Ästhetisierung des Sozialen in Geschichte und Gegenwart am Beispiel der visuellen Kulturen

Ästhetisierung des Sozialen in Geschichte und Gegenwart am Beispiel der visuellen Kulturen

Veranstalter
Prof. Dr. Lutz Hieber (Hannover); Prof. Dr. Stephan Moebius (Jena); Sektion Kultursoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
Veranstaltungsort
Hannover
Ort
Hannover
Land
Deutschland
Vom - Bis
23.10.2009 - 24.10.2009
Deadline
15.05.2009
Von
Prof. Dr. Stephan Moebius (Jena, Erfurt)

Wirft man einen Blick auf gegenwärtige Beschreibungen des Sozialen, so finden sich eine Reihe von Zeitdiagnosen, die (meist auf die hochindustrialisierten Länder beschränkt) einen epochalen Wandel beschreiben: »Wissensgesellschaft«, »Welt-Risikogesellschaft«, »Informationszeitalter« oder »Erlebnisgesellschaft«.

Auch das deutliche Zutagetreten einer »Ästhetisierung des Sozialen« wird als ein Kennzeichen unserer heutigen Zeit und deren gesellschaftlicher Verfasstheit gedeutet. Unter Ästhetisierung des Sozialen werden dabei ganz unterschiedliche Praktiken und Vorstellungen gemeint, die traditionelle Formen der Vergesellschaftung zunehmend außer Kraft setzen. Sei es, dass sich die Lebensführung der gesellschaftlichen Akteure von einer zweckrationalen zu einer an unterschiedlichen alltagsästhetischen Stilen ausgerichteten Lebensweise gewandelt habe (Stichwort: Sinus-Milieus), dass sich die Akteure immer mehr entlang ihrer Geschmacksurteile und Stilvorlieben differenzieren als gemäß ihrer sozialen Lage, dass der »neue Geist des Kapitalismus« ohne ästhetische Praktiken nicht überlebensfähig ist, oder dass der Wandel zu postmateriellen Werten als ein spezifisches Zeichen einer Ästhetisierung des Sozialen wahrgenommen wird. Dabei schwingt immer auch die These mit, durch die Erosion klassenspezifischer Notlagen hätten sich die Handlungsspielräume einer Vielzahl von Individuen inzwischen in einer Weise erweitert, dass sie sich vermehrt der Kultivierung einer Ästhetik der Existenz (Kleidermode, Körperkult, Stile der Wohnungseinrichtungen etc.) widmen können.

»Ästhetisierung des Sozialen« kann auch als eine metaphorische Beschreibung der Beobachtung dienen, dass bei den gesellschaftlichen Akteuren in früher unvorstellbarem Ausmaß die Produktion und Rezeption sinnlicher Erfahrungen ins Zentrum der Lebenspraxis getreten ist – gleichsam als ein Erbe der Bestrebungen der historischen Avantgardebewegungen, die Kunst in Lebenspraxis aufzuheben. Auch Existenzweise und Selbstdefinition religiöser Gruppierungen sind nicht ohne Praktiken der Ästhetisierung zu denken. Schließlich ist eine »Ästhetisierung des Sozialen« auch im Bereich der Politik zu konstatieren. Angefangen von designten Parteiwerbebroschüren und -plakaten, die gemäß den Prinzipien avancierter Werbeästhetik gestaltet sind, über Protestplakate, bis hin zu Praktiken der medialen Ästhetisierung und Stilisierung von Politikern und Parteitagen.

Heute betrifft die Ästhetisierung des Sozialen demnach viele, wenn nicht sogar alle Bereiche der Gesellschaft. Dabei handelt es sich jedoch keinesfalls um Erscheinungen, die erst durch das Aufkommen der elektronischen Medien und der modernen Reklametechniken ermöglicht wurden, also jüngeren Datums sind. All die gegenwärtigen Formen der Ästhetisierung haben eine lange Geschichte.

Die geplante Tagung will sich den Prozessen der Ästhetisierung des Sozialen widmen. Dabei wird keine Beschränkung auf eine zeitdiagnostische Sicht angestrebt, vielmehr sollen selbstverständlich auch historische Perspektiven angemessen beleuchtet werden. Denn Prozesse und Bestrebungen einer Ästhetisierung des Sozialen lassen sich nicht nur in der Gegenwart ausmachen, und die These einer Ästhetisierung des Sozialen geht nicht nur mit herkömmlichen Modernisierungstheorien Hand in Hand: Prozesse der Ästhetisierung des Sozialen wirkten auch in früheren Epochen – man denke etwa an die Bedeutung von Bildern in politischen und religiösen Auseinandersetzungen oder an die Avantgardebewegungen des frühen 20. Jahrhunderts. Deshalb richtet sich die Tagung explizit an einer historischen Kultursoziologie ästhetischer Praktiken aus. Um das breite Themenspektrum einzugrenzen, soll der Fokus des historischen und gegenwartsdiagnostischen Interesses dabei vorwiegend auf der Produktion und dem Gebrauch visueller Artefakte/visueller Kultur liegen (von Gemälden und Druckgrafik bis zum Film und elektronischen Medien).

Programm

Kontakt

Stephan Moebius

Friedrich-Schiller-Universität Jena Institut für Soziologie

stephan.moebius@uni-erfurt.de

www.stephanmoebius.de/projekte oder www.uni-koblenz.de/~instso/kuso-dgs/index.htm
Redaktion
Veröffentlicht am
02.03.2009
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Land Veranstaltung
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