Monarchische oder kollegiale Kirchenleitung? Zeremoniell - Repräsentation - Verfahren

Monarchische oder kollegiale Kirchenleitung? Zeremoniell - Repräsentation - Verfahren

Veranstalter
SFB 496 "Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme" Teilprojekt B6 "Das päpstliche Zeremoniell in der Frühen Neuzeit"
Veranstaltungsort
Johannisstraße 1-4; Raum J 119
Ort
Münster
Land
Deutschland
Vom - Bis
23.06.2010 - 25.06.2010
Deadline
20.06.2010
Von
Bernward Schmidt

Zeremonielles Handeln als eine symbolische Kommunikationsform darf nicht nur als Ausdruck bestehender sozialer Realitäten gesehen werden. Daneben erfüllt es in „kreativer“ Weise verschiedene Funktionen: Es strukturiert die Wahrnehmung der sozialen Welt, motiviert und orientiert das Handeln und vergegenwärtigt kollektive Werte; schließlich normiert und strukturiert es ebenso verschiedene Formen von Verfahren (Wahlen, Abstimmungen, Gerichtsverfahren). Der durch das Zeremoniell geregelte Einsatz symbolischer Handlungen bedarf dabei stets der gründlichen Reflexion; zugleich ist die Deutungshoheit über das Symbolische untrennbar verknüpft mit sozialer und politischer Macht.
Vor diesem Hintergrund möchten wir versuchen, mit unserer Tagung verschiedene Aspekte und Funktionen des päpstlichen Zeremoniells zu beleuchten. Dabei ist zu berücksichtigen, daß das frühneuzeitliche Papsttum noch keineswegs so ausgeprägt monarchisch oder gar „absolutistisch“ war, wie es aus heutiger Perspektive scheinen mag. Daß es im Gegenteil auf vielfältige Weise in Interaktionen und Konflikten stand, die gerade auf der symbolischen Ebene manifest wurden, ermöglicht uns nicht zuletzt einen neuen Blick auf das Verständnis vom Papsttum in dieser Epoche.

1. Sektion: Konzepte kirchlicher Leitung und Repräsentation
Die erste Sektion soll auf unterschiedliche Weisen Zugänge zum Tagungsthema und damit zu den fundamentalen Zusammenhängen zwischen der Ekklesiologie (als theologischem Traktat) bzw. Ekklesiologien (als deren Interpretationen) und deren symbolischem Ausdruck im kirchlichen / päpstlichen Zeremoniell verdeutlichen. Es soll zudem deutlich werden, worin der Gewinn der Erforschung dieses Zusammenhanges liegt.

2. Sektion: Konziliare Praxis zwischen Papalismus und Kollegialität
Das Verhältnis von Papsttum und Konzilien war in der Frühen Neuzeit nicht mehr so spannungsgeladen wie im 15. Jahrhundert, da die fundamentalen theologischen Weichenstellungen erfolgt waren. Dennoch sind Konzilien im 16. Jahrhundert weit mehr als nur Demonstrationsformen päpstlicher Macht. Ein neuer Frageansatz ausgehend vom Modell einer „Kirchengeschichte als Symbolgeschichte“ soll Konzilien weniger ergebnis- als verlaufs- und verfahrensorientiert untersuchen: Welche Rolle spielten zeremoniell normierte Verfahrensformen für das Konzil? Wie wurden durch die einem Konzil immanente Symbolik ekklesiologische Modelle demonstriert, Legitimität seiner Beschlüsse hergestellt, letztlich Kirche konstituiert?

3. Sektion: Primus supra pares? Senat der Kirche und Papstprimat
Den zweiten Träger kollegialer Kirchenleitung, der sich im Verlauf des Mittelalters etablierte, stellt das Kardinalskollegium dar. Im Zuge der Neuordnungen der Kurie seit dem frühen 15. Jahrhundert wie auch durch die tiefgreifenden Reformen Sixtus‘ V. stellte sich verstärkt die Frage nach seinem Wesen und seinen Funktionen. Damit verbunden müssen Form und Funktionen der wesentlichen kardinalizischen Ausdrucksmedien untersucht werden: die Theorie des Kardinalats in Traktaten, Repräsentation von Kardinälen (z.B. in römischen Titelkirchen) sowie das Konsistorium als Zusammenkunft des Kardinalskollegiums mit dem Papst.

