Über den Umgang mit Konfliktlagen. Französisch-deutsches Nachwuchsseminar

Über den Umgang mit Konfliktlagen. Französisch-deutsches Nachwuchsseminar

Veranstalter
Centre interdisciplinaire d’études et de recherches sur l’Allemagne (CIERA) und Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI)
Veranstaltungsort
Moulin d'Andé (Departement Eure, Normandie)
Ort
Moulin d'Andé
Land
France
Vom - Bis
07.09.2010 - 11.09.2010
Deadline
10.05.2010
Website
Von
CIERA und KWI

Das gemeinsam von CIERA und KWI organisierte Seminar bietet Nachwuchswissenschaftler/innen ein Forum intellektueller Soziabilität in einem spezifisch deutsch-französischen Milieu. Die fünftägige Sommeruniversität ist interdisziplinär und international ausgerichtet. Sie ermöglicht jungen Forscher/innen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften (in der Mehrheit Doktorand/innen) nicht nur eine intensive Kommunikation untereinander, sondern auch den Austausch mit etablierten Wissenschaftler/innen.
Das Seminarprogramm wurde entworfen, um den geistes- und sozialwissenschaftlichen Umgang mit Konflikten und Konfliktlagen auszuloten. Ziel ist die Erfassung von Untersuchungsinstrumenten, -ebenen und -konzepten, die in den unterschiedlichen Disziplinen zur Erforschung des Themas verwendet werden.

Inhalt
Konflikte hinterlassen Spuren. Sie zwingen alle Beteiligten zu reagieren, sich zu rechtfertigen, sie stellen weiter Berechtigungen in Frage und, im Falle von gewalttätigen Konfliktformen, sogar die Existenz der involvierten Parteien. Für die beteiligten Akteur/innen wie auch für die Forschenden geht es unter anderem darum, einen Konflikt zu benennen, ihn zu beschönigen, zu verneinen, zu unterstreichen oder zu dramatisieren: Krieg, Gewalt, Kontroverse, Konkurrenz, Zwist, Rechtsstreitigkeit, Druck, Unsicherheit, Drohung, Mobbing, Argwohn, Misstrauen, Selbsthass oder Hass anderer... Die Bandbreite der Ausdrucksformen ist ebenso wie die Zeitlichkeit von Konflikten beinahe unerschöpflich, ihr Allgemeinheitsgrad ebenso wie die (etwaigen) Regeln, die ihre Äußerungen kodifizieren. Konflikte können gewaltsam sein, latent, kodifiziert, frontal oder indirekt. Die Terminologien aus der sozialen Welt und aus den Sozialwissenschaften überschneiden sich, da der/die Beobachter/in selbst in den Widerstreit um die Bestimmung des Konfliktgegenstands wie seiner Natur verwickelt ist und niemals völlig neutral bleiben kann.
Die methodischen und epistemologischen Konsequenzen sind vielfältig. Zuerst einmal gilt es, die Instrumente, Ebenen und Konzepte zu erörtern, mit denen die Geistes- und Sozialwissenschaften Konflikte untersuchen. Dieser vergleichende Ansatz soll zugrunde liegende, selten explizit erörterte Theorien über die disziplinären Sichtweisen auf Individuum und Gesellschaft erfassen: Interessenkonflikt, Unvereinbarkeit der Dispositionen des Habitus oder der Ideen, ebenso wie eine Analyse, die auf psychische bzw. subjektive Faktoren abzielt. Je nachdem, ob wir sie auf individueller Ebene erfassen (Gewissenskonflikt, Dilemmata, Auswirkungen eines erlebten Konfliktes auf das Individuum ...), auf sozialer Ebene (soziale Spaltungen, symbolische Herrschaft ...), auf zwischenstaatlicher Ebene (Krieg, Staatsgeschäfte, Diplomatie ...) oder auch auf dem Gebiet der Wirtschaft (Konkurrenzkämpfe), begreifen wir Konflikte nicht auf dieselbe Weise.

