Seit den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center am 11. September 2001 erfreut sich die internationale Terrorismusforschung anhaltender Konjunktur. So hat etwa in den letzten Jahren in Deutschland die Rote Armee Fraktion (RAF) nachhaltig das Interesse der Wissenschaft, mehr aber noch der Publizistik, auf sich gezogen. Hierbei fällt jedoch auf, dass die Forschung der Kategorie Geschlecht bislang nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat und die Erkenntnisse der Geschlechterforschung bislang für die Analyse des Terrorismus kaum genutzt wurden.
Dieser Befund überrascht angesichts des hohen Mitgliederanteils von Frauen in linksterroristischen Gruppen, der in den 1970er Jahren massive Verstörungen und Verunsicherungen evozierte, sowie durchgängig vergeschlechtlichten Sicherheitsdiskursen, innerhalb derer das Phänomen Terrorismus mit „pervertierter“ Frauenemanzipation verknüpft wurde. Zumeist wurden Terroristinnen als „Terror-Amazonen“ oder „Flinten-Weiber“ beschrieben, und die Suche nach den Ursachen für das gewaltsame Engagement von Frauen bestimmte die öffentlichen Debatten. Dies verweist darauf, dass die physische Gewaltausübung durch Frauen etwa bei Bombenattentaten oder gezielten Mordanschlägen keineswegs nur als Verstoß gegen die Rechtsnorm oder als Kriegserklärung an den Staat und die kapitalistische Ordnung begriffen wurde, sondern gleichsam für die für die Zeitgenossen und -genossinnen einen massiven Angriff auf die vermeintlich natürliche Ordnung der Geschlechter bedeutete.
Jedoch soll im Rahmen der Tagung eine Reproduktion des zeitgenössischen Diskurses, der Geschlecht weitgehend mit „Weiblichkeit“ gleichsetzte und vornehmlich das als „deviant“ wahrgenommene Verhalten von Terroristinnen in den Blick nahm, vermieden werden. Vielmehr gilt es, eine männergeschichtliche Erweiterung der Perspektive, die ebenfalls ein dringendes Desiderat der Terrorismusforschung darstellt, vorzunehmen. Es ist daher ein wesentliches Ziel der Tagung, auch die (medialen) Repräsentationen männlicher Angehöriger terroristischer Gruppierungen zu analysieren und danach zu fragen, in welchem Spannungsverhältnis sich diese Selbst- und Fremdzuschreibungen zu hegemonialen Männlichkeitskonzepten befanden.
Von „langen 1970er Jahren“ ausgehend, welche die Zeit zwischen den späten 1960er und mittleren 1980er Jahren umspannen und in der aktuellen zeithistorischen Forschung gleichermaßen als allgemein- wie auch geschlechterhistorische „Satteldekade“ (Adelheid von Saldern) debattiert werden, beabsichtigt die Tagung eine vertiefte Diskussion des Verhältnisses von Geschlechterordnung und Terrorismus in transnationaler Perspektive.
Erwünscht sind daher Beiträge von Historikerinnen und Historikern bzw. Vertreterinnen und Vertretern benachbarter Disziplinen (Politik- und Sozialwissenschaften, Kultur-, Literatur- und Sprachwissenschaften, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Psychologie), die in vergleichender (vor allem Westdeutschland, Frankreich, Italien, USA und Japan), transfer-, wahrnehmungs- oder beziehungsgeschichtlicher Perspektive vergeschlechtlichte Selbstinszenierungen von Mitgliedern links-, aber auch rechtsterroristischer Gruppierungen, das Verhältnis von Geschlechterinszenierungen und zeitgenössischen bzw. retrospektiven medialen Terrorismusdarstellungen sowie vergeschlechtlichte Sicherheitsdiskurse und staatliche Reaktionen in den Blick nehmen. Interessierte Forscherinnen und Forscher werden gebeten, bis zum 1. Oktober per E-Mail Abstracts von bis zu maximal zwei Seiten an andreas.schneider@zmi.uni-giessen.de oder Irene.Bandhauer-Schoeffmann@uni-klu.ac.at zu senden. Die Vorträge sollten eine Länge von 25 Minuten nicht überschreiten. Wir freuen uns auf interessante Vorschläge und stehen für Nachfragen jederzeit zur Verfügung.