4. Sektion: Affirmation päpstlicher Suprematie im Medium des Zeremoniells
Das Zeremoniell war in der Frühen Neuzeit das maßgebliche Medium, in dem die Ansprüche des Papsttums ihren Ausdruck fanden. Trotz seiner grundlegenden Kodifizierung im Jahre 1488 durchlief das römische Zeremonienwesen in der Frühen Neuzeit eine Reihe von strukturellen Veränderungen und Reformversuchen, die bislang nicht systematisch untersucht sind. Diese Veränderungen sowie die zahlreichen Konflikte und Kontroversen, die sich um die zeremonielle Praxis und das Repräsentationsverständnis des römischen Hofs aufbauten, sollen in Sektion 4 in den Blick genommen werden.

Programm

Mittwoch, 23. Juni 2010

Sektion I: Konzepte kirchlicher Leitung und Repräsentation
Moderation: Prof. Dr. Hubert Wolf

9.30 Prof. Dr. Hubert Wolf: Begrüßung und Einführung

10.00 Prof. Dr. Günther Wassilowsky: "Wo die Messe fellet, so ligt das Bapsttum" (M. Luther). Zum Verhältnis von eucharistischer und päpstlicher Repräsentation

11.30 Prof. Dr. Ulrich Horst: Papalismus und Konziliarismus im Widerstreit von Juan de Torquemada bis Francisco de Vitoria

Sektion II (1): Konziliare Praxis zwischen Papalismus und Kollegialität
Moderation: Prof. Dr. Markus Völkel

15.00 Prof. Dr. Thomas Prügl: Geschäftsordnung und Theologie: Synodale Verfahrensweisen als Ausdruck ekklesiologischer Positionierung auf dem Basler Konzil

16.00 Prof. Dr. Nelson H. Minnich: The Fifth Lateran Council (1512-1517) as a Theatre for Demonstrating Papal Power?

17.30 Dr. Bernward Schmidt: Repräsentanten des Papstes - Repräsentation der Gesamtkirche. Die Trienter Konzilslegaten als Moderatoren einer "Ekklesiologie in actu"

Donnerstag, 24. Juni 2010
Sektion II (2): Konziliare Praxis zwischen Papalismus und Kollegialität
Moderation: PD Dr. Klaus Unterburger

9.00 Prof. Dr. Maria T. Fattori: Monarchical Papacy and Debate on Church Government in the 18th century: Liturgy and Ecclesiology in the Context of the 1725 Roman Provincial Council

10.00 Prof. Dr. Klaus Schatz: Verfahrensformen und Symbolpraxis des 1. Vatikanischen Konzils

11.30 Prof. Dr. Massimo Faggioli: Forms of Procedure and Symbolism in the Second Vatican Council

Sektion III: Primus supra pares? Senat der Kirche und Papstprimat
Moderation: Prof. Dr. Birgit Emich

14.00 Dr. Carol M. Richardson: Papal Tombs in St. Peter's in the 15th century: the Role of Paul II (1464-1471)

15.00 Prof. Dr. Elisabeth Stein: Lebensstil und Führungskultur: Paolo Corteses Traktat "De cardinalatu" zwischen Fürstenspiegel und (humanistischer) Enzyklopädie

16.30 Gabriel-David Krebes: Capita reformationis cardinalium. Das Konsistorium nach einem Reformentwurf im Vorfeld der Sixtinischen Kurienreform von 1588

17.30 Prof. Dr. Christoph Weber: Gute und schlechte Kardinäle. Die öffentliche Wahrnehmung unterschiedlicher Lebensformen einer sichtbaren Machtelite

Freitag, 25. Juni 2010
Sektion IV: Affirmation päpstlicher Suprematie im Medium des Zeremoniells
Moderation: Prof. Dr. Peter Burschel

8.30 Dr. Jörg Bölling: Das Papstzeremoniell der Hochrenaissance. Normierungen - Modifikationen - Revisionen

9.30 Dr. Marco Cavarzere: Die protestantische Zeremonialkritik

11.00 Dr. Julia Zunckel: Neuausrichtung der symbolischen Ressourcen. Zeremonialkongregation und Reformdiskurs im 16. Jahrhundert

Schlußdiskussion
Moderation: Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger
Kommentare: Prof. Dr. Birgit Emich und Prof. Dr. Markus Völkel

Kontakt

Bernward Schmidt

SFB 496, Salzstraße 41, 48143 Münster

0251/83-27925

bernward.schmidt@uni-muenster.de

http://www.uni-muenster.de/SFB496/projekte/b6.html
Redaktion
Veröffentlicht am
07.06.2010
Klassifikation
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Land Veranstaltung
Sprach(en) der Veranstaltung
Deutsch
Sprache der Ankündigung