1) Der innere Konflikt
Die erste Sektion behandelt die individuelle Ebene. Die Erfahrung von Gewalt und Konflikten erzeugt beim Individuum Formen der Anpassung, der Aneignung und der subjektiven Darstellung der Welt und ihrer Konflikthaftigkeit. Es geht darum zu untersuchen, wie die sozialen und gewaltsamen Konflikte von den Individuen erlebt und verarbeitet werden, oder umgekehrt, wie die biographischen Werdegänge Konflikt- und Gewaltbereitschaft erzeugen.

2) Konflikte im sozialen Nahbereich
Die sozialen Nahbeziehungen – familiäre oder selbstgewählte Bindungen – sind Gegenstand vielfältiger Untersuchungsansätze. Soziale Nahbeziehungen sind Orte der Reproduktion, Produktion und Äußerung von Herrschaftsformen. Diese Sektion soll Gelegenheit geben, zu untersuchen wie sich soziale oder wirtschaftliche Konflikte, Konflikte zwischen den Geschlechtern und Generationen im sozialen Nahbereich artikulieren und wie ihre Äußerung von den spezifischen Gegebenheiten eben dieses Raumes gesteuert wird (Formen von Affektivität, Konstruktion von Wahlverwandtschaften, Familiengeheimnisse, Tabus usw.).

3) Soziale Konflikte und Kontroversen
Die Deutung von Konflikten als Ausdruck sozialer Differenz scheint heute vernachlässigt. Doch Gesellschaften erzeugen nach wie vor soziale Ungleichheit und unterschiedliche Formen von Diskriminierung, deren Durchsetzungs- und Widerstandsformen unser Interesse verdienen. Durch die Institutionen der repräsentativen Demokratie, den Sozialstaat oder auch den Rechtsstaat kann der Staat als der bevorzugte Ort für Konfliktbildungen, Konfliktaustragung bzw. Konfliktregulierung angesehen werden. Darüber hinaus erlaubt es die Untersuchung von Kontroversen, dieser speziellen Form von Konfliktpraktiken, den Horizont der Fragestellung auf eine andere Analyseebene zu erweitern (Werbung, Mediencodes, Rhetorik, Sprache und Literatur).

4) Zwischenstaatliche Konflikte
Zwischenstaatliche Beziehungen können in ein Rivalitätsverhältnis münden, insbesondere dann, wenn Patriotismus in Nationalismus umschlägt. Sie befinden sich dann am Rande des Konfliktes, doch der Übergang von einem zum anderen ist schwierig zu verorten. Zwischenstaatliche und überstaatliche Gremien (WTO, UNO, EU, internationale Gerichtshöfe etc.) sind Orte der Konfliktbearbeitung. Weiter bilden sich neue Verkettungen von Logiken, Netzwerken und intrastaatlichen Austauschforen heraus (Mobilität von Personen, Ideen und Technologien, die Arbeit der NGO’s etc.), die sich als Untersuchungsgegenstand dieser vierten Sektion anbieten.

5) Beschreiben, Schreiben und Darstellen von Konflikten
Wie kann Konflikten und der Konflikthaftigkeit sozialer Prozesse in wissenschaftlichen Arbeiten adäquat Rechnung getragen werden? Ein Problem besteht in der schwierigen Wahl zwischen indigenen Begrifflichkeiten und wissenschaftlichen bzw. fachspezifischen Kategorien (z.B. Klassifizierungs- und Kategorisierungskämpfe, rechtliche und psychologische Herangehensweisen). Es stellt sich außerdem das Problem der Zeitlichkeit: Soll der „sichtbare“ Konflikt ins Zentrum gestellt werden? Wie und wie weit soll ein Konflikt historisiert und kontextualisiert werden? Wie lässt es sich vermeiden, einen Konflikt auf die Bipolarität der Protagonisten zu reduzieren, anstatt eine Konfliktsituation in ihrer Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit zu erfassen? Welche Instrumente stehen den Wissenschaftler/innen zur Verfügung, um den Konflikt zu objektivieren (Statistiken, Bilder, Karten, Graphiken etc.)?

