Boykotte und Embargos. Die politische Nutzung wirtschaftlicher Markt- und Machtverhältnisse im 19. und 20. Jahrhundert

Boykotte und Embargos. Die politische Nutzung wirtschaftlicher Markt- und Machtverhältnisse im 19. und 20. Jahrhundert

Veranstalter
Hannah Ahlheim, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin; Dr. des. Rüdiger Graf, Fakultät für Geschichtswissenschaften, Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltungsort
Ruhr-Universität
Ort
Bochum
Land
Deutschland
Vom - Bis
09.10.2008 - 10.10.2008
Deadline
29.02.2008
Von
Hannah Ahlheim, Rüdiger Graf

Embargos und Boykottaktionen stehen an der Schnittstelle von Wirtschafts-, Politik-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte: Im 19. und 20. Jahrhundert dienen sie in zunehmendem Maße der Verfolgung außerwirtschaftlicher Ziele mit wirtschaftlichen Mitteln. Durch Produktvorenthaltung oder Nachfragestopps versuchen verschiedene Akteure, ihren politischen oder sozialen Forderungen öffentlich Nachdruck zu verleihen und sie durchzusetzen. Embargos werden vor allem von Staaten genutzt, um auf andere Regierungen Druck auszuüben und ihr politisches Verhalten zu beeinflussen. Die Wirkungen von Wirtschaftsembargos bleiben jedoch nicht auf wenige Akteure in Wirtschafts- und Regierungskreisen beschränkt, sondern betreffen vor allem auch die Bevölkerung in oft unkalkulierbarer Weise. Während im Falle von Embargos die Konsumenten zumeist passive Opfer sind, deren wirtschaftliche Handlungsspielräume oft entscheidend eingeschränkt werden, dienen Boykotte dazu, den Verbrauchern durch die Veränderung ihres Wirtschaftsverhaltens eine politische Stimme zu verleihen. Alltägliche Konsumentscheidungen werden zu einem politischen Akt, der die Macht der Verbraucher demonstrieren und nutzen soll.

Anhand von möglichst heterogenen Boykotten und Embargos aus verschiedenen nationalen und internationalen Kontexten im 19. und 20. Jahrhundert soll im geplanten Workshop das Zusammenspiel von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Motiven, Zielen und Handlungsstrategien bei Produktvorenthaltungen und Nachfragestopps untersucht werden. Dabei müssen zum einen die den Aktionen zugrunde liegenden Machtstrukturen und ihre partielle Veränderung durch die Maßnahmen herausgearbeitet werden. Zum anderen sollen die sich wandelnden kulturellen und medialen Praktiken der Transformation wirtschaftlichen Verhaltens in politische Macht und politischer Macht in wirtschaftliche Strategien näher in den Blick genommen werden.

Da Boykotte und Embargos bisher kaum Gegenstand übergreifender historiographischer Arbeiten geworden sind, sollen im Workshop zunächst grundsätzliche Fragen der Nutzung wirtschaftlicher Macht zu wirtschaftsfremden Zwecken gestellt werden: Inwiefern lassen sich wirtschaftliche und genuin politische oder „wirtschaftsfremde“ Zwecke überhaupt voneinander trennen? Wodurch zeichnet sich ein „nichtgewerblicher“ Boykott aus, wann sprechen wir von einem politischen Embargo? Welche Akteure beteiligen sich an den Aktionen beziehungsweise wer kann sich potentiell an ihnen beteiligen? Welche politischen, kommunikativen und medialen Bedingungen müssen gegeben sein, damit Boykotte und Embargos durchgeführt werden können? Wie müssen wirtschaftliche Beziehungen, politische und gesellschaftliche Machtverhältnisse und Kommunikationsstrukturen beschaffen sein, damit die Aktionen erfolgreich sind? Anhand welcher Kriterien lässt sich der Erfolg und Misserfolg von Güter- oder Nachfragevorenthaltungen und ihren intendierten und unintendierten Folgen überhaupt messen? Welche kulturellen Praktiken kennzeichnen Boykotte und Embargos im 19. und 20. Jahrhundert, welche Typen lassen sich bilden und inwiefern können diachrone Entwicklungen und Interdependenzen ausgemacht werden?

In den Vorträgen des interdisziplinär angelegten Workshops sollte diesen Fragen möglichst am Beispiel eines einzelnen Boykotts oder Embargos aus historischer, politikwissenschaftlicher, wirtschaftlicher oder juristischer Perspektive nachgegangen werden. Als Beispiele könnten unter anderem die folgenden Aktionen dienen: der chinesische Boykott amerikanischer Waren, die nationalsozialistischen „Judenboykotte“, der indische Boykott britischer Waren, der Montgommery Bus Boycott, das COCOM Hochtechnologie-Embargo gegen den Ostblock, die Aktionen der USA gegen Kuba; Öl- und Rohstoffembargos, Waffenembargos, Verbraucher-/Warenboykotte (moral purchasing), die UN-Embargos gegen Südafrika oder Irak, Olympiaboykotte, etc.

Interessierte bitten wir um die Zusendung kurzer Exposés (1-2 Seiten) bis zum 29. Februar 2008 per e-mail an ahlheimh@geschichte.hu-berlin.de und ruediger.graf@ruhr-universitaet-bochum.de. Eine Benachrichtigung über die Teilnahme erfolgt bis Ende März. Die Papers sollten in Englisch oder Deutsch bis zum 15. September fertiggestellt und verteilt werden, damit sich alle Teilnehmenden auf die Diskussion vorbereiten können.

Programm

Kontakt

Rüdiger Graf
Fakultät für Geschichtswiss., Ruhr-Universität Bochum

0234/3222539

ruediger.graf@rub.de