WendeJahr 1959? Eine deutsch-italienische ZiF-AG zu Kontinuitäten und Brüchen in der deutschsprachigen Literatur der 50er Jahre

WendeJahr 1959? Eine deutsch-italienische ZiF-AG zu Kontinuitäten und Brüchen in der deutschsprachigen Literatur der 50er Jahre

Veranstalter
Zentrum für interdisziplinäre Forschung, Bielefeld (ZiF)
Veranstaltungsort
ZiF, Wellenberg 1, 33615 Bielefeld
Ort
Bielefeld
Land
Deutschland
Vom - Bis
22.02.2010 - 24.02.2010
Von
Matthias N. Lorenz, Maurizio Pirro

WendeJahr 1959? Eine deutsch-italienische ZiF-AG zu Kontinuitäten und Brüchen in der deutschsprachigen Literatur der 50er Jahre

Termin: 22. - 24. Februar 2010

Leitung: Matthias N. Lorenz (Bielefeld), Maurizio Pirro (Bari)

Kanonische Periodisierungen der deutschen Literatur der Nachkriegszeit sprechen dem Jahr 1959 einen entscheidenden Schwellencharakter zu. Die vielfach beschworene Erwartung eines literarischen Neuanfanges, die in der geläufigen Metaphorik von ›Stunde Null‹ und ›Kahlschlag‹ einen besonders prägnanten Ausdruck fand, sei durch die fiktionale Arbeit engagierter Schriftsteller wie Grass, Johnson oder Böll erfüllt worden, deren Werdegang von Berührungen mit der nationalsozialistischen Kulturpolitik verschont geblieben sei. Der so postulierte Schwellencharakter des Jahres 1959 ist ein wirkmächtiges Klischee, das sich durch zahlreiche literarhistorische Darstellungen zieht – sind doch die 50er Jahre insgesamt eine Epoche, die im Rückblick von zahlreichen Klischees bestimmt scheint. Neuere geschichtswissenschaftliche Forschungen präsentieren die 50er Jahre dagegen als ein komplexes Ineinander divergierender Tendenzen: Das Jahrzehnt hatte durchaus Laborcharakter und ist retrospektiv auch als Phase der ›Modernisierung im Wiederaufbau‹ zu betrachten, ohne dass dadurch der tradierte Blick auf die 50er Jahre als Epoche problematischer Kontinuität und muffiger Restauration gänzlich an Plausibilität verlöre. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch das Konstrukt eines ›Romanjahres‹ 1959 befragen: Markiert es das Ende der Nachkriegszeit? Oder ist die (Selbst-)Inszenierung von zwei oder drei wichtigen Romanen des Jahres 1959 als eine Zäsur durch Zeitgenossen und westdeutsche Literaturgeschichtsschreibung nicht gerade Ausdruck eben jener Schlussstrichmentalität, die sich in jedem Postulat des vermeintlich geschichtslosen Neuanfangs nach 1945 (›Stunde Null‹, ›Kahlschlag‹, Tabula Rasa, ›Junge Generation‹…) äußerte? Für eine kritische Diskussion beider Thesen haben sich in den letzten Jahren gute Gründe durch geschichts- und literaturwissenschaftliche Forschungen ergeben: Einerseits durch die Schärfung des geschichtswissenschaftlichen Blicks auf die 50er Jahre infolge der derzeitigen Historisierung von ›1968‹ als ein Jahrzehnt zwischen restaurativen und modernen Impulsen, in dem viele spätere kulturelle und gesellschaftspolitische Entwicklungen bereits angelegt wurden. Andererseits durch Ergebnisse der Forschungen zur Gruppe 47, zur so genannten Flakhelfergeneration und zu den Protagonisten der Nachkriegsgermanistik, die in den letzten Jahren eine weitergehende organisatorische oder ideologische Verstrickung zahlreicher Akteure des literarischen Feldes herausgearbeitet haben, als dies die Postulate vom Neubeginn – ob 1945 oder 1959 – glauben machen wollen. In intensiver Bearbeitung ausgewählter Werke und Querschnittsthemen soll die Arbeitsgemeinschaft zum ›WendeJahr 1959‹ zu einem differenzierteren Bild der Literatur der 50er Jahre jenseits bloßer Schlagworte, Gruppenzuweisungen und Zäsuren à la ›Kahlschlag‹, ›Gruppe 47‹, ›Romanjahr‹ 1959 usw. kommen. Erst im Zusammenspiel der verschiedenen literarischen und politischen Positionsbestimmungen werden die mitunter unerwarteten Berührungspunkte zwischen den vermeintlich fest definierten Generationen und Gruppen erkennbar. Die dezidiert deutsch-italienische Perspektive der Arbeitsgemeinschaft wird dabei nicht nur durch Parallelitäten in der sozialen und kulturgeschichtlichen Verarbeitung einer totalitären Vergangenheit legitimiert, sondern durch rege rezeptive Vorgänge, die der BRD- und der DDR-Literatur in der italienischen Leselandschaft der 50er Jahre eine sehr prominente Position zukommen lassen.

