Individualität in Moderne und Vormoderne

Individualität in Moderne und Vormoderne

Veranstalter
Prof. Dr. Franz-Josef Arlinghaus, Universität Bielefeld
Veranstaltungsort
Mövenpick Hotel, Bielefeld
Ort
Bielefeld
Land
Deutschland
Vom - Bis
28.05.2009 - 30.05.2009
Von
Prof. Dr. Franz-Josef Arlinghaus

Das ‚Ich’ zwischen Selbst- und Fremdbezug. Individualität in Moderne und Vormoderne
The "I" between self-reference and hetero-reference. Individuality in the modern and pre-modern

‚Individualität’ zählt zusammen mit ‚Freiheit’ und neben ‚Rationalität’ zu den zentralen Kategorien der Gegenwartsgesellschaft, die sie für sich reklamiert und mit denen sie sich von anderen Epochen abzugrenzen sucht. Die Identität der Moderne, ihr ‚Selbstbewusstsein’, leitet sich nicht zuletzt von diesen Abgrenzungsbemühungen her.

So betrachtet, hat die intensive historische Forschung zum Thema ‚Individualität’ weitgehend affirmativ die Selbsteinschätzung unserer Gegenwart bestätigt. Dies gilt nicht nur für jenen Zweig der historischen Forschung, der der Vorstellung anhängt, in der Vormoderne habe es gar keine oder so gut wie keine Individualität gegeben. Denn auch wenn man mit Jacob Burckhardt die Anfänge des modernen Individuums im 15. und 16. Jahrhundert ausmachen will oder seine ‚Entdeckung’ mit Colin Morris in das 12. Jahrhundert vorverlagert: Immer scheint eine teleologische Denkbewegung auf, die als Endpunkt das voll entwickelte Selbst der Moderne postuliert. Zwar sagt diese Betrachtungsweise der Forschung noch nichts über die Richtigkeit ihrer Ergebnisse aus. Eine gewisse Skepsis scheint jedoch angebracht.

Ein zentrales Problem besteht sicherlich darin, den Forschungsgegenstand genau zu umreißen, also zu definieren, was ‚Individualität’ eigentlich ist. Hier wird meistens ein deskriptiver Zugang gewählt, bei dem unterschiedliche Aspekte von Individualität additiv zusammengestellt werden. Ein weiteres Problem ist darin zu sehen, dass auf diese Weise die Alterität vormoderner Personenentwürfe nur bedingt Berücksichtigung finden kann und sich damit eine Historisierung des Phänomens äußerst schwierig gestaltet.

Sich diese Argumentationslinien und Problematiken bewusst haltend, wird vorgeschlagen, neue theoretische Überlegungen, wie sie insbesondere in der jüngeren soziologischen Forschung entwickelt wurden, auf der Tagung zu diskutieren und mit den Befunden der historischen Quellenanalyse zu konfrontieren. Konkret geht es um Vorschläge, wie sie zuletzt von Cornelia Bohn und Rudolf Stichweh, gestützt auf einen systemtheoretischen Ansatz, eingeführt wurden. Dieses Theoriedesign zeichnet sich dadurch aus, dass es in innovativer Weise die Gesellschaftsstruktur der Gegenwart mit dem Phänomen des modernen Individualismus verknüpft. So wird davon ausgegangen, dass aufgrund der Ausdifferenzierung der Gesellschaft das Subjekt an ihr immer nur in Form von sehr begrenzten Rollen partizipiert, als Ganzes in der Gesellschaft jedoch keinen Platz mehr findet. Die Antwort auf diese Exklusion besteht darin, so weiter, dass der Einzelne nun auf sich selbst zurückgeworfen ist. Er ist nun ganz darauf verwiesen, ein Selbst zu konstruieren, das aus sich selbst heraus als Fixpunkt dienen kann, da die Moderne einen gesellschaftlichen Bezugspunkt für die ganze Person nicht mehr anbietet. Es ist daher kein Zufall, dass moderne Introspektionen auf das eigene Selbst zielen und nicht, wie in der Vormoderne, auf Gotteserkenntnis.

Dieser Ansatz ließe sich für die Untersuchung vormoderner Individualität beispielsweise in die folgenden Fragestellungen überführen:

1) Wenn das herausragende Kennzeichen moderner Individualität in der Selbstreferentialität der Ich-Erfahrung besteht, so ist demgegenüber auszuloten, ob und in welchem Maße in der Vormoderne Fremdreferenz, d. h. der Bezug zur Gesellschaft und die Relation zu Gott als Fluchtpunkt der Selbstkonstruktion anzusehen ist (siehe Cornelia Bohn, Inklusion, Exklusion und Person, 2006; Eva Kormann: Ich, Welt und Gott, 2004). Statt also unterschiedliche Aspekte dessen, was Individualität ist oder sein könnte, additiv zusammenzustellen, wird vorgeschlagen, die Relation der Einzelperson zu relevanten Gruppen, zur Gesellschaft und zur Welt insgesamt als definitorischen Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen zu wählen.

2) Ausdrücklich soll es darum gehen, den gesellschaftlichen Kontext, in dem die einschlägigen Texte entstanden, und den literarischen Diskurs, in den sie eingebettet sind, deutlicher als bisher üblich bei der Interpretation mit einzubeziehen. Denn gerade wenn die Annahme zutrifft, dass ‚Fremdreferenz’ als modus operandi vormoderner Selbstzeugnisse gelten kann, ist weniger auf – problematische – psychologisierende Deutungen abzuheben als auf das soziale und literarische Umfeld, in dem die Schriften entstanden.

