvergewisserung und Zusammenhalt, inwieweit ist sie diesen politischen Zielen abträglich? Schließlich: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die mediale Vermittlung?
3.Gegenentwürfe zur Angst
Welches Sicherheitsversprechen wird von Ängsten evoziert oder ihnen entgegengesetzt? Wie ist das Verhältnis der Rede über Angst und des Angebots, keine Angst haben zu müssen? Welche Ausdrucksformen nehmen diese Gegenentwürfe an?
4.Der gesellschaftliche Umgang mit Ängsten
Gibt es eine Bereitschaft zur Akzeptanz von Ängsten und wie ist diese Bereitschaft zu dechiffrieren? Welche Traditionen und Selbstbilder von Gesellschaften machen sich bemerkbar? Was wird akzeptiert und von wem? Wer sind die Mediatoren? In welchen sozialen Praktiken (wie Denunziation) spiegelt sich die gesellschaftliche Akzeptanz der Angst? Wo liegen die Grenzen der gesellschaftlichen Akzeptanz? Welcher Gegenentwürfe bedienen sich die Kritiker (z.B. Abrüstungs-, Anti-Atomtod- und Friedensaktivisten)? Gehört das Spiel mit Ängsten auch zum Entwurf von politischen Konzepten gegen die Angst?
5.Verlaufszyklen im politischen und gesellschaftlichen Umgang mit Angst
Was lässt sich über die Konjunkturen einer Politik der Angst und deren versuchter Einhegung sagen? Und wie ist es um die Nachhaltigkeit bestellt: Welche Spuren und Effekte währen über den Tag hinaus?
III.
Diese Leitfragen sollen anhand von Fallbeispielen aus den Bereichen Politik, Kultur und Massenmedien diskutiert werden. Die Fallbeispiele sollen aus verschiedenen „Zeitfenstern“ gewählt werden:
1. 1947-1953:
Als Anknüpfungspunkte bieten sich an: Beginnendes nukleares Wettrüsten, Dramatisierung von Verfolgungsängsten (McCarthyismus, neuerliche Verrats- und Schauprozesse im sozialistischen Block), Krisen und Krieg (um Berlin und in Korea), Opposition gegen den „Atomtod“ (außerparlamentarische Bewegungen, Ein- und Widerspruch von Künstlern, Intellektuellen und Wissenschaftlern), Ästhetisierung von Atomwaffen.
2. 1958-1966:
Als Anknüpfungspunkte bieten sich an: Dramatisierung weltpolitischer Krisen (Berlin, Kuba), Zukunftsmanagement und Entdeckung „neuer Grenzen“ (Raumfahrt, Zukunftsforschung, Kybernetik), die politikberatende Rolle von „defense intellectuals“, die Konzeption der „Entspannungspolitik“ in den Zentren einerseits und Verlagerung der Konfrontation an die Peripherie andererseits.
3. 1979-1986:
Als Anknüpfungspunkte bieten sich an: Die Konjunkturen apokalyptischer Szenarien (im Kontext des NATO-Doppelbeschlusses, Krise der Atomkraft), die Aufwertung zivilgesellschaftlicher Akteure bei der Diskussion von Außen- und Sicherheitspolitik, die Thematisierung von „Risikomanagement“ („Risikogesellschaft“ und Postmoderne), die innere Krise des sozialistischen Blocks, die in Frage gestellte Integrationskraft des westlichen Hegemon.
IV.
Das Thema ist in den übergeordneten Kontext einer globalen Gesellschaftsgeschichte des Kalten Krieges eingeordnet, in dem vergleichenden Arbeiten zu den Atommächten bzw. zu den Gesellschaften unter dem „nuklearen Schirm“ der Supermächte besondere Bedeutung zugeschrieben wird. Vorträge zu den USA, West- und Osteuropa, Japan und der Sowjetunion sollen daher im Mittelpunkt stehen.
Die Konferenzsprache wird Englisch sein.
Interessenten und Interessentinnen sollten sich bis zum 1. Januar 2007 mit einem 1-2-seitigen Abstract und einem kurzen Lebenslauf einschließlich einer Publikationsliste in englischer Sprache per email an folgende Adresse bewerben:
Uta.Balbier@his-online.de
Wir erwarten von den eingeladenen Teilnehmern und Teilnehmerinnen, dass sie bis zum 1. Juni 2007 ein bis zu 20-seitiges Papier zu dem von ihnen vorgeschlagenen Thema einreichen. Das Hamburger Institut für Sozialforschung übernimmt für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen die Reise- und Unterbringungskosten.
Die Konferenz wird am Hamburger Institut für Sozialforschung von Prof. Dr. Bernd Greiner, Dr. Uta Andrea Balbier, Dr. Christian Th. Müller und Dr. Dierk Walter veranstaltet.
Für weitere Informationen wenden sie sich bitte an:
Dr. Uta Andrea Balbier
Hamburger Institut für Sozialforschung
Mittelweg 36
20148 Hamburg
Germany
Uta.Balbier@his-online.de