Organisatorische Fragen beantwortet Marina Hoffmann im Tagungsbüro (Tel: +49 521 106-2768 / Fax: +49 521 106-6024). Bei inhaltlichen Fragen wenden Sie sich bitte direkt an die Veranstaltungsleitung: matthias.lorenz@uni-bielefeld.de

Programm

PROGRAMM:

Sonntag, den 21. Februar 2010

Ab 20.00 Uhr
Anreise der TeilnehmerInnen
Informeller Auftakt in der Bar des Restaurants „Bernstein“, Niederwall 2, Tel. 0521‐962‐8750, Straßenbahnhaltestelle Jahnplatz

Montag, den 22. Februar 2010
Ab 9.00 Uhr Ankunft der TeilnehmerInnen im ZiF
9.30 Uhr Begrüßung durch ein Direktoriumsmitglied des ZiF und Einführung durch die Tagungsleiter

Sektion I
Moderne Zeiten? Bruchstellen, Transformationen und Kontinuitäten um
das Jahr 1959

10.00 Uhr JProf. Dr. Alexander Gallus, Rostock:
Die späten fünfziger Jahre als Zäsur. Überlegungen zur Periodisierung
der bundesdeutschen Geschichte

10.45 Uhr Dr. Daniel Siemens, Bielefeld:
Von der „bleiernen Nachkriegszeit“ zur „Modernisierung im
Wiederaufbau“? Das gegenwärtige Bild der frühen Bundesrepublik
in der Geschichtswissenschaft

11.30 Uhr ‐ Kaffeepause ‐

12:00 Uhr Dr. Fabian Lampart, Freiburg:
Vom „Verlust der Mitte“ zum „Museum der modernen Poesie“.
Konzeptionen der Moderne in der deutschsprachigen Lyrik zwischen 1945 und 1960

12.45 Uhr Mittagessen im ZiF

Sektion II
1959 in verschiedenen gesellschaftspolitischen Kontexten

14.00 Uhr Dr. Andrea de Petris, Rom:
1959, Bad Godesberg: Die Wende der Deutschen Sozialdemokratie

14.45 Uhr Dr. Juliane Wetzel, Berlin:
1959 als „Rückfall“? Die Neue Antisemitismuswelle

15.30 Uhr Kaffeepause

16.00 Uhr Torben Fischer, Lüneburg:
1959 im Film: Kriegsfilmwelle und Erinnerungsbilder

Sektion III
Beweisaufnahme: Evaluation des „Romanjahrs“

16.45 Uhr Dr. Anselm Weyer, Köln:
Günter Grass’ „Die Blechtrommel“ (1959)

17.30 Uhr Kaffeepause

18.00 Uhr Dr. Viviana Chilese, Ferrara:
„… quer über die Gleise“. Zu Uwe Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“
(1959)

18.45 Uhr Alice Mazurek, Limerick:
Heinrich Bölls „Billard um halb zehn“ (1959) – Von Lämmern und Büffeln

19.30 Uhr Abendessen im ZiF

Dienstag, den 23. Februar 2010

Sektion IV
Aneignungsverhältnisse: Wechselwirkungen zwischen der westdeutschen Literatur und dem Ausland

9.30 Uhr Dr. Michele Sisto, Trient:
Die Rezeption der deutschen Literatur im Wendejahr 1959 in Italien

10.15 Uhr Dr. Maurizio Pirro, Bari:
Dante bei Hans Erich Nossack

11.00 Uhr Kaffeepause

11.30 Uhr Dr. Charis Goer, Bielefeld:
Neues aus dem Westen – Frühe Rezeption und erste Übersetzungen der Beat Generation in Westdeutschland

12.15 Uhr Mittagessen im ZiF

Sektion V
Das andere Deutschland: Kontrastfolie DDR

13.30 Uhr Dr. Martina Ölke, Dortmund:
1959 ‐ „Wendejahr Ost“? Der Bitterfelder Weg und die Literatur der DDR

14.15 Uhr Dr. Nicole Colin, Amsterdam/Paris:
Der doppelte Brecht – Ost‐West‐Figurationen einer verhinderten Rezeption

15.00 Uhr Kaffeepause

15.30 Uhr Tiziana Urbano, Palermo:
Nachkriegskabarett in Berlin. Wissen und Macht im Hinblick auf die
Performance

16.15 Uhr Dr. Daniela Nelva, Turin:
Die 50er Jahre in Autobiographien von DDR‐Schriftstellern

19.30 Uhr Abendessen

Mittwoch, den 24. Februar 2010

Sektion VI
Inszenierungsstrategien: Akteure des literarischen Feldes

9.30 Uhr Dr. Jens Birkmeyer, Münster:
Paul Celan – Schnitt 59

10.15 Uhr Dr. Oliver Müller, Bielefeld:
Zivilisationsdebakel. Zu Arno Schmidts Roman „Kaff auch Mare Crisium“

11.00 Uhr Kaffeepause

11.30 Uhr Dr. Matthias N. Lorenz, Bielefeld:
Literarische Spuren von Günter Grass’ Waffen‐SS‐Mitgliedschaft
12.15 Uhr Mittagessen im ZiF

Tagungsende

Kontakt

Matthias N. Lorenz

Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft
Postfach 100131, 33501 Bielefeld

matthias.lorenz@uni-bielefeld.de

http://www.uni-bielefeld.de/(de)/ZIF/AG/2010/02-22-Lorenz.html