3) Statt explizit oder implizit eine lineare, kontinuierliche Entwicklung zu postulieren, zielt die Tagung darauf ab, Brüche und Entwicklungsschübe zu fokussieren. Dies in zweierlei Weise: einmal innerhalb des zu betrachtenden Zeitraums (etwa im 15./16. Jahrhundert) und dann insbesondere zu Beginn und am Ende dieser Epoche (12. Jahrhundert bzw. 18. Jahrhundert).
Der hier entwickelte Zugang und die daraus abgeleiteten Fragestellungen verstehen sich als Anregung und Diskussionsgrundlage. Selbstverständlich ist Kritik an dem Konzept erwünscht und sind auch andere Zugangswege willkommen.
Das Thema und die hier angestrebte Herangehensweise verlangt nach einem interdisziplinären Zugang. Neben der Geschichtswissenschaft hat sich die Germanistik intensiv mit Texten auseinander gesetzt, in denen Personenentwürfe thematisiert werden. Darüber hinaus sollte die soziologische Theorie zu Wort kommen, die eine mögliche Basis für das Tagungskonzept bildet.

Die Referenten sind gebeten, die Vortragszeit auf 30 Minuten zu beschränken. Nach jedem Vortrag sind 45 Minuten Zeit für Diskussion eingeplant.

Programm

Donnerstag, 28.05.2009

9:00 Franz-Josef Arlinghaus, Bielefeld
Introduction: New Possibilities of Conceptualizing Premodern Individuality

10:15 Brigitte Bedos-Rezak, New York
Loci of Medieval Individuality. A Methodological Inquiry

11:30 Kaffeepause

12:00 Eva Kormann, Karlsruhe
Gespiegelte Norm – gespeicherte Erfahrung. Autobiografiik, Autonomie und Genus an der Schwelle zur Neuzeit
Mirrored Norm – Stored Experience. Autobiografic Writing, Autonomy and Gender at the Beginning of the Early Modern Period

13:15 Mittagspause / Lunch

15:00 Sabine Schmolinsky, Hamburg
Dialogische Situationen. Überlegungen zur Selbstidentifikation im Mittelalter
Dialogue Situations. Reflections on Self-Identification in the Middle Ages

16:15 Carol Symes, Cambridge, Mass.
Individual, Community, and Representation in Twelfth-Century Arras: Jehan Bodel, the Commune, and the Confraternity of Jongleurs

17:30 Kaffeepause

18:00 Ludolf Kuchenbuch, Berlin
Zur Soziogenese des administrativen Ichs: Caesarius' Kommentar des Prümer Urbars (893/1222)
The Sociogenesis of the Administrative Self: Caesarius’ Comment on the Prümer Urbar (893/1222)

20:00 Gemeinsames Abendessen

Freitag, 29.05. 2009

9:00 Marina Münkler, Berlin
Formen und Aspekte von Individualität im Tristan Gottfrieds von Straßburg
Forms and Aspects of Individuality in „Tristan“ of Gottfried von Straßburg

10:15 David Gary Shaw, Middletown, Connecticut
Expressing Your Self in Later Medieval England: Social or Individual?

11:30 Kaffeepause

12:00 Matthias Meyer, Wien
Textuelle Individuation und Narration. Die Fälle von Ulrich von Lichtenstein, Helene Kottanerin und Johann Tichtel
Textual Individuation and Narration. The Cases of Ulrich von Lichtenstein, Helene Kottanerin and Johann Tichtel

13:15 Mittagspause / Lunch

15:00 Christof Rolker, Konstanz
Me, myself and my name: Naming practices and the social self in the late medieval town

16:15 Gregor Rohmann, Frankfurt
Das Subjekt als Produkt einer Emanzipation – nur: wovon? Verwandtschaft als Katalysator der Individuation in Familienbüchern des 15. und 16. Jahrhunderts
The Subject as a Product of Emancipation – but from which? Relationship as catalyst of Individuation in the housebooks of the 15th and 16th centuries

17:30 Kaffeepause

18:00 Heike Schlie, Berlin
Selbstdarstellung als individuelle Vergewisserung in sozialen und kosmologischen Ordnungen: Mattheus Schwarz (1497-1574)
Self-Representation as Individual Self-Ascertainment in Social and Cosmological Orders

20:00 gemeinsames Abendessen

Samstag, 28.05. 2009

Moderator: Simon Teuscher, Zürich

9:00 Michael T. Clanchy, London
Ego non sum nisi unus homo’: Henry III of England as individual and as king

10:15 Gabriele Jancke; Berlin
"Individualität", Beziehungen, Worte über sich selbst: Autobiografisches Schreiben als Ressource (15./16. Jh.)
„Individuality“, Relations, Words about oneself. Writing Autobiografies as Resource (15th/16th centuries)

11:30 Kaffeepause

12:00 Mareike Kohls, Kassel
Selbstverortung(en) im Spannungsfeld zwischen Nation - Geschlecht - Stand: Gesundheitspraktiken in den Briefen Liselottes von der Pfalz (1652-1722)
Self-positioning between between the contradictory contexts of nation - gender - state: health practices in the letters of Liselotte von der Pfalz (1652-1722)

13:15 Gemeinsames Mittagessen

Am Samstagnachmittag besteht die Möglichkeit, an einer gemeinsamen Exkursion teilzunehmen. Das Ziel wird noch bekannt gegeben. Abends besteht die Möglichkeit zu einem gemeinsamen Abendessen.

Kontakt

Iris Törmer
<iris.toermer@uni-bielefeld.de>
Prof. Dr. Franz-Josef Arlinghaus
<franz.arlinghaus@uni-bielefeld.de>


Redaktion
Veröffentlicht am
27.03.2009