Kontinuitäten und Brüche in der Entwicklungs- und Rezeptionsgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. 15. Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager

Kontinuitäten und Brüche in der Entwicklungs- und Rezeptionsgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. 15. Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager

Veranstalter
Christiane Heß, Julia Hörath, Dominique Schröder und Kim Wünschmann in Zusammenarbeit mit: Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück sowie dem Zentrum für Antisemitismusforschung (TU Berlin). Mit freundlicher Unterstützung der Fritz-Thyssen Stiftung.
Ort
Sachsenhausen, Ravensbrück
Land
Deutschland
Vom - Bis
12.11.2008 - 16.11.2008
Deadline
31.08.2008
Von
Dominique Schröder

Kontinuitäten und Brüche in der Entwicklungs- und Rezeptionsgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager

Der „15. Workshop zur Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“ wird vom 12. bis zum 16. November 2008 in den Gedenkstätten Ravensbrück und Sachsenhausen (Brandenburg) stattfinden. Beide Tagungsorte haben eine wechselvolle Geschichte, da hier sowohl zur NS-Zeit unterschiedliche Lagertypen bestanden, als auch im Laufe der historischen Entwicklung nach 1945 verschiedenartig ausgerichtete Gedenkstättenarbeit betrieben wurde. Die Frage nach Kontinuitäten und Brüchen als thematischen Schwerpunkt setzend möchten wir uns auf dem Workshop 2008 mit der Entwicklung und Struktur der nationalsozialistischen Konzentrationslager sowie mit der sich wandelnden Erinnerung an diese Orte des Terrors beschäftigen

Die geplante Tagung steht in der Tradition des seit 1994 jährlich stattfindenden „Workshops zur Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“, der in wechselnden Konstellationen von den Teilnehmenden selbst organisiert wird. Als mittlerweile international etabliertes Forum bietet der Workshop NachwuchswissenschaftlerInnen die Gelegenheit, ihre Forschungsvorhaben in fachkundiger und kritischer, aber dennoch kollegialer Atmosphäre zu präsentieren und zu diskutieren.

Leitende Fragestellungen des 15. Workshops nehmen
(1) das System der Lager, seine Entwicklung, sich wandelnde Funktionen und Strukturen,
(2) die im Gewaltkontext der KZ stehenden Akteure mit ihren je eigenen Erfahrungen, Motiven und Handlungsmöglichkeiten sowie
(3) die unterschiedlichen Formen gesellschaftlicher Aufarbeitung der in den KZ begangenen Verbrechen in den Blick.

(1) In den Themenbereich „Lagersystem“ fallen Fragen nach Kontinuitäten und Brüchen in der Entwicklungs- und Strukturgeschichte des nationalsozialistischen KZ-Systems. Von den improvisierten Haftstätten verschiedenartigster Gestalt und institutioneller Unterstellung der ersten Monate bis zur Herausbildung der Konzentrationslager-SS und dem Aufbau eines weit verzweigten Systems von Haupt- und Nebenlagern waren die Konzentrationslager Haft-, Zwangsarbeits-, Folter- und Sterbeorte für Millionen von Menschen. Die Konzentrationslagerforschung hat versucht, das System der KZ v.a. über Periodisierungen verstehbar zu machen. Sind vor dem Hintergrund neuester Forschungsergebnisse die Entwicklungssprünge in der Geschichte der Lager tatsächlich als qualitative Funktionswandel zu bewerten, bei denen eine frühere Funktion durch eine neue abgelöst wurde? Oder lässt sich im Laufe der Jahre eher eine Zielakkumulation feststellen, hervorgerufen durch die ständig wachsenden Anforderungen an das KZ-System, die neue Funktionen hinzutreten ließen, ohne das alte wirklich aufgegeben wurden? Welche Bedeutung hatten z.B. die „frühen Lager“ 1933/34 für die Herausbildung des Gesamtsystems?