Ablauf
Die fünf vorgestellten Themengebiete werden in jeweils halbtägigen Sektionen, bestehend aus dem Vortrag eines „Seniorforschers“ und der anschließenden Präsentation und Diskussion der Thesenpapiere von drei Nachwuchsforscher/innen, bearbeitet.
Der Vortrag der „Seniorforscher/innen“ soll in die Thematik einführen, entweder indem er eine Fallstudie vorstellt und einordnet, oder indem er den theoretischen Rahmen der Fragestellung absteckt und ihn mit der weiteren Thematik des Seminars in Beziehung setzt.
Die thematische Analyse wird durch die Kommentare der drei Nachwuchsforscher/innen vertieft, die ihre Thesenpapiere schon im Juli dem Plenum (Nachwuchs- und Seniorforscher/innen) zugänglich gemacht haben. Die Kommentare werden von denjenigen Nachwuchsforscher/innen vorgetragen, die kein Papier vorgelegt haben, in einigen Fällen auch von Autor/innen von Thesenpapieren.
Alle Vorträge werden im Plenum diskutiert. Eine Gruppe von zwei oder drei Nachwuchsforscher/innen hat jeweils die Aufgabe, die Ergebnisse der Sektion zusammenzufassen und sie am Samstagmorgen in der Abschlusssitzung vorzustellen.

Weitere Angaben und Bewerbungsmodalitäten
Ablauf: Das Seminar findet von Dienstag nachmittags (7.9.2010) bis Samstag nachmittags (11.9.2010) statt. Jede halbtägige Sitzung beginnt mit dem Vortrag einer/s Spezialistin/en. Darauf folgen jeweils die Vorstellung und Diskussion der Beiträge der Teilnehmer/innen.
Teilnehmerkreis: Das Seminar bietet 25 Nachwuchswissenschaftler/innen (Doktorand/innen oder Postdocs) die Möglichkeit zur Teilnahme, unabhängig von ihrer Nationalität und davon, ob sie in einer vergleichenden Perspektive arbeiten oder nicht bzw. ob ihr Projekt Deutschland oder Frankreich zum Thema hat. Die Arbeitssprachen des Seminars sind Deutsch und Französisch. Jede/r Teilnehmer/in kann sich in der Sprache ihrer/seiner Wahl ausdrücken. Erwartet werden jedoch zumindest ausreichende passive Kenntnisse der jeweils anderen Sprache.
Tagungsort: Le Moulin d’Andé, Departement Eure (nächster Bahnhof: Val-de-Reuil, der Transport vom Bahnhof zum Moulin d’Andé wird durch Sammeltaxis sichergestellt)

Bewerbung: Alle Bewerber/innen werden gebeten, ein entsprechendes Online-Formular auf den Internetseiten des CIERA auszufüllen. Die Auswahl der Teilnehmer/innen erfolgt auf der Grundlage der Bewerbungsunterlagen. Dazu gehören: ein wissenschaftlicher Lebenslauf, eine Skizze der laufenden Forschungsarbeiten und ein auf die Thematik des Seminars abgestimmter Textvorschlag, aus dem der Beitrag während des Seminars hervorgehen muss. Bewerber/innen, die nur als Hörer/innen und Kommentator/innen teilnehmen wollen, werden gebeten, einen Lebenslauf und eine Skizze ihrer laufenden Forschungsarbeiten einzusenden.

Einsendeschluss für alle Bewerbungen: 10. Mai 2010
Teilnahmekosten: 50 € (Einschreibegebühren und Beitrag zu den Verpflegungskosten). Die Reisekosten (Bahn 2. Klasse oder Flugzeug zum günstigsten Tarif) und die sonstigen Aufenthaltskosten werden vollständig von den Organisatoren getragen.
Mehr Infos: www.ciera.fr ; „Formations/séminaire jeunes chercheurs“

Programm

Kontakt

Virginie Ransinan

CIERA – 28, rue Serpente – F-75006 Paris

ransinan@ciera.fr


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Sprach(en) der Veranstaltung
Französisch, Deutsch
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