(2) Durch eine Blickpunktverschiebung auf die Akteure im Gewaltkontext KZ können auch Entwicklungen jenseits der System- und Organisationsgeschichte auf Kontinuitäten und Brüche hin untersucht werden. Als Täter, Opfer oder Zuschauer traten Menschen einzeln oder in Gruppen auf unterschiedliche Weise mit den KZ in Beziehung bzw. mussten innerhalb der ihnen von der SS aufoktroyierten Häftlingszwangsgesellschaft ums Überleben kämpfen. Welche Aufschlüsse über ihre spezifischen Wahrnehmungen, Beweggründe und Handlungsmöglichkeiten können aus einer Beschäftigung mit den als „Täter“, „Opfer“ und „Zuschauer“ bezeichneten Personengruppen gewonnen werden? Lassen sich neue Erkenntnisse erzielen, wenn statt der institutionellen Entwicklung der Konzentrationslager die Erfahrungen der Opfer in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt werden? Inwiefern spiegeln sich beispielsweise die aus der Organisationsgeschichte der Konzentrationslager abgeleiteten Kontinuitäten und Brüche in den Erinnerungsberichten ehemaliger Häftlinge? Und wie wiederum stellt sich die Entwicklung dar, wird der Verlauf der Verfolgung und Internierung verschiedener Opfergruppen betrachtet? Schließlich soll innerhalb dieses Themenblocks auch das Verhältnis zwischen den Konzentrationslagern und ihrer lokalen Umgebung, seine Veränderungen und Konstanten im Verlauf der zwölfjährigen NS-Herrschaft, untersucht werden.

(3) Nach der Auflösung bzw. Befreiung wurden die Gelände der ehemaligen Konzentrationslager oftmals unsichtbar gemacht, vergessen und erst auf Initiative ehemaliger Häftlinge und häufig gegen den Widerstand der lokalen Bevölkerung zu Orten des Gedenkens umgestaltet. Die historischen Tatorte, heute in verschiedenen Ländern gelegen, wurden sukzessive zu grundlegenden Bestandteilen einer nationalen und inzwischen auch europäischen Erinnerungskultur und Memorialpraxis, an denen sich wiederum ablesen lässt, wie eine Gesellschaft mit ihrer jeweiligen Vergangenheit umgeht und welche in die Zukunft gerichteten gesellschaftspolitischen Handlungsimperative sie aus der Geschichte ableitet. Die verschiedenen Formen der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, auf zivilgesellschaftlicher wie staatlicher Ebene, sind erneut Funktions- und Bedeutungswandeln unterworfen, deren Kontinuitäten und Brüche wir im dritten Themenkomplex beleuchten wollen.

Durch die Auswahl der beiden Tagungsorte mit ihrer wechselvollen Geschichte können einige der hier skizzierten Fragestellungen auch anhand der Lager Oranienburg, Sachsenhausen, Ravensbrück und Uckermark sowie am Beispiel von Gedenkstättenkonzeptionen, Neugestaltungsprozessen und Ausstellungen vor Ort diskutiert und konkretisiert werden. Führungen über die Gelände und anschließende Gespräche mit den verantwortlichen HistorikerInnen und PädagogInnen sind feste Programmpunkte der Tagung.

Die Vorträge werden den Charakter zwanzigminütiger Impulsreferate haben, an die sich jeweils vierzigminütige Diskussionen anschließen. Die Tagung besitzt einen Werkstattcharakter, die Diskussion von offenen Fragen steht im Vordergrund. Die ReferentInnen und TeilnehmerInnen werden während der gesamten Dauer der Tagung anwesend sein, um einen möglichst tiefgreifenden Austausch zu ermöglichen.

Die Teilnahmeausschreibung richtet sich an fortgeschrittene Studierende und Promovierende, die sich in ihren Arbeiten und Projekten mit der Geschichte und Nachgeschichte der Konzentrationslager auseinandersetzen. Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch.

Wir bitten alle Interessierten, bis zum 31. August 2008 ein einseitiges Motivationsschreiben sowie eine Kurzbiographie an folgende E-Mail-Adresse zu senden:

orgateam.workshop2008@googlemail.com

Die Benachrichtigung der ausgewählten TeilnehmerInnen erfolgt Mitte September 2008. Wir bemühen uns, Reise- und Unterbringungskosten zu übernehmen. Sollte uns eine vollständige Kostendeckung nicht möglich sein, behalten wir uns vor, eine geringe Selbstkostenbeteiligung zu erheben.

Das Organisationsteam
Christiane Hess, Julia Hörath, Dominique Schröder, Kim Wünschmann

Programm

Vorläufiger Tagungsplan

Der diesjährige Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager wird mit einem Impulsreferat einer/eines jungen Wissenschaftlers eröffnet, der gerade seine Promotion abgeschlossen hat. Das Referat soll einen Aufriss zu den Leitfragen des Workshops bieten und in die Thematik einführen.

Mittwoch, 12. November 2008
bis 17:00 Anreise (Stadthotel Oranienburg)
18:00 -19:00 Abendessen (Hotel)
19:00 -20:00 Begrüßung und Vorstellung
20:00 -21:30 Grußworte und Eröffnungsvortrag mit anschließender Diskussion:
Angefragt: Dr. Carina Baganz (ZfA, TU Berlin)

Donnerstag, 13. November 2008
8:00 – 9:00 Bustransfer zur Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
9:00 – 19:00 Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
9:00 – 13:00 Panel I (1. Lagersystem) – Moderation: Kim Wünschmann
9:00 – 10:00 Julia Hörath (Birkbeck College, London) – Die Anfänge sozialhygienischer Verfolgung
10:00 – 11:00 Sven Langhammer (Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt) – Die polizeiliche Vorbeugungshaft in Preußen von 1933-1936/37
11:00 – 11:30 Kaffeepause
11:30 – 12:30 Roman Fröhlich (OSI FU, Berlin) - Beschäftigung von Zwangsarbeitern im Heinkel-Konzern
12:30 – 13:00 Panel I: Resümee und Diskussion der Vorträge 1-3
13:00 – 14:00 Mittagessen in der Gedenkstätte
14:00 – 17:30 Begrüßung und Erkundung der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück mit der Leiterin Dr. Insa Eschebach
17.30 – 18.00 Kaffeepause
18:00 – 19:30 Diskussion der Gedenkstättenkonzeption mit Dr. Insa Eschebach
19:30 – 20:30 Bustransfer zum Stadthotel Oranienburg
Ab 20:30 Abendessen im Stadthotel Oranienburg

Freitag, 14. November 2008
9:00 – 21:00 Tagungshotel
9:00 – 13:00 Panel II (2. Täter, Opfer, Zuschauer) – Moderation: Julia Hörath
9:00 – 10:00 Christopher Dillon (Birkbeck College, London) - The Dachau SS and the locality 1933-1939
10:00 – 11:00 Paul Moore (Birkbeck College, London) - „Man hat es sich viel schlimmer vorgestellt.“ Continuity and Change in Propaganda on and Public Perception of the Nazi Concentration Camps, 1933-39
11:00 – 11:30 Kaffeepause
11:30 – 12:30 Helen Whatmore (University College, London) - Bystanders, Accomodation and Resistence
12:30 – 13.00 Panel II: Resümee und Diskussion der Vorträge 4-6
13:00 – 14:00 Mittagessen
14:00 – 16:00 Panel III (3. Lagerwelt) – Moderation: Dominique Schröder
14:00 – 15:00 Jörn Wendland (Universität Bonn) - Die Verbildlichung des Undarstellbaren. Bildgeschichten von Häftlingen aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern
15:00 – 16:00 Katarzyna Nowak (Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau) - „Lagersprache“ im KL Auschwitz
16.00 – 16.30 Kaffeepause
16:30 – 17:30 Oliver Geissler (TU Dresden) - »schöpferisches Gedächtnis.« Das verschwundene und das erfundene Lager bei Imre Kertész
17:30 – 18:30 Panel III: Resümee und Diskussion der Vorträge 7-9
18:30 – 19:30 Abendessen
19:30 – 21:00 Wahl des Organisationsteams 2009

Samstag, 15. November 2008
9:00 – 19:00 KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen
9:00 – 9:30 Spaziergang zur KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen
9:30 – 12:30 Besuch der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen. Rundgang und Diskussion mit dem Leiter Prof. Dr. Günter Morsch
12:30 – 13:30 Mittagessen in der Gedenkstätte
13:30 – 14:30 Diskussion der Gedenkstättenkonzeption mit Prof. Dr. Günter Morsch
14:30 – 19:00 Panel IV (4. Unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Aufarbeitung) – Moderation: Christiane Hess
14:30 – 15:30 Tomaz Jardim (University of Toronto) - Early Assessments of Nazi Criminality: American War Crimes Investigators
15:30 – 16:00 Kaffeepause
16:00 – 17:00 Imke Hansen (Universität Hamburg) - Wem gehört Auschwitz? Jüdisch – Katholisch-Polnische Gedächtnis-Konflikte um das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager 1985 – 1999
17:00 – 18:00 Verena Paetow (angefragt)
18:00 – 19:00 Panel IV: Resümee und Diskussion der Vorträge 10-12
19:00 – 20:00 Abendessen
20:00 – 22:00 Filmvorführung mit anschließender Diskussion

Sonntag, 4. November 2007
9:00 – 12:00 Tagungshotel
9:00 – 10:00 Resümee incl. Ausblick und Diskussion
10:00 – 11:30 Abschlussdiskussion und Auswertungsrunde
11:30 – 12:00 Kaffeepause
ab 12:00 Abreise der TeilnehmerInnen

Kontakt

Dominique Schröder

Bielefeld Graduate School in History and Sociology

orgateam.workshop2008@googlemail.com